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Der Leidensbegriff in der Kritischen Theorie

Unreglementierte Erfahrung bei Adorno

Title: Der Leidensbegriff in der Kritischen Theorie

Master's Thesis , 2009 , 65 Pages , Grade: 1,3

Autor:in: M.Ed. Moritz Krell (Author)

Politics - Political Theory and the History of Ideas Journal
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Vorliegende Arbeit versucht durch die Herausarbeitung eines bisher wenig beachteten, aber gleichzeitig bedeutenden Aspekts in der Theorie Adornos, einen Beitrag für eine mögliche Reaktualisierung seiner Arbeiten zu leisten. Dieser Aspekt, individuelles, durch die gesellschaftlichen Verhältnisse erzeugtes Leid, ist „innerhalb der Rezeption der Kritischen Theorie bislang leider weitgehend unerforscht geblieben“ (Honneth). Diesem Befund Honneths folgend, macht es sich vorliegende Arbeit zur Aufgabe, die Bedeutung von Leid in der Gesellschaftstheorie Adornos zu untersuchen und dessen Funktion zu explizieren. Die Ausrichtung meiner Arbeit folgt der Überzeugung, dass die Funktion von Leid als Motor für gesellschaftlichen Widerstand und Kritik, wie sie sowohl in der Kritischen Theorie im allgemeinen als auch speziell in den Werken Adornos zu finden ist, in den Ansätzen der neueren Kritischen Theorie konzeptuell unberücksichtigt bleibt.
Um die Bedeutung der Kategorie Leid in einen größeren theorie- und ideengeschichtlichen Zusammenhang zu stellen, wird in einem erstem Schritt die Idee der Kritischen Theorie und insbesondere die Bedeutung individuellen Leides darin skizziert. Nach der allgemeinen Auseinandersetzung mit der Kritischen Theorie wird Leid in der Theorie Adornos untersucht. Die Arbeit schließt mit einem Kapitel, welches die wesentlichen Befunde zusammenfasst und auf die These nach dem Mehrwert in Adornos Theorie in Gestalt des Leidensbegriffs zurückkommt.
Mit ihrer Ausrichtung leistet vorliegende Arbeit einen Beitrag in der theoretischen Diskussion um eine der Gegenwart angemessenen Kritischen Theorie. Eine bedeutende Aufgabe hierbei ist, die Tendenzen zur Verdinglichung sowohl - bereits klassisch formuliert – in der Ökonomie als auch durch Kommunikation in der Gesellschaft als ganzer freizulegen und deren Zusammenhänge zu untersuchen. Durch die Verteidigung vor-kognitiver Elemente und der hiermit verbundenen Kritik an der Theorie kommunikativen Handelns kann in diesem Zusammenhang, gleichsam indirekt, die negative, das heißt verdinglichende Seite einer Orientierung an kommunikativer Praxis dargelegt werden.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kritische Theorie

2.1 Geschichtsphilosophie und Vernunft nach Hegel

2.2 Verblendungszusammenhang

2.3 Leid als Motor der Kritik bzw. Triebfeder für Widerstand

3. Adornos Gesellschaftstheorie: Die Liquidation des Individuums

3.1 Exkurs: Lukács

3.2 Die Gesellschaftstheorie Adornos

4. Adornos Subjekttheorie: Leiden und Erkennen

4.1 Ich-Schwäche

4.2 Leiden und Erkennen

5. Fazit und Vorausschau

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung von Leid in der Gesellschaftstheorie Theodor W. Adornos und analysiert dessen Funktion als unreglementierte Erfahrung. Ziel ist es, Adornos Kategorie Leid als Potenzial für gesellschaftliche Kritik und Widerstand gegenüber einer zunehmend verdinglichten, spätkapitalistischen Lebensform neu zu bewerten und methodisch gegen die stärker kognitivistisch geprägte Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas abzugrenzen.

