Die Korea-Krise von 1950

Analyse und Interpretation aus Sicht der Entscheidungstheorie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

33 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

- INHALTSVERZEICHNIS -

A DER BEGRIFF DER KRISE IN DER IP

B DIE KOREA-KRISE 1950 ALS EINE WELTPOLITISCHE KRISE
I. URSPRUNG UND VERLAUF DER KRISE
1. KOREA IM SPANNUNGSFELD DER INTERNATIONALEN BEZIEHUNGEN
2. DER UNVERMEIDLICHE WEG IN DIE WELTPOLITISCHE KRISE VON 1950
3. KALKULIERTE ESKALATION? DER AUSBRUCH DES KOREA-KRIEGS
II. DIE ZENTRALEN AKTEURE - EINE KONSTELLATIONSANALYSE
1. NORDKOREA
2. DIE SOWJETUNION
3. CHINA
4. DIE USA
III. DIE ENTSCHEIDUNG DER USA - DER ANSATZ VON GLENN PAIGE
1. METHODISCHE VORGEHENSWEISE
2. ZENTRALE ERGEBNISSE SEINER STUDIE
2.1. EMPIRISCHE AUSWERTUNG
2.2. NORMATIVE EVALUATION
2.3. RICHTLINIEN FÜR EIN KÜNFTIGES KRISENMANAGEMENT
3. KRITISCHES FAZIT

C) SYNOPSIS

LITERATURVERZEICHNIS

A DER BEGRIFF DER KRISE IN DER IP

Der Begriff der Krise ist allgemein, aber auch im politikwissenschaftlichen Gebrauch nicht eindeutig definiert.1 Er zieht seine Unschärfe als wissenschaftliche Kategorie vor allem aus seiner vielfach unreflektierten alltagssprachlichen Verwendung, aber auch aus der großen Bandbreite an wissenschaftlicher Literatur hierzu, u.a. im politikwissenschaftlichen Bereich.2 Seinen Ursprung findet der Begriff im griechischen Wort krisis (Wahl, Entscheidung, Urteil), welcher später in der antiken Geschichtsschreibung einen entscheidenden Wendepunkt u.a. in einem Konflikt markiert.3 Eine Krise kann demnach als ein kritischer Zeitabschnitt innerhalb eines solchen Konflikts, der die langfristigere Form der Auseinandersetzung zwischen Staaten bezeichnet, verstanden werden.4 Im Unterschied zu einem Konflikt, wie z.B der Korea-Frage, kann eine Krise in der Weltpolitik nicht über einen längeren Zeitraum hinweg andauern, da sie nach einer sofortigen Regelung verlangt. Eine Krise in der internationalen Politik kann somit definiert werden als » ein Zeitabschnitt in einem Konflikt zwischen zwei oder mehreren Staaten, wenn die eine Seite die andere Seite in einer klar definierten oder definierbaren Sache herausgefordert hat und nun als Reaktion auf die Herausforderung eine Entscheidung herbeigef ü hrt werden muss. «5 Der politische Krisenbegriff auf internationaler Ebene ist dabei scharf abzugrenzen etwa von einer innerstaatlichen oder einer wirtschaftlichen Krise Analysen der zahlreichen internationalen Krisen seit Ende des Zweiten Weltkriegs zeigen gewisse typische Elemente auf.6 Generell gilt dabei, dass von einer Krise erst dann gesprochen werden kann, wenn sie von den jeweils handelnden Entscheidungsträgern auch als solche wahrgenommen wird. Weitere zentrale Determinanten neben der Perzeption sind v.a. eine neue Situation im Konflikt, eine Bedrohung von Interessen und Werten, ein Moment der Überraschung, die Gefährdung des Friedens, eine kurze Entscheidungszeit sowie ein gewisses Maß an Unsicherheit über die zu treffende Entscheidung und deren Konsequenzen. Dies alles wird dann zur Frage eines crisis management, welches die Gesamtheit an Handlungen zur Vermeidung oder Bewältigung einer in diesem Sinne eminent politischen Krise umfasst. Bei all dieser Typisierung des Krisenbegriffs, der zur wissenschaftlichen Analyse unbedingt erforderlich ist, darf jedoch auch seine stets subjektive Dimension nicht vergessen werden.7 Jede spezifische Krisensituation, wie in diesem Falle die Korea-Krise von 1950, muss daher im Lichte dieser Kategorien auch auf ihre jeweiligen Besonderheiten geprüft werden.

