Design trifft Kunst

Wie sich zeitgenössisches Design von seinem Begriff emanzipiert


Diplomarbeit, 2007

61 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

Ausgangspunkt

Teil 1: Bestandsanalyse: vier Fallbeispiele aktuellen Designs
1.1 Bless: Pelzperücke
1.2 Fabrics interseason: Collection constructed normality # modern nerves
1.3 Front Design: Sketch Furniture
1.4 5.5 designers: Second Life
Fazit I

Teil 2: Cultural Hacking: Eine geeignete Erklärung?
Der Begriff und seine Herleitung
Die Betrachtungsperspektive
Die Absicht
Cultural Hacking: Eine Kritik
Fazit II

Teil 3: Kunst und Design versus Cultural Hacking
Marcel Duchamp: Pionier des Cultural Hackings ?
Der Flaschentrockner
Marcel Duchamps Kunst- und Lebensphilosophie
Fazit III
Droog Design Alternative Designansätze
Vergleichende Betrachtung
Schlussbetrachtung

Anhang
Literatur-& Quellennachweis

Ausgangspunkt

Die Grenzen zwischen Kunst und Design lösen sich auf, die Aufgabenfelder werden neu definiert: Was ist Kunst, was ist Design? Wer ist Künstler, wer ist Designer? Kann Design Kunst sein? Können Künstler Designer sein? Und welche Rolle haben die Konsumenten? Fragen, auf die auch die meisten Künstler und Designer keine eindeutigen Antworten wissen.

Noch zu Zeiten des Funktionalismus waren die Rollen klar verteilt: Künstler arbeiteten daran, die Wahrheit hinter den Dingen in ihren Werken dem Betrachter zur Anschauung zu bringen, zweckfrei und ohne Rücksicht auf die Wirkung. Die Designer übernahmen dagegen im Sinne von angewandter Kunst die Erklärung der konkreten Welt, indem sie sich um die Gestaltung von Produkten kümmerten, die zur Benutzung bestimmt waren. Der Gebrauch und die Funktion bestimmten dabei entscheidend Ästhetik und Gestaltung. Noch heute definiert Meyers Taschenlexikon Design als „Entwurf bzw. Gestaltgebung eines Gebrauchsgegenstandes (einschließlich Farbgebung); insbesondere die moderne, zweckmäßige, funktional- schöne Formgebung industrieller Produkte.“1 Im Lexikon Internationales Design heißt es: „Der Begriff bezeichnet die Gestaltung von Gegenständen aller Art nach den Kriterien von Funktionalität, z.B. Ergonomie und Ästhetik. Nicht zuletzt in Hinblick auf die Marktchancen eines Produktes zielt der Designer auf eine möglichst optimale Verschmelzung beider Kategorien.2 Oder Das Neue Duden-Lexikon Design schreibt: „Entwurfsskizze für ein Industrieprodukt. Das Design soll zugleich funktional richtig und ästhetisch schön sein.3

Und heute? In einer Zeit, in der Komplexität und Unübersichtlichkeit zunehmen und viele gesellschaftliche Übereinkünfte verloren gegangen sind, suchen Menschen nach Antworten auf diese Herausforderungen, nach neuen Sicherheiten und Orientierungspunkten. Wo der Einsatz von digitaler Datenverarbeitung und Mikroelektronik dazu führt, dass das Funktionieren der Dinge immer weniger begreifbar ist, kommt auch Design eine neue Aufgabe zu. Die Verschmelzung und Optimierung von Funktionalität und Ästhetik als Arbeitsauftrag an den Designer greift unter den aktuellen Vorzeichen zu kurz, denn die einstmals originären Nutzungsanforderungen an Produkte haben sich unter den Bedingungen der fortlaufenden Individualisierung, Globalisierung und Digitalisierung der Umwelt in den letzten Jahren grundlegend verändert. Die Selbstdefinition über Produkte und Marken hat alle Bereiche der unmittelbaren Lebensgestaltung - u.a. Mode, Wohnen, Kochen, Freizeit und Sport - ergriffen. Gleichzeitig steht jedem jederzeit eine wachsende Anzahl von Produkten zur Verfügung. Immer öfter gilt: the design is the message Designer reagieren auf die neuen Herausforderungen allerdings unterschiedlich. Einige widmen sich der Optimierung der Nutzerfreundlichkeit von Produkten oder geben sich dem Spiel der M ö glichkeiten hin, immer auf der Suche nach neuen Verführungsideen. Andere versuchen, sich kritisch mit den Folgen der technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen auseinander zu setzen, indem sie Gebrauchsgegenstände mit einem eigenen ideellen Wert, einem Sinn jenseits von Funktionalität und Brauchbarkeit ausstatten. Im gleichen Maße wie diese Ebene an Bedeutung gewinnt, treten Aspekte der funktional-schönen Formgebung in den Hintergrund. Produkte sind dabei nicht so sehr einem Gestaltungsprozess unterworfen, sondern werden zu Gegenständen künstlerischer Untersuchungs- anordnungen, die den Nährboden neuer Designideen darstellen.

