Célines Roman "Voyage au bout de la nuit"

Die Handlung in Célines "Voyage au bout de la nuit"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
26 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Der Handlungsbegriff
2.2 Der Situationsbegriff
2.3 Die Episode
2.4 Ein Beispiel-Modell als Handlungsschema: der Abenteuerroman
2.5 Untersuchung eines Handlungsstrangs: die Liebesgeschichte

3. Schlussbetrachtungen

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit seinem Roman Voyage au bout de la nuit, schoss Céline „aus der Schwärze ins Licht“[1] und schaffte wie kein anderer Autor seiner Zeit das eindrucksvolle Betreten der literarischen Bühne. Sein als beinahe makellos empfundenes Werk wird auch Literaturkritiker weit über Frankreich hinaus noch viele Jahrzehnte beschäftigen[2].

Als Sohn einer Pariser Intellektuellenfamilie, besuchte Louis-Ferdinand Destouches das Gymnasium und meldete sich 1912 freiwillig zum Wehrdienst. Nach einer Verwundung am rechten Arm, wird er Abgeordneter des französischen Generalkonsuls in London und unterzeichnet 1916 schließlich einen Vertrag, der ihn nach Kamerun führt, wo er versuchen soll, neue Handelsstrukturen aufzubauen. Kaum nach Paris zurückgekehrt, übernimmt er eine Stelle als wissenschaftlicher Redakteur bei der Zeitschrift Euréka. Nach seiner Heirat mit Edith Follet und dem bestandenen Abitur, schreibt er sich an einer Hochschule ein und beginnt sein Medizinstudium[3]. Als sein erster Roman 1932 erschien, erregte er über die Grenzen Frankreichs hinaus Aufsehen und etablierte sich als renommierter Schriftsteller im literarischen Milieu[4].

Die folgende Arbeit wird sich mit der Handlung in Célines Roman Voyage au bout de la nuit beschäftigen. Hierbei wird vom Allgemeinen zum Besonderen vorgegangen. Es soll aufgezeigt werden, was Célines ersten Roman so erfolgreich machte und was ihn von den anderen Werken der gleichen Zeit unterscheidet. Daher muss in Kapitel 2.1 zuerst einmal der Handlungsbegriff und seine Geschichte genauer definiert werden. In diesem Kapitel werden auch die Bestandteile einer Handlung, wie zum Beispiel die Intrige oder der Konflikt, genauer untersucht. Gleichzeitig wird ein Querverweis zu Aristoteles und seiner Poetik angestellt. Der darauf folgende Teil dieser Arbeit (Kapitel 2.2) wird den Situationsbegriff und die Situationsstruktur genauer analysieren. Gibt es eine Logik beziehungsweise eine Folgerichtigkeit der Handlung? Warum handeln Menschen so wie sie es tun? Für diese beiden Fragen sollen in diesem Kapitel Antworten gefunden werden. Das Kapitel 2.3 wird sich mit dem Episodenbegriff auseinandersetzen. Es soll analysiert werden, ob man in Célines Roman eher von Handlung oder von einer Episodenstruktur sprechen kann. In Teilkapitel 2.4 soll ein Beispiel-Modell, welches als Handlungsschema gelten kann, genauer untersucht werden. Hierbei handelt es sich um den Abenteuerroman. Wo lassen sich in Voyage au bout de la nuit Motive eines Abenteuers erkennen, kann man von dem hier behandelten Werk sogar von einem Abenteuerroman sprechen? Das abschließende Unterkapitel des Hauptteils (2.5) wird sich ausschließlich der Untersuchung eines Handlungsstranges, nämlich den im Roman vorkommenden Liebesgeschichten widmen. Hierbei soll vor allem die Frage im Vordergrund stehen: Sind die Personen Handlungsträger? Und wenn ja, wie werden sie zu diesen?