B DIE KOREA-KRISE 1950 ALS EINE WELTPOLITISCHE KRISE

I. Ursprung und Verlauf der Krise

1. Korea im Spannungsfeld der internationalen Beziehungen

Für den Fall einer weltpolitischen Krise bot die asiatische Halbinsel Korea aufgrund ihrer geostrategischen Lage im Zentrum Ostasiens spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts beste Voraussetzungen.8 Sie liegt im politischen Spannungsfeld zwischen den umliegendenen internationalen Großmächten China, Rußland und Japan, aber auch den USA - die allesamt um relative Macht und Einfluss auf diesen Staat ringen.9 Die zermürbende Geschichte von Intervention und Bevormundung durch ausländische Großmächte währte bereits mehr als ein Jahrtausend lang, bevor sie schließlich in die weltpolitische Krise von 1950 mündete, in der sie zugleich ihren traurigen Höhepunkt auf der Ebene der internationalen Beziehungen fand. Neu war dabei nur die Dimension der Auseinandersetzung, insofern vor dem weltpolitischen Hintergrund des Kalten Krieges zwischen den USA und der Sowjetunion sogar die Eskalation zu einem Dritten Weltkrieg nicht auszuschließen war. Ein umkämpftes Gebiet, ein Zankapfel zwischen den asiatischen, später auch westlichen Großmächten war Korea jedoch auch vorher schon. Am tiefsten und gewachsensten sind dabei wohl die Beziehungen zu China, zu dem es auch einen hohen Grad an kultureller Verwandtschaft aufweist. Traditionell eng an China gebunden, wurde es 1637 offiziell ein Tributstaat des chinesischen Kaiserreiches unter der Ch ’ ing-Dynastie10 - und blieb dies nominell noch bis zum Jahre 1895, was sich jedoch kaum negativ auf die faktische Autonomie Koreas auswirkte.11 China pflegte zumeist harmonische Beziehungen zu Korea, und sein strategisches Interesse lag v.a. darin, einen Puffer gegen eine japanische Invasion von der Insel zu errichten.12 Als traditionell feindselig und gewaltbetont können dagegen die politischen Beziehungen Koreas zu Japan charakterisiert werden, welches China die Vorherrschaft in diesem Land zunehmend streitig machte. Das Ziel Japans war es dabei, Korea aus dem engen Verbund mit China zu lösen, um dort seinen eigenen Einfluss im Sinne von wirtschaftlichen und militärischen Interessen durchzusetzen.13 Korea wurde dann in defensiver Hinsicht als eine Bastion gegen Angriffe aus dem asiatischen Festland verstanden, in offensiver Auslegung als ein Brückenkopf zur Eroberung Chinas.14 1876 erzwang Japan die Aufnahme von ersten Handelsbeziehungen mit Korea, und entschied dann im Krieg mit China von 1894/95 das Kräfteverhältnis um den Einfluss in Korea eindeutig zu seinen Gunsten.

