Die Dienerfigur in Denis Diderots Roman "Jacques le fataliste et son maître"


Seminararbeit, 2008
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Die Figur des Dieners
2.2 Jacques
2.3 Das Zusammenspiel von Herr und Diener
2.4 Der Aufstieg vom Diener zum Herrn?

3. Schlussbetrachtungen

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der von Diderot in seinen letzten Lebensjahren verfasste Roman Jacques le Fataliste et son maître, der zuerst in Deutschland bekannt wurde[1], nimmt in der Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts eine besondere Stellung ein. Es ist seine ungewöhnliche Form, die ihm diese Position einbringt:

„Die Schachtelform einer Erzählung, welche immer wieder durch Zwischenfälle unterbrochen und von ihrem scheinbar normalen Verlauf abgelenkt wird; das Mitspielen des Verfassers, der sich beständig einmischt, an den Leser wendet, die Handlungen glossiert und kommentiert; das Fehlen einer eigentlichen Fabel; Verlagerung des erzählerischen Schwergewichts auf Gespräche, gedankliche Abschweifungen und essayistische Formulierungen aller Art.“[2]

Es ist Diderot selbst, der den Leser seines Romans darauf aufmerksam macht, dass der hier vorgelegte Roman kein gewöhnlicher ist[3]. Daher ist es nicht verwunderlich, dass über dieses Werk schon viel geschrieben und spekuliert wurde.

Auch diese Arbeit wird sich intensiv mit Diderots Roman Jacques le Fataliste et son maître beschäftigen. Im Mittelpunkt wird hierbei die Dienerfigur des gesamten Werks stehen. Es soll dabei vom Allgemeinen zum Besonderen vorgegangen werden. Daher widmet sich das erste Kapitel (2.1) einer allgemeinen Einführung in die Dienerthematik. Es soll die Geschichte der Dienerfigur aufgezeigt werden, um anschließend die Interpretation der Figur des Jacques besser durchführen zu können. Es wird sich mit der Frage beschäftigen, wie sich die Dienerfigur im 18. Jahrhundert im Allgemeinen entwickelt hat. Was bewegte die Menschen, sich für diese Arbeit zu entscheiden? Mit welchen Arbeitsbedingungen wurden sie konfrontiert? Grundlage für dieses Kapitel bildet das Werk von Dorothea Klenke[4]. Das nachfolgende Kapitel (2.2) wird die Thematik der Dienerfigur Jacques analysieren. Wie wird diese Figur im Roman von Diderot dargestellt? Lassen sich irgendwelche Besonderheiten im Gegensatz zu anderen Dienerfiguren feststellen? Das Teilkapitel 2.3 wird sich intensiv mit dem Zusammenspiel von Herr und Diener auseinandersetzen. Wie wichtig ist Jacques für seinen Herrn beziehungsweise wie wichtig ist dieser für Jacques? Ist der Herr überhaupt der Herr oder nimmt nicht viel mehr Jacques diese Stellung ein? Wurden diese Fragen ausreichend beantwortet, wird sich das Abschlusskapitel (2.4) dieser Arbeit mit der Frage auseinandersetzen, inwieweit sich ein Entwicklungspotential bei Jacques in seiner Dienerfunktion feststellen lässt. Hat er im Laufe des Romans den Entwicklungsstand erreicht, dass man behaupten könnte, er stehe nun über seinem Herrn oder ist er nicht viel mehr der Diener geblieben, der lediglich versucht, seinen Herrn nach bester Art und Weise zu unterhalten und somit die Dienste erfüllt, die einem Diener gewöhnlicherweise zugeschrieben werden.

Es soll nun versucht werden, alle diese Fragen gebührend und in sich schlüssig zu beantworten. Hierbei wird darauf geachtet, dass die Analyse durchgängig mit aussagekräftigen Zitaten des hier zu behandelnden Werkes unterstützt wird, um die dargestellten Thesen und Argumente zu belegen.

