Unterschiedliche universitäre Disziplinen haben im vergangenen Jahrhundert damit begonnen, ihren wissenschaftlichen Forschungsfokus auf kriminalitätsbezogene Bedrohungswahrnehmungen zu richten und welche Bedeutung kriminalpolitischer Aufgabenstellung dabei zukommt. In der Soziologie taucht vor diesem Hintergrund immer wieder der englische Begriff "Incivilities" auf, der in seiner Übersetzung als Verletzungen von gemeinschaftlichen Standards verstanden wird, die eine Erosion anerkannter Werte und sozialer Normen signalisieren.
Diese Abweichung zeigt sich im städtischen Bild beispielsweise in Form von Graffitis, Unrat, Obdachlosigkeit, Vandalismus, aber auch Jugendbanden. Die Entstehung solcher Umstände kann mithilfe unterschiedlicher Erklärungsansätze beleuchtet werden. Auch wenn diese sich unterscheiden mögen, vereint sie dennoch dieselbe Wirkbeschreibung. Das Incivility Phänomen kann zu einem Anstieg von personaler Kriminalitätsfurcht am Individuum führen, bei gleichzeitig einsetzendem Vertrauensverlust in staatliche Gegenmaßnahmen.
Der vorliegende Bericht bezieht sich auf ein Lehrforschungsprojekt, welches im Jahr 2022 durchgeführt wurde und an eine Mixed-Method Studie der Universität Koblenz-Landau angelehnt ist. In dieser groß angelegten Studie werden mithilfe qualitativer und quantitativer Datenerhebung Koblenzer Bürger:innen zu ihren Kriminalitätseinstellungen, Vertrauen in staatliche Instanzen und Radikalisierungstendenzen auf Zusammenhänge und Kausalitäten untersucht. Das Ziel ist es also, Einstellungsmuster der Teilnehmenden zu eruieren, die Aufschluss darüber geben, wodurch subjektives Bedrohungsempfinden in Koblenz und Umgebung ausgelöst wird und ob Radikalisierungstendenzen multiperspektivisch damit im Zusammenhang stehen.
Zunächst werden die wichtigsten kriminalsoziologischen Begriffe theoretisch umfassend dargestellt, worüber sich die Forschungsfrage für das Projekt ableiten und begründen ließ. Der Gliederungspunkt Methodik umfasst sowohl die theoretische Einordnung des verwendeten Erhebungsinstrumentes sowie die Ablaufbeschreibung des Befragungsprozesses. Ein weiterer Hauptteil sieht die Ergebnisdarstellung der analysierten Interviews vor, woran anknüpfend diese diskutiert, eingeordnet und schließlich mit einem Fazit noch einmal zusammengefasst werden.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung
- 2. Definitionsansätze
- 2.1 Kriminalität, Kriminalitätsfurcht und Kriminalitätseinstellungen
- 2.2 Vertrauen in staatliche Instanzen
- 2.3 Abgeleitete Forschungsfrage
- 3. Methodik
- 3.1 Das offene Leitfadeninterview
- 3.2 Fallauswahl
- 3.3 Forschungsethik
- 3.4 Leitfaden für die Datenerhebung
- 3.5 Ablaufbeschreibung der Interviews
- 3.6 Auswertungsmethode
- 3.7 Vorgehen bei der Auswertung
- 3.8 Erstellung des Kategoriensystems
- 4. Ergebnisteil
- 4.1 Konkrete Fallauswahlbeschreibung
- 4.2 Vergleichende Darstellung
- 4.3 Darstellung zentraler Ergebnisse
- 5. Diskussion
- 6. Fazit
- Literatur
- Tabellenverzeichnis
- Anhang
Zielsetzung & Themen
Dieser Lehrforschungsbericht widmet sich der Untersuchung, wie Student*innen in Koblenz Kriminalität im Stadtgebiet erleben und welche subjektiv empfundenen Ursachen sie für Stadtkriminalität identifizieren, unter Berücksichtigung persönlicher und institutioneller Schutzmaßnahmen. Die Arbeit zielt darauf ab, Einstellungsmuster zum Bedrohungsempfinden zu ergründen und diese Erkenntnisse für kommunale Präventionsmaßnahmen nutzbar zu machen.
- Subjektives Kriminalitätserleben und Kriminalitätsfurcht von Studierenden in Koblenz.
- Wahrnehmung von "Incivilities" (Verletzungen gemeinschaftlicher Standards) im städtischen Raum und deren Einfluss auf das Unsicherheitsempfinden.
- Identifikation subjektiv empfundener Ursachen für Stadtkriminalität, einschließlich sozialer und wirtschaftlicher Faktoren.
