Knowledge Management in der New Economy - Problem oder Chance?


Diplomarbeit, 2002

106 Seiten, Note: 2,1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
Erläuterung der Aufgabenstellung

2 Wissen und Wissensmanagement
2.1 Der Begriff Wissen
2.2 Wissensarten
2.2.1 Implizites (tazites) und explizites Wissen
2.2.2Personales und organisationales Wissen
2.3Theorie der Wissensschaffung in Unternehmen
2.4Betrachtung von Wissen auf Unternehmensebene
2.4.1Die Wissensbasis
2.4.1.1Die Wissensträger
2.4.1.2Die Wissensverfügbarkeit
2.4.1.3Dynamik der Wissensbasis
2.4.1.4 Zusammenfassung
2.5Wissensmanagement
2.5.1Definition Wissensmanagement
2.5.2Die Bedeutung von Wissensmanagement auf Unternehmensebene
2.6Modelle des Wissensmanagements
2.6.1Theoretische Ansätze
2.6.1.1Humanorientierter Ansatz nach Nonaka/Takeuchi
2.6.1.3Das Bausteinkonzept von Probst/Raub/Romhardt
2.6.1.3.1Wissensziele
2.6.1.3.2Wissensidentifikation
2.6.1.3.3 Wissenserwerb
2.6.1.3.5Wissens(ver-)teilung
2.6.1.3.6Wissensnutzung
2.6.1.3.7Wissensbewahrung
2.6.1.3.8Wissensbewertung
2.6.2 Beurteilung der verschiedenen Ansätze
2.6.3 Praktische Ansätze - Organisation
2.6.3.1 Wissensbasierte Unternehmenskultur
2.6.3.2 Organisationsform
2.6.3.3Customer Relationship Management (CRM)
2.6.4 Praktische Ansätze – Informations- und Kommunikations- technologie
2.6.4.1Intranet
2.6.4.2Data Warehouse, OLAP und Data Mining
2.6.4.3Groupware und Workflowmanagement
2.6.4.5Customer Relationship Management System (CRM)
2.6.5 Barrieren

3. WM in der New Economy
3.1 Evolution der Neuen Ökonomie
3.2Start-ups der New Economy
3.3Eingrenzung der New Economy
3.3.1New Economy – Vieldeutigkeit eines Begriffs
3.3.2 Von der Informationswirtschaft zur Internet-Ökonomie
3.4 Charkteristika der Internet – Ökonomie
3.5 Charakteristika der Internet-Unternehmen
3.5.1Die klassische Internet-Gründung
3.5.2 Geschäftsmodelle
3.5.3Probleme der Internet-Unternehmen und Lösungsansätze über Wissensmanagement
3.5.3.1Costomer Relationship
3.5.3.2Wachstum und organisatorischer Wandel
3.5.3.3Management

4. Fazit

Universität Regensburg

Diplomarbeit

Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät

Knowledge Management in der New Economy

Problem oder Chance?

Betreuender Professor: Prof. Dr. Michael Dowling

Lehrstuhl für Innovations- und Technologiemanagement

Vorgelegt von: Winter Ralf

Fachrichtung: BWL

Datum: 17.10.2002

Ort: Regensburg

1 Einleitung

Erläuterung der Aufgabenstellung

Aufgabe dieser Arbeit ist es, das Konzept eines ganzheitlichen Wissens-managementsystems darzustellen und die Frage zu klären, ob Unternehmen der New Economy damit ein hilreiches Managementkonzept zur Verfügung steht. Vorreiter im Wissensmanagement waren Ende der 80er Jahre grosse Konzerne und Beratungsfirmen. Im Unterschied zu Großunternehmen bieten Unternehmen der New Economy andere Rahmenbedingungen für ein derartiges System, die sich in einem anderen Anforderungsportfolio niederschlagen. Zunächst wird im Rahmen dieser Arbeit der Begriff Wissen und die Bedeutung von Wissen auf Unternehmensebene erläutert.

Vor diesem Hintergrund muss Wissen als zusätzlicher Produktionsfaktor betrachtet werden, womit dem Wissensmanagement der Status der Nutzung von Kapital zukommt. Die Betrachtungsweise als "Wissenskapital" stützen Untersuchungen über den Anteil von Wissen an der Wertschöpfung eines Unternehmens. In einer Studie nach Heisig[1] gaben 36% der Befragten deutschen Unternehmen an, der Anteil des Produktionsfaktors Wissen an der Wertschöpfung betrage mehr als 60 Prozent. Aufgrund dieser Befragung wird die Problematik des entgangenen Vorteils durch nicht genutztes Wissen in Unternehmen offensichtlich. 82% der Befragten beurteilten in der gleichen Studie den entgangenen Nutzen durch "brachliegendes" Wissen mit mittel bis hoch. Ein erfolgreiches Wissensmanagement kann sich direkt auf die Wertschöpfung des Unternehmens auswirken.

