Spätbronzezeitliche Feuchtbodensiedlungen

Bauformen und Siedlungsstrukturen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
37 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsübersicht

Verzeichnis derAbbildungen

I Einleitung
1.1. Problemstellung und Themenabgrenzung
1.2. Forschungsgeschichte der Pfahlbaudiskussion und Quellenlage

II Hauptteil
2. Chronologie von Feuchtbodensiedlungen im zirkumalpinen Raum
3. Klimatische Veränderungen und Umweltbedingungen der Bronzezeit
4. Spätbronzezeitliche Feuchtbodensiedlungen im zirkumalpinen Raum
4.1. Fallbeispiel 1:Wasserburg Buchau (Federsee)
4.1.1 Siedlungsstruktur
4.1.2 Bauformen
4.1.3 Funde
4.1.4 Chronologische Einordnung
4.2. Fallbeispiel 2: Unteruhldingen- Stollenwiesen (Bodensee)
4.2.1 Siedlungsstruktur
4.2.2 Bauformen
4.2.3 Funde
4.2.4 Chronologische Einordnung
4.3. Fallbeispiel 3: Auvergnier- Nord (Neuneburger See)
4.3.1 Siedlungsstruktur
4.3.2 Bauformen
4.3.3 Funde
4.3.4 Chronologische Einordnung

III Resumé

IV Literaturverzeichnis

Verzeichnis der Abbildungen

Abb. 1: Verbreitung von Seeufersiedlungen im zirkumalpinen Raum

Abb. 2: Korrelation von C14- Gehalt der Erdatmosphäre, Seespiegelschwankungen der Juraseen und Siedlungsphasen an schweizerischen und französischen Seeufersiedlungen

Abb. 3: Siedlungen der Spätbronzezeit (schwarz markiert) am deutschen Bodenseeufer auf der Grundlage von Neufunden

Abb. 4: Gesamtplan der Wasserburg Buchau

Abb. 5: Rekonstruktionsversuch der Südwestseite der „Wasserburg Buchau“ mit Wehrgängen, Brücken und Wehrpodien

Abb. 6: Wasserburg Buchau- Umzeichnung der älteren Siedlungseinheit

Abb. 7: Wasserburg Buchau- Umzeichnung der jüngeren Siedlungseinheit

Abb. 8: Pfahlfeld der Siedlung Unteruhldingen- Stollenwiesen

Abb. 9: schematischer Gesamtplan der Palisadern und Siedlungsphasen Unter­uhldingen 1- 3

Abb. 10: Rekonstruktion der Haus- und Palisadenordnung zur Phase UU 1

Abb. 11 : Dendrochronologisch erfasste Hausgrundrisse der ersten Besiedlungsphase von Unteruhldingen

Abb. 12: Rekonstruktion der Haus- und Palisadenordnung zur Phase UU 2

Abb. 13: Rekonstruktion der Haus- und Palisadenordnung zur Phase UU 3

Abb. 14: Dendrochronologisch erfasste Hausgrundrisse der letzten Besiedlungsphase von Unteruhldingen