Es soll nun versucht werden, alle diese Fragen gebührend und in sich schlüssig zu beantworten. Hierbei wird darauf geachtet, dass die Analyse durchgängig mit aussagekräftigen Zitaten des hier zu behandelnden Werkes unterstützt wird, um die dargestellten Thesen und Argumente zu belegen. Weiterhin soll dargelegt werden, inwieweit Céline Elemente aus seinem eigenen Leben mit in den Roman hat einfließen lassen.

2. Hauptteil

2.1 Der Handlungsbegriff

Der Begriff der Handlung bezeichnet das Reallexikon der Deutschen Literaturwissenschaft als „Summe des Geschehens in einem Drama, Film oder Erzählwerk“[5], als „die Folge der Hauptbegebenheiten“[6]. Hierbei muss zwischen einer allgemeinen und einer rein literarischen Bedeutung dieses Begriffs unterschieden werden. Im allgemeinen Sinn bedeutet Handlung das spontane Handeln oder auch eine hervorstechende Tat eines Menschen. Im rein literarischen Gebrauch wird unter Handlung eine Folge von Veränderungen verstanden, die alle zusammen das Ganze ausmachen. Doch der heutige Gebrauch des Begriffs Handlung setzte sich erst im 18. Jahrhundert durch. Zu Beginn bedeutete dieses Wort lediglich etwas, was man mit Händen fassen, greifen und befühlen konnte[7].

Es lässt sich schnell erkennen, dass es keine allgemeingültige Definition des Begriffs Handlung gibt, sondern dass es auf den Kontext ankommt, in welchem die Handlung interpretiert wird. Da sich diese Arbeit mit dem literarischen Genre auseinandersetzt, wird hier die Definition von Jürgen von Kempski zugrunde gelegt:

„Danach ist Handlung die Überführung der Anfangssituation in die Endsituation. Diese Definition ist im Sinne einer Entwicklung zu verstehen. Sie gilt sowohl für eine Einzelhandlung – Anfangs- und Endsituation folgen hier unmittelbar aufeinander – als auch für jede größere semantisch verstandene Handlungseinheit bis hin zu einer Gesamthandlung, wenn diese nicht als Summe, sondern als Produkt von Einzelhandlungen aufgefaßt wird.“[8]

Es stellt sich nun die Frage, wie es überhaupt dazu kommt, dass Handlung entsteht. Handelt der einzelne Mensch nach seiner eigenen Intuition oder beschränkt sich das Handel des Einzelnen nicht viel mehr auf die Reaktion auf eine Handlung eines Mitmenschen, die bereits vorausgegangen ist. Entsteht Handlung aus eigener Initiative heraus, würde der erste Teil der Definition von Jürgen von Kempski zutreffen. Hierbei müsste die Anfangssituation sofort auf die Endsituation der Handlung folgen. Kommt Handlung jedoch nur zustande, indem ein Einzelner auf die Handlung eines Anderen instinktiv reagiert, würde eher der zweite Teil der oben zitierten Definition von Jürgen von Kempski passen, indem sich die Handlung als Summe der einzelnen unterschiedlichen Handlung von unterschiedlichen Menschen ausdrückt. Dies kann jedoch dazu führen, dass die einzelnen Charaktere stärker in den Vordergrund rücken, da mit ihnen die Handlung steht oder fällt. Daher nehmen sie als Handlungsträger eine immer wichtiger werdende Position ein und verdrängen die Handlung auf die zweite Position[9]. Ob die unterschiedlichen Charaktere wirklich als Träger der Handlung fungieren können, bleibt in Abschlusskapitel 2.5 noch genauer zu untersuchen.