- Evaluation und Vorschläge für persönliche sowie staatliche/kommunale Schutzmaßnahmen und Präventionsstrategien.
- Das Vertrauen in staatliche Instanzen und dessen Zusammenhang mit Kriminalitätseinstellungen.
- Die Rolle der Medienrezeption und sozialer Kontakte bei der Kriminalitätswahrnehmung.
Auszug aus dem Buch
3.1 Das offene Leitfadeninterview
Im Rahmen qualitativer Sozialforschung werden teilstandardisierte und offene Interviews hinsichtlich der Exploration von latenten Sinnzusammenhängen häufig als Erhebungsinstrumente verwendet. Oftmals dienen diese als Ausgangspunkt für die Entwicklung von standardisierten Erhebungsverfahren für die quantitative Sozialforschung. Interviews zur Datengenerierung werden vielfältig bei Forschungsprojekten eingesetzt, in denen soziale Phänomene und subjektive Wahrnehmungen unterschiedlicher Personengruppen ergründet werden sollen. Aus diesem Grund sind qualitative Interviews an die verstehende Soziologie angelehnt, da Deutung, Interpretation und Motivexploration eng miteinander verwoben sind. In den Sozialwissenschaften kommen unterschiedliche Formen der Interviewführung zur Anwendung. Je nach Forschungsfrage und -vorhaben variieren diese zwischen dem Grad an Offenheit und Direktion. Für die eigene Forschung ist deshalb im Vorfeld zu überlegen, ob man sich an vorher festgelegten Fragestellungen orientiert oder man dem narrativen Anteil im Interview größere Bedeutung zumisst (Hopf, 2015a).
Nach Przyborski und Wohlrab- Sahr (2009) handelt es sich bei dem Leitfadeninterview um ein teilstandardisiertes qualitatives Erhebungsinstrument, welches vornehmlich dann zum Einsatz kommt, wenn die Forschungsfrage klar bzw. widerspruchsfrei umgrenzt ist, um darüber Argumentation und Beschreibung in den Fokus zu rücken. Das Leitfadeninterview ist dabei nicht an einen bestimmten Personenkreis wie z.B. Experten gebunden, da prinzipiell der Interviewee über keinerlei Voraussetzungen oder Kompetenzen für die Teilnahme verfügen muss. Die Auswahl der zu erforschenden Personen und Gruppen orientiert sich lediglich am Prinzip der theoretischen Sättigung. Leitfadeninterviews gelten als stark vorstrukturiert und bergen das Risiko, dass Interviewees oftmals lediglich kurz und knapp auf gestellte Fragen antworten, ähnlich wie bei quantitativen Fragebogenstudien. Aus diesem Grund muss im Rahmen der Gesprächsführung die Sicht des Interviewees als Startpunkt für den weiteren Interviewverlauf gesetzt werden, wodurch das Gespräch vom Allgemeinen zum Spezifischen entrückt wird. Konkret gilt es also zu Beginn eines Interviews eine Eingangsfrage den Interviewees zu stellen, die bewusst auf den zu untersuchenden Sachverhalt abzielt und ihre subjektive Sicht mit einbezieht. Dies wird auch als „Kriterium der Offenheit“ (S. 140) bezeichnet und verhindert bestenfalls ein starres Abarbeiten eines vorher festgelegten Leitfadens.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in das Forschungsfeld kriminalitätsbezogener Bedrohungswahrnehmungen ein und stellt das Lehrforschungsprojekt vor, das die subjektiven Kriminalitätseinstellungen von Studierenden in Koblenz untersucht.
2. Definitionsansätze: Hier werden grundlegende Begriffe der Kriminalsoziologie wie Kriminalität, Kriminalitätsfurcht und Vertrauen in staatliche Instanzen definiert, um die theoretische Basis der Arbeit zu legen.
3. Methodik: Dieses Kapitel beschreibt das qualitative Forschungsdesign, die Auswahl von vier Studierenden als Fallbeispiele, das verwendete offene Leitfadeninterview sowie die Qualitative Inhaltsanalyse als Methode zur Datenauswertung.
4. Ergebnisteil: Der Ergebnisteil präsentiert die verdichteten Resultate der Interviews, strukturiert in Ober- und Unterkategorien zu persönlichen Kriminalitätserfahrungen, der aktuellen Kriminalitätswahrnehmung und den subjektiv empfundenen Kriminalitätsursachen sowie Schutzmaßnahmen.
