Die Figuren, die in Theodor Fontanes Kurzroman „Mathilde Möhring“ auftreten, können bestimmten Oppositionen zugeordnet werden. Die Hauptcharaktere lassen sich zum einen mit den überhistorisch konstanten Gruppenmerkmalen ‚männlich’ vs. ‚weiblich’ einander gegenüber stellen; zum anderen mit einer weiteren Kontrastbeziehung, die hier besonders beachtet werden soll und den traditionellen Geschlechterrollen nicht entspricht: Auf der Ebene des Werkganzen kann der männlichen Hauptfigur ein poetisches Weltbild, das „Verständniß für ein Buch oder ein Bild“ (4: S. 21), zugeordnet werden, der weiblichen eine prosaische Sicht auf ihre Umwelt und auf ihr „Programm[…] von \\ Glück u. Zufriedenheit“ (9: S. 59). Zu weiteren „relevanten qualitativen Merkmalen“, die die antithetische Beziehung von Thilde und Hugo zueinander gestalten können, gehört der Gegensatz zwischen ‚aktiv’ und ‚passiv’. Die beiden Romangestalten unterscheiden sich darin, wie und was sie bewusst wahrnehmen. Die Gegenstände von Thildes Wahrnehmung können von ihr genutzt werden, um Situationen und damit jegliche Beziehungen zu verändern, die den Text strukturieren; kurz gesagt also um Handlungen auszuführen. Hugo berücksichtigt dagegen, seinen Neigungen und Wünschen entsprechend, das Schöne der erfahrbaren Umwelt, das ästhetischen und besonders literarischen Mustervorstellungen zugeordnet werden kann. Er ist in seinen Handlungen zum größten Teil von seiner Partnerfigur bestimmt.
Da der Roman „in einem gegebenen Traditionszusammenhang“ steht, können literarische Figuren auf den verschiedenen innertextlichen Kommunikationsebenen gefunden werden, die dem Literaturliebhaber als mögliche Vorbilder für sich selbst und für andere Charaktere gelten können. Die „eingestreuten Literaturpartikel“ in Fontanes Spätwerk spielen jedoch nicht nur auf Frauen- und Männergestalten an, sondern auch auf die literarische Tradition eines Motivs und auf die der ästhetischen Produktionstheorie. Das Zitat oder die Allusion soll dabei als ein „Element der Handlungs- und Motivstruktur“ sowie der Figurencharakterisierung verstanden werden.
Daher beschäftigt sich diese Arbeit mit der Frage, wie die Opposition von Prosa und Poesie in Theodor Fontanes Mathilde Möhring die beiden Hauptfiguren, ihre Handlungen und ihre Rezeption der Bildlichkeit in der erzählten Welt strukturiert und mithilfe von literarischen Anspielungen verbindet.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Fragestellung
- Methode
- Forschungsüberblick
- Zu der Opposition in Mathilde Möhring
- Zu der Opposition in der Erzählhaltung und Programmatik
- Untersuchungsgang
- Die lehrenden Frauenfiguren in Wilhelm Meisters Lehrjahren
- Literarische Typen, Vorbilder und Motivtraditionen
- Die amazonische Frauengestalt Therese
- Die amazonische Frauengestalt Natalie
- Die Verbindung von Tat und Krankheit
- Erziehung als Ausgleich der Dichotomie
- Die ästhetische Erziehung des Verlobten
- Friedrich Schillers Die ästhetische Erziehung des Menschen
- Theodor Fontanes poetologische Finessen-Technik
- Hugos Merkmalsatz: „ernst, schwärmerisch und bescheiden“
- Schwärmen statt Handeln
- Die Mehrdimensionalität der Figur: Ein Wahrnehmungsvergleich
- Die Moralität und Destruktivität des nüchternen Bezugs zu Hugo
- Mathilde Möhring und Mathilde Großmann: Die Entwicklung der Heldin
- Der Fensterblick als Leitmotiv
- Das Bild vor dem Fenster
- ,,Es ließe sich vielleicht ausdeuten“: Die Titelfigur als Verlobte
- ,,Lang auf das alles hinausgestarrt“: Die Titelfigur als Witwe
- Der Blick aus dem Fenster: Eine idealrealistische Rezeption
- Ergebnisse
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Opposition von Prosa und Poesie in Theodor Fontanes „Mathilde Möhring“ und deren Einfluss auf die Hauptfiguren, ihre Handlungen und ihre Rezeption der Bildlichkeit in der erzählten Welt. Dabei werden die strukturierenden Elemente des Romans, insbesondere die literarischen Anspielungen, in den Fokus genommen.
