Im Fokus dieser Forschungsarbeit steht die Analyse der Auswirkungen der Covid-19-Pandemie auf die Mehrsprachigkeit von Flüchtlingskindern in Deutschland. Während bisherige Forschung hauptsächlich die Auswirkungen der Pandemie auf die Mehrheit untersucht hat, wurden die spezifischen Situationen und Herausforderungen von Minderheiten bisher vernachlässigt. Die Grundhypothese dieser Arbeit lautet, dass die durch die Pandemie eingeleiteten Maßnahmen, darunter der "Lockdown", einen erheblichen Einfluss auf die sprachliche Umgebung, den Spracherwerb und den Sprachgebrauch von Menschen ausüben. Besonderes Augenmerk gilt dabei mehrsprachigen Menschen, die in unterschiedlichen Kontexten verschiedene Sprachen nutzen.
Die Forschungsfragen dieser Untersuchung beleuchten vielfältige Aspekte, darunter den Mehrsprachigkeitsgrad von Flüchtlingskindern, deren individuelle Spracherwerbsprozesse, den Zeitpunkt und die Umstände des Spracherwerbs sowie die Veränderungen durch die Corona-Pandemie. Zusätzlich wird die Wahrnehmung der sprachlichen Umgebung der Flüchtlingskinder, deren Unterstützung bei der Sprachpflege und -verbesserung trotz der pandemiebedingten Einschränkungen sowie aktuelle Probleme und Bedürfnisse dieser Gruppe näher beleuchtet.
Die vorliegende Arbeit gliedert sich in verschiedene Kapitel, beginnend mit einer Vertiefung des theoretischen Hintergrunds (Kapitel 2), gefolgt von der detaillierten Darstellung der angewandten Methode (Kapitel 3). Die Pretests und ihre Ergebnisse werden in den Kapiteln 4 und 5 präsentiert, während Kapitel 6 auf etwaige Anpassungen des Fragebogens eingeht. Kapitel 7 widmet sich einer kritischen Reflexion der angewandten Methodik, und abschließend werden die Erkenntnisse in einem Fazit in Kapitel 8 zusammengefasst.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretischer Hintergrund
2.1.Mehrsprachigkeit und Sprachverwendung
2.2.Stellung einer Sprachminderheit in einer mehrsprachigen Umgebung
2.3.Zugang zur eigenen Sprache
2.4.Auswirkungen der Schulschließungen
3. Methode und Informanten
4. Erläuterung der Pretests
5. Ergebnisse der Pretests und deren Implikation auf den Fragebogen
6. Sonstige Anpassungen
7. Methodenkritik
8. Fazit
10. Anhang
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, einen wissenschaftlich fundierten Fragebogen für die qualitative Erforschung der Mehrsprachigkeit bei Flüchtlingskindern vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie zu entwickeln. Dabei steht die Untersuchung der sprachlichen Alltagsrealität und die Auswirkungen pandemiebedingter Maßnahmen auf das Sprachverhalten im Zentrum.
- Mehrsprachigkeit und individuelle Sprachverwendung bei Kindern mit Fluchthintergrund
- Herausforderungen durch pandemiebedingte Schulschließungen und den Fernunterricht
- Methodische Gestaltung von Befragungsinstrumenten für Schüler aus Flüchtlingsfamilien
- Testverfahren zur Validierung von Fragebögen (Pretests) bei zweisprachiger Zielgruppe
- Soziale Aspekte der Sprachpflege und schulische Integration während der Corona-Pandemie
Auszug aus dem Buch
2.1. Mehrsprachigkeit und Sprachverwendung
Mehrsprachigkeit beschreibt das Vorhandensein mehrerer Sprachen in der Gesellschaft oder auch die Fähigkeit eines Individuums mehr als eine Sprache zu sprechen. Eine einzige, holotische Definition von Mehrsprachigkeit, die universell angewendet wird, gibt es bisher nicht. Stattdessen betrachten die Experten-Definitionen unterschiedliche Felder von Mehrsprachigkeit, die nach Coulmas (2018, 31- 41) in capacity, practice, attitude and ideology und object of theorizing eingeteilt werden können. Auch Stevenson (2011, 13) stellt fest: „Doch in den öffentlichen Diskursen über Sprache und Integration bleibt noch unklar, wie die Grundbegriffe Mehrsprachigkeit, Migration, (Staats-) Bürgerschaft und Integration zu verstehen sind.“
Aufgrund der Verschiedenheit der Definitionen Mehrsprachigkeit möchte ich mich als Grundlage für diese Untersuchung auf eine Definition von Tracy (2011, 17) festlegen, auf die ich mich im Folgenden stützen werde: „Als mehrsprachig [...] darf gelten, wer regelmäßig mehr als eine Sprache verwendet (Grosjean 2008, S. 10) und in der Lage ist, in allen seinen Sprachen Alltagsgespräche zu führen („at least casual conversations on everyday topics in a second language“; Myers Scotton 2006, S. 65)“
Die Termini bilingual und mehrsprachig werden von mir ebenso gleichbedeutend gebraucht (vgl. ebd.).