5. Diskussion: Die Diskussion interpretiert die erhobenen Interviewdaten im Kontext relevanter soziologischer Theorien und analysiert die individuellen Kriminalitätseinstellungen und das Phänomen der "Incivilities".
6. Fazit: Das Fazit fasst die Kernergebnisse der Untersuchung zusammen, die zeigen, dass Koblenzer Studierende sich in ihrer Stadt sicher fühlen, Kriminalitätsfurcht primär durch die Wahrnehmung von Incivility-Phänomenen entsteht und persönliche Schutzmaßnahmen trotz geringer Risikoeinschätzung ergriffen werden.
Schlüsselwörter
Kriminalität, Kriminalitätsfurcht, Subjektive Wahrnehmung, Studierende, Koblenz, Stadtkriminalität, Schutzmaßnahmen, Qualitative Sozialforschung, Leitfadeninterview, Incivilities, Vertrauen, Prävention, Opferwerdung, Sozialisation, Soziale Lage
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Student*innen in Koblenz Kriminalität im Stadtgebiet wahrnehmen und welche subjektiv empfundenen Ursachen der Stadtkriminalität zugrunde liegen, unter Berücksichtigung persönlicher und institutioneller Schutzmaßnahmen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind persönliche Kriminalitätserfahrungen, die aktuelle Kriminalitätswahrnehmung in Koblenz, subjektiv empfundene Kriminalitätsursachen und die Bewertung von Schutz- und Präventionsmaßnahmen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, Einstellungsmuster der Teilnehmenden zu eruieren, die Aufschluss darüber geben, wodurch subjektives Bedrohungsempfinden in Koblenz ausgelöst wird, und daraus Präventionsmaßnahmen abzuleiten. Die Forschungsfrage lautet: "Wie erleben Koblenzer Student*innen Kriminalität im Stadtgebiet Koblenz und welchen subjektiv empfundenen Ursachen liegt Stadtkriminalität zugrunde unter der Berücksichtigung persönlicher und institutioneller Schutzmaßnahmen?"
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine qualitative Forschungsmethode angewendet, insbesondere das offene Leitfadeninterview zur Datenerhebung und die Qualitative Inhaltsanalyse zur Auswertung der gesammelten Daten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil der Arbeit befasst sich mit den Definitionsansätzen wichtiger kriminalsoziologischer Begriffe, der detaillierten Methodik der Untersuchung, der deskriptiven Darstellung der Interviewergebnisse in Kategorien sowie einer Diskussion und Interpretation dieser Ergebnisse im theoretischen Kontext.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Kriminalität, Kriminalitätsfurcht, Subjektive Wahrnehmung, Studierende, Koblenz, Schutzmaßnahmen und Qualitative Sozialforschung.
Wie unterscheidet sich die Kriminalitätswahrnehmung von Studierenden, die in Koblenz aufgewachsen sind, im Vergleich zu Zugezogenen?
Die Untersuchung stellte fest, dass die Einschätzung des Kriminalitätserlebens in Koblenz von der Herkunft der Studierenden beeinflusst wird; Zugezogene empfinden ihre Heimatorte oft als sicherer im Vergleich zu Koblenz.
Welche Rolle spielen "Incivilities" bei der Entstehung von Kriminalitätsfurcht laut den Ergebnissen?
Das Phänomen der "Incivilities" (z.B. Graffitis, Unrat, Obdachlosigkeit) scheint eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Kriminalitätsfurcht zu spielen, indem die Sichtbarkeit dieser Abweichungen im Stadtbild zu diffusem Unsicherheitsempfinden führt.
Wie beurteilen die befragten Studierenden die Wirksamkeit staatlicher Schutzmaßnahmen in Koblenz?
Die Studierenden beurteilen staatliche Schutzmaßnahmen ambivalent: Während Polizeipräsenz als sichtbar und prinzipiell wirksam angesehen wird, löst vermehrte Präsenz mitunter auch Unwohlsein aus, und über weitere Maßnahmen wie Videoüberwachung oder Beleuchtung herrscht keine einheitliche Meinung vor.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen persönlichen Kriminalitätserfahrungen und dem Vertrauen in staatliche Instanzen?
Die Arbeit deutet darauf hin, dass Kriminalitätserfahrungen – ob direkt oder indirekt – einen Einfluss auf die Einschätzung der Studierenden bezüglich Kriminalität und dem Vertrauen in staatliche Maßnahmen haben, insbesondere wenn Kriminalitätsbekämpfung als ineffektiv wahrgenommen wird.
- Citation du texte
- Markus Blaumeiser (Auteur), 2023, Stadtkriminalität in Koblenz. Ursachen und Schutzmaßnahmen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1438817