Zur Darstellung und Funktion der Maria Magdalena im Alsfelder Passionsspiel


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

13 Seiten, Note: 2,00


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Zum „Alsfelder Passionsspiel“

III Maria Magdalena: eine vielschichtige Figur

IV Maria-Magdalena-Szenen im Alsfelder Passionsspiel
1 Weltliches Treiben und die vergeblichen Warnungen Marthas (V. 1770-1937)
a Analyse
b Interpretation
2 Die Reue und Bekehrung Maria Magdalenas (V. 1938-2054)
a Analyse
b Interpretation
3 Die Salbungsszene (V. 2724 – 2909)
a Analyse
b Interpretation

V Zusammenfassung

I Einleitung

Kaum eine andere biblische Gestalt und Heilige hat in der Literatur und Kunst einen derart tiefen Eindruck hinterlassen wie Maria Magdalena. Ihre Wandlung von notorischer Sünderin zur reuigen Büßerin und schließlich zu Jesu Gefährtin und Freundin begründet bis heute ihre Faszination.

Das Bild der Maria Magdalena als der den Weltfreuden verfallenen und dann bekehrten Sünderin wurde vor allem im geistlichen Spiel des Mittelalters – und besonders im Passionsspiel – verbreitet. Nahezu alle Passionsspiele kennen die Maria-Magdalena-Szenen, die das Weltleben und die Bekehrung der Maria-Magdalena darstellen. Dabei werden auf der einen Seite ihre Selbstverliebtheit und Leibeslust, auf der anderen Seite ebenso nachdrücklich ihre Reue und die Nachfolge Jesu beschrieben.

Im relativ späten Alsfelder Passionsspiel wird dieser Übergang von Sünde zu Reue, Buße und Gnade sehr gewichtig und phantasievoll gestaltet. Obwohl das Alsfelder Passionsspiel als „Bußpredigt“ und „heilpädagogisches“ Exemplum[1] mit „eindeutig belehrender Absicht“[2] gedeutet wurde, ist die Rolle der Maria Magdalena insofern ambivalent, dass sie vor ihrer Bekehrung weniger verdorben, als „besonders fordernd und selbstherrlich“[3] auftritt, nach ihrer Bekehrung jedoch umso bescheidener und reuiger wirkt.

Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung der Maria Magdalena im Alsfelder Passionsspiel vor, während und nach ihrer Bekehrung. Anhand ausgewählter Szenen soll vor allem gezeigt werden, dass mit der Darstellung der Maria Magdalena eine bestimmte didaktische Absicht verbunden war.

Folgende Szenen wurden für die Analyse und Interpretation ausgewählt: Weltliches Treiben und die vergeblichen Warnungen Marthas (V. 1770-1937), die Bekehrung Maria Magdalenas durch die Predigt Jesu (V. 1938-2054) und die Salbungsszene (V. 2724 – 2909)[4]. In diesen drei Szenen vollzieht sich Maria Magdalenas Wandlung – von Sünde über Reue zu Buße und Erlösung.

Bevor diese Szenen einzeln besprochen und interpretiert werden, soll zuerst auf die Entstehung, den Inhalt und die Thematik des Alsfelder Passionsspiels eingegangen werden. Danach soll die Darstellung der Maria Magdalena sowohl im Neuen Testament als auch in den Legenden des Mittelalters skizziert werden. Im Hauptteil der Arbeit werden die Maria-Magdalena-Szenen einzeln analysiert und im Bezug auf die Darstellung der Maria Magdalena interpretiert.

II Zum „Alsfelder Passionsspiel“

Die überlieferte Handschrift des APs situiert sich geographisch im Hessener Raum und ist auf den Beginn des 16. Jahrhunderts (zwischen 1502 und 1506) zu datieren. Das Manuskript enthält den vollständigen Text des Spiels, und zwar über 8000 deutsche Verse, die Anfänge der lateinischen Gesänge und die ebenfalls auf Latein verfassten Regienanweisungen. Die Niederschrift stammt von der Hand A, während zahlreiche Ergänzungen, Umänderungen und Anmerkung von mehreren anderen Redakteuren (B, C, D, vielleicht auch E) stammen, was darauf schließen lässt, dass das Manuskript als Unterlage für mehrere Aufführungen gedient hat. Außer dem vollen Spieltext enthält die Handschrift außerdem eine Prozessionsanordnung, eine Bühnenskizze, vier (meist fragmentarische) Einzelrollen, ein Spielerverzeichnis, sowie eine Dirigierrolle.[5]

Die Handlung ist auf drei Aufführungstage verteilt. Der erste Tag fängt mit einer Eingangsprozession und dem Prolog, gefolgt von einer turbulenten Teufelszene. Danach folgen, nach dem Auftreten des Johannes’ des Täufers, Szenen aus dem Leben Christi: die Verführung in der Wüste, die Bekehrung der Samariterin, die Bergpredigt und Heilungen, die Bekehrung der MM, die Auferweckung des Lazarus und der Einzug in Jerusalem.

Am zweiten Tag werden das Abendmahl, die Verhaftung, die Verhöre und schließlich die Leidensgeschichte Christi bis zur Geißelung und Dornenkrönung gezeigt. Der zweite Tag schließt mit einem Streitgespräch zwischen den allegorischen Figuren Exlesia und Synagoga ab.

Der dritte Tag nimmt die Leidensdarstellung wieder auf, indem die Verspottungsszene und die Dornenkrönung wiederholt werden. Darauf folgen die Kreuztragung, die Kreuzigung und der Tod Christi. Dazwischen gibt es eine längere Marienklage. Der dritte Tag endet mit einem Osterspiel: den traditionellen Szenen der Grablegung und Auferstehung.