Schon beide oben genannten Varianten zeigen, dass es nicht möglich ist, den Begriff Handlung allgemein zu definieren, sondern dass unterschieden werden muss, aus welcher Situation heraus diese zustande kommt. Weitere Klarheit bietet hier Aristoteles mit seiner Poetik. Er bezeichnet die Handlung der Menschen als Nachahmung, die sich durch die eigene Art und Weise des Immitierens des Einzelnen voneinander unterscheidet. Zusammenfassend lässt sich daher sagen, dass das handelnde Individuum einen handelnden Menschen nach seinen Möglichkeiten nachahmt:

„Die Nachahmenden ahmen handelnde Menschen nach. Diese sind notwendigerweise entweder gut oder schlecht. Denn die Charaktere fallen fast stets unter eine dieser beiden Kategorien; alle Menschen unterscheiden sich nämlich, was ihren Charakter betrifft, durch Schlechtigkeit und Güte. Demzufolge werden Handelnde nachgeahmt, die entweder besser oder schlechter sind, als wir zu sein pflegen, oder auch ebenso wie wir.“[10]

Aristoteles unterscheidet weiterhin, ob der Nachahmende lediglich berichtet oder ob er selbst aktiv spricht und ordnet dem schon oben problematisierten Verhältnis zwischen Handlung und Charakteren sechs Elemente zu, die er nach der Wichtigkeit ihres Ranges anordnet, nämlich ‚Mythos, Charaktere, Sprache, Erkenntnisfähigkeit, Inszenierung und Melodik’[11]. Unter Mythos versteht Aristoteles die Nachahmung der Handlung, die geschlossen auftritt und somit Anfang, Mitte und Ende besitzt und daher eine untrennbare Einheit bildet[12]. Doch Aristoteles bleibt mit dem problematischen Verhältnis zwischen der eigentlichen Handlung und den Personen nicht allein. Auch Friedrich von Blanckenburg unterstützt die Theorie von Aristoteles. Für ihn kann entweder die Person oder die Handlung dominant sein, nicht aber beides:

‚Jeder Roman ist eine Masse von Begebenheiten und Personen. In einem solchen Werk kann entweder eine Person oder eine Begebenheit das Hauptwerke seyn. Das Ende nämlich, der Ausgang eines Werks kann die Vollendung eines Charakters seyn, so daß dieser im Lauf des Werks entstanden und ausgebildete Charakter jetzt so weit ist, als er der Absicht des Dichters zufolge seyn soll, und wir nun nichts mehr wissen dürfen, um uns zu befriedigen.[13]

Diese Erkenntnis Blanckenburgs führt gleichzeitig zu der Tatsache, dass der Charakter an den einzelnen Handlungssituationen wachsen kann, je nach Absicht des Autors.

Abschließend lässt sich festhalten, dass eine endgültige Definition von Handlung und deren Wirkung schwer zu fassen ist. Es steht aber fest, dass Charakter und Handlung nicht gleich dominant nebeneinander stehen können, sondern ein Teil den Vorzug bekommen muss. Wie nun die Handlung in Verbindung mit dem Situationsbegriff gebracht werden kann und wie diese aufeinander wirken, wird im folgenden Kapitel genauer untersucht.

2.2 Der Situationsbegriff

Um nach der vertieften Untersuchung des Begriffs Handlung erklären zu können, ob es eine Folgerichtigkeit der Logik gibt und warum die einzelnen Protagonisten so handeln wie sie es tun, ist die Analyse des Situationsbegriffs unerlässlich, da auch er direkt mit der Handlung in Verbindung steht und untrennbar von deren Untersuchung ist, denn erst verschiedene Situationen, mindestens jedoch zwei, nämlich die Anfangs- und Endsituation, können eine Handlung ergeben. Daher muss nun erst einmal der Situationsbegriff genauer definiert werden:

„Einmal ist die Situation als ein Detail, bisweilen fast als eine Momentaufnahme innerhalb einer fortschreitenden Bewegung zu verstehen, dann aber auch als statische Lage, der jede eigene innere Dynamik, wie sie der Situation als Momentaufnahme eignet, abgeht.“[14]

Auch hier ergibt sich ebenfalls wie bei der Definition des Handlungsbegriffs die Problematik, dass der Situationsbegriff nicht eindeutig definiert und nicht strikt vom Begriff der Handlung getrennt werden kann.