Komplettiert wird das Wissensmanagementsystem mit der Ausarbeitung theoretischer Ansätze und den Umsetzungsmöglichkeiten in der Praxis.

Im Weiteren wird auf die Besonderheiten der New Economy eingegangen und auf Unternehmen der Internet-Ökonomie eingegrenzt. Zum Abschluss werden die dargebrachten Ergebnisse zusammengeführt und der Nutzen eines Wissensmanagementsystems für Internet-Unternehmen analysiert.

2 Wissen und Wissensmanagement

2.1 Der Begriff Wissen

Bevor auf die Konzepte WM und New Economy eingegangen werden kann, muss zuerst der Begriff Wissen definiert, abgegrenzt, in verschiedenen Arten dargestellt und Möglichkeiten seiner Generierung aufgezeigt werden.

Für den Begriff Wissen gibt es keine eindeutige oder allgemeingültige Definition, da man von verschiedensten Sichtweisen aus (z.B. Philosophie, Psychologie, Soziologie) Wissen interpretieren kann. Da Wissen in dieser Arbeit vor einem betriebswirtschaftlichen Hintergrund betrachtet wird, stellen folgende Definitionen einen guten Überblick dar:

Wissen ist...

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wissen stützt sich bis zu einem gewissen Grad auf Daten, auf codierte Zeichen ohne Interpretation ihrer Bedeutung. Sie bilden das Rohmaterial für die Schaffung von Information, die als Nachricht einen Empfänger erreicht, für den deren Inhalt eine Veränderung (Weltbild, Selbstverständnis, etc.) bewirkt und ihm zu einer neuen Einsicht verhilft. Wissen bildet aus Erfahrungen, Wertvorstellungen, Kontextinformationen und Fachwissen einen Rahmen zur Beurteilung und Eingliederung neuer Erfahrungen und Informationen. Entstehung und Anwendung von Wissen findet im Kopf statt und ist damit direkt an die Person gebunden. Der Anwendungsbezug führt zu Könnerschaft bei der betreffenden Person, die durch Wollen zum Handeln wird.

Wird kontextabhängig richtig gehandelt, dann liegt Kompetenz vor, die durch Einzigartigkeit zu Wettbewerbsfähigkeit führt. Dieser Sachverhalt wird durch die "Wissenstreppe" sehr gut beschrieben (s.Abb.1).[7]

Wissen befähigt Menschen mit den vorhandenen Informationsquellen intelligent umzugehen und entsprechend zu handeln. Wissen ist in seiner strukturiertesten Form in Datenbanken und Dokumenten zu finden und in Routinen, Prozessen, Praktiken und Normen enthalten. Wissen ist zugleich Prozess und Bestand. Wissen wird zu einem Drittel aus Dokumenten bezogen und zu zwei Dritteln durch persönliche Kontakte (formelle Ausbildungsverhältnisse, informelle Gespräche, etc.) vermittelt.[8]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Wissenstreppe[9]

2.2 Wissensarten

2.2.1 Implizites (tazites) und explizites Wissen

Besonders im Unternehmensumfeld ist es sinnvoll, vorliegendes Wissen gemäß den Gesichtspunkten implizites oder explizites Wissen und weiterhin personales oder organisationales Wissen weiter zu klassifizieren.

„Ohne eine klare Einsicht in die Problematik der Übergänge zwischen implizitem und explizitem Wissen kommt nicht zum Vorschein, warum das Kernproblem von Wissensmanagement die Verknüpfung und Rekombination der personalen und organisationalen Komponente von Wissen, Lernen und Innovationskompetenz ist.“[10]

Explizites Wissen lässt sich im Gegensatz zum impliziten systematisch in Strukturen oder Prozessen darlegen und ist damit gut dokumentier- und vermittelbar. Derartig kodifiziert kann es laut Weißbach einen Beitrag zur Lösung strukturierter Probleme leisten, indem der Lösungsweg zum Beispiel in einem Prozessablauf dargestellt wird. Im Resultat kann Wissen vor allem in expliziter Form physisch gespeichert und direkt verteilt werden.