Abb. 15: Struktur der Siedlung Auvernier- Nord

Abb. 16: Querschnitt durch ein typisches Haus in Auvernier- Nord

I Einleitung

1.1. Problemstellung und Themenabgrenzung

2004 wurde das 150- jährige Bestehen der Pfahlbauforschungen im Alpenraum[1]mit einer Vielzahl Symposien, Sonderausstellungen und Jubiläumspublikationen gefeiert. Die Weiterentwicklung naturwissenschaftlicher Verfahren[2]und bessere Arbeitsmöglichkeiten vor allem in der Unterwasserarchäologie hatte in den letzten drei Dekaden zu einem Anstieg an Ausgrabungen in Feuchtgebieten nördlich und südlich der Alpen geführt.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich im Rahmen des Hauptseminars „Siedlungs- und Landschaftsarchäologie“ mit spätbronzezeitlichen Feuchtbodensiedlungen zwischen Federsee und Neuenburger See. Entsprechend der langen und sehr dynamischen Forschungsgeschichte soll, etwas ausführlicher als üblich, der wissenschaftliche Diskurs der vergangenen 150 Jahre erörtert, sowie die Entwicklung von Pfahlbauten aus der neolithischen Tradition heraus skizziert werden. Damit eng verbunden sind die klimatischen Verhältnisse und Veränderungen, vor allem im Hinblick auf den Hiatus von Feuchtbodensiedlungen in der Mittelbronzezeit, respektive dem Abbruch jener Siedlungen in der Mitte des 9. vorchristlichen Jahrhunderts sowie die Umweltbedingungen der Spätbronzezeit. Anhand dreier spätbronzezeitlicher Siedlungen am Federsee (Wasserburg Buchau), am Bodensee (Unteruhldingen- Stollenwiesen) und am Neuenburger See (Auvernier- Nord) sollen beispielhaft Siedlungsstrukturen und Bauformen auf allgemeingültige Charakteristika hin untersucht werden. Die Auswahl der Fallbeispiele erfolgte anhand unterschiedlicher Kriterien. In erster Linie sollte das große Spektrum der Siedlungsstrukturen und Bauformen dargestellt werden. Ausschlaggebend ist jedoch auch die unterschiedliche topographische Lage und die Differenzierung zwischen Moor- und Seeufersiedlung. Zudem erschienen die unterschiedlichen angewandten Arbeitsmethoden (Luftbildarchäologie, taucharchäologische Untersuchungen und „herk mmliche“ archäologische Ausgrabung), mit denen die drei Fallbeispiele untersucht wurden, eine spannende Darstellung zu versprechen.

1.2. Forschungsgeschichte der Pfahlbaudiskussion und Quellenlage

Nachfolgend wird der Forschungsdiskurs der Pfahlbauproblematik erörtert. Ein kurzer Abriss der Forschungsgeschichte der beispielhaften Fundorte wird in den entsprechenden Kapiteln dargestellt.

Im Winter 1853/54 kam es durch extreme Trockenheit zu Niedrigwasserständen an den Alpenseen, durch die umfangreiche Pfahlfelder zu Tage traten. Zwar waren bereits zuvor, vor allem in Buchten und Flachstellen des Bieler und Neuenburger Sees[3], Pfahlfelder und Funde aufgetaucht- eine Interpretation der Reste im See als Siedlungsplätze erfolgte jedoch erst in jenem Winter durch Ferdinand Keller. Der Vorsitzende der Antiquarischen Gesellschaft Zürich und Begründer der Pfahlbautheorie sah in den engen Anordnungen von Pfählen bei Obermeilen am Zürichsee „kategorisch und mit vollster Überzeugung“[4]die Reste von Siedlungen, die gleichzeitig auf einer gemeinsamen Plattform im offenen Wasser errichtet worden waren. Zur Untermauerung dieser These wurde auf rezente Pfahlbauten in Neu-Guinea und Neuseeland hingewiesen[5]. Wenngleich diese These nur auf Vermutungen basierte und von KELLER niemals durch eine ernsthafte Beweiskette unterbaut wurde[6], setzte sie sich in der Forschung durch. Von romantischen Vorstellungen der Lebensweise der Ahnen in der Vorzeit getragen, brach in Mitteleuropa ein regelrechtes „Pfahlbaufieber“[7]aus und führte dazu, dass sich vor allem interessierte Privatsammler als Ausgräber bzw. vielmehr Schatzsucher betätigten. Pfahlreste wurden auch in den oberbayrischen Seen und am Bodensee, in den oberitalienischen Seen und Feuchtgebieten, ab 1870 in den Salzkammergutseen und den ostfranzösischen Jurasseen, sowie ab 1875 im Laibacher Moor in Slowenien[8]entdeckt. Einen weiteren Auftrieb erhielt der Sammeleifer durch die Juragewässerkorrektion, die zwischen 1869 und 1873 den Wasserspiegel des Bieler See um bis zu zwei Meter absenkte. Eine planvolle Untersuchung der nun obertägig sichtbaren Stationen blieb jedoch aus. Vielmehr wurden wertvolle Befunde, vor allem aufgrund fehlender regulierender Stellen wie einem staatlichen Denkmalschutz, durch rücksichtsloses Durchwühlen zerstört. Erst 1873 wurde für die Seen des Kantons Bern eine behördliche Verordnung erlassen, die das unkontrollierte Ausgraben verbot. Ein ähnlicher Erlass folgte 1905 für das badische Bodenseeufer[9]. Nachdem sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts die erste Welle der Pfahlbaubegeisterung gelegt hatte, erfuhr in den 1920-er Jahren vor allem die Pfahlbaudiskussion mit der Frage, ob die Häuser ebenerdig oder pfahlgetragen errichtet gewesen waren, einen erneuten Auftrieb. Dies war überwiegend auf die Ausgrabungen von Siedlungen in Feuchtgebieten wie dem Federseemoor zurückzuführen. Bereits zwischen 1875 und 1879 hatte der Oberförster Frank aus Schussenried im südlichen Federseemoor Baureste, unter anderem zwei erhaltene Hüttenböden mit Zwischenwänden und Herdstellen[10], ausgemacht. Spätere Ausgrabungen, von REINERTH und SCHMIDT durchgeführt, der neolithischen Dörfern Aichbühl und Riedschachen im Federseemoor, lieferten den Beweis, „dass es sich um ebenerdige Anlagen gehandelt haben musste, die benutzt wurden, als das feuchte Moor ausgetrocknet oder [...] mindestens begehbar war“[11]. Weitere Ausgrabungen an der von Hans REINERTH als „Wasserburg Buchau“ bezeichneten spätbronzezeitlichen Siedlung im Federseemoor und an der spätneolithischen Station von Sipplingen am nördlichen Überlingersee führten zu einer erbittert und dogmatisch geführten Diskussion unter den Pfahlbauforschern. REINERTH hatte die Pfahlbautheorie modifiziert und vermutet, dass die Siedlungen eventuell etwas erhöht am Ufer beziehungsweise am sumpfigen Überschwemmungsbereich der Seen errichtet gewesen seien und jeweils nur bei Hochwasser vom See aus erreicht worden waren. Prinzipiell seien sie aber als Landsiedlungen anzusehen. Bereits zuvor hatten Forscher des Bielersees die Idee aufgebracht, dass es sich bei den Pfahlfeldern um ehemalige Landsiedlungen handeln könnte, die infolge eines ansteigenden Seespiegels überflutet wurden[12]. Seinerzeit konnte sich diese Theorie jedoch nicht durchsetzen.