Spätestens mit diesem Sieg Japans wurde aus dem bisher regionalen, inner-asiatischen Konflikt um Korea eine Auseinandersetzung internationaler Tragweite.15 Denn der relative Machtgewinn Japans in Asien weckte vor allem in Rußland tiefe Befürchtungen, das dortige Mächteverhältnis könnte sich nun zu einseitig in Richtung Japan verschieben. Das historische Anliegen Rußlands in Asien, der Schutz des Militärhafens Wladiwostock am östlichen Ende des Reiches16, war damit gefährdet - und es schaltete sich folglich zunehmend in den Konflikt ein. Auf Intervention Rußlands musste Japan einen Rückzieher machen und auf strategisch bedeutsame Gebietsgewinne aus dem japanisch-chinesischen Krieg verzichten - was einer außenpolitischen Demütigung Japans gleichkam.17 In der Folge kam es zu einem wachsenden Einfluss Rußlands in Korea auf Kosten von Japan, der seinen Höhepunkt in der Zeitspanne von 1895 bis 1904 erreichte.18 Die zunehmende Annäherung zwischen Korea und Rußland erweckte jedoch wiederum den Argwohn Großbritanniens, welches das Ziel verfolgte, den russischen Einfluß weltweit möglichst gering zu halten.19 Schon im Jahre 1885 besetzten die Briten die koreanische Insel K ŏ mundo in einer Präventivmaßnahme, um russischen Aktionen in Korea zuvorzukommen. Auf dem Höhepunkt des russischen Einflusses in Korea schloss die britische Regierung im Jahr 1902 dann einen Bündnisvertrag mit Japan, mit dem Ziel, den Einfluss Rußlands in Asien zu mindern, indem es die Machtstellung Japans stärkt und dessen Sonderinteressen in Korea verteidigt.20 Nachdem alle Gespräche zwischen Japan und Rußland zur Klärung ihrer Interessenssphären in Nordostasien scheiterten, kam es schließlich zum russisch-japanischen Krieg von 1904/05. Die militärisch klare Niederlage Rußland schuf ein eindeutiges Kräfteverhältnis auf dem asiatischen Kontinent zugunsten Japans - und führte zu einer 35-jährigen Besatzungsherrschaft Japans in Korea (1910-1945), das sich des Landes nun bemächtigte und es diktatorisch unterwarf, abgesichert durch die internationale Diplomatie. Die gewaltsame Vorherrschaft Japans in Korea endete erst mit dem Sieg der Alliierten im II. Weltkrieg und der bedingungslosen Kapitulation des unterlegenen Kaiserreichs im August 1945. Doch statt der so sehnsüchtig erhofften Entlassung in die Unabhängigkeit wurde Korea erneut ein Opfer imperialer Großmachtspolitik, diesmal in Form eines Interessenskonflikts zwischen den alliierten Siegermächten Sowjetunion und den USA. Diese Konstellation steht am Ausgangspunkt einer verhängnisvollen Entwicklung, die zuerst in die weltpolitische Krise von 1950 und damit indirekt auch in den Korea-Krieg (1950-53) führen sollte.