Implizites Wissen repräsentiert dagegen eher das subjektive Können, also Fähigkeiten und Kompetenzen, die nicht vollständig beschreibbar sind. Diese mentalen Modelle, Glaubens- und Rechtfertigungssysteme, ergeben insgesamt ein Bild von der Realität sowie Vorstellungen über die Zukunft und beinhalten so vermutete Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge. Implizite Wissensbestände sind schwer formalisierbar und können nur indirekt, zum Beispiel über Analogien, weitergegeben werden.[11]

Damit wird eine Problemlösung als Arbeitsergebnis auch durch die Fähigkeit des Ausführenden limitiert, neues Wissen in die eigenen Erfahrungen und Kompetenzen, also den internalisierten Wissensbestand, einzufügen und so in eigenen Tätigkeiten zu berücksichtigen.

2.2.2Personales und organisationales Wissen

Personales Wissen befindet sich nur für einzelne Individuen im Zugriff, kollektives Wissen dagegen für mehrere zur gleichen Zeit. Wenn implizites Wissen gleichermaßen in verschiedenen Köpfen vorhanden ist, so ist es organisational. Ist explizites Wissen nur durch Verschluss oder Verschlüsselung für ein Individuum erreichbar, ist es personal.[12]

In Organisationen ist Wissen häufig in Dokumenten oder auf Speichermedien enthalten. Es erfährt ferner eine allmähliche Einbettung in organisatorische Routinen, Praktiken, Normen, Standardverfahren, Kodifizierungen, Arbeitsprozess- Beschreibungen, Traditionen und die spezifischen Kulturmerkmale einer Organisation.[13]

Erst personales und organisationales Wissen zusammen „bieten gegenüber den Kontingenzen und Anforderungen einer dynamischen Umwelt einigermaßen Gewähr dafür, dass die notwendigen Anpassungen gelingen, weil sich Schwächen der einen Seite durch Stärken der anderen kompensieren lassen.“[14]

Für Unternehmen ist letztlich das kollektive Wissen ausschlaggebend, weil es koordinierte Handlungszusammenhänge darstellen kann. Einzelne Experten genügen nicht, sofern sie ihr Wissen nicht im Umfeld mitteilen und dort adäquate Handlungen aktivieren können. Personales Wissen muss daher kollektiviert werden, d.h. ursprünglich nur wenigen zugängliches Wissen wird durch Maßnahmen mehreren zugänglich gemacht.

Wettbewerbsvorteile erwachsen der Organisation aus organisationalem Wissen. Dieses ist in ein Netz von Beziehungen so eingebettet, dass es nicht in Einzelteile zerlegt und als solche imitiert oder erworben werden kann.[15]

2.3Theorie der Wissensschaffung in Unternehmen

Die Umwandlung individuellen, impliziten Wissens in kollektives Wissen ist Voraussetzung für eine bessere Informationsversorgung und –bearbeitung sowie für eine Wertschöpfung durch Wissen. Organisationales, d.h. kollektives Wissen ist nur das Wissen, das unabhängig von den Mitarbeitern in den Operationsformen des sozialen Systems Unternehmen gespeichert ist.[16] Hierzu zählen Regelsysteme, Standardverfahren, Leitlinien, Arbeitsprozess-beschreibungen, Routinen, Traditionen, Datenbanken usw. Die symbolische Kultur des Unternehmens ist ebenfalls ein Element des kollektiven Wissens; in welchem Maß sie explizierbar ist, ist freilich strittig.

Die Schaffung kollektiver Wissensbestände ist also eine Hauptaufgabe des Unternehmens, bei der ein systematisches Wissensmanagement hilft. Voraussetzung hierfür ist z. B. der Austausch von Erfahrungen und Gedanken, die Individuen oder kleine Teams mit ihren Projekten gemacht haben. Sie sollten als „lessons learned“ dokumentiert und aufbereitet werden, um anderen

Mitarbeitern und Teams zur Verfügung zu stehen, die ähnliche Aufgaben bewältigen müssen. Auf diese Weise wird verhindert, Fehler zu wiederholen. Freilich macht jeder seine eigenen Fehler, d.h. der Kontext, in dem das (fremde) Wissen, das nun übertragen werden soll, entstanden ist, muss stets mit reflektiert und daher dokumentiert werden; sonst kommt es zur unreflektierten Weitergabe von Rezepten.[17]

Eine grundlegende Voraussetzung für die Kollektivierung von Wissen ist eine funktionsfähige Kommunikationsstruktur und eine hohe Kommunikations-intensität. Das Wissen Einzelner muss ver teilt und ge teilt werden, damit es für das gesamte Unternehmen dauerhaft nutzbar wird. Das verallgemeinerte und explizierte kollektive Wissen kann dann wieder als Grundlage für neue Erfahrungen und Lernprozesse der Individuen dienen; es wird angepasst, lokalen Bedingungen und Lernerfahrungen entsprechend modifiziert und kann dann erneut expliziert und generalisiert werden.