  • Die systematische Rolle von Leid innerhalb der Kritischen Theorie.
  • Adornos Gesellschaftsanalyse unter dem Aspekt der Verdinglichung und des "Endes des Individuums".
  • Die Auswirkungen der Kulturindustrie auf die Subjektivität und die psychische Integrität.
  • Die erkenntnistheoretische Funktion des Leidens als vor-kognitive Erfahrung zur Durchbrechung gesellschaftlicher Konformität.

Auszug aus dem Buch

2.2 Verblendungszusammenhang

Neben der Prämisse einer kooperativen Selbstverwirklichung der Einzelnen durch vernünftige Praxis besteht eine weitere Annahme der Kritischen Theorie in der Vorstellung eines Kausalzusammenhangs zwischen Ursache und mangelnder Artikulation gesellschaftlicher Pathologien. Der Gedanke Marx', dass die gesellschaftlichen Missstände zu einer Verschleierung ihrer selbst führen, so dass eine Artikulation in Form öffentlicher Kritik nur schwer oder unmöglich zutage tritt, ist hier federführend. In Adornos Theoriekomplex erklärt sowohl die konzeptuelle Bedeutung des Positivismus (vgl. GS 8: 280 ff.), als auch diejenige der Kulturindustrie (vgl. a.a.O.: 440 ff.) diesen Zusammenhang; beide Begriffe umschreiben ein System von Regeln und Praktiken, die dazu führen, dass genau die Bedingungen verschleiert werden, welche die pathologischen Verhältnisse erst herbeigeführt haben. Es liegt somit in der Verformung der Vernunft selbst, dass die Ursachen dieser nicht erkannt werden können. So führt die Kulturindustrie dazu, „die Einsicht ins Negative der verwalteten Welt“ zu verhindern, „das Bewußtsein zu fesseln und zu verfinstern“ (a.a.O.: 455). Die Methodologie des Positivismus wiederum und „ihre Orientierung am Primat verfügbarer Methoden anstatt an der Sache und ihrem Interesse, inhibiert Einsichten, die ebenso das wissenschaftliche Verfahren treffen wie dessen Gegenstand.“ (A.a.O.: 294)

Obwohl zentrale Gedanken der Kritischen Theorie sich auf die Hegel'sche Idee eines vernünftigen Allgemeinen stützen, ist der Vernunftbegriff hier bereits von dem Kopf auf die Füße gestellt worden. Nicht die (idealistische) Orientierung am Konzept des Geistes, vielmehr die (materiellen) „Aufgaben von kollektiver Selbsterhaltung und Naturbeherrschung“ (a.a.O.: 444) sind ausschlaggebend für Lernprozesse, welche zu einem Fortschritt der Vernunft führen. So geschieht die Verwirklichung gesellschaftlicher Vernunft in Form eines Lernprozesses in Richtung verbesserter Problemlösungsfähigkeiten, der sich stets gegen den Widerstand herrschender bzw. etablierter Gruppen durchsetzen muss. Dieser Fortschrittsprozess ist nun, nach Ansicht der Vertreter der Kritischen Theorie, durch „soziale Struktureigentümlichkeiten, die nur dem Kapitalismus eigen sind unterbrochen oder vereinseitigt“ (Honneth 2007, a: 45). Adorno sieht hierbei die gesellschaftliche Privilegierung von (wirtschaftlicher) Zweckrationalität als Verzerrung, als die Entstehung eines „allgemeinen Unwahren“ durch „das Ökonomische System“ (GS 4: 193).

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problemstellung ein, die Reaktualität Adornos gegen das Bild des Veralteten zu verteidigen und die bisher wenig beachtete Kategorie des individuellen Leids als Ausgangspunkt für Kritik zu etablieren.

2. Kritische Theorie: Das Kapitel erläutert den Begriff der Kritischen Theorie als rekonstruktive Gesellschaftskritik unter genealogischem Vorbehalt und arbeitet den Stellenwert der Vernunft und des Leids in diesem theoretischen Rahmen heraus.

3. Adornos Gesellschaftstheorie: Die Liquidation des Individuums: Hier wird anhand des Modells der Verdinglichung nach Lukács und Adornos Kulturindustriekritik analysiert, wie moderne gesellschaftliche Strukturen das Individuum in seiner Selbstentfaltung einschränken und zur Systemstabilisierung beitragen.