2. Der unvermeidliche Weg in die weltpolitische Krise von 1950

In den internationalen Verhandlungen zwischen den allierten Siegermächten über den Nachkriegsstatus Koreas ging es nicht primär um das Wohl der Halbinsel, sondern um eine knallharte Interessenspolitik, die zunehmend vor dem weltpolitischen Hintergrund des Kalten Krieges geführt wurde. Unmittelbar nach der Kapitulation Japans begann die offene Rivalität zwischen den zwei Supermächten USA und Sowjetunion hinsichtlich ihrer Interessensgebiete, was neue Spannungen in der Region erzeugte. Das Ziel der Amerikaner war dabei eine Politik der Eindämmung des Kommunismus, welche der sowjetischen Expansionspolitik weltweit entschlossen entgegentritt - eben auch in Asien, wo Korea einen strategischen Schlüsselpunkt darstellte.21 Unter dem historisch schwer haltbaren Argument, die Koreaner seien (noch) nicht fähig zur Selbstregierung, verweigerte der amerikanische Präsident Roosevelt Korea folglich schon vor dem Kriegsende den ersehnten Schritt in die Selbstsouveränität, und setzte damit einen Beschluß auf der Konferenz von Kairo 1943 um.22 Kurz vor der Kapitulation Japans ließ er dann hastig einen Plan zur Teilung Koreas entlang des ominösen 38. Breitengrades ausarbeiten, der von der Sowjetunion überraschend angenommen wurde. Als die sowjetischen Truppen am 8. August 1945 in Korea eintrafen, besetzten sie wie vereinbart nur den Norden Koreas - erst einen Monat später erfolgte dann die Besetzung des südlichen Teils durch die amerikanischen Streitkräfte. Schon bevor am 15. August 1945 der Kapitulationsvertrag mit Japan unterzeichnet wurde, bezogen die USA Stellung gegen den neuen Feind Sowjetunion. Der Nachfolger Roosevelts im Amt des US-Präsidenten, Harry S. Truman, erklärte Korea zu einem strategisch bedeutsamen Einflussbereich Amerikas, der als Landstützpunkt auf dem ostasiatischen Kontinent unbedingt gehalten werden sollte, vor allem in Anbetracht des stetig sinkenden US-Einflusses in China im Zuge der Machtergreifung Mao-Tse-Tungs.23

Die Fronten zwischen den beiden Supermächten USA und Sowjetunion waren demach bereits klar und verhärtet, als man sich in der Konferenz von Moskau im Dezember 1945 - ohne jegliche Beteiligung Koreas - auf eine gemeinsame Treuhandschaft verständigte, was zu schockartigen Zuständen und wütenden Protesten auf Seiten der koreanischen Bevölkerung führt.24 Von der Sowjetunion am 25. Januar 1946 in der TASS veröffentlichte Dokumente der Konferenz belegen, dass die Durchsetzung dieser Pläne zur Besetzung Koreas vor allem auf das Interesse Amerikas zurückging, das zusammen mit Großbritannien auf das Prinzip der Treuhandschaft drängte - während die Sowjetunion für das Souveränitätsprinzip eintrat.25 Auf

Druck der Sowjetunion wurde diese Treuhandschaft über Korea, die offiziell mit dem Ziel der Errichtung einer stabilen politischen Ordnung als der Grundlage für eine spätere Autonomie begründet wurde, auf einen Zeitraum von maximal fünf Jahren begrenzt. Die folgenden, fast zweijährigen Verhandlungen zwischen den beiden Supermächten über die praktischen Fragen der gemeinsamen Verwaltung Koreas scheiterten aber vor dem Hintergrund des wachsenden ideologischen Gegensatzes zwischen den USA und der UdSSR und ihren damit verbundenen machtpolitisch konkurrierenden Interessen bezüglich der Zukunft Koreas.26 Beide verfolgten insgeheim das Ziel, unter dem Deckmantel der gemeinsamen Treuhänderschaft das gesamte Korea zu ihrer Einflusszone zu machen. Während die Sowjetunion dabei auf den Einfluss der koreanischen Kommunisten setzte, baute Amerika zunächst auf die Hilfe Großbritanniens und Chinas - die Politik auf beiden Seiten zielte darauf, eine verdeckte Marionettenregierung zu etablieren, die ihren Einfluss über die Periode der Treuhandschaft hinaus sichern würde. So war den beiden unnachgiebigen Verhandlunspartnern aufgrund ihrer starren Haltungen dann wohl auch spätestens Anfang Juli 1947 klar, dass die Verhandlungen zu einer gemeinsamen Treuhandschaft über Korea scheitern würden und damit die Entscheidung zu einer Teilung Koreas bereits gefallen war.27 Dies spiegelte sich wieder in realpolitischen Fakten wie z.B. im damals bereits beträchtlichen Aufbau kommunistischer Strukturen in der sowjetischen Zone, sowie in der anti-kommunistischen, reaktionären Interessenspolitik der Amerikaner im Süden, die wie zuvor die Japaner kaum ein Mittel zu ihrer Herrschaftssicherung scheuten. Einzig die außenpolitische Neutraltität Koreas hätte Kindermann zufolge im historischen Rückblick noch ein erfolgversprechendes Modell für einen beiderseitigen Kompromiß bilden können.28