Durch eine Verbindung von implizitem und expliziten Wissen, also einem quasi vertikal verlaufenden Wissenszyklus von individuellem zu kollektiven Wissen, wird das Wissen des Unternehmens insgesamt erweitert und verbessert. Die japanischen Wissenschaftler Nonaka und Takeuchi beschreiben vier Mechanismen der Wissensveränderung bzw. –weitergabe (s. Abb. 2):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2: Theorie der Wissensschaffung[18]

•Implizites Wissen einzelner Personen wird durch Sozialisation sprozesse personengebunden weitergegeben (z.B. durch Imitation, Beobachtung). Wissen einzelner wird so zum impliziten Wissensbestand kleiner Teams.

•Wird dieses implizite Wissen externalisiert, wird es zu explizitem Wissen, das kollektiv in Regeln gespeichert werden kann (z.B. durch Handbücher, Dokumentationen, Quality Circles). Das Wissen des Teams wird zur Formulierung von Strategien genutzt, die im Sinne des Unternehmenszwecks gerechtfertigt werden.

•Hieraus entstehen Handlungsmuster, die auch in andere Gruppen im Unternehmen verbreitet werden können. Durch Kombination können verschiedene explizite Wissensbestände neues Wissen schaffen (z.B. durch Austausch der verschiedenen Quality Circles, gemischte Experten- und Problemlösungsteams, Aushandlung von neuen Regeln usw.). Ein Wissensnetzwerk entsteht.

•Das explizite Wissen wird durch Internalisierung wieder zu implizitem Wissen (d.h. die Teilnehmer entwickeln in diesen Strukturen ihr Wissen individuell weiter) . Verbindet man diesen Gedankengang mit der Vorstellung der individuellen und kollektiven Ebene des Wissens, ergibt sich der organisatorische Lernzirkel (s. Abb.3).[19]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Organisatorischer Lernzirkel[20]

In der Handlung des einzelnen Mitarbeiters wird sein individuelles (implizites und explizites) Wissen angewandt. Er handelt aufgrund seiner persönlichen Wahrnehmung der Situation und seiner kognitiven Muster. Bei einer Kollektivierung seiner Handlungsgrundlagen wird zusätzliches Wissen generiert. Das zuvor individuelle Wissen wird auch anderen Personen zugänglich gemacht. Die Kollektivierung erfolgt z. B. über Kommunikationen (Austausch) oder Beobachtung.

Das Wissen ist nun redundant in den Wissensvorrat mehrerer Individuen übergegangen, gemeinsame Deutungen sind möglich. In Aushandlungs-prozessen kann dieser gemeinsame (i. d. R. explizite) Wissensbestand neu kombiniert werden. Vorschläge zur Veränderung werden anschließend durch Institutionalisierung in der Organisation gespeichert.

Die Wissensbasis wird sozusagen offiziell verändert, indem etwa Regelbestände oder Arbeitsplatzbeschreibungen modifiziert werden. In der Handlung der einzelnen Mitarbeiter, die sich an den neuen Regeln orientieren, manifestiert sich das neue Wissen. In konkreten Handlungen und Entscheidungen nehmen sie darauf Bezug und machen es zur alltäglichen Handlungsvoraussetzung. Es kommt zu einem Feedback an die individuellen Wissensbestände. Durch Habitualisierung wird das neue Wissen mit der Zeit zu einer Selbstverständlichkeit, die wieder Grundlage neuer Handlungen ist. Neu erlerntes explizites Wissen wird zu implizitem Wissen.

2.4Betrachtung von Wissen auf Unternehmensebene

Wissen kann als Ressource betrachtet werden, die neben Arbeit, Boden und Kapital gerne als vierter Produktionsfaktor gewürdigt wird. Sowohl für Unternehmen im High-Tech-Bereich als auch für solche, die Low-Tech-Produkte herstellen, sowohl für Produktionsunternehmen als auch für Dienstleistungsanbieter ist die Verfügbarkeit von relevantem Wissen von besonderer Bedeutung. Ein Grund hierfür ist, dass Wissen in zunehmendem Maße die Produkte eines Unternehmens prägt. Dies gilt unmittelbar für Unternehmen, die primär wissensbasierte Produkte (z.B. Beratung, Weiterbildung, Planung und Informationsverarbeitung) anbieten.[21] Aber auch andere Unternehmen stellen fest, dass ursprüngliche Nebenleistungen, die sich durch besonderes Wissen auszeichnen (z.B. Serviceangebote), im Laufe der Zeit zu Hauptprodukten geworden sind und einen wesentlichen Teil zum Umsatz beitragen. Hinzu kommt, dass auch die meisten sonstigen Produkte einen steigenden Anteil wissensbasierter Funktionen aufweisen und der daraus resultierende wissensbasierte Zusatznutzen in vielen Fällen zum wettbewerbsentscheidenden Faktor wird.[22] Zudem ist Wissen eine wesentliche Grundlage aller Prozesse und Funktionen eines Unternehmens, wobei auch hier eine zunehmende Wissensintensität zu verzeichnen ist (s. Abb.4).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.4: Einordnung und Entwicklungstrend von Produkten in einer Gesamtleistungsmatrix[23]

