Neuere Ansätze zur Sozialstrukturanalyse und ihre Umsetzung in die Empirie anhand Bourdieu


Hausarbeit, 2009

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kennzeichen neuerer Konzeptionen der Sozialstrukturanalyse

3. Bourdieu und der soziale Raum
3.1 Habituskonzept
3.2 Kapitalarten und Feld

4. Umsetzung in die Empirie: „Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft“

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Thema der „neueren Ansätze zur Sozialstrukturanalyse“ wurde in der 80er und frühen 90er Jahren zunehmend aktuell. Die Ursachen hierfür lagen im Aufkommen „neuer“ Erscheinungsformen der gesellschaftlichen Strukturen. Somit traten auch immer mehr neue Dimensionen und Ursachen sozialer Ungleichheit in den Vordergrund. Die starken Entwicklungstendenzen in der Gesellschaft ließen die konventionellen Schicht – und Klassenmodelle für das Erfassen zunehmend moderner Gesellschaften unzureichend. Die Analyse einer fortgeschrittenen Gesellschaft forderte neue Konzepte um einer ganzheitlichen Analyse gerecht werden zu können. Es wurde in der Forschung immer mehr bekannt, dass die Vor- und Nachteile der Lebensbedingungen und –chancen nicht nur im Zusammenhang mit der Stellung im Erwerbsleben stehen. Die Relevanz anderer Faktoren für die Statuszuschreibung gewann an Bedeutung.[1]

Die Basis der Klassen- und Schichtmodelle, der systematische Zusammenhang zwischen sozialer Lage und Lebensweise, wurde durch die verstärkte Entkopplung von Lebenslage und Lebensweise überholt. Weitere Auslöser der neueren Ansätze waren unter anderem Pluralisierungstendenzen und Individualisierung der Lebenslagen, wodurch verschiedene Soziallagen in der Gesellschaft sichtbar wurden. Auch die Zunahme des allgemeinen Wohlstandes durch Einkommensverbesserung, die Bildungsexpansion und Zunahme an persönlicher Freiheit trugen ihren Beitrag dazu bei. Die Neukonzeptionen der Sozialstrukturanalyse umfassen zusätzliche Indikatoren, die als Milieu- und Lebensstilforschung der „neuen Gesellschaftsstruktur“ gerecht werden sollen. Sie schließen die subjektive Handlungs- und Erfahrungsebene sowie differenzierte Ungleichheitsdimensionen mit ein. Diese allgemeine Entwicklung zu einer vielfältigen modernen Gesellschaft hin, führte zum Bedeutungsverlust vertikaler sozialer Strukturen wie z.B. Einkommen. Ein großer Wert wurde zunehmend auf neue horizontale Strukturen, soziale Milieus und Lebensstile, für eine gezieltere Strukturierung der modernen Gesellschaft gelegt.[2]

Wir haben uns unter den vielzähligen Methoden der Sozialstrukturanalyse fortgeschrittener Gesellschaften für das Modell von Bourdieu entschieden. Wir sind der Auffassung, dass das Sozialraum-Modell von Bourdieu einen umfassenden Einblick in die neuere Methode der Sozialstrukturanalyse bietet. Das Modell des sozialen Raumes und sozialer Klassen wurde am Beispiel Frankreichs konstruiert und dient gleichsam als übertragbares Modell auf andere moderne Klassengesellschaften. Zudem kommt Bourdieu in diesem Themengebiet eine besondere Bedeutung zu, da er mit seinen Werken die Diskurse zu neueren Ansätzen der Sozialstrukturanalyse beständig angeregt hat. Er gründete eine Theorie der sozialen Ungleichheit in kapitalistischen Gesellschaften unter Einbeziehung des Klassenkonzeptes. Er trägt einen bedeutsamen Beitrag zum Thema mit seinen Ideen bei. Zu seiner Grundidee gehört, dass er die Klassen nicht nur aufgrund der sozioökonomischen Lage der Angehörigen begründet, sondern andere relevante Faktoren mit einbezieht.[3] Somit ist er einer der bedeutsamen Klassiker, der zum Thema der „neueren Ansätze“ einen nachhaltigen Beitrag geleistet hat.

