Armutsbekämpfung & Umweltschutz

Chancen und Risiken von Umweltstandards


Diplomarbeit, 2009

87 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

I. INHALTSVERZEICHNIS

I. INHALTSVERZEICHNIS

II. ABBILDUNGSVERZEICHNIS

III. TABELLENVERZEICHNIS

IV. ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. ZUSAMMENHANG VON UMWELT UND ENTWICKLUNG
2.1 Theorie öffentlicher Güter und externer Effekte
2.2 Bisherige Entwicklung internationaler Vereinbarungen
2.3 Konzepte der Armut
2.3.1 Relative und absolute Armut
2.3.2 Dimensionen der Armut
2.3.3 Vulnerabilität
2.4 Messung von Umweltverschmutzung und Umweltschutz
2.5 Theoretische Überlegungen zu den Zusammenhängen
2.5.1 Wachstum schafft Umweltverschmutzung
2.5.2 Positive Korrelation von Armut und Umweltverschmutzung
2.5.3 Umwelt Kuznets Kurve

3. KONSEQUENZEN DER UMWELTSCHÄDEN
3.1 Lokale Existenzbedrohung durch Umweltschäden
3.1.1 Bodendegradation
3.1.2 Wasserverknappung
3.1.3 Luftverschmutzung
3.1.4 Verlust von Biodiversität
3.2 Internationale, globale Konsequenzen
3.2.1 Meeresspiegelanstieg
3.2.2 Veränderte Niederschlagsbedingungen
3.2.3 Extreme Wetterereignisse
3.2.4 Veränderung maritimer Systeme

4. DURCH ARMUT VERURSACHTE UMWELTSCHÄDEN
4.1 Mikroebene
4.1.1 Missmanagement von Agrarflächen
4.1.2 Wassermissmanagement
4.1.3 Wilderei und Holzraub
4.2 Makroebene
4.2.1 Marktversagen
4.2.2 Fehlende rechtliche Rahmenbedingungen
4.2.3 Falsche Anreize und unwissende Behörden
4.2.4 Korruption

5. ARMUTSBEKÄMPFUNG UND UMWELTSCHUTZ
5.1 Konzepte und Maßnahmen
5.1.1 Ressourcensicherung
5.1.2 Förderung von Bildung und Technologie
5.1.3 Kooperation und Partizipation
5.1.4 Kompensation
5.2 Chancen und Risiken von Umweltstandards
5.2.1 Umweltstandards
5.2.2 Risiken
5.2.3 Chancen
5.2.4 Instrumente zur Durchsetzung von Umweltstandards
5.3 Green Labels
5.3.1 Definition
5.3.2 Funktion
5.3.3 Bestehende Green Labels
5.3.4 Potentiale von Green Labels

6. FAZIT

7. LITERATURVERZEICHNIS

V. ANHANG

II. ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Abbildung 1: Wachstum und Verschmutzung

Abbildung 2: Öffentliche Versorgung und Einkommen

Abbildung 3: Umwelt Kuznets Kurven

Abbildung 4: DALYs resultierend aus Wasserverschmutzung

Abbildung 5: Zahl jährlich von Katastrophen betroffener Menschen

III. TABELLENVERZEICHNIS

Tabelle 1: Armutsindikatoren für Regionen der Welt

Tabelle 2: Annex-I-Staaten-Emissionen

Tabelle 3: Nicht-Annex-I-Staaten-Emissionen

IV. Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Ziel dieser Arbeit ist es die Potentiale von Umweltstandards im Kontext der Armutsbekämpfung und des Umweltschutzes zu analysieren. Die Chancen und Risiken, die mit der Etablierung von globalen Umweltstandards bestehen, werden erörtert, abgewogen und bewertet. Im Zuge der Analyse werden Green Labels als geeignete Instrumente zur Verquickung der Zielvorgaben erkannt und ihre Ausgestaltung und Definition zur Entfaltung der bestmöglichen Wirkung dargelegt.

Im weiteren Verlauf der Arbeit wird wie folgt vorgegangen, im 2. Kapitel werden die theoretischen Grundlagen für ökologisch unverantwortlichen und ökonomisch ineffizienten Umgang mit natürlichen Ressourcen und der Umwelt gelegt. In diesem Zuge werden kurz die bisherigen internationalen Bemühungen, im Rahmen von Konventionen und Erklärungen Umweltverschmutzung und Armut zu bekämpfen, dargelegt. Es werden sowohl Konzepte dargestellt, mit denen die abstrakten Begriffe von Armut und auch Umweltschutz in handhabbare Indikatoren überführt werden können, als auch theoretische Überlegungen erläutert anhand derer sich das Zusammenspiel von Umweltzerstörung und Armut erklären lässt.

Auf diesen Erkenntnissen aufbauend wird in Kapitel 3 der Nexus aus der Perspektive von Umweltfaktoren auf die Armut hin untersucht. Die verschiedenen Umwelteinflüsse, die dazu beitragen, die bestehende Armut zu verschärfen und auszuweiten, werden differenziert nach ihrem Wirkungsmedium detailliert ausgearbeitet. Dabei wird zwischen lokal und regional klar begrenzten und zuordenbaren Problemen und Auswirkungen, die auf internationaler und globaler Ebene auftreten, unterschieden.

Der Konterpart dieser Einflüsse wird in Kapitel 4 dargestellt. Hier werden die armutsinduzierten Schäden und Bedrohungen für die ökologischen Systeme und die natürlichen Ressourcen in allen Facetten erörtert. Die Gliederung erfolgt in diesem Abschnitt nach der Quelle der Verursachung, also den menschlichen Fehlverhalten, die zu den unterschiedlichsten Degradationsausprägungen führen. Auch hier wird zunächst auf lokale Missstände auf der Mikroebene eingegangen, um anschließend analog zum vorherigen Kapitel die Probleme aufzuzeigen, die in Entwicklungsländern auf der Makroebene wirken und weit reichende Konsequenzen für Umwelt und Natur nach sich ziehen.