Die vertikale Achse repräsentiert in Abb.4 den Anteil immaterieller Leistungs-komponenten am gesamten Leistungsbündel. Die horizontale Achse steht für das Customizing, also die immer stärker auf den Kunden bezogene und mit dem Kunden zusammenarbeitende Form der Leistungserstellung. Der Trend, der sich allenthalben beobachten lässt, ist der einer Verlagerung produktiver Aktivitäten von links unten nach rechts oben, d. h. einer Informations-intensivierung von Produkten und Produktionsprozessen bei gleichzeitiger Ausrichtung auf individuelle Kundenwünsche.

2.4.1Die Wissensbasis

Für Know-how intensive Produkte und Dienstleistungen, wie z. B. die Dienste von Rechtsanwälten oder Unternehmensberatern gelten hohe und häufig sogar steigende Marktpreise. Wissen steigt mit seiner Nutzung und Erfahrung im Wert, da es vielfach verwendet, kombiniert und dabei weiterentwickelt wird. Dabei ist Wissen ein Engpassfaktor, weshalb Wissensmärkte durch steigende Nachfrage gekennzeichnet sind, was sich u. a. am Beispiel der anhaltenden Nachfrage nach Beratungsleistungen oder der Knappheit von IT-Experten und Ingenieuren in der Wirtschaft zeigt. Die Tatsache, dass Wissen sowohl in die Unternehmensprodukte als auch in die Unternehmensprozesse und -funktionen einfließt, erklärt zugleich, dass eine auf die jeweiligen Anforderungen abgestimmte Wissensbasis einen wesentlichen Erfolgsfaktor für Unternehmen bildet. Entscheidende Determinanten des aktuellen Erfolgs eines Unternehmens sind die Kosten der Leistungserstellung, die Qualität der Leistungen sowie -insbesondere in Märkten mit kurzen Produktlebenszyklen- der Zeitfaktor. Auf alle diese Eckpunkte übt die verfügbare Wissensbasis eines Unternehmens einen deutlichen Einfluss aus. So lassen sich die Kosten der Leistungserstellung durch einen gezielten Wissenseinsatz senken, indem Erkenntnisse über neue Kosten sparende Fertigungsmethoden genutzt,unnötige Aufwendungen vermieden und bereits vorhandene Wissensergebnisse mehrfach verwendet werden.[24] Außerdem verbessert sich mit höherem Wissensstand oft auch die Qualität von Managemententscheidungen, was gegebenenfalls weitere Kostensenkungen begünstigt.[25] Die Kostenvorteile können wiederum in höhere Deckungsbeiträge oder in Preisvorteile am Markt umgesetzt werden. Zugleich kann die Güte der Wissensbasis die vom Kunden wahrgenommene Qualität der angebotenen Produkte beeinflussen und somit zu einer Profilierung gegenüber der Konkurrenz beitragen. Je umfassender und aktueller das jeweilige Wissen ist, desto neuartigere, ausgereiftere und damit in der Regel auch qualitativ höherwertige Produkte können entwickelt und vermarktet werden. Hinzu kommt, dass ein dem Kunden angebotener wissensbasierter Zusatznutzen (etwa in Form von Beratung oder zusätzlichen Service) immer öfter Wettbewerbsentscheidend wirkt.[26] Schließlich lässt sich durch einen gezielten Wissenseinsatz auch die für die Produktentwicklung, Vermarktung etc. benötigte Zeit verkürzen, indem zum Beispiel geeignete Methoden ausgewählt, Suchzeiten verringert und Doppelarbeiten vermieden werden.[27] Durch die Ermöglichung vergleichsweise niedriger Kosten, hoher Absatzzahlen und frühzeitiger Marktpräsenz trägt eine fundierte Wissensbasis also zum aktuellen wirtschaftlichen Erfolg und damit zum Gewinn eines Unternehmens bei.