Es stellte sich später vielmehr die Frage, ob es in hiesigen Breiten überhaupt Pfahlbauten gab, und ob ganze Dörfer oder nur einzelne Häuser auf Plattformen errichtet worden waren. Nach den Entdeckungen von Siedlungen im Federseemoor stellte sich zudem die Frage der Gleichzeitigkeit von ebenerdigen Moorsiedlungen, Uferpfahlbauten und Inselsiedlungen. Oscar PARET propagierte ab 1942 in Stuttgart die Pfahlbauten als „romantischen Irrtum“[13]. Auch Emil Vogt in Zürich hielt ab 1953 die Existenz der Pfahlbauten in Mitteleuropa für nicht bewiesen. Seiner Ansicht nach wären die Siedlungen ebenerdig am Ufer errichtet worden. Erst die moderne internationale Forschung seit 1970 konnte beweisen, dass es neben den ebenerdigen Ufersiedlungen tatsächlich auch Pfahlbausiedlungen gegeben hat, die am überschwemmungsgefährdeten Ufer lagen oder von Inseln aus in den See hinausterrassiert wurden. Die Theorie des plattformgetragenen Dorfes nach KELLER kann als wissenschaftlich widerlegt gelten[14]. Heute besteht unter den Ausgräbern Übereinkunft darüber, dass die wissenschaftliche Kontroverse von einer falschen Fragestellung ausging[15]und es „sowohl ebenerdig gebaute Ufer- und Moorsiedlungen als auch Pfahlbausiedlungen unterschiedlicher Konstruktionsweise gab“[16]. Daher ist bei jeder Fundstelle neu zu prüfen, auf welche Weise sich die Siedler auf die örtlichen Gegebenheiten einzustellen wussten.