Im 5. Kapitel werden die gewonnenen Erkenntnisse verschmolzen und es werden mögliche Lösungswege aus dem scheinbaren Dilemma aufgezeigt. Zunächst werden unterschiedliche Maßnahmen und Konzepte vorgestellt, die sich als nachhaltige Reaktionen auf die genannten Probleme zur Armutsbekämpfung und gleichzeitigem Umweltschutz erwiesen haben. Darauf aufbauend wird der Begriff der Umweltstandards eingeführt. Die Funktionsweise, sowie Instrumente zur Durchsetzung von Umweltstandards, werden einer Abwägung der Chancen und Risiken vorangestellt. Die Erkenntnisse, die sich aus der Diskussion der Umweltstandards und Instrumente zu ihrer Durchsetzung ergeben, werden anschließend herangezogen um das Mittel der Green Labels zur Verquickung von Armutsbekämpfung und Umweltschutz zu erläutern. Green Labels werden klar definiert und ausgehend von einer Einteilung in unterschiedliche Ausprägungen, wird ihre ökonomische Funktionsweise dargelegt. Es werden bestehende Green Labels, ihre Verbreitung und bisherige Relevanz in gebotener Kürze dargestellt. Abschließend werden die Potentiale diskutiert und die Ergebnisse einer kritischen Betrachtung unterzogen um daraus Handlungsempfehlungen für die Politik abzuleiten aber auch Hinweise für privatwirtschaftlich und gesellschaftliches Engagement zu geben, welches zur Erreichung der gesetzten Ziele als unabdingbar identifiziert wurde.

Die Ergebnisse lassen große Potentiale der Green Labels zur Armutsbekämpfung bei gleichzeitigem Schutz der Umwelt erkennen. Jedoch müssen dabei einige Steine aus dem Weg gerollt werden, um eine fruchtbare Zusammenarbeit auf internationale Ebene und somit vor allem den Armen dieser Welt ein würdiges Leben zu ermöglichen. Am Anfang des 21. Jahrhunderts steht die Menschheit am Scheideweg und muss sich klar und entschlossen zu internationaler Solidarität und gemeinsamem Kampf gegen Armut und Umweltzerstörung bekennen. Andernfalls wird die Umweltverwüstung immer schneller und unumkehrbar voranschreiten. Die Armut wird aufgrund der weiter schrumpfenden Existenzgrundlagen eher steigen als halbiert.

2. Zusammenhang von Umwelt und Entwicklung

Um den Nexus von Armutsbekämpfung und Umweltschutz darstellen und besonders die Chancen und Risiken von Umweltstandards in diesem Umfeld analysieren zu können, wird in diesem Abschnitt die Verknüpfung der einzelnen Bestandteile aufgezeigt: Entwicklung und Armut als zentrale Elemente der Armutsbekämpfung einerseits und Umweltzerstörung und Umweltschutz auf der anderen Seite.

2.1 Theorie öffentlicher Güter und externer Effekte

Um die Verknüpfung von Armutsbekämpfung und Umweltschutz global wirksam zu gestalten, müssen internationale Vereinbarungen getroffen werden, da die wirtschaftliche Aktivität der einzelnen Staaten und deren Handel untereinander nicht zu einer zufriedenstellenden Lösung führt. Theoretischer Hintergrund dieses Missstandes ist das Problem negativer externer Effekte im Zusammenhang mit öffentlichen Gütern. Dabei werden Fragen, aufgeworfen, die es im Folgenden zu beantworten gilt. Warum kommt es im Bereich von Umweltgütern und natürlichen Ressourcen zu Marktversagen und welche theoretischen Argumente machen Handlungen auf Basis internationaler Vereinbarungen nötig? Die Antworten auf diese Fragen bilden die theoretischen Grundlagen, auf denen die globalen Abkommen aufbauen. Sie werden im kommenden Abschnitt erläutert, um anschließend die internationalen Lösungsversuche dieser Problematik darzustellen.

Als externe Effekte oder auch Externalitäten bezeichnet man in der Ökonomie die Beeinträchtigung der Konsum- oder Produktionsmöglichkeiten eines Wirtschaftssubjektes durch die Produktion oder den Konsum eines anderen, ohne dass die entstehenden sozialen Kosten oder Erträge im individuellen Kalkül berücksichtigt werden. Positive Externalitäten werden beispielsweise durch die kostenlose Befruchtung der Obstbäume eines Bauern, durch die Bienen eines Imkers verursacht. Positive externe Effekte treten in der Praxis relativ selten auf, da die Gewinnorientierung der Wirtschaftssubjekte sie dazu veranlasst andere Individuen von der Nutzung auszuschließen und somit die positiven externen Effekte zu internalisieren.1 Ein negativer externer Effekt liegt hingegen vor, wenn beispielsweise eine Färberei das Wasser eines Flusses verschmutzt, so dass die Fischerträge eines flussabwärts ansässigen Fischers geschmälert werden. Diese Problematik tritt zutage, da das Flusswasser ein öffentliches Gut ist und kein Markt und somit auch kein Preis für die Nutzung des Wassers existiert.2

Öffentliche Güter sind dadurch charakterisiert, dass niemand vom Konsum ausgeschlossen werden kann. Weiterhin werden öffentliche Güter differenziert nach der jeweiligen Rivalität im Konsum. Reine öffentliche Güter sind durch Nicht-Rivalität geprägt, öffentliche Güter, bei denen eine Rivalität im Konsum vorliegt, werden als Allmendegüter bezeichnet. Für das einzelne Individuum besteht der Anreiz, das öffentliche Gut zu nutzen, da der individuelle Anteil an der Finanzierung jedoch verschwindend gering erscheint, sich nicht an der Finanzierung bzw. Erhaltung des Gutes zu beteiligen. Dieses Trittbrettfahrerverhalten führt zu Marktversagen.3

Die Wohlfahrtsökonomie sah es als Aufgabe von übergeordneten Institutionen an, dieses Marktversagen zu lösen, um das Wohlfahrtsmaximum zu erreichen. Das Optimum kann dabei sowohl durch Erheben von spezifischen Steuern als auch durch zielgerichtete Subventionen herbeigeführt werden.4

Diese Form der wohlfahrtsökonomischen Problemlösung, die vor allem auf den Überlegungen von A.C. PIGOU fußt, wird von RONALD COASE als nicht zielführend kritisiert. Die Entschädigung der geschädigten Partei durch Zahlungen des Schädigers führt nicht zur optimalen Allokation von Produktion und Konsum. Laut COASE reicht, unter der sehr restriktiven Annahme nicht existierender Transaktionskosten, die Definition von Eigentumsrechten aus, um über eine Verhandlung der betroffenen Parteien zur wohlfahrtsoptimalen Lösung zu gelangen. Das heißt über den Tausch wird die effiziente Allokation der Ressourcen herbeigeführt.5

Globale Umweltprobleme lassen sich, allein aufgrund der schieren Anzahl der beteiligten Akteure und der damit auftretenden Transaktionskosten, nicht über die Verhandlungslösung beheben. So hat weder die Besteuerung noch die Verhandlung zwischen privaten Akteuren bislang dazu geführt, dass die Umweltschäden angemessen internalisiert wurden, um eine nachhaltige Wirtschaft zu etablieren.