2. Hauptteil

2.1 Die Figur des Dieners

Bevor die Analyse des Dieners Jacques schlüssig durchgeführt werden kann, ist es erst einmal nötig, die Dienerfigur im 18. Jahrhundert im Allgemeinen darzustellen. Denn nur so kann ermittelt werden, ob sich Jacques von den Dienerfiguren des 18. Jahrhunderts abhebt und was diese Figur so besonders macht. Diese Analyse kann jedoch erst begonnen werden, wenn ein klares Bild vom Diener des 18. Jahrhunderts und dessen Aufgaben und Ziele aufgezeigt wurde.

Die Position des Dieners war im 18. Jahrhundert in den Augen vieler Angehöriger des dritten Standes ein erstrebenswerter Status[5]. Durch die schwierigen Lebensumstände auf dem Land, waren viele Menschen dazu gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und „in die Dienste eines gutgestellten Herrn“[6] einzutreten, was oftmals ihre einzige Chance auf bessere Lebensbedingungen und die Aussicht auf eine Lehrstelle war. Man darf jedoch nicht davon ausgehen, dass die Suche nach einem geeigneten Herrn leicht war, da viele Menschen vom Land keine Lese- oder Schreibfähigkeiten aufwiesen, diese jedoch von großer Bedeutung waren. Vielmehr war es oftmals ihre „Gabe, die feine Gesellschaft durch seine bäuerlich-bodenständigen Umgangsformen mitunter zu amüsieren“[7]. Doch an oberster Stelle standen immer noch Loyalität und Ergebenheit[8] eines Dieners gegenüber seinem Herrn. Da der Diener somit eine vertrauensvolle Position bekleidete und immer an der Seite seines Herrn stand, kam er auch durchaus mit der gesellschaftlichen, aristokratischen Welt in Berührung. Neben einem hohen Entwicklungspotential an Macht und Einfluss[9], war es laut Dorothea Klenke die Brückenfunktion eines Dieners, welche einen großen Einblick in die Lebenswelt des Adels gewährte und daher auch heute noch eine wichtige Rolle einnimmt:

„Durch die Teilhabe sowohl an der Lebenswelt des Adels als auch an der des einfachen Volkes erfüllen sie eine Art Brückenfunktion. Durch die Dienstboten erfährt man, was sich hinter den Mauern der herrschaftlichen Wohnsitze abspielt, welche Verhaltensregeln und Umgangsformen in der feinen Gesellschaft verbindlich sind und welche neuen Tendenzen sich in der Mode und im Konsumverhalten der Elite durchsetzen.“[10]

Es darf hier jedoch nicht das Bild entstehen, dass Diener im 18. Jahrhundert lediglich angenehme Tätigkeiten zu verrichten hatten, beziehungsweise ihr Dienste nur erfreuliche Seiten hatten, denn diesem war nicht so. Vielmehr bedeutete das Dienerdasein „l’excès de travail, le manque de repos, l’insuffisance de nourriture, les mauvais traitements“[11]. Es verwundert daher nicht, dass der Herr „nicht den Menschen, sondern lediglich seine Funktion“[12] in seinen Dienern sah und diese nicht selten körperlichen Zurechtweisungen[13] ausgesetzt waren. War es dem Herrn erlaubt, seine Dienerschaft in seinem Ermessen zu bestrafen, so hatten die einzelnen Bediensteten keinerlei Recht, gegen ihren Herrn vorzugehen. Der Diener wird hier völlig seiner Individualität beraubt:

„Entrer en condition signifie pour le domestique une aliénation quasi totale de sa liberté.“[14]

Die Position des Dieners war im 18. Jahrhundert so konzipiert, dass dieser irgendwann die Wertvorstellungen und die Ansichten seines Herrn übernahm, dem sie sich bedingungslos zu fügen hatten. Die Dienstboten wurden von ihren Herren als „dreist, arrogant, brutal und aggressiv, im übrigen faul, lasterhaft und ignorant“[15] angesehen, und somit nahmen sie den untersten sozialen Stand ein. Nur den wenigsten von ihnen gelang es, ihre niedrige Herkunft hinter sich zu lassen und gesellschaftlich aufzusteigen. Dies hatte oft damit zu tun, dass die Dienstboten um die Verpflichtungen ihrer Herren wussten und daher lieber in ihrer alten gesellschaftlichen Schicht blieben, um sich den unangenehmen Seiten des Herrendaseins zu entziehen:

„Selbst wenn ihm sozialer Aufstieg mitunter wegen der daran geknüpften materiellen Vorteile erstrebenswert erscheint und er sich in seinen Tagträumen auch schon einmal auf dem Königsthron sieht, weiß er nur zu gut um all die lästigen Verpflichtungen und Unannehmlichkeiten, die eine privilegierte Position mit sich bringen würde.“[16]

Die Dienstboten beschränkten sich eher darauf, sich für ihren Herrn unentbehrlich zu machen, damit sie besser Einfluss auf diesen nehmen konnten.

Es wurde aufgezeigt, dass die Motive, welche die Menschen dazu bewegte, in den Dienerstand zu treten, vielseitig waren. Für einige war es die einzige Chance, sich finanziell abzusichern, für andere war es die einzige Möglichkeit, auf der Gesellschaftsleiter höher zu steigen. Dies blieb den meisten jedoch verwehrt. Nicht selten nahmen die Diener eine Mittlerfunktion zwischen ihrer eigenen Schicht und derjenigen ihres Herrn ein. Daher geben sie einen wichtigen Einblick in das adelige Leben des 18. Jahrhunderts. Doch das Dienerdasein war ein hartes Leben, in dem die Dienstboten den Launen und Züchtigungen ihres Herrn wehrlos ausgesetzt waren.

Wie sich das hier dargestellte Dienerdasein nun ganz explizit in Jacques widerspiegelt oder ob sich dieser von den beschriebenen Umständen absetzt, wird im folgenden Kapitel genauer untersucht.

[...]


[1] Vgl.: Jürgen von Stackelberg: Diderot. Eine Einführung. München, Zürich: Artemis Verlag, 1983, S. 13. (Artemis Einführungen, Band 4)

[2] Hans Mayer: Diderot und sein Roman «Jacques le Fataliste». In: Jochen Schlobach (Hrsg.): Denis Diderot. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1992, S. 225. (Wege der Forschung, Band 655)

[3] Vgl.: Ebd., S. 226f.

[4] Vgl.: Dorothea Klenke: Herr und Diener in der französischen Komödie des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts. Eine ideologiekritische Studie. Frankfurt am Main u.a.: Peter Lang, 1992.

[5] Vgl.: Ebd., S. 25.

[6] Ebd., S. 25.

[7] Ebd., S. 26.

[8] Vgl.: Ebd., S. 31.

[9] Vgl.: Ebd., S. 31.

[10] Ebd., S. 36.

[11] Jacqueline Sabattier: Figaro et son maître. Maîtres et domestiquesà Paris au XVIIIe siècle. Paris: Perrin, 1984, S. 85.

[12] Klenke: Herr und Diener, S. 32.

[13] Vgl.: Ebd., S. 33.

[14] Sabattier: Figaro et son maître, S. 79.

[15] Klenke: Herr und Diener, S. 35.

[16] Ebd., S. 128f.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Dienerfigur in Denis Diderots Roman "Jacques le fataliste et son maître"
Hochschule
Universität Stuttgart  (Institut für Literaturwissenschaft - Romanische Literaturen I)
Veranstaltung
Diener und Herr in Diderots "Jacques le fataliste et son maître"
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V144467
ISBN (eBook)
9783640555260
ISBN (Buch)
9783640555178
Dateigröße
445 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Diener, Herr, Diderots, Jacques, Le Fataliste, Aufklärung, Französische Literatur, Denis, maître, servants, Jacques der Fatalist und sein Herr
Arbeit zitieren
Melanie Möger (Autor), 2008, Die Dienerfigur in Denis Diderots Roman "Jacques le fataliste et son maître", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144467

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