Die vorliegende Arbeit hat sich nicht zum Ziel gesetzt, die Geschichte der Jugendwerkhöfe in der DDR nachzuzeichnen, sondern sie möchte vielmehr der Frage nachgehen in welchem Zusammenhang Ideologie und Erziehung gestanden haben. Die Jugendwerkhöfe, die letzte Erziehungsinstanz vor dem Strafvollzug, bilden dabei eine Art Kristallisationspunkt. Wenn hier die gewünschte „Umerziehung“ scheitert, bedeutet das auch ein ideologisches Scheitern. Daher wird vor allem untersucht werden, wie die Ideologie des Marxismus-Leninismus auf das Erziehungsideal wirkte und welche genuin sozialistischen Erziehungsmethoden zum Ziel führen sollten. Bei einer derartigen Verknüpfung von Erziehung und Ideologie schließt sich daher die Frage an, inwiefern die DDR Erziehung, besonders in den Jugendwerkhöfen, zum staatlichen Repressionsinstrument wurde und welchen Stellenwert die Erziehung für die DDR hatte. Ich möchte mich in dieser Arbeit dabei auf die offenen Jugendwerkhöfe beschränken, da eine Auseinandersetzung mit der Geschichte des geschlossenen Jugendwerkhofes Torgau einer eigenen Arbeit bedürfte.
Zur Erarbeitung des Themas habe ich mich für folgendes Vorgehen entschieden: Eingangs erläutere ich, welche Stellung die Jugendwerkhöfe im Jugendhilfesystem hatten und aus welchen Gründen Jugendliche in eine solche Einrichtung eingewiesen wurden. Das zweite Kapitel beschäftigt sich vor allem mit der Frage nach der Verknüpfung von Ideologie und Pädagogik und stellt kurz die Kernelemente der Erziehung in der DDR vor. Durch den Rekurs auf die Ideologie soll deutlich werden, welche entscheidende Bedeutung der Erziehung in der Umsetzung ideologischer und politischer Ziele beigemessen wurde. Innerhalb dieses Abschnittes erfolgt ein Exkurs in die kriminologische Ursachenforschung von jugendlicher Delinquenz und abweichendem Verhalten. Der Blick auf die angenommenen Ursachen des in der DDR als Fehlverhalten Interpretierten ermöglicht ein besseres Verständnis für die Wahl der Erziehunsmethoden. Im dritten und letzten Kapitel wird dann ein Blick auf die praktische Umsetzung der vorgestellten Theorien geworfen, um im Anschluss ein Fazit bezüglich der Wirksamkeit dieser Erziehung zu ziehen.
Inhaltsverzeichnis
1) Einleitung
2) Stellung und Aufgabe der Jugendwerkhöfe
2.1) Der JWH und die Jugendhilfe in der DDR
2.2) Gründe für die Einweisung in einen JWH
3) Erziehungsziele und pädagogische Methodik in der DDR
3.1) Erziehung und Ideologie
3.2) Die Erziehung zur allseitig gebildeten sozialistischen Persönlichkeit
3.3) Exkurs: Erklärungen für abweichendes Verhalten und Kriminalität
3.4) Kernelemente der DDR Pädagogik
4) Pädagogische Praxis in den Jugendwerkhöfen
4.1) Die Erzieher
4.2) Politisch ideologische Erziehung
4.3) Kollektiv, Arbeit und Disziplin
4.4) Erzieherische Mittel
5) Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen Ideologie und Erziehung in den Jugendwerkhöfen der DDR. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, inwiefern die Erziehung in diesen Einrichtungen zum staatlichen Repressionsinstrument wurde und welche Rolle marxistisch-leninistische Ideale bei der Umerziehung Jugendlicher spielten.
- Stellung und Funktion der Jugendwerkhöfe im DDR-Jugendhilfesystem
- Die theoretische Verknüpfung von Pädagogik und marxistischer Ideologie
- Kollektiverziehung, Arbeitserziehung und das Disziplinverständnis
- Die pädagogische Praxis und der Alltag in den Heimen
- Ursachenforschung bei abweichendem Verhalten und Delinquenz
Auszug aus dem Buch
3.1) Erziehung und Ideologie
Die Pädagogik der DDR orientierte sich maßgeblich an den Arbeiten des Sowjetpädagogen Anton Semjonowitsch MAKARENKO. Oberstes Ziel allen pädagogischen Strebens war die Erziehung zur „sozialistischen Persönlichkeit“, die sich vor allem durch „die Übereinstimmung der individuellen mit den gesellschaftlichen Interessen im Kollektiv“ auszeichnete. Dabei misst MAKARENKO den Interessen des Kollektivs den übergeordneten Wert bei. Kollektiverziehung, auf die noch näher eingegangen wird, Arbeit und militärische Disziplin standen im Vordergrund der pädagogischen Methodik. Disziplin, so MAKARENKO, solle ein nicht durch das Bewusstsein Hinterfragtes, sondern ein mechanisches befolgen sein: „Ich kann mir eine gute Disziplin nicht vorstellen, wenn sie nur durch das Bewußtsein geprägt sein sollte. Eine solche Disziplin kann es nicht geben. (...) Sie würde vom Verstand diktiert sein; ständig würde nach dem einen oder anderen Vergehen gefragt und immer wieder die die Einheit spaltende Frage gestellt werden, ob man so, oder nicht so handeln sollte.“ Auch wenn MAKARENKO die Kehrseite, den blinden Gehorsam, durchaus sieht, so kann seine Forderung nach einer vollkommenen Synthese des Willens es Individuums und des Willens des Kollektivs als illusorisch bewertet werden.