2.2 Bisherige Entwicklung internationaler Vereinbarungen

Aus theoretischen Überlegungen und ökonomischen Diskussionen der Umweltproblematik wurden fast immer auch Politikimplikationen abgeleitet. Es werden nun die Bemühungen dargestellt, mit denen die internationale Politik diese Erkenntnisse in Regeln und Gesetze zu gießen versucht.

Handlungsbedarf für internationale Umweltschutzmaßnahmen wurde bereits vor geraumer Zeit erkannt. Die Notwendigkeit, der weltweiten Umweltzerstörung durch umweltpolitische Maßnahmen auf globaler Ebene zu begegnen, wurde schon Anfang der 1970er-Jahre erkannt. Auf der ‚UN Konferenz über die Umwelt der Menschheit’ 1972 in Stockholm wurde das ‚United Nations Environment Programme’ (UNEP) ins Leben gerufen. Von diesem Zeitpunkt an wurde die starke Verbindung von Entwicklung und Umwelt offiziell von den Vereinten Nationen als Faktum anerkannt und es wurden vermehrt Forschungen angestellt, die diesen Zusammenhang beleuchten sollten. Die Menschheit wurde gleichzeitig als Geschöpf und Schöpfer der Umwelt betrachtet und somit die Wichtigkeit des Schutzes der menschlichen Umwelt zur Erreichung von Wohlstand und Entwicklung verdeutlicht. Allerdings hielt die Konferenz auch fest, dass die ökonomische Entwicklung einen Grundstein für den erfolgreichen Schutz der Umwelt darstellt. Es wurde der Zusammenhang von Armut und Umweltzerstörung hergestellt und suggeriert, dass die negativen Auswirkungen von Umweltzerstörung am ehesten durch wirtschaftliche Entwicklung gemindert werden können. Die gezielte Bildung der Bevölkerung, der Wissens- und Technologietransfer und die systematische Forschung im Umweltbereich wurden schon 1972 als geeignete Mittel identifiziert, um die Umwelt zu schützen und den Armen ein menschenwürdiges Lebensumfeld zu garantieren. Der internationale Charakter, den alle Bemühungen haben sollten, wird von den Vereinten Nationen besonders hervorgehoben.6

Das UNEP ist ein gutes Beispiel für die Anstrengungen, die von der internationalen Staatengemeinschaft unternommen wurden, um die Themen Umweltschutz und Armutsbekämpfung in den Fokus von Entscheidungsträgern auf der ganzen Welt zu rücken. Die Vereinten Nationen riefen 1983 die ‚World Commission on Environment and Development’ (WCED) ins Leben, oder kurz: Brundtland-Kommission, benannt nach ihrer Kommissionsvorsitzenden Gro Harlem Brundtland. Der von der Kommission 1987 vorgelegte Bericht ‚Our Common Future’ verdeutlichte die Gefahren, die durch

Umweltverschmutzung in Industrie- und Entwicklungsländern, das weltweite Wachstum bedrohen und lenkte starkes Augenmerk auf die nachhaltige Entwicklung. Der Begriff der nachhaltigen Entwicklung wurde hier zum ersten Mal wirklich definiert als „development that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs“7 ; dies ist bis heute die geläufigste Definition der Nachhaltigkeit. Darüber hinaus ist der Brundtland-Bericht keine bloße Bestandsaufnahme der Umwelt- und Entwicklungssituation der Erde. Aus der WCED leiteten sich Politikimplikationen ab, die maßgeblichen Einfluss auf den ‚Earth Summit’ von Rio de Janeiro 1992 hatten.8 1992 wurde mit dem Erdgipfel von Rio de Janeiro ein weiterer Schritt hin zur globalen Zusammenarbeit getan. Aus der Rio-Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung, gingen 27 Grundsätze hervor, die die internationale Anerkennung von Problemen der Umweltzerstörung und Armut stärken sollten. Auch in diesen Grundsätzen spielt der Gedanke der nachhaltigen Entwicklung eine zentrale Rolle. Besonders die internationale Kooperation der Staaten auf der Erde wurde in den Mittelpunkt gerückt und zum ersten Mal räumten auch die Industrienationen eine größere Verantwortung für die bisherigen Umweltschäden ein. Ebenso wurde mit der Rio-Erklärung die Einsicht verknüpft, dass Umwelt- und Entwicklungspolitik untrennbar miteinander verwoben sind.9

Auch die Agenda 21 wurde auf der Konferenz in Rio verabschiedet. Die Agenda 21 identifizierte vier Bereiche, in denen Handlungsbedarf besteht: soziale und wirtschaftliche Dimensionen, Erhaltung und Bewirtschaftung der Ressourcen für die Entwicklung, Stärkung der Rolle wichtiger Gruppen und schließlich Mittel zur Umsetzung. Die 172 unterzeichnenden Staaten beschlossen, in diesen Bereichen auf internationaler Ebene die Zusammenarbeit und Anstrengungen zu intensivieren, um ein Umfeld zu schaffen, in dem sich die Ziele der Umwelt- und Entwicklungspolitik verwirklichen lassen. Gleichzeitig wurden nationale und regionale Institutionen aufgefordert und ermutigt, ihrerseits durch lokale und selbstständige Aktionsprogramme die Agenda 21 voranzutreiben.10

Bei der Umsetzung einzelner Punkte der Agenda, werden die jeweiligen Regierungen unterstützt von der ‚Commission on Sustainable Development’ (CSD), einer dauerhaften Einrichtung in der UN.11

1997 wurden in New York bereits realisierte Fortschritte, der Agenda 21 auf ihre Anwendung und Implementierung in internationale, nationale und regionale Politiken hin, analysiert. Die Ergebnisse waren ernüchternd, so dass man sich einigte, fünf Jahre später in Johannesburg erneut zusammenzukommen und die dann erreichten Fortschritte zu analysieren.12 Auch in den ‚Millennium Development Goals’ (MDG) schlägt sich die beidseitige Verquickung nieder, da neben dem 1. MDG, welches zum Ziel hat, die extreme Armut bis zum Jahr 2015 zu halbieren, vor allem das 7. MDG auf den verantwortungsvollen Umgang mit der Natur verweist.13