Der Text des Spiels lehnt sich eng an das Neue Testament und der Ton ist sehr ernst und belehrend. Dabei geht die belehrende Absicht nicht aus der bloßen Darstellung des Heilwirkens Gottes in der Welt hervor, sondern in der Polarisierung von Gut und Böse, die den entsprechenden Ausdruck in der symbolischen Darstellung der Figuren (wie z.B. in der „Hässlichkeit“ der Teufel) sowie des Bühnenbildes findet. So symbolisiert die Dreiteilung der Raumbühne das Weltall selbst: es gibt den Himmel im Osten, die Hölle im Westen und dazwischen das irdischen Bereich. Die heiligen Figuren befinden sich dem Himmel am nächsten, während die irdischen Figuren der Hölle näher sind.[6]

III Maria Magdalena: eine vielschichtige Figur

Die biblische Gestalt der MM wird in allen vier Evangelien im Zusammenhang mit der Leidensgeschichte und der Auferstehung Jesu erwähnt. In allen diesen Texten wird MM dadurch hervorgehoben, dass sie an erster Stelle einer Gruppe von Männern und Frauen oder sogar als einzige Frau namentlich erwähnt wird. In der frühchristlichen Zeit ist die Gestalt der MM aus dem Leben dreier biblischen Frauen zu einer Gestalt verschmolzen: (1) der Maria von Magdala, die als dämonisch Besessene (Lk. 8,2; Mk. 16,9) und von allen vier Evangelien in der Passion Christi (Mt. 27,55 – 28,10; Mk. 15,40 – 16,11; Lk. 23,49 – 24,11; Joh. 19,25 – 20,18) erwähnt wird; (2) der Maria von Bethanien, die zusammen mit ihrer Schwester Martha um ihren Bruder Lazarus trauert und Jesus wenige Tage vor seinem Tod salbt (Joh. 11,20; Mt. 26,6 – 13; Mt. 14,3 – 9), und (3) der namenlosen Sünderin, die beim Mahl des Pharisäers Simon Jesus mit ihren Tränen die Füße wäscht, sie mit ihren Haaren trocknet und Vergebung der Sünden erfährt (Lk. 7,36 – 50).[7] Dadurch entwickelte sich seit dem 6. Jahrhundert ein Einheitsbild, das besonders durch die erbaulichen Predigten Gregor des Großen beeinflusst wurde, während die griechische Kirche die Verschmelzung der drei Figuren nicht vorgenommen hat.[8]

Im 9. Jh. setzt die liturgische Verehrung der MM ein, wonach sie im Laufe der Zeit zu einer bekannten und geliebten Heiligen wird. Mitte des 11. Jh. Wird MM in die lateinischen Legendarien aufgenommen (besonders durch die weitverbreitete Magdalenapredigt In veneratione Mariae Magdalenae Odos von Cluny), wodurch sie als Vorbild der reuigen Menschen in Bußpredigt und Bußdichtung Eingang findet.

Weitere Deutung und Popularisierung erfährt das Bild der MM mit Hilfe des italienischen und französischen Legendenkreises. Honorius Augustodunensis lässt MM als Eherfrau vom Castell Magdalum nach Jerusalem fliehen und sich dort, von sieben Teufeln besessen, ins unzüchtige Leben stürzen. Jakobus de Voragine macht sie in seiner Legenda aurea zur Braut von Johannes, der sie jedoch verlässt um Jesus zu folgen, worauf sie – enttäuscht und verärgert – sich den Weltfreuden hingibt.

[...]


[1] Vgl. H. J. Linke, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters, Verfasserlexikon, S. 265.

[2] J. Nowé, Wir wellen haben ein spil, S. 104.

[3] W.Röcke, in: Transformationen des Religiösen, S. 88.

[4] Die Versangaben beziehen sich auf die folgende Ausgabe: R. Froning, Alsfelder Passionsspiel, in: Das Drama des Mittelalters, II. Teil, Passionsspiele, S. 547-672.

[5] Vgl. H. J. Linke, in: Die deutsche Literatur des Mittelalters, Verfasserlexikon, S. 263-268; R. Bergmann, Katalog der deutschsprachigen geistlichen Spiele und Marienklagen, S. 170-173; J. Nowé, Wir wellen haben ein spil, S. 101-103.

[6] Zum Bühnenbild des APs siehe J. Nowé, Wir wellen haben ein spil, S. 107.

[7] Die Bibelstellen beziehen sich auf die Angaben in: F.-O. Knoll, in: GD, 8 (1934), S. 19.

[8] Vgl. C. E. C. M. Van den Wilenberg-De Kroon, Das Weltleben und die Bekehrung der Maria Magdalena im deutschen religiösen Drama und in der bildenden Kunst des Mittelalters, S. 25.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Zur Darstellung und Funktion der Maria Magdalena im Alsfelder Passionsspiel
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Veranstaltung
Mittelalterliche geistliche Spiele
Note
2,00
Autor
Jahr
2008
Seiten
13
Katalognummer
V144147
ISBN (eBook)
9783640533787
ISBN (Buch)
9783640533930
Dateigröße
408 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Darstellung, Funktion, Maria, Magdalena, Alsfelder, Passionsspiel
Arbeit zitieren
Ilona Kramer (Autor), 2008, Zur Darstellung und Funktion der Maria Magdalena im Alsfelder Passionsspiel , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144147

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