Der Leidensbegriff in der Kritischen Theorie

Unreglementierte Erfahrung bei Adorno


Masterarbeit, 2009
65 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kritische Theorie
2.1 Geschichtsphilosophie und Vernunft nach Hegel
2.2 Verblendungszusammenhang
2.3 Leid als Motor der Kritik bzw. Triebfeder für Widerstand

3. Adornos Gesellschaftstheorie: Die Liquidation des Individuums
3.1 Exkurs: Lukács
3.2 Die Gesellschaftstheorie Adornos

4. Adornos Subjekttheorie: Leiden und Erkennen
4.1 Ich-Schwäche
4.2 Leiden und Erkennen

5. Fazit und Vorausschau

6. Literaturverzeichnis
6.1 Literatur von Theodor Wiesengrund Adorno
6.2 Weitere Literatur

1. Einleitung

Der Kritischen Theorie haftet, so formuliert Honneth bildlich, „eine Atmosphäre des Veralteten und Verstaubten, des unrettbar Verlorenen an“ (Honneth 2007, a: 28). Insbesondere, führt er weiter aus, sind es klassische Autoren wie Adorno oder Horkheimer, welche aus heutiger Perspektive vielen als veraltet und überholt erscheinen. So sind es wohl eher die aktuellen Arbeiten von Honneth selbst oder diejenigen von Habermas, welche heutzutage gelesen und diskutiert werden und das Erbe der Kritischen Theorie aufrecht erhalten.

Vorliegende Arbeit versucht sich gegen diese Diagnose zu stellen und einen Beitrag für eine mögliche Reaktualisierung der Arbeiten Theodor Wiesengrund Adornos zu leisten. Hierbei bin ich zunächst der selben Überzeugung wie Demirovic, wenn er schreibt: „An ihrer Relevanz [der Kritischen Theorie; m.k.] kann es keinen Zweifel geben.“ (Demirovic 1999: 9) Von dieser allgemeinen Über- zeugung geleitet, versuche ich aus den Arbeiten Adornos gezielt einen Aspekt zu isolieren, der mir in der heutigen kritisch-theoretischen Diskussion oft zu wenig be- achtet scheint. Einer weiteren Beobachtung Demirovics folgend, der die Tendenz ausgemacht hat, dass „immer wieder neue Aspekte der Theorie herausgearbeitet werden und ihren Status und ihre Bedeutung im intellektuellen Feld verändern“ (a.a.O.: 11), möchte ich mit meiner Arbeit einen erneuten Fokus auf diesen bisher wenig beachteten, aber gleichzeitig bedeutenden Aspekt in der Theorie Adornos le- gen.

Dieser Aspekt, individuelles, durch die gesellschaftlichen Verhältnisse er- zeugtes Leid, ist „innerhalb der Rezeption der Kritischen Theorie bislang leider weitgehend unerforscht geblieben“ (Honneth 2007, a: 52). Diesem Befund Honneths folgend, macht es sich vorliegende Arbeit zur Aufgabe, die Bedeutung von Leid in der Gesellschaftstheorie Adornos zu untersuchen und dessen Funktion zu explizie- ren. Beides geschieht auf hermeneutischem Wege. Das heißt, es wird die Bedeutung von Leid in der Theorie Adornos durch die Analyse und Interpretation seiner Werke herausgearbeitet. Gleichwohl wird, insbesondere für die Explikation der Funktion von Leid, auf weiterführende Sekundärliteratur zurückgegriffen. Der Feststellung Honneths folgend, der Leid als bisher weitgehend unerforschte Kategorie bezeich- net, möchte ich mit vorliegender Arbeit den ersten Schritt einer möglichen Reaktua- lisierung der Kritischen Theorie auf Grundlage des Leidensbegriffs bei Adorno ge- hen. Folglich verfährt vorliegende Arbeit weitgehend theorieimmanent. Eine tat- sächliche Reaktualisierung der Kritischen Theorie auf Grundlage eines reformulier- ten Leidensbegriffs nach Adorno bedarf weiterer Analysen, die hier nicht zu leisten sind.

Die Ausrichtung meiner Arbeit folgt der Überzeugung, dass die Funktion von Leid als Motor für gesellschaftlichen Widerstand und Kritik, wie sie sowohl in der Kritischen Theorie im allgemeinen als auch speziell in den Werken Adornos zu finden ist, in den Ansätzen der neueren Kritischen Theorie konzeptuell unberück- sichtigt bleibt. Hierbei wird die Theorie Habermas' als Kontrastvorlage verwendet. Dies ist sowohl der Bedeutung Habermas'1 als auch der Feststellung geschuldet, dass sein kommunikationstheoretischer Ansatz zu kognitivistisch2 angelegt ist, um das zu erfassen, was bei Adorno als Leid im Sinne „vorgeistige[r] Wurzeln“ (Honneth & Menke 2006: 7) Bedeutung erlangt. Dem Umfang dieser Arbeit ist geschuldet, dass es zunächst bei dem ersten Schritt einer Explikation des Leidensbegriffs Adornos bewendet bleiben muss und die Möglichkeit einer Reaktualisierung Adornos in di- rekter Konfrontation mit der Theorie Habermas als lediglich skizzenhafte Idee im Fazit dargelegt wird.