Die Johannesburg-Erklärung aus dem Jahr 2002 setzt diesen Trend kontinuierlich fort. So verpflichten sich die unterzeichnenden Staaten auf dem ‚World Summit on Sustainable Development’, in Johannesburg im Zuge der Agenda 21 die Ziele der Rio-Erklärung und MDG weiter zu verfolgen. Erneut wurde die starke gegenseitige Verknüpfung, der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung mit dem Umweltschutz verdeutlicht.14 Im Jahr 2005 trat das bereits 1997 verabschiedete Kyoto-Protokoll in Kraft. Die teilnehmenden Länder verpflichteten sich ihren Treibhausgasausstoß zu reduzieren. Dabei lassen sich die Staaten in zwei Gruppen teilen: zum einen die entwickelten Länder, die sich zur Minderung verpflichtet haben, und im Folgenden analog zur Bezeichnung im Text des Kyoto-Protokolls als Annex-I-Länder deklariert werden. Zum anderen Staaten, vornehmlich Entwicklungsländer, die das Protokoll ratifiziert haben, sich aber nicht zu einer Emissionsminderung verpflichteten.15 Im Kyoto-Protokoll sind flexible Handelmechanismen verankert, die den kooperativen Charakter internationaler Treibhaugasminderung betonen. Der Emissionsrechtehandel wird im Kyoto-Protokoll über zwei Wege arrangiert. Die sogenannte ‚Joint Implementation’ ermöglicht es Annex-I-Staaten durch Investitionen in Projekte zur Emissionsminderung in anderen Annex-I-Ländern zusätzliche Emissionsrechte zu erhalten. Investitionen in Reduktionsminderungsprojekte außerhalb der Annex-I-Staaten werden als ‚Clean Development Mechanism’ bezeichnet, auch die Vermeidung von Treibhausgasemissionen in Entwicklungsländern kann dem heimischen Wert gutgeschrieben werden. Hier kommen sich Armutsbekämpfung und Umweltschutz auch auf institutioneller Ebene schon sehr nahe. 16

Als das Protokoll 2005 letztendlich in Kraft trat, war die Hoffnung groß, einen entscheidenden Schritt hin zum globalen Klimaschutz getan zu haben. Die Fortschritte in den CO2-Minderungen geben allerdings nur wenig Grund zur Hoffnung darüber, dass die gesetzten Ziele auch eingehalten werden.17

Auch hier wird einmal mehr die Gefahr deutlich, mit internationalen Abkommen nur ‚zahnlose Monster’ zu erschaffen, wenn es nicht genug finanzielle oder gesellschaftliche Sanktionen gibt, mit denen Verstöße geahndet werden können.

Auch außerhalb der Vereinten Nationen greift der Gedanke Umweltschutz und Armutsbekämpfung zu verquicken, immer weiter um sich. Zwar gestalten sich die Verhandlungen in der ‚World Trade Organisation’ (WTO) immer wieder schwierig, doch kann, unbestritten die Intention erkannt werden, die Entwicklungsländer zu fördern und die Umwelt zu schützen.

Die EU und in ihr besonders Deutschland sieht sich gerne in der Rolle des Vorreiters bei Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen. Doch ist es bislang auch innerhalb der EU immer mit zähen Verhandlungen verbunden, wenn bindende Richtwerte verabschiedet werden sollen. Ein Grund ist der starke Einfluss von Interessenverbänden auf die Politikvertreter, beispielsweise wurden die Grenzwerte für CO2-Emissionen von Kraftfahrzeugen immer weiter herabgesetzt. Es wird sich zeigen, wie treu die EU und die UN ihren hehren umweltpolitischen Zielen in Zeiten einer globalen wirtschaftlichen Krise bleiben. Gerade in diesen Zeiten müsste aber der Mut, zu Regeln und Reformen zu stehen, aufgebracht werden, um mit verbesserten Strukturen ein nachhaltiges Wachstum und eine sozialere Weltgemeinschaft zu etablieren.

Die genannten Maßnahmen und Grundsätze sind in den meisten Fällen nur als Richtlinien zu verstehen, die kaum gesetzliche Konsequenzen bei Nichteinhaltung nach sich ziehen. Es bedarf also weiteren Maßnahmen und Anstrengungen, um die Ziele von Armutsbekämpfung und Umweltschutz zu vereinen.

2.3 Konzepte der Armut

In diesem Abschnitt steht die Frage im Mittelpunkt, welche Individuen oder Länder als arm bezeichnet werden können und warum.

Um den Zusammenhang zwischen Armut und Umweltverschmutzung herzustellen und zu analysieren, muss ein geeignetes Armutskonzept definiert werden. Hierbei muss zwischen relativer und absoluter Armut unterschieden werden. Darüber hinaus wird die Armut maßgeblich davon bestimmt, ob nur Einkommensgrößen in Betracht gezogen werden oder ob Armut auch von nicht materiellen Faktoren beeinflusst wird. Abschließend wird das Konzept der Vulnerabilität vorgestellt.

2.3.1 Relative und absolute Armut

Als relativ arm werden Individuen bezeichnet, die im Vergleich mit einer vorher definierten Gesellschaft oder gesellschaftlichen Gruppe nur über einen bestimmten Anteil des Einkommens verfügen. Relative Armut wird oft als der Anteil der Bevölkerung definiert, der zum Beispiel weniger als 50 Prozent des Durchschnittseinkommens verdient.18 Mit solch einem relativen Armutsmaß misst auch die OECD die Armut in ihren Mitgliedstaaten. Die Armutsrate, gemessen an 50 Prozent des Medianeinkommens, liegt in den OECD Mitgliedsstaaten bei knapp elf Prozent.19

Doch wird durch die Abhängigkeit der relativen Armut von der Verteilung der Einkommen vielmehr die Ungleichheit einer bestimmten Bevölkerung ausgedrückt, als die Armut an sich. So macht ein relatives Armutsmaß keinen Unterschied zwischen einem Zustand, in dem wenig Einkommen gerecht über die Bevölkerung verteilt ist und beispielsweise niemand hungern muss und dem Zustand, in dem 99 Prozent der Bevölkerung hungern weil der gesamte Reichtum der Bevölkerung auf das eine verbliebene Prozent konzentriert ist. Diese relative Armutsmessung ist folglich in Industriestaaten angemessen, allerdings lassen sich somit nicht, die oft lebensbedrohlichen Armutsverhältnisse in Entwicklungsländern abbilden. Um die Armen dieser Welt zu identifizieren, muss auf die absolute Messung von Armut zurückgegriffen werden.20

