Männerbeziehungen spielen in vielen Filmen von Howard Hawks (1896 – 1977) eine wichtige Rolle. Dabei treten die weiblichen Figuren meist in den Hintergrund und kommen nur zum Zug, wenn sie sich männlich verhalten. Eine Frau wird häufig sogar als störend empfunden, denn sie tritt dadurch in Konkurrenz zum Mann. Hawks‘ weiblicher Idealtyp – im Film wie im richtigen Leben – waren selbstbewusste, geradlinige Frauen. Hawks, der dreimal verheiratet war, pflegte daneben langjährige Freundschaften zu William Faulkner und Ernest Hemingway. Es ist daher nicht erstaunlich, dass sich seine Haltung gegenüber Frauen und seine Männerfreundschaften in seinem Werk wiederspiegeln. Doch was ist eine Männerbeziehung? Freundschaft? Kameradschaft? Oder etwa mehr? Heute würde man die Filme von Howard Hawks vielleicht als „Buddy-Movies“ bezeichnen, wie beispielsweise die Filme der Lethal Weapon-Reihe. In diesen Filmen sind die männlichen Protagonisten zwar eng miteinander befreundet, doch Ihre Freundschaft ist klar durch die Heterosexualität der beiden definiert. Eine eindeutige Definition dieser „Freundschaft“ fehlt jedoch in den meisten Filmen von Hawks. Außerdem gibt es in fast keinem Film von ihm eine stabile Heiratsbeziehung der Hauptfiguren. Daher ist es durchaus angebracht, seine Darstellung von Männerbeziehungen etwas genauer zu untersuchen. Auch wenn es Howard Hawks nicht gerne zugegeben hat, dass in seinen Filmen homosexuelle Untertöne vorhanden sind, so kann man sie bei genauem Betrachten durchaus entdecken. Die vorliegende Arbeit versucht deshalb, die homosexuellen Anspielungen im Werk von Howard Hawks etwas genauer zu betrachten. Dafür ist es notwendig, zunächst einen kurzen Blick auf die Darstellung von homosexuellen Charakteren im amerikanischen Film zu werfen und den Begriff „Männerbeziehung“ im Film etwas genauer zu untersuchen. Für das Werk von Howard Hawks beschränkt sich die Arbeit auf die nähere Betrachtung des Films Red River, da in diesem drei äußerst unterschiedliche Männerbeziehungen vorkommen. Aber auch andere Filme wie "The Big Sky" (1952) und "A Girl In Every Port" (1928) sollen hier nicht unerwähnt bleiben.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. HOMOSEXUALITÄT IM HOLLYWOOD – FILM
2.1. Darstellung einer Minderheit
2.2. Der Motion Picture Production Code
3. MÄNNERBEZIEHUNGEN IM US-FILM: ‚HOMO‘ ODER ‚HETERO‘?
4. MÄNNERBEZIEHUNGEN IN RED RIVER
4.1. Tom Dunson – Groot Nadine
4.2. Matthew Garth – Tom Dunson
4.3. Matthew Garth – Cherry Valance
5. WEITERE ANSPIELUNGEN IN HOWARD HAWKS‘ FILMEN
5.1. The Big Sky
5.2. A Girl In Every Port
5.3. Gentlemen Prefer Blondes (1953)
5.4. Bringing Up Baby (1938)
6. MONTGOMERY CLIFT
7. SCHLUSSBEMERKUNG
Zielsetzung und Themenfelder
Diese Arbeit untersucht die Präsenz homosexueller Untertöne in den Filmen des Regisseurs Howard Hawks, insbesondere unter Berücksichtigung des männlichen Rollenbildes und der Darstellung von Männerbeziehungen innerhalb eines oft heteronormativen Hollywood-Kontexts.