Die Hausarbeit beginnen wir mit einer kurzen Übersicht über den Verlauf der Entwicklung der Modelle zur Sozialstrukturanalyse und einem Einblick in die allgemeinen Kennzeichen der neueren Konzeptionen. Im Folgenden stellen wir die Theorie Bourdieus dar. Die Theorie Pierre Bourdieus konzentriert sich auf den sozialen Raum, den Habitus, auf die Kapitalarten und die daraus resultierenden Lebensstile und Geschmäcker. Dabei versuchen wir den Aufbau und die Entstehung des sozialen Raumes, sowie wie Räume in der Gesellschaft überhaupt entstehen können zu beschreiben. Der Habitus spielt hierbei eine signifikante Rolle und ist der Schlüsselbegriff um Bourdieus Theorie verstehen zu können. Des Weiteren werden die vier Kapitalarten, ökonomisches, soziales, kulturelles und symbolisches Kapital bei Bourdieu näher erläutert und ihre Beziehungen untereinander dargestellt. Daraufhin gehen wir auf die Umsetzung in die Empirie am Beispiel Frankreichs in den 60er Jahren ein. Um den Rahmen der Hausarbeit nicht zu sprengen beschränken wir uns in der Studie der „Feinen Unterschiede“ auf den Klassengeschmack und die Lebensstile. Die Hausarbeit schließt mit einer Endbetrachtung, dem Fazit ab

2. Kennzeichen neuerer Konzeptionen der Sozialstrukturanalyse

Die Ansätze zur Sozialstrukturanalyse sind zeitlich und thematisch in zwei Teile gegliedert. Bis Ende der 70er Jahre dominierten Theorien zu Klassen- und Schichtansätzen. Die gängigen Vertreter sind unter anderem Karl Marx und Max Weber. Nebenbei existierten auch andere Ansätze, wie die von Schelsky zur nivellierten Mittelstandsgesellschaft.

Etwa zu Beginn der 80er Jahre kommen Ansätze wie die der Lebensstile und Milieus, soziale Lagen und Individualisierungstheorien verstärkt in den Vorschein. Außerdem sind erweiterte Klassen- und Schichtenmodelle vorhanden.

Als bekannte Vertreter der neueren Ansätze sind unter anderem Bourdieu, Geißler, Hradil, Beck und Goldthorpe zu nennen.[4]

Die „neueren Ansätze der Sozialstrukturanalyse“ traten als Reaktion gegen die allgemeinen Entwicklungstendenzen in den gesellschaftlichen Lebensverhältnissen auf. Die Merkmale der neuen Gesellschaftsstruktur lassen sich unter anderem charakterisieren durch Phänomene wie der Anstieg des Lebensstandards, die zunehmende Vielfalt der Lebensbedingungen, die Zunahme an Mobilität, Anstieg der Ressourcen der Haushalte, vermehrte Möglichkeiten zur Organisation des Alltags und gesunkene Verbindlichkeit von Traditionen und Sitten. Die neuen Ansätze dienen dazu den veränderten Strukturen der Gesellschaft gerecht zu werden und alle „neuen“ Dimensionen mit einzuschließen.

Die üblichen Ungleichheitsstrukturen, die bis in die 50er Jahre von Relevanz waren, „wie z.B. Macht-, Vermögens-, Einkommens-, Bildungs- und Prestigedifferenzierungen“[5] wurden von differenzierteren Dimensionen neuer Strukturen der Gesellschaftsform ergänzt. Dies führte dazu, dass Begriffe wie Stand, Klasse und Schicht zunehmend an Bedeutung verloren oder auch ergänzt und erweitert wurden.

Auf der einen Seite traten ältere Dimensionen verstärkt wieder in den Blickpunkt der Forscher und auf der anderen Seite wurde neuen, bisher unbekannten Phänomenen Relevanz zugesprochen.[6] Aus der neuen Situation heraus wurde erkannt, dass das Spektrum der relevanten Faktoren für die Bestimmung der Sozialstruktur viel differenzierter und breiter geworden ist. Aus diesem Grund heraus wurden weitere Merkmale wie z.B. Geschlechterunterschiede, Unterschiede zwischen Stadt- und Landbewohnern und auch der Unterschied zwischen Einheimischen und Ausländern erweiternd in die Sozialstrukturanalyse hinzugefügt.[7]