Projekte dieser Art bilden den Ausgangspunkt meiner Arbeit. Sie sind in ihrer äußeren Erscheinung indifferent und lassen sich zumeist nicht mehr eindeutig der Gattung Design oder Kunst zuordnen. An vier aktuellen Arbeiten aus Mode- und Produktdesign - im Weiteren Phänomene genannt - sollen die neuen Designansätze und ihre Wirkungsweise aufgezeigt werden. Dabei wird insbesondere untersucht, wie Design im Wechselspiel moderne Entwicklungen aufnimmt bzw. selbst beeinflusst. Inwiefern sich dadurch das Verhältnis von Design und Kunst verändert, soll u.a. anhand der künstlerischen Reflektionen zum Thema Brauchen und Gebrauchen untersucht werden, die bei vielen Avantgarde-Designern heute unverzichtbarer Bestandteil ihrer Arbeiten sind.

Im Einzelnen geht die Bestandsanalyse der vier Fallbeispiele folgenden Fragen nach:

Mit welchen Mitteln wird der Designbegriff gebrochen, verändert und erweitert?

- Welche neuen Wirkungen entstehen daraus?
- Ist Design unter den jeweils beschriebenen Bedingungen noch zu gebrauchen und zu verkaufen?
- Welchen individuellen Gewinn hält die neue Ästhetik für den Nutzer und Betrachter bereit?

Diese Phänomene werden in Beziehung gesetzt zu den Ready-mades von Marcel Duchamp, einem der Wegbereiter der künstlerisch-konzeptionellen Verbindungen von Kunst und Design. Sein Werk, das eng mit seiner Kunst- und Lebensphilosophie verknüpft ist, wird vorgestellt und am Beispiel des Designernetzwerks Droog werden Verbindungslinien zur kritischen, subversiven Arbeit der aktuellen Design- Avantgarde aufgezeigt.

Während diese dabei ist, die Grenzen und Möglichkeiten von Design neu auszuloten, haben Marketingexperten seit längerem das wirtschaftlich nutzbare Kreativ-Potenzial der kritischen Kunst- und Designbewegung erkannt. Mit Hilfe der Strategie des Cultural Hacking versuchen sie, neue Ideen zu akquirieren und für das eigene Unternehmen nutzbar zu machen. In einem Exkurs, basierend auf der Essaysammlung „ Cultural Hacking: Kunst des Strategischen Handelns “4, werden Voraussetzungen, Vorgehensweisen und Chancen dieser Strategie beschrieben und bewertet. Damit ist das Spannungsfeld skizziert, in dem sich zukunftsweisendes Design entwickeln muss.

Teil 1: Bestandsanalyse: vier Fallbeispiele aktuellen Designs

1.1 BLESS: Pelzperücke

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: BLESS: Pelzperücke 1996. Aus dem Internet unter: URL: http:www.bless-service.de (previous products - abgerufen am 23. Juli 2007)

Das Label BLESS aus Berlin entwirft 1996 Kopfschmuck aus edlem Tierfell, dessen Musterung an einen Dachspelz erinnert. Die kunstvoll gearbeitete Kopfbedeckung aus Tierhaaren ist dem Kopf des Trägers in der Art einer Perücke angepasst und wird dadurch Teil seines Körpers. Sie bestimmt und verändert die Außenwirkung des Trägers entscheidend.