Im Zusammenhang mit dem zukünftigen Erfolgspotenzial eines Unternehmens sind zusätzlich zwei weitere Faktoren von Interesse: zum einen ist es wichtig, dass bestehende Wettbewerbsvorteile von einem Unternehmen über längere Zeit aufrechterhalten werden können, und zum anderen ist für die zukünftige Entwicklung des Erfolgs eine entsprechende Flexibilität des Unternehmens relevant. Auch auf diese beiden Faktoren übt die bestehende Wissensbasis einen nicht zu unterschätzenden Einfluss aus. Da nämlich der Aufbau einer spezifischen Wissensbasis i. d. R. an langfristige und kostspielige Prozesse gekoppelt ist, ist die Einholung eines Wissensvorsprungs durch konkurrierende Unternehmen kaum kurzfristig möglich, so dass i. d. R. eine gewisse Nachhaltigkeit einer wissensbasierten Erfolgsposition gegeben ist.[28] Dieser Effekt kann durch das Setzen von Standards sowie durch eine konsequente Nutzung von Erfahrungskurveneffekten weiter abgesichert werden. Für Unternehmen ist es daher besonders in ihren Kerngeschäftsfeldern wichtig, über eine gut ausgebaute Wissensbasis zu verfügen, die sie gegenüber der Konkurrenz auszeichnet. Die beherrschten Wissensgebiete bilden außerdem die Grundlage für neue Entwicklungen. Die Flexibilität eines Unternehmens wird in diesem Zusammenhang in starkem Maße durch das vorhandene Wissen und die dadurch gegebenen Handlungsmöglichkeiten sowie durch die Lernfähigkeit, also die Fähigkeit der Anpassung der eigenen Wissensressourcen an neue Anforderungen und veränderte Rahmenbedingungen, bestimmt.

Die Bedeutung der Wissensressourcen für den Unternehmenserfolg findet zunehmend Beachtung, und die Fähigkeit wissensintensiver Unternehmen, am Markt signifikante Erträge zu erwirtschaften, wird allgemein als hoch eingeschätzt. Diese Einschätzung spiegelt sich u. a. in den Börsennotierungen der Unternehmen wider. So ist festzustellen, dass der Wert der Börsenkapitalisierung wissensintensiver Unternehmen häufig höher ist als der von kapitalintensiven Unternehmen, selbst wenn dem keine entsprechenden Bilanzgewinne gegenüberstehen.

2.4.1.1Die Wissensträger

Da Wissen selbst immateriell ist, ist es an Wissensträger gebunden und wird nur durch diese erfahrbar. Unter den Begriff Wissensträger werden diejenigen körperlichen Elemente subsumiert, in denen sich Wissen manifestieren kann.[29]

Damit gehören zu den Wissensträgern in einem Unternehmen die Mitarbeiter (als Individuen und als Gruppen) ebenso wie beispielsweise Bücher, Computer und Fertigungsmaschinen.

Personelle Wissensträger treten in einer Organisation als eigene Mitarbeiter, Mitarbeiter von Fremdfirmen oder Selbständige auf. Die konkrete Ausprägung des Wissens einer Person lässt sich auf verschiedene Faktoren zurückführen. Dazu gehören die Ausbildung, die bisherigen Erfahrungen sowie der jeweilige Aufgabenbereich im Unternehmen, der sowohl durch die fachlichen Anforderungen als auch durch die Position innerhalb der Hierarchie charakterisiert wird. Die Gesamtheit dieser Faktoren bildet den spezifischen Hintergrund der Person, der sich etwa bei Ingenieuren, Verwaltungskräften und Managern deutlich unterscheidet.[30]

Ferner spielen wissensrelevante Persönlichkeitsmerkmale wie Selbstsicherheit, Extraversion, Initiative, Willenskraft und Kreativität eine bedeutende Rolle. Und darüber hinaus beeinflusst auch eine affektive, motivationale Komponente den Umgang der personellen Wissensträger mit Wissen.[31] In personellen Wissensträgern ist potentiell die gesamte Spannweite des Wissens verkörpert und i.a. sind auch nur sie zu einer eigenständigen Erzeugung neuen Wissens, im Gegensatz zu materiellen Wissensträgern, in der Lage.

Bei materiellen Wissensträgern steht überwiegend die Speicherungsfunktion im Vordergrund. Dementsprechend hängt die Qualität des in den materiellen Wissensträgern gespeicherten Wissens letztlich weniger von der Art des Trägers als von der jeweiligen Quelle des Wissens ab. Materielle Wissensträger können wie folgt unterschieden werden[32]:

•Druckbasierte Wissensträger (Bücher, Fachzeitschriften, Notizzettel, etc.)

•Audiovisuelle Wissensträger (Tonbänder, Fotos, Videobänder, etc.)

•Computerbasierte Wissensträger (Festplatten, Disketten, CD-ROMs, etc.)

•Produktbasierte Wissensträger (Erzeugnisse, Einsatzmittel, Fertigungsanlagen, etc.)