Um die Bedeutung der Kategorie Leid in einen größeren theorie- und ideen- geschichtlichen Zusammenhang zu stellen, wird in einem erstem Schritt (2. Kriti- sche Theorie) die Idee der Kritischen Theorie und insbesondere die Bedeutung indi- viduellen Leides darin skizziert. Die Begründung für die Ausführlichkeit, mit der dieser erste Schritt geschieht, klingt bereits im Titel vorliegender Arbeit an. So weist

Der Leidensbegriff in der Kritischen Theorie - Unreglementierte Erfahrung bei Adorno darauf hin, dass es sowohl um die Darlegung der Bedeutung des Leidensbe- griffs in der Kritischen Theorie im Allgemeinen, als auch um die genaue Rolle von eben diesem in der Theorie Adornos geht. Dieses Vorgehen unterstreicht in einem ersten Schritt die Bedeutung individuellen Leides. Denn wenn nicht nur Adorno, als singulärer Vertreter der Kritischen Theorie, Leid konzeptuell eine bedeutende Rolle zuweist, sondern dies auch spezifisch für das, was unter 2. als Kritische Theorie eingeführt wird, ist, kann dieser Befund als weiteres Argument für eine Reaktualisierung des Ansatzes Adornos herangezogen werden.3

Nach der allgemeinen Auseinandersetzung mit der Kritischen Theorie wird Leid in der Theorie Adornos untersucht. Hierbei bieten die unter 2. herausgearbeite- ten Charakteristika der Kritischen Theorie einen Rahmen für einen leichteren Zu- gang zu dem komplexen Werk Adornos. Diese hat Honneth, auf das Werk Adornos bezogen, nochmals spezifiziert. Er unterscheidet zwischen den drei Komplexen der politisch-ökonomischen Reproduktion, der administrativen Manipulation und der psychischen Integration (vgl. Honneth 1985: 85). Diesem Leitfaden entsprechend, wird in je einem Kapitel die Gesellschaftstheorie (4. Adornos Gesellschaftstheorie: Die Liquidation des Individuums) und die Subjekttheorie (5. Adornos Subjekttheo- rie: Leiden und Erkennen) Adornos ausgeführt.

Der hier skizzierte Ansatz ist geeignet, die Hypothese zu plausibilisieren, dass Adorno mit seiner Kategorie Leid einen spezifischen Bereich menschlicher Existenz zu erfassen in der Lage ist, der neueren Ansätzen der Kritischen Theorie entgeht. Denn, so die Vermutung, Leid ist bei Adorno eine ausdrücklich vor- oder nicht-kognitive Kategorie, durch welche auch basale Bedürfnisse und Triebe Be- rücksichtigung finden. Insbesondere die auf sprachliche Verständigung und damit Intersubjektivität fixierte Theorie Habermas' kann dabei, so meine Unterstellung, jene vor-kognitiven Erfahrungen nicht erfassen, die Adorno mit seiner Kategorie Leid beschreibt. Meine Fragestellung, die im weiteren Verlauf vorliegender Arbeit beantwortet werden soll, lautet daher: Ist Adornos Kategorie Leid geeignet, bedeu- tende vor-kognitive Aspekte menschlicher Erfahrung zu berücksichtigen und zu er- fassen, die Habermas' Theorie des kommunikativen Handelns entgehen?

Die Arbeit schließt mit einem Kapitel, welches die wesentlichen Befunde zu- sammenfasst und auf die These nach dem Mehrwert in Adornos Theorie in Gestalt des Leidensbegriffs zurückkommt. In diesem Kapitel wird, auch ohne einer ausführlichen Darlegung der Theorie des kommunikativen Handelns (vgl. Habermas 1981 a & b) deutlich, in welcher Weise der Ansatz Adornos inhaltlich über das hinausgeht, was Habermas mit seiner kommunikationstheoretischen Wendung der Kritischen Theorie zu erfassen in der Lage ist.

Mit ihrer Ausrichtung leistet vorliegende Arbeit einen Beitrag in der theoreti- schen Diskussion um eine der Gegenwart angemessenen Kritischen Theorie, welche die soziologische Analyse erleichtern kann. Eine bedeutende Aufgabe hierbei ist meines Erachtens, die Tendenzen zur Verdinglichung sowohl - bereits klassisch for- muliert - in der Ökonomie (vgl. Lukács 1968) als auch durch Kommunikation in der Gesellschaft als ganzer freizulegen und deren Zusammenhänge zu untersuchen. Durch die Verteidigung vor-kognitiver Elemente und der hiermit verbundenen Kritik an der Theorie kommunikativen Handelns kann in diesem Zusammenhang, gleich- sam indirekt, die negative, das heißt verdinglichende Seite einer Orientierung an kommunikativer Praxis dargelegt werden.

2. Kritische Theorie

Im Folgenden wird das Spezifische der Kritischen Theorie und dabei die Rolle individuellen Leides innerhalb dieser dargelegt. Die Kritische Theorie ist eine theoretische Denkrichtung, deren Ideen, wie gezeigt, veraltet scheinen. Insbesondere der Gedanke einer sich „am Leitfaden der Vernunft“ (Honneth 2007, a: 28) entwickelnden Gesellschaft bzw. eines entsprechenden Geschichtsverlaufs, scheint in der pluralistischen Postmoderne eine überholte Denkfigur zu sein.