Der Betrachter kann sich den fremden, animalischen Reizen, die damit verbunden sind, kaum entziehen. Der Träger selbst wird, ungeachtet seines sonstigen Outfits, zumindest für den Bruchteil einer Sekunde, zum Tier. Gleichzeitig werden Erinnerungen wach an die Vokuhila -Frisur der 80er Jahre, in denen Männer ku rze Haare vo rn mit la nger Nackenpartie hi nten trugen.5 Durch die unterschiedlichen Assoziationen stark irritiert, ist sich der Betrachter nicht sicher, ob es sich bei dem Kopfschmuck um ein modisches Accessoire, eine Perücke oder die ironische Imitation einer Frisur handelt, die man schon fast vergessen hatte.

Modisches Accessoire? Im Rahmen des Modedesigns werden Accessoires in der Regel auf die Grundgarderobe, z.B. Anzug oder Mantel, abgestimmt, sie werden beliebig getauscht, kombiniert und der jeweiligen Stimmung angepasst. Sie ergänzen andere Produkte und dienen dem Gesamteindruck. Die Pelzperücke hingegen behauptet ihren eigenen Wert und ihre eigene Bedeutung. Sie bleibt autonom und bestimmt fast unabhängig von anderen Utensilien den Gesamteindruck des Trägers. Ihre Besonderheit und Exklusivität wird noch dadurch unterstrichen, dass die Pelzperücke in limitierter Edition handwerklich gearbeitet wurde, also keine Massenware des Designs ist.

Perücke? In der Regel besteht der Zweck einer Perücke in der Imitation oder Optimierung der natürlich gewachsenen Haare des Menschen durch Natur- oder Kunsthaar. Der von Bless entworfene Kopfschmuck ersetzt jedoch das eigene Haar durch feines Tierhaar, das als solches erkannt wird, auch wenn sich Tier- und Menschenhaar in diesem Fall stark ähneln. Animalisch, fein und geistreich, sind Assoziationen, die sich dem Betrachter aufdrängen. Nicht Imitation und Verbergen sind also der Zweck dieser Kopfbedeckung, sondern die Behauptung des Andersartigen, des Fremden.