- Analyse von Männerbeziehungen in "Red River"
- Einfluss des Motion Picture Production Codes auf die Darstellung von Homosexualität
- Die Funktion und Inszenierung von "Buddy-Movies" bei Hawks
- Interpretation der Rollenbilder und Identitätsfragen in Hawks' Spätwerk
- Beleuchtung der Biografie von Montgomery Clift als Identifikationsfigur
Auszug aus dem Buch
Matthew Garth – Cherry Valance
Neben der zentralen Beziehung zwischen Matthew und Dunson entsteht kurz vor Beginn des Viehtrecks noch eine weitere Beziehung, die häufig als belanglos herabgespielt wird: Die Beziehung zwischen Matthew Garth und Cherry Valance. Die Figur des Cherry Valance hat im Film laut Gerald Mast nur eine einzige Funktion: Zu zeigen, dass Matthew Garth in der Lage ist, seine Männer anzuführen, indem er sich den möglicherweise gefährlichen Gegner Cherry zum Freund macht und dadurch an das Gute im Menschen appelliert. Eine weitere Funktion gebe es für diesen Charakter nicht. Mast lässt daher auch eine der wichtigsten Szenen des Films außer Acht, nämlich das Vergleichen der Schießeisen und dem Zielschießen nach dem ersten Aufeinandertreffen der beiden. Kurz nachdem Cherry sich für den Viehtreck verpflichtet hat, ist er mit Matthew alleine und bemerkt spitz: „That’s a goodlooking gun you were about to use back there. Can I see it?“ Und er fügt noch hinzu: „Maybe you’d like to see mine.“ Und so tauschen die beiden ihre Waffen aus und schießen danach auf Blechdosen. Diese kurze Szene stand nicht im Drehbuch und wurde von Hawks am Set imporvisiert. Sie wird häufig als Hauptbeispiel für die homosexuellen Untertöne in Hawks‘ Werk angeführt, doch niemand erklärt den genauen Grund hierfür. Einzig die Tatsache, dass Gewehre als phallisches Symbol gelten und dass zwei Männer abseits vom Rest der Gruppe unbeobachtet ihre Gewehre vergleichen reicht wohl nicht aus. Es ist wohl eher der erstaunte und zugleich faszinierte Blick, den Montgomery Clift John Ireland auf dessen ‚Anmache‘ hin zuwirft. Blicke sagen in diesem Fall mehr als Worte, obwohl Cherry’s verbale Aufforderung aus heutiger Sicht mehr als eindeutig ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der Männerbeziehungen bei Howard Hawks und die Problemstellung der homosexuellen Untertöne.
2. HOMOSEXUALITÄT IM HOLLYWOOD – FILM: Untersuchung der historischen Diskriminierung und der Zensur durch den Motion Picture Production Code.
3. MÄNNERBEZIEHUNGEN IM US-FILM: ‚HOMO‘ ODER ‚HETERO‘?: Diskussion über die Abgrenzung von Männerfreundschaften zur Sexualität im klassischen US-Kino.
4. MÄNNERBEZIEHUNGEN IN RED RIVER: Detaillierte Analyse der drei zentralen Männerkonstellationen im Film "Red River".
5. WEITERE ANSPIELUNGEN IN HOWARD HAWKS‘ FILMEN: Kurzer Überblick über homosexuelle Untertöne in weiteren ausgewählten Werken von Howard Hawks.
6. MONTGOMERY CLIFT: Vorstellung der Biografie des Schauspielers und seine Rolle als "schwule Ikone" innerhalb von Hawks' Filmen.
7. SCHLUSSBEMERKUNG: Zusammenfassende Betrachtung der Bedeutung von Geschlechterrollen und sexueller Zweideutigkeit in Hawks' Gesamtwerk.
Schlüsselwörter
Howard Hawks, Männerbeziehungen, Red River, Homosexualität, Hollywood, Motion Picture Production Code, Männlichkeitsbild, Montgomery Clift, Buddy-Movie, Geschlechterrollen, Filmgeschichte, sexuelle Untertöne, Rollentausch, Identität, US-Film.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Darstellung von Männerbeziehungen in den Filmen von Howard Hawks und untersucht dabei die oft verborgenen oder unterschwelligen homosexuellen Untertöne.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Machtverhältnisse zwischen Männern, der Einfluss des Zensur-Kodex auf das Hollywood-Kino sowie die Analyse der Rollenbilder in Hawks-Filmen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, durch eine neue Sichtweise die Bedeutung des Werks von Howard Hawks zu erweitern, indem homosexuelle Anspielungen als interpretierbare Facetten innerhalb der Filmstruktur aufgezeigt werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine filmwissenschaftliche Analyse, die sich auf Literaturrecherchen zu Howard Hawks und dem US-Film stützt, sowie eine direkte Szenenanalyse im Film "Red River".
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf eine tiefgehende Untersuchung des Films "Red River" sowie auf eine Analyse weiterer Filme wie "The Big Sky" oder "A Girl in Every Port" in Bezug auf ihre homosexuellen Untertöne.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Männerbeziehungen, Hollywood, Howard Hawks, Geschlechterrollen und die Analyse von Subtexten in "Buddy-Movies" charakterisieren.
Inwiefern spielt Montgomery Clift eine besondere Rolle in dieser Untersuchung?
Clift dient als zentrale Identifikationsfigur, da seine persönliche Homosexualität und seine spezielle schauspielerische Darstellung die Interpretation von "Red River" und die Wahrnehmung des Hawks'schen Männlichkeitsbildes maßgeblich beeinflussen.
Warum wird gerade "Red River" als Hauptbeispiel herangezogen?
Der Film wird als ideal gewählt, weil er drei sehr unterschiedliche und komplexe Männerbeziehungen aufweist, die sich für eine detaillierte Interpretation des homosexuellen Subtextes besonders anbieten.
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- Uwe Sperlich (Author), 2001, I've just gone gay - all of a sudden. Das etwas andere Männerbild in den Filmen von Howard Hawks, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14444