Der Begriff Kritische Theorie ist kein einheitlich verwendeter. So finden sich, annähernd synonym verwendet, Kritische Theorie (etwa in Honneth 2007 a & c oder Winter & Zima 2007), kritische Theorie (etwa in Honneth 1985 oder Demirovic 2003) und Frankfurter Schule (etwa in Benhabib 1992 oder Winter & Zima 2007). Aus diesem Grund ist eine Klärung des dieser Arbeit zugrunde liegen- den Verständnisses darüber, was Kritische Theorie ist, sinnvoll. Dies geschieht in zwei Schritten. Zunächst wird kurz die Wahl des in dieser Arbeit verwendeten Terminus Kritische Theorie begründet, um anschließend zu skizzieren, welches inhaltliche Verständnis hinter eben diesem steht. Zunächst kann festgestellt werden, dass die Bezeichnung Kritische Theorie, der Bedeutung eben dieser als einem eigenständigen theoretischen Ansatz Tribut zollt. Demgegenüber können sich sämtliche Theorien als kritisch bezeichnen, die in irgend einer Weise Widersprüche oder Ungerechtigkeiten aufzudecken gedenken. Der Begriff Kritische Theorie verweist somit nicht nur auf einen spezifischen theoretischen Rahmen, sondern auch auf (relativ) einheitliche Absichten, die mit der theoretischen Arbeit verbunden sind. Diese können mit dem Ansatz Walzers verdeutlicht werden, der in seiner Arbeit Kritik und Gemeinsinn (vgl. Walzer 1990) verschiedene Wege der Gesellschaftskritik unterschieden hat. Demnach liegen die Unterschiede verschiedener Ansätze der Gesellschaftskritik, also kritischen Theorien, im jeweiligen Verfahren der Normenbegründung. Walzer schlägt, auf dieses Unterscheidungsmerkmal aufbauend, drei Wege der Gesellschaftskritik vor: Entdeckung, Erfindung, und Interpretation.4 Hierbei bedarf die Entdeckung, als eine religiös-platonische Einsicht, als „Offenbarung“ (a.a.O.: 12), einer Person, welche (neue) moralische Einsichten entdeckt bzw. ausspricht. Die Entdeckung kann, und das macht der Vergleich mit Platon oder der Religion deutlich, bereits existente Prinzipien formulieren. Anders die Erfindung. Diese Methode, bei der es in den meisten Fällen darauf ankommt, Methoden zu konstruieren, deren fiktive oder tatsächliche Durchführung zu moralischen Prinzipien führen (vgl. Walzer 1990: 18 ff.). Hier schlägt Honneth den Begriff Konstruktion vor, um einen, wie er sagt, „weniger polemischen Namen zu verwenden“ (Honneht 2000: 731). Schließlich formuliert Walzer ein drittes, folgt man seiner Argumentation sehr sinnvolles Verfahren der moralischen Argumentation: die Interpretation. Dieser Weg, als immanente Kritik verstanden, ist nach Walzer „die gewohnte Form moralischen Argumentierens“ (Walzer 1990: 36), während die „Pfade der Entdeckung und Erfindung [...] Fluchtversuche [sind]“ (a.a.O.: 31).5 Honneth schlägt für diesen letzten Weg der moralischen Argumentation, und damit in Abgrenzung zur Konstruktion, den Begriff Rekonstruktion vor (vgl. Honneth 2000: 732).6 Der Erklärung Walzers folgend, der seine „drei Wege“ als besonders prominente und bedeutsame Vertreter der moralischen Argumentation, also gleichsam exemplarisch, ausgewählt hat, ergänzt Honneth das Spektrum Walzers um die genealogische Methode, mit der eine Methode gemeint ist, die versucht, bestehende Ideale und Normen dahingehend zu überprüfen, ob sie zu existenten Ungerechtigkeiten und Unterdrückungen beitragen (vgl. a.a.O.: 733). Mit dieser zusätzlichen Überlegung beschreibt Honneth den Ansatz der Kritischen Theorie als rekonstruktive Gesellschaftskritik unter genealogischem Vorbehalt.7 Hierdurch wird zweierlei deutlich: Erstens die Tatsache, dass das Charakteristikum der Kritischen Theorie von verschiedenen Autoren unterschiedlich beschrieben wird. Denn während Honneth der Kritischen Theorie Elemente der drei Wege Konstruktion, Rekonstruktion und Genealogie zuspricht, sieht bspw. Demirovic die Kritische Theorie als eine primär entdeckende Theorie an (vgl. Demirovic 1999: 30). Zweitens wird deutlich, worin der Unterschied zwischen kritischer Theorie und Kritischer Theorie besteht. Während kritische Theorie nach Walzer in der Erfindung, der Entdeckung oder der Interpretation begründet werden kann, liegt das Spezifikum der Kritischen Theorie als einer spezifischen Form kritischer Theorie in dem, was Honneth als Rekonstrukivität unter genealogischem Vorbehalt bezeichnet hat.

Schließlich, die terminologische Klärung abschließend, bezieht sich die Be- zeichnung Frankfurter Schule auf eine „Version“ (Winter & Zima 2007: 25) der Kri- tischen Theorie, welche sich in den 1950er Jahren in Frankfurt herausbildete, ihre ersten Formen allerdings bereits in den 1930er Jahren herausbildete (vgl. Demirovic 1999). In den folgenden Jahrzehnten wurde die Kritische Theorie „zu einem festen Bezugspunkt im Koordinatensystem der bundesdeutschen Intelligenz und insbeson- dere ihrer kritischen Strömungen.“ (Demirovic 1999: 11) Folglich können die oft synonym oder uneindeutig verwendeten Begriffe kritische Theorie, Kritische Theo- rie und Frankfurter Schule als in ihrem Allgemeinheitsgrad unterschiedlich aufge- fasst werden. Kritische Theorie (mit kleinem „k“) beschreibt allgemein Theorien, die sich kritisch mit ihrem Gegenstand auseinandersetzen, Kritische Theorie hinge- gen spezifiziert die Methode dieser Auseinandersetzung als rekonstruktive Gesell- schaftskritik unter genealogischem Vorbehalt, während schließlich Frankfurter Schu- le eine Version innerhalb dieser meint.