Die Forschung der letzten zwei Dekaden thematisierte aufgrund der engen Zusammenarbeit wissenschaftlicher Disziplinen vor allem die Interaktionen zwischen Mensch, Klima, Umwelt und Wirtschaft. Zudem wurde versucht, Feuchtbodensiedlungen in eine weitere prähistorische Landschaft in soziale und ökonomische Systeme einzubetten[17].

Die Quellenlage gestaltet sich entsprechend der langen und kontrovers diskutierten Forschungsgeschichte vielfältig. Über die Entwicklung der Pfahlbauforschung geben vor allem Jubiläumsschriften ausführlich Auskunft, wie z.B. der von der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich 2004[18]herausgegebene Band mit dem programmatischen Titel „Pfahlbaufieber. Von Antiquaren, Pfahlbaufischern, Altertümerhändlern und Pfahlbaumythen“ oder der von MENOTTI aus Anlass des gleichen Jubil ums publizierte Band ,, Living on the Lake in Prehistoric Europe. 150 years of lake- dwelling research“. Einen ersten Überblick zur Forschungsgeschichte legte KIMMIG bereits 1981 zum 125. Geburtstag der Entdeckung von Pfahlbauten an Alpenrandseen im Archäologischen Korrespondenzblatt vor. Eine Sonderausgabe der Zeitschrift „Arch ologie in Deutschland“ griff die Pfahlbaubegeisterung des 19. Jahrhunderts auf und stellte 1997 für den interessierten Laien mit dem reich bebilderten Band „Pfahlbauten rund um die Alpen“ den damaligen Stand der Pfahlbauforschung im zirkumalpinen Raum dar. Eine gute Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstandes gibt der Kongressband „WES ’04 Wetland Economies and Societies“, der die wichtigsten Themen der Feuchtbodenarchäologie wie Klima, Paläoökonomie und Paläoökologie, Siedlungen und Territorien etc. auf dem Stand von 2004 wiedergibt. Die Ergebnisse der einzelnen Grabungen sind in unterschiedlicher Qualität und Quantität veröffentlicht.

Eine ausführliche Aufarbeitung der Ausgrabungen der „Wasserburg Buchau“ wurden erst 1992 von KIMMIG publiziert, nachdem der Ausgräber REINERTH sein Versprechen, eine Publikation „eines der bedeutendsten Grabungsunternehmen der Vorkriegszeit“[19]vor seinem Tod 1990 nie eingelöst hatte. Über den Stand der Ausgrabungen zwischen 1921 und 1928 geben lediglich Artikel in der Tagespresse und zwei populäre Schriften[20]des Ausgräbers Auskunft. Die Ergebnisse der Nachgrabungen von 1998 sind überblicksmäßig in der Zeitschrift „Archäologische Ausgrabungen in Baden Württemberg“ dargestellt.

Die Ergebnisse der taucharchäologischen Untersuchungen der Siedlung von Unteruhldingen zwischen 1982 und 1989 ist gemeinsam mit den Untersuchungen in Hagnau monographisch in der Reihe „Siedlungsarch ologie im Alpenvorland“ des Landesdenkmalamtes Baden­Württemberg publiziert. SCHÖBEL veröffentlichte Band IV der genannten Reihe 1996 mit

Beiträgen von BILLAMBOZ, OSTENDORF und RÖSCH zu einer umfassenden Darstellung der Spätbronzezeit am nordwestlichen Bodensee. Vorergebnisse der Grabungen wurden auch hier in der Zeitschrift „Archäologische Ausgrabungen in Baden Württemberg“ vorgestellt.

Die unlängst umfangreicheren Grabungen der Schweiz sind entsprechend dokumentiert. Die Grabungen und Luftbilduntersuchen am Neuenburger See, vor allem der Siedlungen Cortaillod- Est“ und „Hauterive- Champréveyres“, sind ausführlich, sofern man des Französischen mächtig ist, in der bislang 10- bändigen Reihe „Archéologie neuch teloise“ dargestellt. Besonders aussagekräftig ist der von ARNOLD herausgegebene sechste Band der sich überblicksmäßig und vergleichend mit den Strukturen der Siedlungen am Neuenburger See befasst.

