Die durch den Geschmack der Madeleine hervorgerufene "mémoire involontaire", wie der Erzähler sie schließlich selbst in "Le temps retrouvé" bezeichnet, ist zwar sicherlich die bekannteste, jedoch keineswegs die einzige Art der Erinnerung, die in Prousts "À la recherche du temps perdu" beschrieben wird. Während die "mémoire volontaire" als Erinnerungsform, die nur punktuelle Einblicke in die Vergangenheit ermöglicht, jedoch deutlich abzugrenzen ist, scheint die "mémoire errante" nur eine Sonderform der unwillkürlichen Erinnerung zu sein, die die Brauchbarkeit der "mémoire involontaire" ─ zumal als Ausgangspunkt für die Suche nach der verlorenen Zeit ─ in Frage stellt. Dieser Aufsatz zeigt, dass Proust den vermeintlichen "Grundwiderspruch [...] zwischen einer Poetik des Wissens und einer Inszenierung des Nichtwissens" (Rainer Warning) durch die Einführung eines als "oubli" bezeichneten Informationsspeichers, dessen Funktionsweise anhand ausgewählter Textpassagen erläutert wird, aufhebt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die mémoire de l’intelligence oder mémoire volontaire
3. Die mémoire involontaire
4. Der oubli als Begründung für die mémoire errante
5. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die unterschiedlichen Formen der Erinnerung in Marcel Prousts „A la recherche du temps perdu“ und analysiert deren theoretische Vereinbarkeit sowie die Rolle des Vergessens innerhalb des narrativen Gefüges. Ziel ist es aufzuzeigen, wie Proust durch die Dynamik zwischen bewusster Erinnerung, unwillkürlicher Erinnerung und dem Vergessen eine realistische Autorenperspektive entwickelt.
- Differenzierung zwischen mémoire volontaire und mémoire involontaire
- Die Funktion des oubli (Vergessen) als Speicher und Katalysator
- Analytische Betrachtung der mémoire errante
- Epistemologische Bedeutung der Textgenese in Le temps retrouvé
Auszug aus dem Buch
Die mémoire de l’intelligence oder mémoire volontaire
Zu Beginn der Recherche wähnt sich der Erzähler, der langsam erwacht und nicht sicher ist, in welchem Bett er sich befindet, in verschiedenen Räumen, die ihm im Verlauf seines Lebens als Schlafzimmer dienten. Als er sich schließlich seines tatsächlichen Aufenthaltsortes bewusst wird, nimmt er die Sinnestäuschung zum Anlass, sich die Orte, an denen zu verweilen er kurz zuvor nicht ausschließen konnte, in Erinnerung zu rufen:
« Mais j’avais beau savoir que je n’étais pas dans les demeures dont l’ignorance du réveil m’avait en un instant sinon présenté l’image distincte, du moins fait croire la présence possible, le branle était donné à ma mémoire ; généralement je ne cherchais pas à me rendormir tout de suite ; je passais la plus grande partie de la nuit à me rappeler notre vie d’autrefois, à Combray chez ma grande tante, à Balbec, à Paris, à Doncières, à Venise, ailleurs encore, à me rappeler les lieux, les personnes que j’y avais connu, ce que j’avais vu d’elles, ce qu’on m’en avait raconté. » (I, 8-9)
Was folgt, ist eine Schilderung von Combray, in der zwar unter anderen Swann, Françoise, die Eltern des Erzählers, seine Großmutter und weitere Verwandte eingeführt werden; im Grunde läuft jedoch alles auf eine Schilderung des abendlichen Zubettgehens hinaus.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Problematik der verschiedenen Erinnerungsformen bei Proust und Darstellung des Forschungsinteresses unter Einbezug textgenetischer Ansätze.
Die mémoire de l’intelligence oder mémoire volontaire: Untersuchung der bewussten Erinnerung anhand der Eingangssequenz der Recherche, wobei deren Unzulänglichkeit zur authentischen Rekonstruktion der Vergangenheit aufgezeigt wird.
Die mémoire involontaire: Analyse der unwillkürlichen Erinnerung, insbesondere der berühmten Madeleineszene, und deren Rolle als Auslöser für die Wiederentdeckung vergangener Eindrücke.
Der oubli als Begründung für die mémoire errante: Untersuchung des Vergessens als notwendige Voraussetzung für die Funktionsweise des Gedächtnisses und die strukturelle Integration disparater Erinnerungsfragmente.
Schlussbemerkung: Synthese der Ergebnisse zur Poetik der unwillkürlichen Erinnerung und Fazit über die Entwicklung des Erzählers zum realistischen Autor.
Schlüsselwörter
Marcel Proust, A la recherche du temps perdu, unwillkürliche Erinnerung, mémoire involontaire, mémoire volontaire, mémoire errante, Vergessen, oubli, Zeit, Literaturwissenschaft, Epistemologie, Erzähltheorie, Authentizität, Metonymie, Metapher.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert die verschiedenen Arten der Erinnerung in Marcel Prousts Hauptwerk und untersucht, wie diese theoretisch miteinander verknüpft sind.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Unterscheidung von bewusster und unwillkürlicher Erinnerung, die Bedeutung des Vergessens und die erzählerische Entwicklung hin zum realistischen Schreiben.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Vereinbarkeit der unterschiedlichen Erinnerungsformen zu prüfen und darzulegen, wie Proust diese für sein Kunstwerk nutzt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein textgenetischer Ansatz gewählt, der die Entstehungsgeschichte des Textes und die strukturelle Entwicklung der Konzepte über die Romanbände hinweg berücksichtigt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die mémoire volontaire, die unwillkürliche Erinnerung (Madeleineszene) sowie die Funktion des oubli als Speicher für Erinnerungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Proust, mémoire involontaire, oubli, Erinnerung, Zeit, Identität und Autorschaft.
Welche Rolle spielt die Madeleineszene in der Argumentation?
Die Madeleineszene fungiert als prominentes Beispiel für die mémoire involontaire, an dem der Übergang von bewusster zu unwillkürlicher Erinnerung und die damit verbundene Aufhebung der Zeit analysiert wird.
Wie definiert der Autor das Konzept des oubli?
Der Autor betrachtet das oubli nicht nur als reines Vergessen, sondern als einen Informationsspeicher, aus dem Erinnerungen durch zufällige Reize wieder hervorgeholt und in eine Ordnung gebracht werden können.
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- Thomas Bednarz (Author), 2002, Formen der Erinnerung und ihre Vereinbarkeit in Prousts "A la recherche du temps perdu", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14398