Pelzper ü cke ! Weder handelt es sich - trotz aller Künstlichkeit - bei dem vorliegenden Kopfschmuck um ein ausschließlich modisches Accessoire, das auf die restliche Garderobe abgestimmt wird, noch erfüllt der Haarschmuck den üblichen Zweck einer Perücke, das eigene Haar zu imitieren oder zu optimieren. Tatsächlich wird die Pelzperücke neuer Teil des Körpers des Trägers, beginnt mit dessen Persönlichkeit zu verschmelzen und diese zu verändern. Damit verlässt der Designer sein angestammtes Terrain der Mode bzw. der Gebrauchsgegenstände. Stattdessen begibt er sich in den Bereich der Anthropologie6 und erforscht die Wirkung und Magie seiner neuen K ö rperteile, lotet die Grenzen zwischen Mensch und Tier neu aus. Dazu besinnt sich Bless auf Verhaltensweisen, Bräuche und Rituale unserer Vorfahren. Schon für Menschen in der Jüngeren Altsteinzeit besaßen Tierfelle nicht nur wegen ihrer Schutzfunktion gegen Kälte einen hohen Wert. Man schrieb den Tierfellen Kräfte zu, die auf menschliche Träger übergehen konnten. Die Erbeutung bestimmter Felle hob deshalb das soziale Ansehen der Jäger, die die Felle trugen, um so ihre Jagderfolge zur Schau zu stellen. Ihren Glaubensvorstellungen zufolge, gehen die symbolische Kraft und der Geist des getöteten Tieres vom Fell auf den Träger über. Zu jeder Zeit wurden Pelze deshalb als Statussymbole für Privilegierte verwendet. Im ägyptischen Altertum stellte zum Beispiel ein um den Körper gelegtes Leopardenfell mit Kopf und Klauen die Zeremonientracht hoher Würdenträger dar. In griechisch-archaischer Zeit galt das Fell des Nemeischen Löwen von Herakles als undurchdringlich und war deshalb ein besonderer Ausdruck seiner Stärke. Aus diesem Grund zeigten sich Herrscher und Feldherren bis ins 18. Jahrhundert hinein mit dem Fell des Löwen.7 Diese Gedanken nimmt Bless auf und interpretiert sie mit der Pelzper ü cke neu. Der Träger der Pelzper ü cke verzichtet auf die soziale und erotische Funktion8 seiner eigenen Haare, die ein einzigartiges Merkmal jedes Menschen darstellen. Denn für gewöhnlich gilt die eigene Frisur als ein Zeichen der Individualität und als Ausdruck der kulturellen und gesellschaftlichen Identität. Die Ästhetik und die Symbolik des Tierfells verändert die persönliche Identität des Trägers. Da eine Frisur und keine modische Form aus Pelz den direkten Bezug zum Körper des Menschen herstellt, vermischt sich scheinbar die Identität des Menschen mit der des Tieres. Die Pelzper ü cke hebt so die eindeutige Trennung von Mensch und Tier auf und stellt damit in gewisser Weise das naturwissenschaftliche Weltbild spielerisch in Frage. Denn traditionell grenzt sich der Mensch bewusst vom Tier ab, da er sich selbst als ein dem Tier übergeordnetes Lebewesen versteht. Ferner bewirkt die Unisexform9 der Pelzperücke eine Auflösung der unmissverständlichen geschlechtlichen Bestimmung des Trägers, so dass im übertragenen Sinne sein geistiger Charakter betont wird. Paradoxerweise gewinnt die Pelzper ü cke gerade aus der Provokation ihre besondere Kraft. Dazu trägt vor allem die doppeldeutige Wirkung des Tierfells bei. Einerseits provoziert das inkorrekte Verhalten echten Pelz zu tragen, andererseits treten die Identität des Menschen und des Tiers mittels der Pelzper ü cke scheinbar widerspruchsfrei miteinander in Verbindung. Dieser Aspekt bewirkt, dass sich ihr Träger auf ironische Weise in eine Reihe mit den martialischen Praktiken aus der Steinzeit stellt. Die Pelzper ü cke signalisiert deshalb einen höchst ambivalenten Selbstausdruck, der als besondere Stärke auf den Träger und seine Umwelt weitergegeben wird. Diese Aussagen werden auf einer anderen Ebene selbstbewusst und ironisch gebrochen, indem Assoziationen zu den Vokuhila- Frisuren der 80er Jahre zugelassen und gefördert werden. BLESS revolutioniert mit der Pelzperücke, die ganz auf die Ähnlichkeit von Pelz und Menschenhaar setzt, die Vokuhila-Frisur und erlöst diese durch Veredelung von ihrem Proll -Image. Wer eine derart gewandelte Vokuhila-Frisur im neuen Jahrtausend trägt, bekundet seine Coolness gegenüber der Außenwelt. Genau wie früher die Schamanen mit der Welt des Geistes steht der Träger dieser Pelzper ü cke mit den Codes der Mode in Verbindung.

Ihr Träger identifiziert sich einerseits mit der Vokuhila-Frisur, andererseits distanziert er sich durch die Verwendung einer jederzeit abnehmbaren Perücke von ihr. Mit Hilfe der Pelzperücke können sich ihre Träger neue Identitäten schaffen und diese jederzeit verändern. In diesem Zusammenhang verkörpert die Pelzperücke eine höchst individuelle und intellektuelle Variante einer viel geschmähten Angeberfrisur. Jedenfalls verleiht die Pelzper ü cke - jenseits jeder Ausgangssituation - jedem Kopf einen eigenwilligen Charakter, so dass ihr Einsatz zu einer Aufwertung der Perücke schlechthin beitragen könnte, die i.d.R. von vielen eher aus Not, möglichst unentdeckt und schamhaft getragen wird.