Absolute Armutsgrenzen werden interpretiert als ein Grenzwert bezüglich Einkommen, Konsum, Zugang zu Ressourcen oder anderen wirtschaftlichen und sozialen Aspekten.21 Aus dieser Interpretation lassen sich also spezifische Grenzen ableiten, unter denen Länder bzw. Individuen als arm gelten. Um internationale Vergleichbarkeit möglich zu machen, werden Armutsmaße in Kaufkraftparitäten, ‚Purchasing Power Parities’ (PPP), angegeben. Im World Development Report von 1990 wurde eine Armutslinie von einem Dollar pro Tag (1985 PPP) vorgeschlagen.22 Zum World Development Report 2000/2001 wurde, auf Grundlage von neuen Daten, die globale Armutslinie auf 1,08 $ (1993 PPP) angepasst.23 Eine erneute Verbesserung der Datenlage und methodische Fortschritte führten dazu, dass 2008 die internationale Armutslinie auf 1,25 $ (2005 PPP) festgelegt wurde.24 Laut dieser Definition leben heute rund 1,4 Milliarden Menschen auf der Welt in Armut. Auch den Vereinten Nationen dient diese Armutslinie als Grundlage zur Bestimmung der Armut in der Welt und zur Fortschrittsanzeige bei der Zielerreichung der MDG. So sind zwar nach der neuen Berechnung mehr Menschen arm als noch auf Grundlage der alten Armutslinie, die rückläufige Tendenz ist aber weiterhin deutlich erkennbar.25

2.3.2 Dimensionen der Armut

Zwar stellt die oben genannte Einkommensarmut einen wesentlichen Bestandteil der Armut dar, doch wurde an einkommensbasierten Armutsmaßen schon früh Kritik geäußert. Die Kritiker betonen, dass Einkommen vielmehr ein Mittel als ein Zweck sei und besonders in Entwicklungsländern die individuelle Lebensqualität von nicht monetären Faktoren bestimmt werde. Der Ansatz, diese Einflüsse auf die Wohlfahrt abbilden zu können geht insbesondere auf AMARTYA SEN zurück. Nach SENS ‚Capability Approach’ setzen sich die als ‚Capabilities’ bezeichneten Fähigkeiten und Wahlmöglichkeiten aus den sogenannten ‚Functionings’ zusammen. Diese bestehen wiederum aus ‚doings’ und ‚beings’, welche sowohl fundamentale Wünsche nach ausreichender Ernährung, Gesundheit und Wohlstand, aber auch die Teilnahme am sozialen Leben der Gemeinschaft beinhalten. Letztendlich bestimmen die Wünsche der Menschen nach bestimmten Aktivitäten und die Freiheit diese zu erreichen ihre ‚Capabilities’. So kann mithilfe des ‚Capability Approachs’ die Lebensqualität im weiteren Sinne einkommensunabhängig abgebildet werden. Es lässt sich somit auch eine hungernde von einer fastenden Person unterscheiden. Die beiden Personen erreichen die gleichen ‚functionings’, da sie die gleiche Menge an Nahrung zu sich nehmen. Ihre ‚Capability Sets’ unterscheiden sich jedoch stark, denn der Fastende kann jederzeit mehr essen, die hungernde Person hingegen nicht.26

Aus diesen Arbeiten resultieren schlussendlich auch Maße, die Armut erweitert, um nicht monetäre Größen darstellen können. Der ‚Human Development Index’ (HDI) zieht zur Armutsmessung neben einem Einkommensindikator27 auch zwei nicht monetäre Indikatoren28 zur Bestimmung der menschlichen Entwicklung heran.29 Der ‚Human Poverty Index’ (HPI) bezieht sich direkt auf Mangelsituationen und ist frei von Einkommenskomponenten. Der HPI setzt sich aus der Wahrscheinlichkeit, vor dem 40. Lebensjahr zu sterben, der Analphabetenrate unter Erwachsenen und einem Versorgungsindikator30 zusammen.31 Es besteht ein wachsendes Forschungsinteresse, das individuelle ‚Well-Being’ der Menschen umfassend und möglichst Einkommensunabhängig zu ergründen. Auch die Freiheit wird in umfassenderen Armutskonzepten mit aufgegriffen. Entwicklung wird in dieser Sichtweise als Erweiterung von Freiheit verstanden. Dabei wird die Einkommenskomponente berücksichtigt, da über das Einkommen die Freiheit erworben wird, sich bestimmte Dinge leisten zu können. Freiheiten werden darüber hinaus aber auch von anderen Komponenten beeinflusst. Hier sind Bildungseinrichtungen, Gesundheitsversorgung und rechtsstaatliche Ordnung zu nennen, aber natürlich auch eine intakte Umwelt und Zugang zu sauberer Luft und sauberem Wasser. Die Armut zu bekämpfen bedeutet nach diesem Ansatz also, auf breiter Front die Freiheiten der Menschen zu erweitern.32

2.3.3 Vulnerabilität

Ein weiterer Aspekt, der Beachtung finden muss, ist die Verwundbarkeit oder Vulnerabilität. Der Begriff der Vulnerabilität wird in den unterschiedlichsten Forschungsgebieten zur Beschreibung der Anfälligkeit und Verwundbarkeit von verschiedensten Systemen gebraucht. Um die Bedrohung spezieller Bevölkerungsteile auf der einen Seite und die Bedrohung der Umwelt auf der anderen Seite herausstellen zu können, ist es ratsam, den Begriff der Vulnerabilität zu unterteilen. Es hat sich die Abgrenzung von biophysikalischer und soziale Vulnerabilität bewährt. Biophysikalische Vulnerabilität beschreibt demnach, die Reaktion von (Öko-)Systemen auf Umweltkrisen. Dabei stehen die potentiellen Auswirkungen, wie auch die Wahrscheinlichkeit und das Ausmaß einer Zerstörung durch Umweltfaktoren im Fokus der Analysen.33 Diese Lesart der teilt auch die Definition des ‚Intergovernmental Panel on Climate Change’ (IPCC). Das IPCC definiert die Vulnerabilität als:

„ The degree to which a system is susceptible to, or unable to cope with, adverse effects of climate change, including climate variability and extremes. Vulnerability is a function of the character, magnitude, and rate of climate variation to which a system is exposed, its sensitivity, and its adaptive capacity. “ 34

Über die Folgen des Klimawandels hinaus, lassen sich in die biophysikalische Vulnerabilitätsanalyse auch regionale und lokale Konsequenzen von Umweltzerstörung einbeziehen. So werden zum Beispiel auch potentielle Schäden durch unsachgemäße Müllentsorgung, Übernutzung von landwirtschaftlichen Flächen oder andere Eingriffe in die natürliche Umwelt der biophysikalischen Vulnerabilität untergeordnet. Eine räumlich eingegrenzte Analyse biophysikalischer Vulnerabilität kann dabei dem zweiten Aspekt, der sozialen Vulnerabilität, schon sehr nahekommen. Wird eine Slumsiedlung betrachtet, geht beispielsweise von der unzureichenden Abwasser und Müllentsorgung einerseits eine Gefahr für das Ökosystem aus, also kann von biophysikalischer Vulnerabilität gesprochen werden. Andererseits sind die zumeist armen Bewohner des Slums als soziale Gruppe stärker von Umweltkatastrophen wie Erdrutschen oder Überschwemmungen bedroht als Bewohner der gleichen Stadt mit festen Behausungen.