4. Adornos Subjekttheorie: Leiden und Erkennen: Dieser Abschnitt fokussiert auf die psychologischen Folgen der gesellschaftlichen Manipulation, insbesondere die Entstehung von Ich-Schwäche, und diskutiert Leid als notwendige Voraussetzung für eine wahrhaftige Erkenntnis.

5. Fazit und Vorausschau: Das Fazit fasst die Rolle von Leid als unreglementierte Erfahrung zusammen und skizziert die Möglichkeit, Adornos Ansatz kritisch gegenüber Habermas' Theorie des kommunikativen Handelns zu profilieren.

Schlüsselwörter

Kritische Theorie, Adorno, Leid, Verdinglichung, Kulturindustrie, Subjektivität, Vernunft, Erkenntnistheorie, Habermas, Spätkapitalismus, Unreglementierte Erfahrung, Widerstand, Identität, Entfremdung, Gesellschaftskritik.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit befasst sich mit dem Leidensbegriff bei Theodor W. Adorno und untersucht, wie dieses individuelle Leid als "unreglementierte Erfahrung" eine wichtige Rolle für die gesellschaftliche Kritik spielt.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Im Fokus stehen Adornos Gesellschaftstheorie, die Kritik an der Kulturindustrie, die psychologischen Auswirkungen der Spätmoderne (insbesondere die Ich-Schwäche) und der erkenntnistheoretische Stellenwert von Leid.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Ziel ist es zu plausibilisieren, ob Adornos Kategorie des Leids geeignet ist, vor-kognitive Aspekte menschlicher Erfahrung zu erfassen, die in anderen Ansätzen der Kritischen Theorie, insbesondere bei Habermas, konzeptuell unberücksichtigt bleiben.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit verfährt weitgehend theorieimmanent und nutzt einen hermeneutischen Ansatz, um Adornos Werk sowie relevante Sekundärliteratur zu interpretieren und in einen ideengeschichtlichen Zusammenhang zu stellen.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil analysiert den Verblendungszusammenhang, die Liquidation des Individuums durch die Kulturindustrie und die Subjekttheorie, um zu zeigen, wie Leid trotz gesellschaftlicher Indoktrination als Erkenntnisquelle fungieren kann.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Zentrale Begriffe sind neben der Kritischen Theorie vor allem Adornos Leidensbegriff, Verdinglichung, Kulturindustrie, Ich-Schwäche und die Abgrenzung zum kommunikativen Handeln.

Warum spielt das psychoanalytische Modell von Freud für Adorno eine Rolle?

Adorno nutzt das Modell der Instanzenlehre, um zu erklären, wie gesellschaftliche Einflüsse das Ich und das Über-Ich formen oder schwächen, was wiederum die Manipulierbarkeit der Individuen im Spätkapitalismus verständlich macht.

Inwiefern unterscheidet sich Adorno in dieser Arbeit von Habermas?

Während Habermas stark auf sprachliche Verständigung und intersubjektive Konsensbildung setzt, betont Adorno vor-kognitive, leibhafte Erfahrungen des Leids, die sich einem rein kommunikativen Zugriff entziehen und somit Widerstandspotenzial bergen.

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Details

Title
Der Leidensbegriff in der Kritischen Theorie
Subtitle
Unreglementierte Erfahrung bei Adorno
College
Free University of Berlin
Grade
1,3
Author
M.Ed. Moritz Krell (Author)
Publication Year
2009
Pages
65
Catalog Number
V144352
ISBN (eBook)
9783640548088
ISBN (Book)
9783640551088
Language
German
Tags
Adorno Kritische Theorie Habermas Honneth Leidensbegriff Leid Theorie kommunikativen Handelns Verdinglichung Gesellschaftstheorie Subjekttheorie Kulturindustrie Frankfurter Schule
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
M.Ed. Moritz Krell (Author), 2009, Der Leidensbegriff in der Kritischen Theorie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144352
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