Neben der Pelzper ü cke umfasst das Repertoire von BLESS Bekleidung für Stühle, Stiefelsocken, eineHängemattencouch und ein Portemonnaie für dieOhren.DasNeue: Produkte von BLESS werden gleichermaßen auf internationalen Modenschauen, in Galerien und auf Kunstveranstaltungen präsentiert. Denn die scheinbar unorthodoxe Mission lautet: „BLESS is a project that presents ideal and artistic values by products to the public.”10 Mit diesem Standpunkt widersetzt sich BLESS der traditionellen Vorstellung von Design als Mittel zum Realisieren eines funktionalen Zweckes. Es geht stattdessen um das Sichtbarmachen von Unterschieden und Bedeutungen, also um Kunst. So erklärt BLESS die Vermittlung dieser Botschaften auch zu dem wichtigsten Zweck der eigenen Produktgestaltung.11 Zur Philosophie von BLESS gehört es trotzdem oder gerade deswegen nicht, Massenartikel herzustellen, sondern limitierte Editionen zu entwerfen. Das Label BLESS unterstützt mit ähnlichen Spezialprodukten die Kollektionen anderer Mode-Designer und sogar großer Marken wie Adidas, Nike und Levi´s. Den Anfang machte die Pelzper ü cke, als sie sich in einer Anzeige des internationalen Design-Magazins I.D. die Aufmerksamkeit des Avantgardedesigners Martin Margiela verschaffte. Zu Ruhm gelangte sie auf der Prêt-à-porter in Paris 1997/1998, als Martin Margiela sie in seiner Winterkollektion präsentierte.12

BLESS zeigt ein neues Verständnis für Design, indem es die symbolische Bedeutung eines Gegenstandes in den Vordergrund stellt. Gegenwärtig erscheint der Gebrauch von Pelz in der Mode losgelöst von seiner ursprünglichen Symbolik, denn Naturreligionen und ihre symbolischen Formen haben kaum noch eine Bedeutung für westliche Gesellschaften, weil sie in der Regel als unaufgeklärt bzw. vormodern gelten. Deshalb grenzt sich eine normale Pelzkappe oder Pelzmütze durch ihre modische Form von den Haaren des Trägers ab, nicht zuletzt um die Trennung des Menschen vom Tier eindeutig zu markieren und die Schmuck- und Statusfunktion des Pelzes zu betonen. Die Pelzperücke dagegen knüpft an uralte Vorstellungen an, erprobt die Wirkungen neu und weist damit auf Dimensionen jenseits der reinen Funktionalität hin.

1.2 Fabrics interseason: collection constructed normality # modern nerves (F LL/WINTER 2002/03)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Fabrics interseason: constructed normality # modern nerves (fall/winter 2002/2003). Aus: Fabrics interseason: protocol. Hg. von Wally Salner & Johannes Schweiger. Wien 2007, S. 93.