Aus diesem Grund ist es notwendig, einen genaueren Einblick in die Situationsstruktur zu geben. Diese besteht zu allererst aus einem Subjekt, dem so genannten Akteur, der die gegebene Situation verändert[15]. In Voyage au bout de la nuit wäre dies Bardamu, der jedoch nur bedingt seine eigene Situation verändert, sondern sie lieber verändern und sich einfach von den Ereignissen treiben lässt, nur um anschließend feststellen zu müssen, dass sich rein gar nichts an seinem eigenen Zustand verändert hat:

„Je n’en finissais pas de quitter tout le monde. […] C’est pas le tout d’être rentré de l’Autre Monde! On retrouve le fil des jours comme on l’a laissé à traîner par ici, poisseux, précaire. Il vous attend. J’ai tourné encore pendant des semaines et des mois tout autour de la Place Clichy, d’où j’étais parti.”[16]

Es lässt sich sagen, dass Bardamu so gut wie nie selbst die Initiative ergreift und sein eigenes Leben in die Hand nimmt, sondern sich viel mehr von anderen Personen oder Umständen leiten lässt. Man kann hier daher von einem Zustand des Subjektes sprechen[17], da jegliche Handlung fehlt.

[...]


[1] Ulf Geyersbach: Louis- Ferdinand Céline. Reinbek: Rowohlt-Taschenbuch-Verlag, 2008, S. 50.

[2] Vgl.: Ebd., S. 50.

[3] Vgl.: Ebd., S. 28ff.

[4] Vgl.: Rudolf von Bitter: „Ein wildes Produkt.“ Louis-Ferdinand Céline und sein Roman „Reise ans Ende der Nacht“ im deutschsprachigen Raum. Eine Rezeptionsstudie. Bonn: Romanistischer Verlag, 2007, S. 88. (Abhandlungen zur Sprache und Literatur, Band 170.)

[5] Bernhard Asmuth: Handlung. In: Harald Fricke (Hrsg.): Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Berlin/New York: Walter de Gruyter, 2000, S. 6. (Band II, H-O)

[6] Ebd., S. 6.

[7] Vgl.: Ebd., S. 6.

[8] Axel Hübler: Drama in der Vermittlung von Handlung, Sprache und Szene. Eine repräsentative Untersuchung an Theaterstücken der 50er und 60er Jahre. Bonn: Bouvier, 1973, S. 3. (Abhandlungen zur Kunst-, Musik- und Literaturwissenschaft, Band 140)

[9] Vgl.: Asmuth: Handlung, S. 9.

[10] Aristoteles: Poetik. Übersetzt und herausgegeben von Manfred Fuhrmann. Stuttgart: Reclam, 2003, S. 7.

[11] Hans-Werner Ludwig (Hrsg.): Arbeitsbuch Romananalyse. Tübingen: Gunter Narr Verlag, 31991, S. 108.

[12] Vgl.: Aristoteles: Poetik, Kapitel 6.

[13] Ludwig (Hrsg.): Arbeitsbuch Romananalyse, S. 116.

[14] Hübler: Drama in der Vermittlung von Handlung, Sprache und Szene, S. 4.

[15] Vgl.:Ebd., S. 5.

[16] Louis-Ferdinand Céline: Voyage au bout de la nuit. Paris: Gallimard, 2007, S. 236f.

[17] Vgl.: Hübler: Drama in der Vermittlung von Handlung, Sprache und Szene, S. 6.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Célines Roman "Voyage au bout de la nuit"
Untertitel
Die Handlung in Célines "Voyage au bout de la nuit"
Hochschule
Universität Stuttgart  (Institut für Literaturwissenschaft - Romanische Literaturen I)
Veranstaltung
Gesellschaft als Fortsetzung mit anderen Mitteln: Célines "Voyage au bout de la nuit"
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
26
Katalognummer
V144466
ISBN (eBook)
9783640555079
ISBN (Buch)
9783640554973
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Céline, Louis-Ferdinand, Voyage au bout de la nuit, Reise ans Ende der Nacht, 20. Jahrhundert, Französische Literatur, Handlung
Arbeit zitieren
Melanie Möger (Autor), 2008, Célines Roman "Voyage au bout de la nuit", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144466

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