Vorliegende Arbeit befasst sich mit einem Aspekt dessen, was Horkheimer und Adorno bereits 1937 in ihrem Aufsatz Traditionelle und kritische Theorie (vgl. Horkheimer 1977) programmatisch begründet haben. Da sich vorliegende Arbeit mit dem „herausragenden Vertreter“ (Honneth 1989: 11) dieser Anfangsphase befasst, wird insbesondere der Terminus Kritische Theorie verwendet, aus stilistischen Grün- den aber gleichzeitig auch auf die Bezeichnung Frankfurter Schule zurückgegriffen. Dies zieht, wie dargelegt, keine inhaltlichen Inkonsistenzen nach sich. Im Folgenden wird nun insbesondere der programmatisch-inhaltliche Aspekt dessen, was Kritische Theorie ausmacht, umrissen. Mit diesem Schritt kann bereits angedeutet werden, welchen Stellenwert Leid in der Kritischen Theorie im Allgemeinen besitzt. Denn auch wenn die Kritische Theorie als ein spezifischer theoretischer Ansatz gesehen werden kann, so unterscheiden sich die einzelnen Autoren, welche der Tradition der Kritischen Theorie bis heute verbunden sind, in ihren Auslegungen dessen, was die Kritische Theorie ausmachen sollte, teilweise deutlich (vgl. hierzu Honneth 1989).8 Es kann in einer allgemeinen Charakterisierung der Kritischen Theorie folglich nur der allgemeine Stellenwert von Leid skizziert werden. Die spezielle Bedeutung von Leid in der Theorie Adornos herauszuarbeiten, bedarf weiterer Ausführungen, die in den folgenden Kapiteln vorgenommen werden.

Ich folge hierbei der Charakterisierung Honneths, der in seinem Aufsatz Eine soziale Pathologie der Vernunft (vgl. Honneth 2007, a) beschrieben hat, was das Erbe der Kritischen Theorie ausmacht. Um noch weitere Autoren, und damit alternative Interpretationen, vorzustellen, wird zunächst der Ansatz Demirovics sowie der von Winter & Zima kurz skizziert, die ihrerseits dargelegt haben, was heute sinnvoller Weise als Kritische Theorie bezeichnet werden sollte.

So schlägt Demirovic in dem Vorwort des von ihm herausgegebenen Bandes Modelle Kritischer Gesellschaftstheorie (Demirovic 2003) eine Charakterisierung der Kritischen Theorie vor, nach der sich die Vertreter der Frankfurter Schule vor al- lem dadurch auszeichnen, dass ihre Theorien drei typische Merkmale aufweisen. Diese, als für die Kritische Theorie charakteristische „Gesichtspunkte“ bezeichnet, sind Interdisziplinarität, Historizität und ein modellartiger Charakter der Theoriebil- dung (vgl. Demirovic 2003: 8). Dabei zeichnet sich die Interdisziplinarität der Frankfurter Schule besonders dadurch aus, dass sie sich auf der einen Seite von der reinen Philosophie abgrenzt. Auf der anderen Seite kritisiert sie die Tendenz abge- schotteter Fachwissenschaften, deren Vertreter oft in ihrem jeweiligen Fach fort- schrittlich handeln, diese Fortschrittlichkeit aber nicht auf andere Bereiche des Le- bens übertragen. Vielmehr in außer(fach-)wissenschaftlichen Bereichen oft konfor- mistisch und unreflektiert handeln. Gegen diese Disziplinierung des Denkens durch die Disziplinierung der Wissenschaft setzt die Kritische Theorie ein spezifisches Verständnis von Erkenntnis, welches Theorie niemals losgelöst von (gesellschaftli- cher) Praxis versteht, sondern vielmehr in der Theorie eine Reflexion der Praxis selbst und gleichsam in den Ergebnissen dieser Reflexion wiederum Gestaltungsim- pulse für die Gesellschaft sieht. Daher kann sich Wissenschaft im Sinne der Kriti- schen Theorie nicht in der Beantwortung von Fragen der Einzeldisziplinen erschöp- fen. Sie verlangt eine ganzheitliche Sicht auf die Gesellschaft und die sie konstituie- renden Prozesse; mit anderen Worten: Sie verlangt Interdisziplinarität. Allerdings kann eine so gewonnene Erkenntnis über die Gesellschaft niemals letztgültigen Cha- rakter haben. Sie kann und sollte die gegenwärtige gesellschaftliche Konstellation abbilden oder beschreiben können, sie steht mit ihren begrifflichen Konstrukten aber stets in der Herausforderung, sich den verändernden Gegebenheiten anpassen zu müssen. Darüber hinaus ist die Theorie selbst, da sie auf die Praxis zurückwirkt, an der Veränderung der beschriebenen Verhältnisse beteiligt. Kritische Theorie ist in diesem Verständnis durch eine besondere Historizität, also Geschichtsabhängigkeit gekennzeichnet. Hieraus folgt das dritte Charakteristikum Kritischer Theorie nach Demirovic, der modellartige Theoriecharakter. Da jede Theorie eben nur einen historischen Moment beschreiben kann, ist sie darüber hinausgehend lediglich als Modell verwendbar. Das heißt, jede (gute) sozialwissenschaftliche Theorie lässt sich als Modell für weitere theoretische Vorhaben verwenden.