Nach dem Scheitern der bilateralen Verhandlung zwischen den Supermächten brachte die US-Regierung die Korea-Frage am 17. September 1947 im Alleingang vor die UNO.29 Die Sowjetunion antwortete mit dem Gegenvorschlag eines beiderseitigen Truppenrückzugs aus Korea bis Anfang 1948, was die USA unter dem Argument eines möglichen Bürgerkriegs strikt ablehnten. Dahinter verbarg sich aus einer neorealistischen Persepktive sicherlich auch die wohlbegründete Sorge, nach einem offenen Rückzug den Einfluss in Korea vollständig an die Sowjetunion zu verlieren. Die Sowjetunion verweigerte daraufhin die Kooperation mit der UN, was dann zur Abhaltung einer separaten Wahl nur in Südkorea führte. Diese mündete schließlich am 12. Juli 1948 in die Gründung der Republik Südkorea, der die Volksrepublik Norkoreas am 9. September 1948 folgte - die Teilung Koreas war somit offiziell.

3. Kalkulierte Eskalation? Der Ausbruch des Korea-Kriegs

Wie Byun-Brenk schreibt, war es nur eine Frage der Zeit, dass es in Korea zum Krieg kommt, sobald sich zwei Großmächte das Land erfolgreich in Interessenssphären aufteilen.30 Durch ihre Politik der Teilung Koreas hatten die beiden imperialistischen Besatzer USA und Sowjetunion den ideologischen Keim gesäht, der einige Jahre später zu einem bitteren Krieg zwischen den beiden getrennten Brüderstaaten ausreifte. Die Tragik dieses Bürgerkriegs, der sich unter dem Mantel des Kalten Kriegs rasch internationalisierte, lag aber nicht nur darin begründet, dass er besonders blutig war - sondern auch darin, dass er nicht zu der in beiden Teilen so ersehnten Vereinigung Koreas führte, sondern ins Gegenteil: zur Verfestigung des status quo ante, d.h. der künstlichen Teilung des Landes, bis in die heutige Zeit.31 Vor einer politischen Einordnung des Krieges und der Klärung der Verantwortlichkeit aber erst einmal eine kurze Skizzierung derjenigen Tendenzen, die zum Ausbruch des Krieges führten.

Nach der Teilung Koreas wuchsen die Spannungen zwischen den beiden Teilstaaten stetig, und bereits im Jahre 1949 existierte vor dem weltpolitischen Hintergrund des Kalten Krieges auf nationaler, aber auch auf internationaler Ebene die Gefahr des Aubruchs eines Krieges.32 So zeigen beispielsweise Dokumente, dass das amerikanische Außenministerium schon im Oktober 1949 einen Hilfsplan für Südkorea im Falle des Kriegsausbruchs in Korea erstellt hatte.33 Die Konfrontation verschärfte sich dabei zunehmend auf den beiden zentralen Analyseebenen der Politik: auf nationaler sowie internationaler Ebene. Auf nationaler Ebene in der Zuspitzung des Konflikts zwischen Nord- und Südkorea, wobei die USA ihren Einfluß in Südkorea nutzten, um dort ein anti-kommunistisches, autokratisches Regime unter dem Präsidenten Syngman Rhee zu etablieren, während sich der sowjetische Einfluß in Nordkorea in der Errichtung eines kommunistischen Regimes unter Kim Il-Sung niederschlug. Beide koreanischen Staaten verfolgten das Ziel der Wiedervereinigung, prägten eine Kriegsrethorik und beanspruchten jeweils die alleinige Souveränität für ganz Korea für sich. Gegenseitige Provokation und Überfälle entlang der Grenze am 38. Breitengrad waren Teil der Realität.34 Auf internationaler Ebene setzten die USA vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und ihrer schwachen Position in Korea auf eine Internationalisierung des Konflikts im Rahmen der UN, in der sie de-facto eine sichere Mehrheit für ihre Politik hatten.35 Damit isolierten sie zugleich die Sowjetunion, die nun verstärkt auf eine Allianz mit China unter Mao Tse-Tung setzte.36