Druckbasierte Wissensträger können explizites kenntnisgebundenes Wissen aufnehmen, das in die Form von Text und/oder Bild umgesetzt wurde. Wissensinhalte, die in audiovisuellen Wissensträgern gespeichert werden sollen, müssen unmittelbar in akustischer und/oder optischer Form vorliegen und von den entsprechenden Aufnahmegeräten erfassbar sein.

Audiovisuelle Wissensträger sind somit zum einen zur Speicherung von Kenntnissen expliziter Art geeignet. Zum anderen können sie durch die Aufnahme und anschließende Analyse von Vorgängen auch die Gewinnung von neuem sowie die Explizierung von implizitem Wissen bewirken.

Zur Speicherung in computerbasierten Wissensträgern müssen die Wissensinhalte in digitaler, computerlesbarer Form vorliegen.

Schließlich zählen auch die im Unternehmen vorhandenen Produkte zu den Trägern von Wissen. In den produktbasierten Trägern ist unterschiedliches Wissen zu finden. So enthalten sie in der Regel Wissen über ihre Existenz, ihre Herkunft und ihre Qualität.[33] Produkte geben Hinweise auf das bei der Fertigung eingesetzte Wissen sowie Informationen über die Gestalt und die Funktion des Produktes.

Aufbauend auf personelle und immaterielle Wissensträger lassen sich in Unternehmen kollektive Wissensträger identifizieren. Unter einem kollektiven Wissensträger soll dabei eine Einheit personeller und gegebenenfalls materieller Wissensträger verstanden werden, die in ihrer Gesamtheit über ein originäres kollektives Wissen verfügt, das über die Summe des Wissens der einzelnen Mitglieder hinausgeht. Zu kollektiven Wissensträgern zählen Teile eines Unternehmens (Teams, Projektgruppen, Abteilungen etc.) ebenso dazu wie das Unternehmen als Ganzes oder auch interorganisationale Gebilde (z. B. Allianzen oder Netzwerke).[34]

2.4.1.2Die Wissensverfügbarkeit

Die Existenz von Wissensträgern mit Wissen allein sichert noch nicht, dass das entsprechende Wissen auch im Rahmen der Aufgaben eines Unternehmens eingesetzt werden kann. Voraussetzung für den Einsatz des Wissens ist vielmehr seine Verfügbarkeit für die jeweiligen Unternehmensprozesse. Die Wissensverfügbarkeit gibt an, inwieweit ein Unternehmen das jeweilige Wissen und/oder die entsprechenden Wissensträger zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort im Sinne der Unternehmensziele für die Unternehmensprozesse einsetzen kann. Die Wissensverfügbarkeit ist abhängig von der Prozessnähe und dem Standort der Wissensträger, von rechtlichen Regelungen, von der Situation sowie von dem vorhandenen Metawissen.[35]

2.4.1.3Dynamik der Wissensbasis

Die Wissensbasis zeichnet sich dadurch aus, dass sie einer gewissen Dynamik unterliegt.

Das verwertbare Wissen ist in zeitlicher Hinsicht sehr wenig haltbar. Weil die Kontexte, in denen Wissen relevant ist, sich ständig verändern, veraltet es rasch.[36] Durch die ständige Anwendung und Ergänzung des Wissens besitzt es keinen stabilen Eigenwert, sondern ist nur wertvoll, wenn es dynamisch bleibt.

Wissen wird immer wieder neu bearbeitet, Daten werden interpretiert, mit neuen Erkenntnissen verbunden und erneut gespeichert. Das ursprüngliche Wissen verändert sich so ständig in der Aktion, es wird erweitert oder in einen neuen Kontext eingebunden.[37]

Aber nicht nur die Ergänzung und Veränderung der Wissensbasis ist von Nöten, sondern auch das Vergessen irrelevanten Wissens und das Verlernen von eingefahrenen Routinen und Regelungen.[38]

Den größten Effekt auf die Dynamik der Wissensbasis übt das Lernen des Einzelnen und der ganzen Unternehmung aus.