Winter & Zima konzentrieren sich in der Darstellung dessen, was die Kriti- sche Theorie ausmacht, auf die beabsichtigte Wirkung der Theorie. Damit stehen sie in der Tradition Adornos und Horkheimers, die bereits in Traditionelle und kritische Theorie das Bild einer Theorie in „praktischer Absicht“ (Honneth 2007, a: 30) ent- worfen haben - die Wirkung also als festen Bestandteil theoretischer Überlegungen installieren zu gedachten.9 So sehen die Autoren die eigentliche Idee der Kritischen Theorie in ihrer Wirkung als kritische Tätigkeit im Sinne Marx'; also der Reflexion sozialer Konflikte und gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Folglich ist es die Intention Kritischer Theorie, Wissen über verborgene Zwänge, Machtkonstellationen und Herrschaftsverhältnisse zu erlangen, das den Subjekten ermöglichen soll, sich von eben diesen zu befreien. Daneben betonen Winter & Zima die Anerkennung menschlichen Leides und den Versuch, über eine intellektuelle Erarbeitung von des- sen Entstehungsmechanismen, dieses zu reduzieren (vgl. Winter & Zima 2007: 31 ff.). Primäre Bedeutung hat in der Lesart Winters & Zimas die Explikation „imma- nenter Überzeugungen“ (a.a.O.: 34) der einzelnen Subjekte und deren Fruchtbarma- chung für eine emanzipative und aufklärerische Grundorientierung. Daraus folgt, dass die Geltung jeder Spielart der Kritischen Theorie stets von ihrer Rezeption durch die Subjekte abhängt (vgl. a.a.O.: 33). In Abwandlung des berühmten Aus- spruchs Derridas schlussfolgern die Autoren: „Es wäre also ein Fehler, die Texte der kritischen Theorie nicht zu lesen, sie nicht wieder zu lesen und über sie nicht zu dis- kutieren.“ (A.a.O.: 43)10

Obwohl sowohl der Vorschlag Demirovics, als auch der von Winter & Zima sinnvolle Aspekte dessen liefert, was als charakteristisch für die Kritische Theorie gelten kann, wird im Folgenden, und gleichsam ausführlicher, der Ansatz Honneths dargestellt, der eine „Erbschaft der Kritischen Theorie“ (Honneth 2007, a) zu formu- lieren versucht hat. Dieser beschreibt das Programm der Kritischen Theorie zusam- menfassend wie folgt: „Die geschichtliche Vergangenheit soll in praktischer Absicht als Bildungsprozess verstanden werden, dessen pathologische Verformung durch den Kapitalismus allein in der Initiierung eines Aufklärungsprozesses unter den Beteilig- ten überwindbar ist.“ (Honneth 2007, a: 30) Der hier anklingende innere Zusammen- hang, die in sich logische Schlüssigkeit des Konzepts der Kritischen Theorie, lässt sich durch eine lediglich summative Charakterisierungen, wie sie bei Demirovic und Winter & Zima zu erkennen ist, schlecht fassen. Anhand Honneths Ansatz hingegen kann verdeutlicht werden, welchen Stellenwert die Erfahrung individuellen Leides im Gesamtkonzept der Kritischen Theorie besitzt und welche Funktion die Katego- rie Leid in diesem Konzept innehat. Im Folgenden wird, Honneth entsprechend, zu- nächst der „ethische Kern“ (Honneth 2007, a: 30) der Idee einer gesellschaftlich wirksamen Vernunft skizziert (2.1 Geschichtsphilosophie und Vernunft nach Hegel), anschließend die Verzerrung ebendieser und die daraus resultierende Entstehung von Leid durch den Kapitalismus plausibilisiert (2.2 Verblendungszusammenhang) und schließlich die praktische Möglichkeit einer Aufhebung der Ursachen dieser Verzer- rung durch die Erkenntnis und sich daraus speisender Bereitschaft zum Widerstand11 beschrieben (2.3 Leid als Motor der Kritik bzw. als Triebfeder für Widerstand).

2.1 Geschichtsphilosophie und Vernunft nach Hegel

Zunächst ist nach Honneth für alle Vertreter der Kritischen Theorie der Ge- danke entscheidend, dass in der jeweils beschriebenen gesellschaftlichen Konstella- tion das normativ wünschbare Leben durch pathologische Verhältnisse unterschiedli- cher Art verhindert wird. Adorno prägt hierfür den Begriff der „verwalteten Welt“ (GS 8: 455); Habermas spricht von der „Kolonialisierung“ (Habermas 1981, b: 293) der sozialen Lebenswelt. Allerdings, und erst hier zeigt sich eine Eigenart der Kritischen Theorie, besteht die gesellschaftliche Pathologie darin, dass ein (vorhandenes) Vernunftpotential nicht realisiert wird. Die Idee eines Vernunftpotentials, einer gesellschaftlichen Rationalität, geht letztlich auf Hegel zurück. Dieser ist davon ausgegangen, so zeigt Honneth (vgl. Honneth 2001, Honneth 2007, a: 32 f.), dass individuelle Selbstverwirklichung stets einen Bezug zu allgemein anerkannten Zielen haben muss. Dabei entfaltet sich nach Hegel die Vernunft im Geschichtsprozess stufenartig und stets in der Weise, dass sich auf jeder neuen Stufe allgemeine „sittliche Institutionen“ (Honneth 2007, a: 33) ausbilden, mit welchen sich die Einzelnen identifizieren weil sie ihnen ermöglichen, ihr Leben auf allgemein anerkannte Ziele hin zu entwerfen. Das heißt, „die Voraussetzung für die Identifizierung des Individuums mit der sittlichen Substanz [das ist die objektive Seite der Sittlichkeit; m.k.] besteht darin, daß die faktischen gesellschaftlichen und staatlichen Institutionen und Sitten vernünftig sind.“ (Na 2002: 472) Die Verwirklichung und Bestätigung individueller Freiheit ist somit untrennbar mit dem Fortschritt gesellschaftlicher Vernunft verbunden. Denn diese - die gesellschaftliche Vernunft - findet ihren Ausdruck in Regeln und Prinzipien der sozialen und politischen Institutionen.