Die Anfälligkeit von bestimmten Bevölkerungsgruppen wird als soziale Vulnerabilität bezeichnet. Diese Vulnerabilität kann als das Risiko einer Gesellschaft angesehen werden, eine drohende Katastrophe nicht mehr bewältigen zu können. Diese Katastrophen können mannigfaltiger Art sein. Die Bedrohungen bestimmter Gruppen der Gesellschaft, differenziert nach dem sozialen Status, stehen im Zentrum der Analyse.35 Dabei hängt das Ausmaß der sozialen Vulnerabilität sowohl stark von der Art und Ausprägung der jeweiligen Katastrophe als auch von der ausgewählten Population und Gegend ab.36

Als Beispiel ist hier das Erdbeben in Guatemala von 1976 anzuführen, bei dem über 22.000 Menschen getötet wurden. Die Todesfälle waren fast alle in der indigenen Landbevölkerung oder unter den Armen in der Stadt zu beklagen, während Bürger aus der Mittel- und Oberschicht nur marginale Verluste zu erleiden hatten. Dieses Erdbeben ging daher auch als ‚Class-Quake’ in die Literatur ein.37

Im Kontext von Armutsbekämpfung und Umweltschutz sind beide angesprochenen Formen der Vulnerabilität von großer Bedeutung und sollten nicht als unabhängig voneinander betrachtet werden. Vielmehr sind die gegenseitigen Interdependenzen zu betonen: Zum einen formt der Mensch die Umwelt und so die biophysikalische Vulnerabilität, zum anderen wird durch gesellschaftliche Ordnungen und veränderte natürliche Rahmenbedingungen die soziale Vulnerabilität bestimmt.38

Die Vulnerabilität bestimmter Regionen oder Bevölkerungsgruppen zu bestimmen ist ein großes Interesse der Forschung. Dabei wird einerseits die Vulnerabilität, die von bestimmten Ereignissen ausging im Nachhinein festgelegt. Interessanter ist aber die Bestimmung der Vulnerabilität bevor Katastrophen auftreten. Diese Forschungsrichtung wurde durch die Tsunami-Katastrophe von 2004 weiter gefördert und gibt Auskunft in Form von Vulnerabilitätsberichten, Indizes und Karten. Der ‚Environmental Vulnerability Index’ (EVI) gibt beispielsweise einen Index der Vulnerabilität für verschiedene Länder der Welt an.39 Im Kontext der Vulnerabilität sei nur kurz auf sogenannte Armutsfallen hingewiesen. In eine Armutsfalle gerät ein Individuum, wenn durch einen wie auch immer gearteten Schock seine Produktionsmittel zur Einkommensgenerierung zerstört werden und die Situation, in der es sich anschließend befindet ihm nicht erlaubt, den Zustand der Armut durch eigenen Anstrengungen wieder verlassen zu können.40

Tabelle 1: Armutsindikatoren für Regionen der Welt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach HDR (2008); a: CHEN/RAVALLION, (2008)

Aus Tabelle 1 geht hervor, dass es leichte Unterschiede in der Rangfolge der Regionen zwischen den einzelnen Indikatoren gibt, doch lässt sich Sub-Sahara Afrika immer als ärmste und Südasien als zweitärmste Region der Welt identifizieren. Bis auf den HDI folgt Ostasien und der pazifische Raum stets auf dem dritten Rang. Die einzelnen Armutsmaße erlauben also tendenziell die gleichen Interpretationen.

Zur Analyse des Armuts-Umwelt-Nexus wird im Folgenden oft auf Einkommen als Armutsmaß zurückgegriffen. Wie oben beschrieben tritt Armut zwar in den vielfältigsten Dimensionen und Ausprägungen auf, doch ist vor allem auf dem Niveau globaler Aggregation das Einkommen oder das Pro-Kopf-Einkommen ein hinreichend guter Indikator. Zudem profitieren Einkommensgrößen bezüglich der guten Datenlagen gegenüber vielen anderen Indizes. Dennoch muss immer bedacht werden, dass mit dem Einkommen nur eine Approximation an die Zustände der tatsächlichen Armut getroffen werden kann. Generell sollte bei der Interpretation von Armutsdaten auf dem Niveau von Kontinenten, Regionen oder auch Ländern immer berücksichtigt werden, dass es sich um stark aggregierte Indizes handelt. Je kleiner die betrachteten Gebiete und Populationen sind und je exakter die Interpretationen und Implikationen abgeleitet werden sollen, desto umfassender sollte das jeweils verwendete Armutskonzept sein.

2.4 Messung von Umweltverschmutzung und Umweltschutz

Nachdem im vorangegangenen Abschnitt ein Armutskonzept definiert wurde, wird im folgenden Teil die Messung von Umweltschutz konkretisiert. Dabei werden verschiedene Maße und Konzeptionen zur Messung von Umweltschutz beziehungsweise Umweltverschmutzung dargestellt. Ziel ist es, den teilweise recht vagen Begriff des Umweltschutzes in ein greifbares Instrument zu überführen, anhand dessen die Zusammenhänge von Armutsbekämpfung und Umweltschutz aufgezeigt werden können.

Eine Möglichkeit der Messung besteht darin, die staatlichen Ausgaben für Umweltschutzmaßnahmen zu betrachten. Relativ zum Bruttoinlandsprodukt lässt sich somit ein Indikator erstellen, der den Aufwand einer Regierung zum Schutz bzw. zur Wiederherstellung der Umwelt abbildet. Es muss definiert werden, was unter Ausgaben für Umweltschutzmaßnahmen verstanden wird, um einen international vergleichbaren Indikator zu erhalten. Die OECD definiert dabei Ausgaben für ‚Pollution Abatement and Control’ (PAC) als Kosten für Aktivitäten, die das Ziel haben, Verschmutzung im Produktions- und Konsumprozess zu vermeiden, zu reduzieren und zu beseitigen. Darüber hinausgehende Ausgaben für Umweltschutzmaßnahmen werden ausdrücklich nicht berücksichtigt. Seit 1990 gewinnt die OECD damit Daten über den Anteil der PAC-Ausgaben am BIP. Aktuellste Daten ergaben durchschnittlich rund 1,19 Prozent des BIP.41

Schwierigkeiten bei der Erstellung solch eines Maßes macht nicht nur die vor allem in Entwicklungsländern oft mangelhafte Datenlage. Darüber hinaus wird weder der momentane oder tatsächliche Zustand der Umwelt noch die Veränderung an umweltverschmutzenden Aktionen berücksichtigt. Auch die bisherige Wirksamkeit bereits eingesetzter Mittel zur Reduktion von Umweltbelastungen schlägt sich in diesem Index nicht wieder. So lässt sich mit diesem Indikator lediglich der finanzielle Aufwand für Umweltschutzmaßnahmen in einem Staat erkennen, ohne dass dies Rückschlüsse auf die tatsächliche Wirkung der eingesetzten Mittel zulässt.