Mit dem Paradigma der Interessenspolitik gingen zudem die Forderung Moskaus nach einem vollständigen Truppenrückzug auf beiden Seiten Koreas, sowie die strikte Ablehnung dieses Vorschlags in Washington unter der Argumentation einher, zuerst müsse dort für eine stabile politische Ordnung gesorgt werden.37 Ein vollständiger, beidseitiger Abzug entsprang insofern dem machtpolitischen Kalkül der Sowjetregierung, als jener den bis dato überlegenen kommunistischen Kräften in Korea ein freies Spiel gelassen hätte. Aus einer neorealistischen Perspektive konnten die USA diesem Vorschlag freilich erst einmal nicht zustimmen, da dies der Aufgabe ihrer Interessensphäre gleichgekommen wäre, mit negativen Auswirkungen nicht nur für das amerikanische Prestige. Nachdem sich daher die Amerikaner diesem Vorschlag konsequent verweigerten, zog die Sowjetunion im Alleingang ihre Truppen im Norden bis zum Ende des Jahres 1948 vollständig ab.38 Von den Sowjets militärisch aufgerüstet, konnte das dort hinterlassene kommunistische Machtgebilde als eine relativ stabile politische Einheit angesehen werden, die dem Süden im Falle eines Krieges materiell überlegen gewesen wäre. Vor diesem Hintergrund blieb die junge Republik Südkorea für ihr politisches Überleben auch nach dem teilweisen Rückzug der Amerikaner im Jahre 1949, als sie nur noch eine geringe Anzahl an Streitkräften und militärischen Beratern zur Ausbildung südkoreanischer Truppen vor Ort beließen, noch vollständig abhängig von diesen. Es gibt dabei plausible Thesen, die besagen, die USA hätten Südkorea und insbesondere das Regime um Syngman Rhee bewusst in dieser schwachen Position gehalten, um dadurch ihren fortwährenden Einfluß zu sichern.39 Auch hätten sie demnach durch ihre passive Haltung sowie durch ein öffentlich kundgetanes Desinteresse Nordkorea erst zu diesem bereits lange erwarteten Angriff ermutigt. Dies hätte dann den Amerikanern einen willkommenen Vorwand geliefert, um selbst in den Krieg zu ziehen und ihre Interessen in Asien auf eine militärische Weise durchsetzen zu können.

Gesichert ist jedenfalls, dass der Krieg am 25. Juni 1950 um 4.00 Uhr Ortszeit durch einen nordkoreanischen Angriff begann und sowohl die Südkoreaner als auch die Amerikaner trotz Hinweisen vom Zeitpunkt des Angriffs überrascht wurden.40 Zwar wird in der Literatur immer wieder auch der Frage nachgegangen, ob die Offenive möglicherweise - wie nach der offiziellen Darstellung Nordkoreas - nur die Reaktion auf eine ursprüngliche Grenzverletzung südkoreanischer Truppen war. Doch die glaubhafteren Indizien verweisen darauf, dass der Krieg vom Regime in Nordkorea von langer Hand geplant wurde und dabei die Strategie einer fingierten Gegenoffensive bewusst als ein Vorwand entwickelt wurde.41 Diese These von Nordkorea als alleinigem Aggressor stützt sich insbesondere auf Chrustschows Aussage in seinen Memoiren, wonach betont werden müsse, dass » der Krieg nicht Stalins, sondern allein Kim Il-sungs Idee war «42 . Dennoch ist damit die Schuldfrage noch nicht hinreichend geklärt, denn über den reinen Akt der Aggression hinaus stellt sich die Frage nach den politischen Ursachen und denjenigen Faktoren, die zur Ausdehnung einer begrenzten inner-koreanischen Angelegenheit bis hin zu einem internationalen Krieg führten.43 Und hier ergibt sich aus dem Studium der bisher verwendeten Materialien, dass sowohl die USA als auch die Sowjetunion durchaus eine Mitverantwortung haben, weil sie die Eskalation des Konflikts zu einem Krieg zumindest nicht verhindert haben. Trotz Bedenken hinsichtlich eines möglichen Eingreifens der USA hatte z.B. Stalin die Aktion Kims letztlich gebilligt und damit erst möglicht.44 Ohne seine Zustimmung wäre dieses hochbrisante Vorhaben vor dem weltpolitischen Hintergrund des Kalten Krieges und der Eigenschaft Nordkoreas als eines Satellitenstaates so nicht in die Tat umsetzbar gewesen - und auch das Risiko eines amerikanischen Eingriffs musste er dabei zumindest einkalkulieren, selbst wenn er vielleicht anderes erhofft haben mag.