Die allgemeine These, die sich aus Gesagtem ergibt, ist, dass es auf gesell- schaftlicher Ebene stets als vernünftig verstandene Kriterien gibt, an denen die Ein- zelnen ihr Leben ausrichten können. Vielmehr, dass die Verhinderung eines in die- sem Sinne vernünftigen Lebens zu individueller Orientierungslosigkeit führen kann. Reste dieser Überzeugung finden sich nun in Ansätzen der Kritischen Theorie, wenn es „ein Mangel an gesellschaftlicher Rationalität ist, der die Pathologien der kapita- listischen Gesellschaft verursacht.“ (Honneth 2007, a: 33) Von den einzelnen Gesell- schaftsmitgliedern wird somit behauptet, dass sie nur dann ein gelungenes Leben führen können, wenn sie sich dabei an Prinzipien oder Institutionen orientieren, die als vernünftiges Ziel begriffen werden.12 Selbst wenn es bei Adorno, Habermas und anderen Vertretern der Kritischen Theorie konkrete (und anthropologisch begründe- te) Tätigkeiten sind, die für eine intakte Selbstverwirklichung in ihrer Form dem ge- sellschaftlich möglichen Vernunftpotential entsprechen müssen, findet sich die Idee Hegels auch hier wieder. Darüber hinaus ist es jeweils die gesellschaftliche, also ko- operative Praxis, die in der Kritischen Theorie die Selbstverwirklichung erst ermög- licht. Dahinter steht der Gedanke, dass erst in intersubjektiver bzw. kooperativer Praxis jeder Einzelne die Anerkennung erfahren kann, die zur Entfaltung seiner Per- sönlichkeit notwendig ist.13 Folglich kann gesagt werden: „Die Abweichungen von dem Ideal, das mit der gesellschaftlichen Verwirklichung des vernünftigen Allge- meinen erreicht wäre, lassen sich als soziale Pathologien beschreiben, weil sie mit einem leidvollen Verlust an Chancen der intersubjektiven Selbstverwirklichung ein- hergehen müssen.“ (Honneth 2007, a: 35; Herv. von mir.) Nach Adorno verunmög- licht die Fragmentierung der Gesellschaft die Orientierung an einem „guten Allge- meinen“ (GS 4: 34) und damit „das Zusammenleben der Menschen“ (a.a.O.: 41) ins- gesamt. In diesem Zusammenhang muss angemerkt werden, dass Honneths Lesart der Kritischen Theorie stark durch seine anerkennungstheoretische Interpretation derselben geprägt ist (vgl. Honneth 2003, Fraser & Honneth 2003), sich bei der Lek- türe von Honneths Arbeiten diesbezüglich aber kleinere Inkonsistenzen finden las- sen.14 Allerdings lässt sich festhalten, dass, auch ohne dieser Lesart ein zu großes Gewicht zu verleihen, die Kritische Theorie von der Grundidee geleitet wurde (und wird), „dass unsere gesellschaftliche Wirklichkeit den vom Geist ausgehenden For- derungen nicht entspricht und wir daran leiden.“ (Geuss 2005: 50; Herv. von mir.)15

2.2 Verblendungszusammenhang

Neben der Prämisse einer kooperativen Selbstverwirklichung der Einzelnen durch vernünftige Praxis besteht eine weitere Annahme der Kritischen Theorie in der Vorstellung eines Kausalzusammenhangs zwischen Ursache und mangelnder Ar- tikulation gesellschaftlicher Pathologien. Der Gedanke Marx', dass die gesellschaft- lichen Missstände zu einer Verschleierung ihrer selbst führen, so dass eine Artikula- tion in Form öffentlicher Kritik nur schwer oder unmöglich zutage tritt, ist hier fe- derführend. In Adornos Theoriekomplex erklärt sowohl die konzeptuelle Bedeutung des Positivismus (vgl. GS 8: 280 ff.), als auch diejenige der Kulturindustrie (vgl. a.a.O.: 440 ff.) diesen Zusammenhang; beide Begriffe umschreiben ein System von Regeln und Praktiken, die dazu führen, dass genau die Bedingungen verschleiert werden, welche die pathologischen Verhältnisse erst herbeigeführt haben. Es liegt somit in der Verformung der Vernunft selbst, dass die Ursachen dieser nicht erkannt werden können. So führt die Kulturindustrie dazu, „die Einsicht ins Negative der verwalteten Welt“ zu verhindern, „das Bewußtsein zu fesseln und zu verfinstern“ (a.a.O.: 455). Die Methodologie des Positivismus wiederum und „ihre Orientierung am Primat verfügbarer Methoden anstatt an der Sache und ihrem Interesse, inhibiert Einsichten, die ebenso das wissenschaftliche Verfahren treffen wie dessen Gegen- stand.“ (A.a.O.: 294)