Organisatorisches Lernen besteht für Polanyi in der Nutzung, Veränderung und Fortentwicklung einer organisatorischen Wissensbasis.[39]

Organisationales Lernen lässt sich als die Fähigkeit einer Organisation definieren, Fehler zu entdecken, zu korrigieren und die organisationale Werte- und Wissensbasis so zu verändern, daß neue Problemlösungs- und Handlungskompetenzen entstehen.[40]

Demnach stellt die bloße Erweiterung der organisationalen Wissensbasis noch kein organisationales Lernen dar. Die lernende Organisation macht das Konstrukt Lernen zum Basismodus, d.h. das organisationale Geschehen ist als ein Komplex fortlaufender untereinander vielfältig verknüpfter Lernprozesse aufzufassen. Unter der Lernenden Organisation ist eine Organisation zu verstehen, die fähig ist, Wissen zu generieren, zu sammeln und zu vermitteln, wobei sie in der Lage ist (die Organisation) ihr Verhalten auf der Grundlage gewonnener Einsichten zu verändern .[41]

2.4.1.4 Zusammenfassung

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass jedes Unternehmen über eine eigene Wissensbasis verfügt. Diese ist gekennzeichnet durch die Art und den Umfang des in ihr enthaltenen Wissens, durch die Art und die Anzahl der Wissensträger, durch die Wissensverfügbarkeit sowie durch ihre Dynamik. Das verfügbare Wissen fließt in die unterschiedlichen Unternehmensprozesse und Unternehmensfunktionen ein. Die Ausprägung der Wissensbasis beeinflusst auf diese Weise die Unternehmensleistung hinsichtlich Kosten, Qualität und Zeit sowie die Nachhaltigkeit der Erfolgsposition und die Flexibilität des Unternehmens. Damit ist sie ein wesentlicher Faktor für den aktuellen und zukünftigen Unternehmenserfolg. Für Unternehmen ist es dementsprechend wichtig, die Ressource Wissen gezielt aufzubauen und im Blick auf den Unternehmenserfolg in die Unternehmensprozesse einzubringen. Offenbar stellen aber gerade diese Anforderungen in vielen Fällen ein erhebliches Problem dar.

[...]


[1] Vgl. Heisig 1999.

[2] Kraak 1991, S.12.

[3] Probst et al.1997, S.44.

[4] Preissler et al. 1997, S.2.

[5] Chrobok 1998, S.184.

[6] Heinrich 1995, S.564.

[7] Vgl. North 1999, S. 39 ff.

[8] Vgl. Davenport,Prusack 1998, S.32ff.

[9] Vgl. Drucker 1993, S. 35.

[10] Vgl. Willke, H. 1998, S.17.

[11] Vgl. Weissbach et al. 1998

[12] Vgl. Rehäuser/Krcmar 1996, S.7.

[13] Vgl. Davenport/Prusack 1998, S.32.

[14] Willke, H. 1996, S.281.

[15] Vgl. Schneider, U. 1996, S.21.

[16] Vgl. Willke 1998, S.16.

[17] Vgl. Becker 2000.

[18] Vgl. Nonaka, Takeuchi, 1997, S. 75.

[19] Vgl. Müller-Stewens/Pautzke 1991, S.195; Güldenberg 1998, S.201ff,246f.

[20] Vgl. Müller-Stewens/Pautzke 1991, S.195.

[21] Vgl. Nurmi 1998, S.26; Ortwein/Spalleck 98, S.105.

[22] Vgl. Davis/Botkin 1994, S.169f.

[23] Hardt 1996, S.11.

[24] Vgl. Wagner 1998, S.22-24.

[25] Vgl. Ghingold/Johnson 1997, S. 276-277.

[26] Vgl. Ghingold/Johnson 1997, S. 271-273.

[27] Vgl. Ortwein/Spalleck 1998, S.105.

[28] Vgl. Dierickx/Cool 1989, S.1507-1509.

[29] In Anlehnung an Ewald 1989, S.40.

[30] Vgl. Schein 1996, S 13-16.

[31] Vgl. Asenkerschbaumer 1987 S.66 ff.

[32] In Anlehnung an Berndt 1995, S.285,392-394.

[33] Vgl. Ellinger 1966, S. 263-265.

[34] Vgl. Pawlowsky '98, S.17ff.

[35] Vgl. Pautzke 1989, S.76-82.

[36] Vgl. Willke 1998, S. 115.

[37] Vgl. Weissbach/Marwehe 2000.

[38] Vgl. ebenda.

[39] Vgl. Polanyi 1985, S. 14 ff.

[40] Vgl. Thommen 1996, S.440

[41] Vgl. Garvin 1993, S.80.

Ende der Leseprobe aus 106 Seiten

Details

Titel
Knowledge Management in der New Economy - Problem oder Chance?
Hochschule
Universität Regensburg  (Innovations- und Technologiemanagement)
Note
2,1
Autor
Jahr
2002
Seiten
106
Katalognummer
V14424
ISBN (eBook)
9783638198318
ISBN (Buch)
9783656624660
Dateigröße
2669 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Knowledge, Management, Economy, Problem, Chance
Arbeit zitieren
Ralf Winter (Autor), 2002, Knowledge Management in der New Economy - Problem oder Chance?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14424

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