II Hauptteil

Im populären Sinn bezeichnet man die Ufer- und Moorsiedlungen des Alpenvorlandes, deren Reste sich in Torfen und Seesedimenten erhalten haben, auch heute noch als "Pfahlbauten"[21]. In der wissenschaftlichen Diskussion verwendet man jedoch die neutraleren Begriffe "Feuchtbodensiedlung"[22]oder „Seeufersiedlung“. Gemeinsam ist den Siedlungen weniger ihre Bauweise - die von 'echten' Pfahlhäusern über vom Grund durch Schwellhölzer abgehobene Konstruktionen bis zu ebenerdigen Bauten in großer Vielfalt variiert[23]-, als vielmehr die Wahl des Bauplatzes in feuchten und überfluteten Uferzonen und in Niedermooren sowie auf kleinen Inseln und Halbinseln. WYSS erläutert den Unterschied der Begriffe „Ufersiedlung“ und „Moorsiedlung“ anhand der Beschaffenheit des Untergrundes. Siedlungen die sich überwiegend auf bedingt begehbaren Böden wie Seekreide oder Gyttja oder auf festem sandig- tonigem Seestrand befinden, spricht er als Ufersiedlungen an. Der Untergrund von Moorsiedlungen besteht aus Torf[24].Aufgrund des Luftabschlusses durch das Wasser blieben oft organische Funde und Siedlungsstrukturen, besonders aber das Bauholz selber gut erhalten. Im perialpinen Raum sind bis zu 500[25]überwiegend mehrphasige Seeufersiedlungen des Neolithikums und der Bronzezeit, vereinzelt auch aus der Eisenzeit, bekannt (Abbildung 1).

Vor allem aufgrund der Dendrochronologie und Radiokarbondatierung sowie umfangreichen Siedlungsgrabungen im schweizerisch- ostfranzösischen Raum ist es mittlerweile möglich geworden, die nicht gleichförmig verlaufene Besiedlungsgeschichte (vgl. Kapitel 2) im nordwestlichen Alpenvorland zwischen 4500 und 850 v. Chr. gut nachzuvollziehen.

2. Chronologie von Feuchtbodensiedlungen im zirkumalpinen Raum

Wann genau Menschen entschieden, sich in Feuchtbodengebieten wie Mooren oder Seeufern niederzulassen ist schwer exakt fassbar[26]. Wenngleich es Hinweise auf sporadische Feuchtbodensiedlungen im Mesolithikum gibt[27], sind erste Siedlungen in Uferbereichen nördlich und südlich der Alpen gleichermaßen ab dem Jungneolithikum greifbar. In Südwestdeutschland und der Ostschweiz setzt während der Aichbühler Gruppe um 4500 v. Chr. eine dichte Seeuferbelegung ein, die mit kurzen Unterbrechungen infolge Seespiegelschwankungen bis um 2400 v. Chr. dauert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Verbreitung von Seeufersiedlungen im zirkumalpinen Raum (aus: SCHLICHTERLE 2005:55)