- Die Opposition von Prosa und Poesie als strukturierendes Element im Roman
- Die Rezeption von Bildlichkeit und ihre Verbindung mit den Hauptfiguren
- Die Rolle von literarischen Anspielungen in der Figurencharakterisierung und Handlungsentwicklung
- Die Wechselwirkung zwischen den Figuren, ihren Handlungen und der erzählten Welt
- Die Bedeutung von „erzählende[n] Kunstmittel[n]“ für das Verständnis des Romans
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, die die Opposition von Prosa und Poesie in Fontanes „Mathilde Möhring“ untersucht. Die Methode der Arbeit basiert auf der Figurenanalyse von Manfred Pfister und Hans-Werner Ludwigs Erläuterungen dazu. Kapitel 2 beleuchtet die lehrenden Frauenfiguren in Wilhelm Meisters Lehrjahren und ihre Bedeutung für die Analyse der weiblichen Figuren in Fontanes Roman. Kapitel 3 setzt sich mit der ästhetischen Erziehung des Verlobten auseinander, wobei Schillers ästhetische Erziehungstheorie und Fontanes poetologische Technik im Zentrum stehen.
Kapitel 4 analysiert Hugos Merkmalsatz und die Mehrdimensionalität seiner Figur. Kapitel 5 untersucht die Moralität und Destruktivität von Hugos nüchternen Bezug zu Mathilde. Kapitel 6 beschäftigt sich mit der Entwicklung der Heldin und dem Leitmotiv des Fensterblicks.
Schlüsselwörter
Die Arbeit konzentriert sich auf die Analyse der Opposition von Prosa und Poesie, der Rezeption von Bildlichkeit in der erzählten Welt, der literarischen Anspielungen, der Figurencharakterisierung und der Handlungsentwicklung in Theodor Fontanes „Mathilde Möhring“. Dabei werden Konzepte wie Figurenanalyse, narrativen Kunstmittel, Traditionszusammenhang und ästhetische Produktionstheorie thematisiert.
Häufig gestellte Fragen
Was ist der zentrale Gegensatz in Fontanes „Mathilde Möhring“?
Der Roman strukturiert sich durch die Opposition zwischen einem poetischen Weltbild (Hugo) und einer prosaischen, nüchternen Sicht auf das Leben (Mathilde).
Welche Rolle spielen literarische Anspielungen im Roman?
Anspielungen (z. B. auf Goethe oder Schiller) dienen der Charakterisierung der Figuren und verknüpfen ihre Handlungen mit der literarischen Tradition.
Was symbolisiert der „Fensterblick“ in Mathilde Möhring?
Der Fensterblick ist ein Leitmotiv, das die Entwicklung der Heldin von der Verlobten zur Witwe und ihre idealrealistische Rezeption der Umwelt verdeutlicht.
Wie unterscheiden sich Hugo und Mathilde in ihrer Aktivität?
Während Hugo passiv bleibt und sich dem Schönen widmet, nutzt Mathilde ihre Wahrnehmung aktiv, um Situationen zu verändern und ihr Lebensprogramm umzusetzen.
Welche pädagogischen Konzepte werden im Roman parodiert?
Die Arbeit untersucht Anspielungen auf Schillers ästhetische Erziehung und Goethes Bildungsroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ im Kontext von Mathildes Einfluss auf Hugo.
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- Rebekka Kochner (Author), 2009, „Es braucht bloß ein bißchen Mondschein“ und andere literarische Anspielungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144036