Auf der anderen Seite wird in der einschlägigen Literatur auch Kritik an der Rolle Amerikas laut, welches durch die Vernachlässigung des militärischen Kräftegleichgewichts in Korea zum Krieg beigetragen hätte und schließlich durch sein militärisches Eingreifen auch die Ausweitung und Internationalisierung des Konflikts zu verantworten hätte.45 Vielfach kritisiert wird hierbei die Passivität Amerikas vor dem Krieg, obwohl es bereits Hinweise auf einen unmittelbar bevorstehenden Angriff Nordkoreas gab. Aufgrund der kriegsrhetorischen Haltung Syngman Rhees wurden südkoreanische Quellen über die Gefahrenlage aber meist als übertrieben eingestuft. Ein Bericht des amerikanischen Kontrollrats in Südkorea, Drumright, vom 11. Mai 1950 enthält bereits präzise Angaben über die Stärke nordkoreanischer Truppen entlang des 38. Breitengrades, welche die Gefahrenlage durchaus hätten erkennen lassen und wohl auch haben.46 Doch die Acheson-Doktrin vom Januar 1950 schloß Südkorea aus dem direkten Schutz und den unmittelbaren Sicherheitsinteressen der USA aus47 - was angesichts des späteren Eingreifens der USA in Korea durchaus fragwürdig ist. Es gibt daher berechtigte Einwände, ob die USA mit diesem politischen Verhalten nicht erst einen nordkoreanischen Angriff provozierten. Vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Mitverantwortung kann also der Korea-Krieg auch als eine kalkulierte Eskalation der beiden Supermächte gedeutet werden.

[...]


1 Noack, P./Stammen, T., Grundbegriffe, 1976, S.161

2 Nohlen, D., Politikwissenschaft, 1987, S.482

3 Horowitz, M., History of Ideas, 2005, S.500

4 Noack, P./Stammen, T., Grundbegriffe, 1976, S.162

5 Buchan, A., Crisis Management, 1966, S.20/21

6 Vgl. Noack, P./Stammen, T., Grundbegriffe, 1976, S.162

7 Nohlen, D., Politikwissenschaft, 1987, S.484

8 Byun-Brenk, W.-L., Präventivkrieg Amerikas, 2005, S.10

9 Vgl. Kindermann, G.-K., Korea in der Weltpolitik, 2005, S.17

10 Byun-Brenk, W.-L., Präventivkrieg Amerikas, 2005, S.10

11 Kindermann, G.-K., Korea in der Weltpolitik, 2005, S.34

12 Stone, I.F., Korean War, 1969, S.37

13 Byun-Brenk, W.-L., Präventivkrieg Amerikas, 2005, S.10

14 Vgl. Stone, I.F., Korean War, 1969, S.37

15 Ich gebrauche hier bewusst den Begriff » spätestens «, weil Byun-Brenk den Zeitpunkt der Internationalisierung des Konfikts noch etwas früher ansetzt (Vgl. Byun-Brenk, W.-L., Präventivkrieg Amerikas, 2005, S.11)