Fabrics interseason, ein Künstler- und Designer-Duo aus Wien, begreift Mode als Medium seiner künstlerischen Arbeit, das gleichrangig neben den Ausdrucksformen Musik und Performance existiert. Der Moderedakteur Samuel Drira definiert ihre Verbindung zu Mode „als Ablehnung des Kultes des schönen Scheins, in dem sich das Babel der Mode gefällt. Bei ihnen ist Mode kein Selbstzweck.13 Dementsprechend basiert ihre erste Kollektion constructed normality # modern nerves für die Fashionweek in Paris auf einem aktuellen gesellschaftlichen Phänomen, das der französische Soziologe Alain Ehrenberg in seinem Essay: „ Die M ü digkeit, man selbst zu sein14 untersucht hat. Das Essay beschreibt den Druck der fortschreitenden Individualisierung auf das einzelne Individuum, das unter den Ansprüchen der modernen kapitalistischen Gesellschaft leidet. Begriffe wie Eigenverantwortung, Selbstverwirklichung, Erfolg und Glück werden wie selbstverständlich ins eigene Bewusstsein übernommen. Viele Menschen sind diesen Anforderungen nicht gewachsen. Das Problem besteht in der eigenen Identität, die heute selbst aktiv zu gestalten sei. Gelingt die positiv konnotierte Konstruktion der eigenen Identität nicht, so sind Krankheitsbilder wie Depression und innere Leere als Folge der Individualisierung ein massenhaftes Phänomen, analysiert Ehrenberg.15 Diesen Sachverhalt bringt fabrics interseason in Beziehung zur Mode, die eine Schlüsselfunktion bei der Gestaltung der eigenen Identität übernehmen kann. Denn Mode stellt - grob vereinfacht - wichtige Elemente und Accessoires bereit, um die eigene Identität sichtbar zu machen. Das Duo arbeitet getreu der Devise: „Kleider machen Leute“, aber mit einem künstlerischen Vorzeichen. Ihre Kollektion macht den Einfluss der Mode deutlich, denn hier wird die Ohnmacht des Individuums unter dem Druck der Individualisierung inszeniert. Die Outfits zeigen markante Veränderungen von Kleidungsstücken wie Jeans, Sweatshirt, Blouson oder Anzug, die ein bewusst gest ö rtes Gesellschaftsbild darstellen, das von den gängigen Modeinszenierungen abweicht. So trägt z. B. eine unscheinbare Frau ein großes Netz über dem langen Haar, das weit vorn über ihr Gesicht hinabfällt. Das Haarnetz steht in keinem funktionalen Zusammenhang, sondern wird zu einer Metapher. Ein vergleichbares Bild zeigt eine weibliche Figur, die in Schwarz gekleidet, einen großen, weißen, leeren Setzkasten als Halskette trägt. Der leere Setzkasten funktioniert wörtlich zusammengesetzt, als inhaltsleeres Sinnbild für die Identität der Trägerin. An anderer Stelle wird der Betrachter mit dem Bild einer Frau konfrontiert, die mit braunen Raucherfingern eine Zigarette raucht. Das bekannte Bild des Rauchers aus der Zigarettenwerbung wird konterkariert. In der Werbung steht Rauchen für Unabhängigkeit und Freiheit: Der Marlboro-Mann reitet mit einer Zigarette durch eine weite schöne Landschaft. Die Werbung suggeriert, dass Rauchen und Freiheit zusammengehören. In Wirklichkeit bedeutet Rauchen dagegen Abhängigkeit. Diese Frau trägt zusätzlich Ohrringe mit großen Lautsprecherboxen auf der Frontseite, betitelt mit „ ear-drops noise overkill16 ein bildlicher Vergleich kritisiert so die akustische Reizüberflutung. In ähnlicher Form verkörpert jedes Outfit „den Zwang und die Last einzigartig zu sein“, der irritiert und aufmerksam macht Die ungewohnte Ästhetik der Kollektion dekonstruiert die medial verbreitete Vorstellung von Normalität als einer perfekten und dauerhaft stabilen Zustandsform. Dem sch ö nen Schein der Mode wird eine Kollektion auf Basis der soziologischen Diagnose Ehrenbergs entgegengestellt, die mit der traditionellen Anschauung von Mode als Ausdruck einer Idealform bricht. Dagegen zeigen die Bilder der Kollektion einen krankhaften gesellschaftlichen Zustand, der durch Mode verkörpert wird. Bekannte und einflussreiche Symbole aus der Mode und Phänomene der gesellschaftlichen Sphäre werden aufgegriffen und durch fremde Zeichen ersetzt, um die Bedeutung von konventioneller Mode in Frage zu stellen. Traditionell dienten Mode und Schmuck dazu, die eigene Attraktivität zu erhöhen oder den Status einer Person in einer Gruppe sichtbar darzustellen. Eine Halskette wird durch einen sperrigen Setzkasten ersetzt, der am Hals deplaziert und schwer wirkt. Er verändert den Selbstausdruck dieser Frau, so dass ihre innere Leere angedeutet wird.

[...]


1 Meyers Taschen Lexikon. Hg. von Meyers Lexikonredaktion. Bd. 3, Ausgabe in 12 Bd.. Mannheim/Leipzig/Wien/ Zürich 1996, S. 696.