Eine andere Methode beruht auf der Messung von verschmutzenden Stoffen, die ausgestoßen werden. Im Gegensatz zu der vorher dargestellten Methodik wird in diesen Ansätzen nicht der Umweltschutz, sondern der Grad der Umweltverschmutzung gemessen. Dabei können die unterschiedlichsten Größen herangezogen werden, wie etwa CO2-Emissionen oder andere Arten der Luft-, Wasser- und Bodenverunreinigung. Auf solchen Messungen basiert auch das ‚Global Environmental Monitoring System’ (GEMS), ein Gemeinschaftsprojekt der Vereinten Nationen und der World Health Organization (WHO). GEMS sammelt relevante Daten, die den Zustand der Umwelt abbilden. Darunter sind unter anderem die Programme GEMS/Air und GEMS/Water zusammengefasst. Das GEMS/Air-Projekt überwacht die Luftverschmutzung in ausgewählten Städten, dazu wird in regelmäßigen Abständen die Konzentration von Schwefeldioxid (SO2) und Aerosolen in der Luft gemessen.42

GEMS/Water überwacht analog dazu über Netzwerke von Beobachtungsstationen in mittlerweile 191 Staaten weltweit die unterschiedlichsten Indikatoren, darunter fallen sowohl Nährstoffgehalte, chemische Eigenschaften, wie zum Beispiel der PH-Wert aber auch Verschmutzung. Ziel ist, einen globalen Überblick über die Wasserqualität in Flüssen, Seen und Grundwasserreservoirs zu erhalten.43

Der sogenannte Ökologische Fußabdruck (‚Ecological Footprint’) beruht hingegen auf der Messung des Bedarfs an natürlichen Ressourcen einer Population, der benötigt wird, um den entsprechenden Konsum zu decken. Die Berechnungen können sich dabei auf Kontinente und Regionen, aber auch auf Städte und kleinere Bezugsräume stützen. Der ‚Ecological Footprint’ eines Landes setzt sich beispielsweise aus der Ackerfläche, die benötigt wird, um die konsumierte Ernte einzufahren, der Weidefläche zur Erzeugung tierischer Produkte, den Wäldern zur Papier- und Holzverarbeitung, der Wasserflächen zur Produktion von Fisch und Meeresfrüchten, der Baufläche für Häuser und Infrastruktur und der Waldfläche, die zur Aufnahme der CO2-Emissionen aus Energiekonsum gebraucht wird, zusammen. Nachhaltiger Konsum ist nur dann gegeben, wenn die benötigte Fläche die vorhandene Fläche nicht übersteigt.44

Dabei wird in der Betrachtung allerdings nicht die Art und Weise der Produktion berücksichtigt. So hinterlassen zum Beispiel bei gleich großer Menge der Getreideernte konventioneller und ökologischer Anbau einen gleich großen Fußabdruck.

Anders versucht die ‚International Organization for Standartization’, über die ISO 14000 Normen den Schutz der Umwelt operationalisierbar zu machen. Die ISO 14000 Standards stellen freiwillige Normen für nachhaltiges Management auf Unternehmensebene dar und sollen Firmen ein funktionierendes Umweltmanagementsystem bescheinigen. Dabei müssen die teilnehmenden Unternehmen bestimmte Bedingungen erfüllen, um ein solches Zertifikat zu erlangen. Es werden sowohl die unternehmensinterne Umweltpolitik als auch die Planung, Umsetzung und Evaluierung von umweltgerechtem Management berücksichtigt.45

Zwar sind die Standards nach den vorgegebenen Kriterien in über 150.000 Unternehmen in 148 Ländern der Welt etabliert, doch werden nur Managementsysteme in Firmen zertifiziert. Viele Kleinbetriebe in Entwicklungsländern verzichten aus Kostengründen auf diese Art der Managementkontrolle. Darüber hinaus werden nur Kriterien berücksichtigt, die das Unternehmen direkt betreffen, ein Abbild der Umwelt oder der Umweltzerstörung findet nur in einem sehr eng begrenzten Radius statt.

Ein Ansatz, der auf der Messung der Nachhaltigkeit ganzer Staaten beruht, ist der ‚Environmental Sustainability Index’ (ESI). Dieser weit verbreitete Index aggregiert länderspezifische Daten aus unterschiedlichsten Bereichen, um ein Bild der Nachhaltigkeit zu zeichnen. Dabei reicht das Spektrum der gesammelten Daten von der Emission verschiedener Schadstoffe und der Verschmutzung der Umwelt bis zu gesundheitlicher Beeinträchtigung der Menschen und der Eigenschaft, Unterzeichner von internationalen Vereinbarungen zu sein. Insgesamt besteht der Index aus dem Durchschnitt von fünf Komponenten: dem Zustand der Umwelt, Maßnahmen zum Umweltschutz, Maßnahmen zur Reduzierung der menschlichen Vulnerabilität, der sozialen und institutionellen Kapazität und der globalen Verantwortung. Diese Komponenten bestehen aus 22 Indikatoren, zum Beispiel der Wasserqualität, der Minderung der Luftverschmutzung, Grundversorgung der Menschen, der umweltrelevanten Informationen oder der Partizipation an internationalen Vereinbarungen, welche sich wiederum in 76 Variablen aufschlüsseln lassen.46

Kritisch ist dabei die subjektive Auswahl der einzelnen Variablen zu sehen. Es herrscht ein Übergewicht an sozioökonomischen Variablen, die stark mit dem Einkommen korrelieren, der ESI tendiert folglich dazu reichere Länder besser abzubilden. Außerdem gehen die Variablen als einmalige Werte in den Index ein, somit lässt sich beispielsweise keine Aussage über die zeitliche oder räumliche von beispielsweise bestimmten Schadstoffen machen. Auch bezüglich der Datenlage gibt es Kritik, da für manche Länder bestimmte Variablen nicht erhältlich sind. Trotz der Kritik ist der ESI ein sehr weit verbreitetes Instrument zur Bestimmung der Nachhaltigkeit. 47