Obwohl zentrale Gedanken der Kritischen Theorie sich auf die Hegel'sche Idee eines vernünftigen Allgemeinen stützen, ist der Vernunftbegriff hier bereits von dem Kopf auf die Füße gestellt worden. Nicht die (idealistische) Orientierung am Konzept des Geistes, vielmehr die (materiellen) „Aufgaben von kollektiver Selbster- haltung und Naturbeherrschung“ (a.a.O.: 444) sind ausschlaggebend für Lernprozes- se, welche zu einem Fortschritt der Vernunft führen. So geschieht die Verwirkli- chung gesellschaftlicher Vernunft in Form eines Lernprozesses in Richtung verbes- serter Problemlösungsfähigkeiten, der sich stets gegen den Widerstand herrschender bzw. etablierter Gruppen durchsetzen muss. Dieser Fortschrittsprozess ist nun, nach Ansicht der Vertreter der Kritischen Theorie, durch „soziale Struktureigentümlich- keiten, die nur dem Kapitalismus eigen sind unterbrochen oder vereinseitigt“ (Honneth 2007, a: 45). Adorno sieht hierbei die gesellschaftliche Privilegierung von (wirtschaftlicher) Zweckrationalität als Verzerrung, als die Entstehung eines „allgemeinen Unwahren“ durch „das Ökonomische System“ (GS 4: 193).

2.3 Leid als Motor der Kritik bzw. als Triebfeder für Widerstand

Den Vertretern der Kritischen Theorie gemeinsam ist nun, dass die Überwin- dung des Zustandes, der zur sozialen Pathologie führt, durch eben jene Vernunft er- folgen muss, die durch die kapitalistischen Verhältnisse vereinseitigt wird. Anders als in der klassisch marxistischen Überzeugung enthalten, steht hierbei nicht die re- volutionäre Kraft der Arbeiterklasse Pate für die Emanzipation der Gesellschaft von den Zwängen des Kapitalismus16, es ist eben jene Vernunftfähigkeit, für die poten- tiell „alle Subjekte die gleiche motivationale Anlage besitzen.“ (Honneth 2007, a: 51) In diesem Gedanken spiegelt sich die Nähe der Kritischen Theorie zu Ansätzen Freuds wieder, der mit seiner Instanzenlehre grundlegenden Einfluss auf die Autoren der Frankfurter Schule ausgeübt hat (vgl. Honneth 2007, d). Im Einzelnen entstehen nämlich immer dann Erfahrungen subjektiven Leides, sobald die Gesellschaft als pa- thologisch in dem Sinne zu bezeichnen ist, als dass als Folge der kapitalistischen Or- ganisation bestimmte Prinzipien und Institutionen nicht im besten (also vernünftigs- ten) Sinne strukturiert sind und den Individuen hieraus eine gelungene, kooperative Selbstverwirklichung versagt wird. Es wird somit ein Zusammenhang konstruiert zwischen psychischem Zustand des Individuums einerseits und dem vernünftigen Allgemeinen andererseits. Anders ausgedrückt stehen „die Veränderungen, die in den Menschen selber in der technischen Gesellschaft sich abspielen, in erkennbarem Zusammenhang [...] mit der technischen und sozialen Entwicklung“ (GS 8: 448). Der weitaus bedeutendere Schluss ist allerdings nicht der von mangelnder gesell- schaftlicher Rationalität auf individuelles Leid. Vielmehr wird von den Vertretern der Kritischen Theorie darüber hinaus proklamiert, dass eben diese Leidenserfah- rung die motivationale Grundlage des Widerstandes gegen die sie hervorrufenden Verhältnisse ist. Es wird durch Leid der „unausrottbare Kern an rationaler Ansprech- barkeit“ (Honneth 2007, a: 55) getroffen, der das emanzipatorische Interesse weckt

[...]


1 So schreibt bspw. Bonacker Habermas (und Luhmann) in der aktuellen gesellschaftstheoretischen Diskussion die gleiche Bedeutung zu, wie sie „Durkheim und Weber für die Konstitution der Soziologie als akademisch anerkannter Disziplin gehabt haben.“ (Bonacker 1997: 10) Auch die Hamburger Zeit titelte in Ausgabe 25/2009 „Weltmacht Habermas“.

2 Vgl. über den Kognitivismus in Habemas' Theorie Moon 2005 (inbs. Kapitel 7) oder Demmerling 1994: 94 ff.

3 Hierbei kann und muss es nicht Aufgabe vorliegender Arbeit sein, einen umfassenden Überblick über die gesamte Primär- und Sekundärliteratur zu diesem Themenkomplex zu geben. Vielmehr beschränke ich mich bei meiner Übersicht auf einige wenige Autoren, anhand derer die zentrale Idee der Kritischen Theorie deutlich wird. Gleichzeitig möchte ich bei meiner Darstellung auch Differenzen in der Rezeption dessen, was Kritische Theorie auszeichnet, nicht unterschlagen.

4 Walzer merkt gleichwohl an, dass diese drei Wege keinen ausschließenden Charakter haben. Viel- mehr stellt das, was er „den Pfad der Entdeckung, den Pfad der Erfindung und den Pfad der Inter- pretation“ (Walzer 1990: 11) nennt, drei weit verbreitete Zugangsweisen dar. Insofern läuft auch die Kritik Demirovics ins Leere, der Walzers Position in ihrer Rigorosität und Ausschließlichkeit angreift (Demirovic 1999: 31 ff.) und damit die einleitenden und relativierenden Worte Walzers unterschlägt.