2 Lexikon Internationales Design. Hg. von Thomas Heider/ Markus Stegmann/ René Zey, Hamburg 1994,S. 88f.

3 Das neue Duden-Lexikon. Hg. von Meyers Lexikonredaktion. Bd. 2, Ausgabe in 10 Bd.. Mannheim/Wien/Zürich 1991, S. 759.

4 Cultural Hacking: Kunst des Strategischen Handelns. Hg. von Franz Liebl, Thomas Düllo. Wien/New York 2005.

5 Zu ihren Trägern gehörten George Michael, MacGyver und Dieter Bohlen, später Profi-Fußballspieler und ihre Fans. Aus einer begrenzten Erscheinung entwickelte sich durch die weltweite Verbreitung von Fußball ein internationales Phänomen. So bezeichnete man die Frisur in Dänemark als Bundesliga-Haar; in Norwegen, Schweden: Eishockeyfrisur; in den Niederlanden: Deutsche Matte; in Israel: Vorhang und in Österreich: Wiese. (Vgl. Wikipedia - abgerufen am 21. Juni 2007)

6 Anthropologie (von griechisch: ánthropos Mensch und l ó gos Lehre), ist frei übersetzt die Wissenschaft vom Menschen. Die einzelnen Disziplinen zusammenfassend wird unter diesem Oberbegriff die wissenschaftliche Erklärung dessen verstanden, was der Mensch ist. Charakteristisch für die Anthropologie ist ihre (auf I. Kant zurückgehende) Spaltung in einen materialistisch-physischen Zweig und einen idealistisch-pragmatischen Zweig: die Naturwissenschaften beschreiben den Menschen aus der Evolutionstheorie heraus als ein zwar hoch entwickeltes, sich aber nur quantitativ vom Tier unterscheidendes Wesen, während die Geisteswissenschaften in der Freiheit der Entscheidung und der Selbstbestimmung, d.h. in der Personalität, das spezifisch menschliche Wesen entdecken, welches sich qualitativ vom Tier unterscheidet. In Deutschland wird unter dem Universitätsfach Anthropologie im Unterschied zu den angelsächsischen Ländern ausschließlich die biologische oder physische Anthropologie verstanden. (Vgl. wikipedia - abegerufen am 21. Juni 2007)

7 Vgl. Mode und Kostüm Lexikon. Hg. von Ingrid Loschek. Stuttgart 1994, S. 372.

8 Musliminnen verdecken ihr Haar aus diesem Grund.

9 Die Pelzperücke kann sowohl von Männern als auch von Frauen getragen werden. Vergleichbar mit der kultischen Bedeutung der Schamanenkappe, die die Verbindung ihres Trägers mit der Welt des Geistes ausdrückt.

10 BLESS, zit. nach: BLESS-Service: About BLESS. Nachzulesen im Internet: URL: http://www.bless-service.de (abgerufen am 21. Juni 2007)

11 Vgl. Fashion Now: i-D selects the world’s 150 most important designers. Edited by Terry Jones & Avril Mair. Taschen 2002, S. 211.

12 Vgl. BLESS-Service: About BLESS. Nachzulesen im Internet: URL: http://www.bless-service.de (abgerufen am 21. Juni 2007)

13 Samuel Drira, zit. nach: Fabrics interseason: protocol. Wien 2007, S. 6.

14 Alain Ehrenberg, zit. nach: Buchscan. Ebenda, S. 93.

15 Vgl. ebenda, S. 93.

16 Fabrics interseason, zit. nach: Fabrics interseason: protocol. Wien 2007, S. 89.

Ende der Leseprobe aus 61 Seiten

Details

Titel
Design trifft Kunst
Untertitel
Wie sich zeitgenössisches Design von seinem Begriff emanzipiert
Hochschule
Kunsthochschule Berlin-Weissensee Hochschule für Gestaltung  (Design)
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
61
Katalognummer
V144604
ISBN (eBook)
9783640548576
ISBN (Buch)
9783640551712
Dateigröße
6391 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Bless Pelzperücke, Front Design, Sketch Furniture, 5.5 designers, marcel duchamp, ready made, droog design, CULTURAL HACKING, KUNST DES STRATEGISCHEN HANDELNS, THOMAS DÜLLO, FRANZ LIEBL, DESIGN, KUNST, FABRICS INTERSEASON, Marketing Strategie
Arbeit zitieren
Diplom Des. Christine Gehrke (Autor), 2007, Design trifft Kunst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144604

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