Analog zur Messung von Armut und der Bestimmung eines geeigneten Armutsmaßes ist es schwer eine Maßzahl zu finden, die den Zustand der Umwelt und den Grad des Umweltschutzes weltweit abbilden kann. Generell sollten aufgrund der enormen Bandbreite der verschiedenen Umweltprobleme, von sehr punktueller Verschmutzung durch Hausmüll bis hin zu global wirkender Umweltzerstörung durch CO2-Ausstoß und Klimawandel, Interpretationen und Verallgemeinerungen, die von den unterschiedlichen Messergebnissen abgeleitet werden mit Vorsicht genossen werden. Je exakter die zu analysierenden Regionen, Bevölkerungsteile und auch Umweltprobleme abzugrenzen sind, desto umfangreicher können die zu rate gezogenen Konzepte zur Messung der Umweltverschmutzung und des Umweltschutzes sein.

2.5 Theoretische Überlegungen zu den Zusammenhängen

Nach der Erläuterung der einzelnen Bestandteile und ihrer Maße werden im folgenden Abschnitt die theoretischen Zusammenhänge zwischen Armut und Umweltverschmutzung bzw. Umweltschutz dargestellt. Dabei gibt es unterschiedliche Denkrichtungen und Argumentationslinien, die in drei Klassen unterteilt werden können. Erstens wird nicht die Armut als Ursache für Umweltverschmutzung betrachtet, sondern die wirtschaftliche Entwicklung. Die zweite Denkrichtung macht im Gegensatz dazu die Armut für Zerstörung der Umwelt verantwortlich und sieht in der ökonomischen Entwicklung gleichzeitig eine ökologische Entlastung. Die dritte Art der Argumentation stellt im Prinzip eine Verknüpfung der ersten beiden dar. Es wird die Annahme getroffen, dass wirtschaftliche Entwicklung anfangs für vermehrte Umweltzerstörung sorgt, im weiteren Verlauf die Zerstörung aber wieder abnimmt. Die unterschiedlichen Schulen werden nun jeweils ausführlich dargestellt und erläutert.

2.5.1 Wachstum schafft Umweltverschmutzung

In den heutigen Industrienationen entwickelte sich in den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein neues Umweltbewusstsein. Die Menschen nahmen die Verschmutzungen durch Industrie und Verkehr immer stärker wahr und wurden sich den damit einhergehenden Einschränkungen und Risiken bewusst. Gleichzeitig wiesen Wissenschaftler auf der ganzen Welt vermehrt auf gesundheitsschädliche Konsequenzen von Umweltverschmutzung hin.

[...]


1 BLANKART, (2006), S. 548. ]

2 Vgl. BLANKART, (2006), S. 548.

3 Vgl. ebd., (2006), S. 61 ff.

4 Vgl. PIGOU, (1912), S. 158 ff.

5 Vgl. COASE, (1960), S. 1 ff. ]

6 Vgl. UN, (1972), S. 1 ff. ]

7 WCED, (1987), S. 46.

8 Vgl. WCED, (1987), S. 302 ff

9 Vgl. UN, (1992a), S. 1 ff.

10 Vgl. UN, (1992b), S. 11 ff.

11 Vgl. UN, (1993). S. 1.

12 Vgl. CSD, (1997), S. 5 ff.

13 Vgl. UN, (2008), S. 6 ff.

14 Vgl. UN, (2002), S. 1 ff.

15 Eine detaillierte Aufführung der teilnehmenden Staaten, Emissionen und Reduzierungsverpflichtungen findet sich im Anhang (Tabelle 2 und 3).

16 Vgl. GRUBB et al., (1999), S. 115 ff.

17 Vgl. UNFCCC, (2008), S. 10. ]

18 Vgl. FOSTER, (1998), S. 336.

19 Vgl. OECD (2008), S.126 f.

20 Vgl. RAY, (1998), S. 251 f.

21 Vgl. ebd., (1998), S. 250.

22 Vgl. WORLD BANK, (1990), S. 27.

23 Vgl. WORLD BANK, (2001), S. 17.

24 Vgl. CHEN/RAVALLION, (2008), S. 10.

25 Vgl. UN, (2008) S. 6 f.

26 Vgl. SEN, (1981), S. 9 ff; DRÈZE/SEN, (1989), S. 9 ff. und SEN, (1999), S. 75.

27 Logarithmiertes kaufkraftadjustiertes Pro-Kopf-Einkommen.

28 Lebenserwartung und Alphabetisierungsrate.

29 Vgl. UNDP, (1990), S. 11 ff.

30 Zusammengesetzt aus dem Anteil der Menschen, die über sauberes Wasser verfügen, Zugang zu Gesundheitsversorgung haben und dem Anteil unterernährter Kinder.

31 Vgl. UNDP (1997), S. 18.

32 Vgl. SEN (1999), S. 13. ff.

33 Vgl. WBGU, (2005). S. 34.

34 IPPC, (2001), S. 995.

35 Vgl. HULME/SHEPHERD, (2003), S.409.

36 Vgl. BROOKS, (2003). S.4 f.

37 Vgl. BLAIKIE et al., (1994). S. 279.

38 Vgl. OLIVER-SMITH, (2004), S. 10 ff. ]

39 Vgl. RENAUD, (2006), S. 119; KALY et al., (2004), S. 6.

40 Vgl. CARTER/BARRETT, (2006), S. 187 ff.

41 Vgl. OECD, (2007), S. 9, S. 32. ]

42 Vgl. GROSSMAN/KRUEGER, (1995), S. 355.

43 Vgl. UNEP GEMS/WATER, (2005), S. 11.

44 Vgl. WACKERNAGEL et al., (2002). S. 1 f. ]

45 Vgl. CASCIO et al., (1996), S. 3 ff.

46 Vgl. MORSE, (2006), S 4.

47 Vgl. THE ECOLOGIST, (2001), S. 44 f. ]

Ende der Leseprobe aus 87 Seiten

Details

Titel
Armutsbekämpfung & Umweltschutz
Untertitel
Chancen und Risiken von Umweltstandards
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Entwicklungsökonomik)
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
87
Katalognummer
V144394
ISBN (eBook)
9783640548156
ISBN (Buch)
9783640864492
Dateigröße
2889 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
VWL, Entwicklungsökonomik, Sustainability, Green Labels, Umweltstandards
Arbeit zitieren
Sebastian Schuster (Autor), 2009, Armutsbekämpfung & Umweltschutz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144394

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