16 Stone, I.F., Korean War, 1969, S.37

17 Vgl. Kindermann, G.-K., Korea in der Weltpolitik, 2005, S.51

18 Byun-Brenk, W.-L., Präventivkrieg Amerikas, 2005, S.15

19 Ebd., S.11

20 Vgl. Kindermann, G.-K., Korea in der Weltpolitik, 2005, S.55-61

21 Stone, I.F., Korean War, 1969, S.37-38

22 Vgl. Kindermann, G.-K., Korea in der Weltpolitik, 2005, S.71-73

23 Byun-Brenk, W.-L., Präventivkrieg Amerikas, 2005, S.19

24 Kindermann, G.-K., Korea in der Weltpolitik, 2005, S.76

25 Vgl. Foreign Relations, 1946, Bd. VIII, S.617-619

26 Vgl. Byun-Brenk, W.-L., Präventivkrieg Amerikas, 2005, S.65-72

27 Foreign Relations, 1947, Bd. VI, S.686/687 u. S.706/707

28 Er bezieht sich dabei auf den historischen Präzedenzfall Österreich und dessen politische Neuordnung nach dem II. Weltkrieg unter der Viermächtebesatzung (Vgl. Kindermann, G.-K., Korea in der Weltpolitik, 2005, S.77)

29 Vgl. Byun-Brenk, W.-L., Präventivkrieg Amerikas, 2005, S.73-84

30 Ebd., S.24

31 McCormack, G./Gittings, J., Crisis in Korea, 1977, S.7

32 Byun-Brenk, W.-L., Präventivkrieg Amerikas, 2005, S.94

33 Foreign Relations, 1949, Bd. VII, S.1108

34 Vgl. Ambassador Jessup, P.C., Report, 1950, S.627

35 Halliday, J., Political Background, 1993, S.15

36 Offiziell begründet 1950, im gegen die Dominanz der USA gerichteten sino-sowjetischen Freundschaftsvertrag

37 Kindermann, G.-K., Korea in der Weltpolitik, 2005, S.78

38 Halliday, J., Political Background, 1993, S.17

39 Vgl. Byun-Brenk, W.-L., Präventivkrieg Amerikas, 2005, S.106-108

40 Kindermann, G.-K., Korea in der Weltpolitik, 2005, S.98

41 Goncharov, S./Lewis, W./Litai, X., Uncertain Partners, 1993, S. 150

42 Talbott, S., Chrustschow, 1971, S.373

43 Vgl. Byun-Brenk, W.-L., Präventivkrieg Amerikas, 2005, S.93-96

44 Vgl. Goncharov, S./Lewis, W./Litai, X., Uncertain Partners, 1993

45 Vgl. Stone, I.F., Korean War, 1969 ; Ebenso: Byun-Brenk, W.-L., Präventivkrieg Amerikas, 2005 ; Halliday, J., Political Background, 1993

46 Vgl. Foreign Relations, 1950, Bd. VII, S.84 u. S.105

47 Kindermann, G.-K., Korea in der Weltpolitik, 2005, S.96

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Die Korea-Krise von 1950
Untertitel
Analyse und Interpretation aus Sicht der Entscheidungstheorie
Hochschule
Hochschule für Politik München
Veranstaltung
Hauptseminar: Weltpolitische Krisen - Entstehung und Bewältigung
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
33
Katalognummer
V144198
ISBN (eBook)
9783640547883
ISBN (Buch)
9783640553181
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Korea-Krise, Analyse, Interpretation, Sicht, Entscheidungstheorie
Arbeit zitieren
Helmut Wagner (Autor), 2009, Die Korea-Krise von 1950, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144198

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