Bei mehrsprachigen Personen existiert oftmals kein Gleichgewicht zwischen den Sprachen, sondern Diglossie. Die Sprachverwendung hängt von der Situation, von der Person mit der gesprochen wird und von unterschiedlichen kommunikativen Funktionen ab. So wird Sprache A eventuell vorwiegend in der Schule, bei staatlichen Verwaltungsaufgaben oder am Arbeitsplatz gesprochen und eine Sprache B für die Kommunikation mit der Familie verwendet, oder möglicherweise nur für die Kommunikation mit einer bestimmten Person. Es existiert eine Art Arbeitsteilung in der Sprachverwendung (vgl. Coulmas 2018, Keim/Tracy 2006, Tracy 2014).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Relevanz der Mehrsprachigkeit im EU-Kontext und formuliert die Forschungsfrage zum Einfluss der Corona-Pandemie auf geflüchtete Kinder.
2. Theoretischer Hintergrund: Dieses Kapitel definiert zentrale Begriffe wie Mehrsprachigkeit und Diglossie und erörtert die Stellung von Sprachminderheiten sowie die Folgen von Schulschließungen.
3. Methode und Informanten: Hier wird der qualitative Forschungsansatz sowie das Auswahlverfahren und der Kontext der Rekrutierung der jungen Informanten dargelegt.
4. Erläuterung der Pretests: Das Kapitel erläutert die verschiedenen kognitiven Testverfahren wie Probing und Behavior Coding, die zur Optimierung des Fragebogens herangezogen wurden.
5. Ergebnisse der Pretests und deren Implikation auf den Fragebogen: Es wird analysiert, wie die Testergebnisse zur direkten Modifikation der Fragen und zur Verbesserung der Verständlichkeit im Fragebogen führten.
6. Sonstige Anpassungen: Dieser Abschnitt fasst zusätzliche kleinere Korrekturen und Reduzierungen der Fragekomplexität zusammen, um die Probandenbelastung zu minimieren.
7. Methodenkritik: Kritische Reflexion über die Stichprobengröße, potenzielle Verzerrungen, Genderthematiken und die Validität der verwendeten Skalen.
8. Fazit: Das Fazit bewertet die angewandten Methoden, bestätigt die Eignung des Face-to-Face PAPI-Formats und gibt einen Ausblick auf künftiges Design als Panelbefragung.
10. Anhang: Enthält den entwickelten Fragebogen sowie detaillierte Auswertungs-Tabellen zu den durchgeführten Pretests.
Schlüsselwörter
Mehrsprachigkeit, Flüchtlingskinder, Corona-Pandemie, Fragebogenentwicklung, Qualitative Forschung, Diglossie, Schulschließungen, Pretest, Behavior Coding, Sprachförderung, Integrationsforschung, Inklusion, Fernunterricht, Sprachwahrnehmung, Migrationshintergrund.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Es geht um die Entwicklung eines Fragebogens, mit dem untersucht werden kann, wie die Corona-Pandemie die Mehrsprachigkeit bei Flüchtlingskindern in Deutschland beeinflusst hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Untersuchung deckt die theoretischen Grundlagen der Mehrsprachigkeit und Sprachminderheiten, die Auswirkungen von Fernunterricht unter Pandemiebedingungen sowie die methodische Validierung von Befragungsinstrumenten ab.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Konzeption eines validen Fragebogens, um zu klären, inwiefern sich die sprachliche Umgebung und der Sprachgebrauch von geflüchteten Heranwachsenden während der Pandemie verändert haben.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Autorin wählte einen humanistischen, qualitativen Ansatz und führte eine Pilotstudie mittels Paper Assistent Personal Interview (PAPI) durch, kombiniert mit kognitiven Pretest-Verfahren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert theoretische Definitionen, beschreibt die Rekrutierung der Informanten und dokumentiert den gesamten Prozess der Fragebogen-Optimierung durch Pretests.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit fokussiert auf Mehrsprachigkeit, Flüchtlingskinder, pandemiebedingte Einflüsse (Corona), methodische Pretests und die Verbesserung von Erhebungsinstrumenten für eine spezifische Zielgruppe.
Warum wurde Bosnisch als eine der Zielsprachen gewählt?
Aufgrund der Heterogenität in der Gruppe der Migranten wurde die Auswahl bewusst auf eine spezifische Sprachgruppe (bosnische Flüchtlingskinder) begrenzt, um eine fokussierte Pilotierung zu ermöglichen.
Welche Rolle spielt die "subjektive Belastung" der Kinder?
Die Verringerung der sogenannten "subjektiven Kosten" stand im Vordergrund, um Ermüdung während der Befragung zu vermeiden und valide Antworten auch in der Zweitsprache zu erhalten.
Was ist das Hauptergebnis zur Befragungsmethode?
Das Face-to-Face-Interview mit einer Vertrauensperson wurde als beste Methode identifiziert, wobei komplexe Formulierungen für eine weiterführende Studie reduziert werden sollten.
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- Clara Bellstedt (Author), 2021, Mehrsprachigkeit und Corona. Die Auswirkungen von Corona auf die Mehrsprachigkeit von Flüchtlingskindern, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1438934