Als neue Komponenten der Sozialstrukturanalyse traten nun horizontale Disparitäten in den Blickpunkt. In einer zunehmend modernen Gesellschaft verstärkten sich die Unterschiede zwischen regionalen Ungleichgewichten und infrastruktureller Versorgung, die schwer mit den üblichen vertikalen Klassenmodellen erklärbar schienen. Somit eröffnete sich eine neue Dimension der Lebensbereiche. Askriptiven Ungleichheitsstrukturen kamen von dem Zeitpunkt an große Bedeutung zu. Diese askriptiven Merkmale, die z.B. auf das Geschlecht oder die Ethnie zurückzuführen sind, wurden bisher mit den Klassen und Schichtmodellen nicht erfasst. Ursprünglich wurden in den Schichtmodellen nur der Beruf und das Einkommen des Mannes in einer Familie berücksichtigt. In der „neuen Sozialstrukturanalyse“ gewannen daneben auch Entlohnungsdisparitäten, Unterschiede in den Arbeitsbedingungen und sozialer Sicherheit an Bedeutung zu.[8]

Durch diese oben genannte Umstrukturierung der gesellschaftlichen Lebensverhältnisse suchten die Forscher neue und ergänzende Methoden zu den Klassen und Schichtmodellen, aus dem der Begriff des „Lebensstils“ hervorging. Lebensstilanalysen dienen nicht der Einordnung in vor geformte Strukturen, sondern erfüllen den Zweck der Verdeutlichung der verschiedenen Möglichkeiten und Präferenzen eines Lebensstils. Der zugeordnete Lebensstil zu einer Gruppe oder Person stellt nicht die gesamte persönliche Lebenslaufbahn dar. Sie dient der Einordnung der Lebensstile für bestimmte Lebensphasen.[9] Der Unterschied zu den früheren Klassenmodellen besteht im Lebensstilmodell darin, dass sie sich nicht nur auf objektive Merkmale wie z.B. das Einkommen stütz, sondern an „kulturellen und symbolischen Faktoren“[10] orientiert ist. Dabei wird nicht von objektiven Merkmalen auf das Verhalten und die Einstellungen der Person geschlossen. Bei Lebensstilansätzen steht die Betrachtung des subjektiven Empfindens im Mittelpunkt und zeigt somit eine vielseitige Analyse auf. Ziel hierbei ist es, die Gesellschaftsstruktur als Makroebene mit der Handlungsebene der Mikroebene zu verknüpfen.[11]

[...]


[1] Vgl. Peter A. Berger, Stefan Hradil (Hrsg.), Soziale Welt. Lebenslagen, Lebensläufe, Lebensstile, Göttingen: Otto Schwartz & Co. (1990), S.3f.

[2] Vgl. Uwe Helmert, Karin Bamman et. al. (Hrsg.), Soziale Ungleichheit und Gesundheit in Deutschland. Müssen Arme früher sterben? München: Juventa (2000), S.9.

[3] Vgl. Harmut Lüdtke, Expressive Ungleichheit. Zur Soziologie der Lebensstile, Opladen: Leske u. Budrich (1989), S.30.

[4] Vgl. Nicole Burzan, Soziale Ungleichheit. Eine Einführung in die zentralen Theorien, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften (2007), S. 12.

[5] Berger, Hradil, Soziale Welt, S.27.

[6] Vgl. ebd.

[7] Vgl. Stefan Hradil, Sozialstrukturanalyse in einer fortgeschrittenen Gesellschaft, Opladen: Leske u. Budrich (1987), S.40.

[8] Vgl. Hans-Peter Müller, Sozialstruktur und Lebensstile. Der neuere theoretische Diskurs über soziale Ungleichheit, Frankfurt am Main: Suhrkamp (1992), S.39f.

[9] Vgl. Hradil, Soziale Welt, S.502f.

[10] Burzan, Soziale Ungleichheit, S.93.

[11] Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Neuere Ansätze zur Sozialstrukturanalyse und ihre Umsetzung in die Empirie anhand Bourdieu
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Wirtschafts-und Sozialstatistik (Statistik II)
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
17
Katalognummer
V144628
ISBN (eBook)
9783640555840
ISBN (Buch)
9783640555604
Dateigröße
617 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialstruktur, Bourdieu, Habitus, Soziale Welt, Sozialer Raum, Statistik
Arbeit zitieren
Ayca Aytekin (Autor), 2009, Neuere Ansätze zur Sozialstrukturanalyse und ihre Umsetzung in die Empirie anhand Bourdieu, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144628

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