Die theoretischen Grundlagen der Sowjetpädagogik fußen im philosophischen System von Marx und Engels, im Historischen Materialismus. Dieser entwickelte sich als Kritik des Deutschen Idealismus (insbesondere Hegel) und sah in der Geschichte nun nicht mehr die Manifestation eines idealisierten Geistes sondern verstand diese als Produkt des menschlichen Handelns. Die politisch-ökonomischen Verhältnisse prägten demnach das Bewusstsein der Menschen, welche wiederum die ökonomisch-politischen Verhältnisse schüfen.
Zusammenfassung der Kapitel
1) Einleitung: Darstellung des Forschungsinteresses an der Verknüpfung von Ideologie und Erziehung in den offenen Jugendwerkhöfen der DDR.
2) Stellung und Aufgabe der Jugendwerkhöfe: Erörterung der rechtlichen Einordnung der Jugendwerkhöfe als repressives Organ der Jugendhilfe und Analyse der Einweisungsgründe.
3) Erziehungsziele und pädagogische Methodik in der DDR: Analyse der theoretischen Grundlagen, insbesondere des marxistisch-leninistischen Erziehungsideals und der sowjetischen Pädagogik.
4) Pädagogische Praxis in den Jugendwerkhöfen: Untersuchung des Heimalltags, der Rolle des Personals sowie der Umsetzung von Disziplinierungsmaßnahmen und Erziehungsmethoden.
5) Schlussbetrachtung: Fazit über das Scheitern der Jugendwerkhöfe an ihren eigenen ideologischen Ansprüchen und die Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis.
Schlüsselwörter
Jugendwerkhof, DDR, Umerziehung, Pädagogik, Ideologie, Marxismus-Leninismus, Kollektiverziehung, Jugendhilfe, Disziplin, Repression, Arbeitserziehung, Sozialistische Persönlichkeit, Delinquenz, Heimerziehung, Staatsbürgerliche Erziehung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der marxistisch-leninistischen Ideologie und der pädagogischen Praxis in den offenen Jugendwerkhöfen der DDR.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die Rolle des Jugendwerkhofs im Jugendhilfesystem, die theoretischen Erziehungsziele der DDR, die kriminologische Ursachenforschung sowie die tatsächliche pädagogische Umsetzung im Heimalltag.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu analysieren, inwiefern Erziehung in der DDR zum staatlichen Repressionsinstrument wurde und ob die angestrebte „Umerziehung“ zur sozialistischen Persönlichkeit in der Praxis erfolgreich war.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse sowie der Auswertung von Sekundärliteratur und Erfahrungsberichten von Betroffenen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung (Erziehung und Ideologie) und die praktische Anwendung (Erzieher, Kollektiv, Disziplin, erzieherische Mittel).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Jugendwerkhof, Kollektiverziehung, Umerziehung, Repression, DDR-Pädagogik und sozialistische Persönlichkeit.
Warum wurde in der DDR nach "innergesellschaftlichen Ursachen" für Jugendkriminalität gesucht?
Da einfache Schuldzuweisungen an den Klassenfeind nicht alle Phänomene der Jugendkriminalität erklären konnten, musste die Forschung den Fokus auf gesellschaftsinterne Probleme verschieben, wobei diese dennoch ideologisch mit dem Klassenkampf verknüpft wurden.
Welche Rolle spielte der Arrest in den Jugendwerkhöfen?
Der Arrest diente als Mittel zur Disziplinierung und Willensbrechung, wobei die Isolierung in der Zelle von vielen Betroffenen als schwerwiegender empfunden wurde als körperliche Gewalt.
- Arbeit zitieren
- Katharina Markmann (Autor:in), 2009, Erziehung und Ideologie - Theorie und Praxis der Erziehung in den offenen Jugendwerkhöfen der DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144357