5 Demgegenüber betrachtet Demirovic insbesondere die Entdeckung als gesellschaftskritische Me- thode als legitim, da sie frei von denjenigen ideologischen Zwängen argumentieren kann, die zu kritisieren wären (vgl. Demirovic 1999: 31 f.).

6 Iser trägt zu dieser Debatte mit einer eigenen begrifflichen Differenzierung bei. Er schlägt vor, den Weg der Entdeckung als externe und den Weg der Erfindung als interne Kritik zu bezeichnen, folgt allerdings Honneth und bezeichnet den Weg der Interpretation als rekonstruktive Kritik (vgl. Iser 2008: 8 ff.). Seine eigene „Kartographierung“ ergibt freilich fünf mögliche Formen der Kritik: Konstruktivistische Kritik, Interpretative Kritik, Welterschließende Kritik, Genealogische Kritik und Ideologiekritik (vgl. a.a.O.: 23 ff.).

7 „Die konstruktive Begründung eines kritischen Standpunkts soll eine Rationalitätskonzeption be- sorgen, die zwischen gesellschaftlicher Rationalität und moralischer Gültigkeit eine systematische Verknüpfung herstellt; von diesem Rationalitätspotenzial soll rekonstruktiv gezeigt werden, dass es in Form von moralischen Idealen die soziale Wirklichkeit bestimmt; und diese moralischen Ideale wiederum sollen unter dem genealogischen Vorbehalt stehen, dass sich möglicherweise ihr ursprünglicher Bedeutungsgehalt sozial bis zur Unkenntlichkeit verschoben hat“ (a.a.O.: 737).

8 Neben theoretischen Überzeugungen oder ideologischen Ausrichtungen hat dies natürlich immer auch mit dem historischen Entstehungskontext zu tun, welcher in der Tradition der Kritischen Theorie einen besonderen Stellenwert besitzt (vgl. Demirovic 2003: 8).

9 „Eine Wissenschaft, die in eingebildeter Selbständigkeit die Gestaltung der Praxis, der sie dienst

und angehört, bloß als ihr Jenseits betrachtet und sich bei der Trennung von Denken und Handeln bescheidet, hat auf Humanität schon verzichtet.“ (Horkheimer 1977: 56)

10 Derrida schrieb: „Es wird immer ein Fehler sein, Marx nicht zu lesen, ihn nicht wiederzulesen und über ihn nicht zu diskutieren.“ (Derrida 1995: 32)

11 Hieran zeigt sich das Konzept des emanzipatorischen Erkenntnisinteresses, wie es von Habermas formuliert wurde: „In der Selbstreflexion gelangt eine Erkenntnis um der Erkenntnis willen mit dem Interesse an Mündigkeit zur Deckung; denn der Vollzug der Reflexion weiß sich als Bewe- gung der Emanzipation.“ (Habermas 1968: 244)

12 Nach Honneth verbirgt sich dieser Kerngedanke Hegels in der Regel allerdings hinter anthropolo- gischen Annahmen und ist demzufolge nur indirekt aus den einzelnen Theoriekomplexen zu re- konstruieren.

13 Damit unterscheidet sich die Kritische Theorie auf der einen Seite vom Liberalismus durch den normativen Gehalt der kooperativen Praxis, auf der anderen Seite vom Kommunitarismus durch den vernünftigen (also rationalen) Charakter eben dieser Tätigkeiten (vgl. Honneth 2007, a: 38 f.).

14 So spricht Honneth in Kritik der Macht von der „endgültigen Verdrängung des Sozialen“ (Honneth 1985: 70) in der Theorie Adornos, während er in Eine Physiognomie der kapitalisti- schen Lebensform (vgl. Honneth 2007, b) zu zeigen versucht, inwieweit sich bereits bei Adorno anerkennungstheoretische Ansätze finden lassen. Zu diesem Zweck weist er nach, dass bei Adorno die Grundlagen der Vernunftfähigkeit in der empathischen Übernahme der Perspektive des Interaktionspartners, und damit im Sozialen, liegen. Freilich kann diese Wendung in der Adorno-Rezeption Honneths auch als zunehmende Anerkennung normativer Elemente in der Theorie Adornos verstanden werden.

15 Diese Formulierung Geuss' zeigt freilich noch stark hegelianische Züge, da es bei ihm der Geist ist, der „Forderungen“ stellt, während die meisten Vertreter der Kritischen Theorie, der materialis- tischen Neuinterpretation Marx' folgend, die „Forderungen“ von den Individuen ausgehend be- schreiben (in Form von Bedürfnissen etc.).

16 Das im Vergleich zu Marx geschwundene Vertrauen in die revolutionäre Kraft der Arbeiterklasse kommt hierin zum Ausdruck: „Für den Verfall der Arbeiterbewegung spricht der offizielle Opti- mismus ihrer Anhänger. Er scheint mit der eisernen Konsolidierung der kapitalistischen Welt an- zuwachsen.“ (GS 4: 73)

Ende der Leseprobe aus 65 Seiten

Details

Titel
Der Leidensbegriff in der Kritischen Theorie
Untertitel
Unreglementierte Erfahrung bei Adorno
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
65
Katalognummer
V144352
ISBN (eBook)
9783640548088
ISBN (Buch)
9783640551088
Dateigröße
1781 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Adorno, Kritische Theorie, Habermas, Honneth, Leidensbegriff, Leid, Theorie kommunikativen Handelns, Verdinglichung, Gesellschaftstheorie, Subjekttheorie, Kulturindustrie, Frankfurter Schule
Arbeit zitieren
M.Ed. Moritz Krell (Autor), 2009, Der Leidensbegriff in der Kritischen Theorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144352

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