In der Westschweiz wird die Besiedlung der Ufersiedlungen der „Région des Trois- Lacs“ in mehreren Zeitblöcken fassbar: Auf vollentwickelte, umzäunte Siedlungen der jungneolitischen Cortaillod- Kultur und der Pfyner- Kultur (ausschließlich in der Ostschweiz vertreten) folgen am Übergang vom Jung- zum Spätneolithikum Anlagen der Port- Conty- Kultur und später im Spätneolithikum der westschweizerischen Horgener Kultur. In Norditalien etablieren sich zeitgleich Feuchtbodensiedlungen, die zur „Bocca Quadrata Kultur“ geh ren und die bis 3500 v. Chr. durch die Lagozza- Kultur weitergeführt werden. Ab 3500 v. Chr. sind im norditalienischen Raum bis zu Beginn der Frühbronzezeit (Polada- Kultur) keine Seeufersiedlungen mehr bekannt. Im nordalpinen Raum bestehen die Seeufersiedlungen bis zur Saône- Rhône- Kultur (in der Westschweiz) bzw. in Kulturen mit Schnurkeramik (Südwestdeutschland und Ostschweiz), dann erfolgt ein Hiatus bis zur Frühbronzezeit[28]. Eine Wiederbesiedelung der Seeufer erfolgt im nordalpinen Raum bereits zu Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr. (ab 1900 v. Chr. am Bodensee und im Zürichseegebiet). Infolge einer Kaltphase in der Mittelbronzezeit werden die Siedlungsareale im nordalpinen Raum ab 1500 v. Chr. schließlich wieder verlassen und erst um 1150 v. Chr. erneut aufgesucht. In der Schweiz gibt es in der Folge ab 1500 v. Chr. nur mehr kleine Landsiedlungen auf den höheren Uferterrassen der Seen[29]. Noch offen ist der klare Nachweis eines klaren mittelbronzezeitlichen Siedlungshiatus am Federsee. Der Fund eines dreireihigen Bohlenweges, den erste Radiokarbondaten in die Mittelbronzezeit datieren, weist auf eine Ansiedlung im heutigen Stadtgebiet von Buchau hin[30]. Unterstützt wird diese Vermutung durch zahlreiche Siedlungsanzeiger in Pollendiagrammen zwischen 1500 und 1100 v. Chr.[31]Zwischen 1050 und 850 v. Chr. kommt es bei den schweizerischen Seeufersiedlungen zu einer neuen Blüte heraus, die schließlich die „große Zeit der schweizerischen Pfahlbauen (bel ge du bronze)“[32]hervorbringt. Parallel zu den sehr großen, planmäßig errichteten und befestigten Seeufersiedlungen gab es auch Land- und Höhensiedlungen untergeordneter Bedeutung.

Im südalpinen Raum dauert die Wiederbesiedlung in der Frühbronzezeit ohne Unterbrechungen bis in die Mittelbronzezeit, wo sie ihre Blütezeit erlebt. Das Ende von Pfahlbauten in Norditalien wird chronologisch unterschiedlich eingeordnet: STRAHM sieht einen Siedlungsabbruch am Ende der Mittelbronzezeit[33], während ASPES für die Sp tbronzezeit noch einen „Besiedlungsschub“[34]ausmacht.

Als Ursache für eine vermutlich unterschiedliche Siedlungsbelegung in der Früh- und Mittelbronzezeit nördlich und südlich der Alpen wird das Klima vermutet[35]. Die starke nordalpine Löbben- Kaltphase hatte südlich der Alpen vermutlich nicht die gleichen starken Auswirkungen. Der Abbruch der Seeufersiedlungen erfolgt schließlich gleichzeitig: In der Mitte bzw. zum Ende des 9. vorchristlichen Jahrhundert kommt es schließlich zu einem unvermittelten Abbruch der Uferrandsiedlungen im gesamten alpinen Raum. Als Folge einer niederschlagsreichen Klimaphase gehen die vormals besiedelten Strandplatten durch höhere Wasserstände als Siedlungsgebiet endgültig verloren.

3. Klimatische Veränderungen und Umweltbedingungen der Bronzezeit

Die Frühbronzezeit war von einer langen Warmphase[36] gekennzeichnet, die etwa 2800 v. Chr. begann und niedrige Seespiegel sowie den Rückzug der Gletscher in den Alpen nach sich zog. Im Seeuferbereich begünstigten klimabedingt niedrige Wasserstände eine Verlandung der Zürichseeufer und die Anlage von Ufersiedlungen (Abbildung 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 Korrelation von C14- Gehalt der Erdatmosphäre, Seespiegelschwankungen der Juraseen und Siedlungsphasen an schweizerischen und französischen Seeufersiedlungen, aus: MAGNY et.al. 1998:139

Die Anlage dieser Seeufersiedlungen datiert überwiegend zwischen 1650 und 1500 v. Chr., während aus dem 20.-18. vorchristlichen Jahrhundert kaum Siedlungen bekannt sind. Dabei handelt es sich zumeist um ebenerdig angelegte Baustrukturen, wie sie in der Siedlung Zürich- Mozartstrasse auftreten. Ab 1800/1700 v. Chr. kommt es zu einer allmählichen Klimaverschlechterung, die bis weit in die Mittelbronzezeit andauert. Die ausgedehnte Kaltphase führt zu Gletschervorstößen und einem Anstieg der Seespiegel in tiefergelegenen Gebieten, was wiederum zur Aufgabe der Siedlungsareale ab 1500 v. Chr. führt. Eine Wiederbesiedelung der Seeufer ist ab 1060 v. Chr. fassbar, allerdings lassen sich für die Zeit 36 abhängig von Schwankungen der Sonnenaktivität, dabei gilt: je größer die Sonnenaktivität, desto wärmer das Klima; Ablesbar wird dies durch die Kurve des atmosphärischen C14- Gehaltes, vgl. MAGNY et.al. 1998: 139; Abbildung 46

[...]


[1]Wie bereits das 125-jährige Bestehen 1981 gefeiert wurde. vgl. KIMMIG 1981 a:1f, SPECK, 1981:98f.

[2]u.a. innerhalb der Dendrochronologie, vgl. Billamboz 2005:47f. sowie der Pollenanalyse

[3]Vgl. KIMMIG 1981a: 1

[4] KELLER 1854:81, zitiert nach STRAHM 1983:353

[5]Vgl. KIMMIG 1981a: 2

[6]Ders. 1981a: 1

[7]Ders. 1981a :2, u.a.

[8]Angaben nach SCHLICHTHERLE 2005: 54

[9]Angaben nach SCHLICHTHERLE 1997: 7

[10]KIMMIG 1981a: 6

[11]KIMMIG 1981a: 6

[12]Vgl. ISCHER 1928: 9ff.

[13]PARET 1941-1942: 75-107, zitiert nach SCHLICHTHERLE 2005: 56

[14]vgl. SCHÖBEL 1996: 21

[15]Vgl. Strahm 1983: 1ff.

[16]SCHLICHTERLE 2005: 56

[17]Vgl. DELLA CASA 2005:11

[18] Das Jahr markiert den 150. Jahrestag des ersten „Pfahlbauberichtes“ „Die keltischen Pfahlbauten in den Schweizerseen“ von Johann Ferdinand Keller sowie seine ersten Ausgrabungen der Seeufersiedlung Ober- Meilen am Zürichsee

[19]KIMMIG 1992: 11

[20] „Die Wasserburg Buchau. Eine befestigte Inselsiedlung aus der Zeit 1100- 800 v. Chr.” und „Das Federseemoor als Siedlungsland des Vorzeitmenschen”, beide erschienen in der Reihe “Führer der Vorgeschichte”

[21]vgl. Literatur

[22] KIMMIG 1981a: 9

[23] SCHLICHTERLE 1997: 11

[24]vgl. WYSS 1971:103

[25]Angabe nach SCHLICHTERLE 2005: 54

[26]vgl. STRAHM 1997:126 sowie MENOTTI 2004: 2

[27]vgl. Star Carr in England, MENOTTI 2004: 2

[28] SCHLICHTHERLE 2005:58/59

[29]vgl. STRAHM 2004: 496

[30] Es wird vermutet, dass die Bewohner der Siedlung Forschner im Verlauf der Mittelbronzezeit, vermutlich infolge eines ansteigenden Seespiegels, ihr Dorf aus dem Moor auf die mineralische Insel der heutigen Stadt Bad Buchau verlagerten.

[31]vgl. SCHLICHTHERLE 1997: 99, sowie HEUMÜLLER und SCHLICHTHERLE 2000: 48f.

[32] STRAHM 2004: 497

[33]vgl. ders. 1997: 126

[34]ASPES 1997: 60

[35]vgl. STRAHM 1997: 126

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Spätbronzezeitliche Feuchtbodensiedlungen
Untertitel
Bauformen und Siedlungsstrukturen
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Prähistorische Archäologie)
Veranstaltung
Siedlungs- und Landschaftsarchäologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
37
Katalognummer
V143902
ISBN (eBook)
9783640529421
ISBN (Buch)
9783640529247
Dateigröße
1754 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spätbronzezeit, Siedlungsarchäologie, Alpenraum, Bauformen, Siedlungsstrukturen, Buchau, Unteruhldingen, Auvergnier- Nord, Pfahlbaudiskussion
Arbeit zitieren
Christina Michel (Autor), 2009, Spätbronzezeitliche Feuchtbodensiedlungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/143902

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