Exegese, Genesis 4, 1-16 - Kain und Abel


Studienarbeit, 2002
26 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhalt

0 Genesis 4, 1-16

1 Per sönliche Begegnung

2 Text analyse
2.1 Textkritik
2.2 Kontextkritik
2.3 Vorläufige Textanalyse
2.3.1 Textoberfläche
2.3.2 Tiefenstruktur
2.3.3 Pragmatische Ebene des Textes

3 Geschichte des Textes
3.1 Literarkritik
3.2 Formkritik
3.3 Motiv- und Traditionskritik
3.4 Überlieferungsgeschichte
3.5 Redaktionskritik
3.6 Einzelexegese

4 Theologische Interpretation
4.1 Wirkungsgeschichte
4.1.1 Biblische Wirkungsgeschichte
4.1.2 Außerbiblische Wirkungsgeschichte
4.2 Historischer Ort und Aussageabsicht
4.3 Theologische Aussageabsicht heute

5 Literaturverzeichnis

6 Erklärung

0 Genesis 4, 1-16

1. Und Adam erkannte sein Weib Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann erworben mit Hilfe des Herrn.

2. Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber ein Ackermann.

3. Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes.

4. Und auch Kain brachte vo n de n Erstlingen und vo n ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer,

5. aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick.

6. Da sprach der Herr zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick?

7. Ist’s nicht also? Wenn du fromm bist so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor deiner Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.

8. Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.

9. Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich wie nicht, soll ich denn meines Bruders Hüter sein?

10. Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimm e des Blutes Deines Bruders schreit zu mir von der Erde.

11. Und nun : Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen.

12. Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden.

13. Kain aber sprach zu de m HERRN : Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte.

14. Siehe du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und mu ss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich tot schlägt, wer mich findet.

15. Aber der Herr sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände.

16. S o ging Kain hinweg vo n de m Angesicht des Herre n und wohnte im Lande Nod, jenseits vo n Eden, gege n Osten.

1 Persönliche Begegnung

Kain und Abel – Der Text begegnete mir während meiner Kindheit und Jugend immer wieder und wieder. Jedoch kann ich nicht behaupten, damals ein besonderes Verhältnis dazu gehabt zu haben. Der Text wurde stereotypisch von Pfarrern und Religionslehrern, sowie Betreuern, verwandt, um zu mahnen und dazu aufzurufen, nett zueinander zu sein.

Aufgrund dieser Monotonie verlor ich den Text nach und nach aus den Augen.

Er begegnete mir jedoch wieder, als ich mich im Alter von 14 Jahren ausgiebig mit Okkultismus, Parapsychologie und dergleichen beschäftigte. Hier war freilich weniger der reine Wortlaut, als die Interpretation verschiedener Sekten und okkulter Gruppen von großem Interesse, welche sich das Kainsmal auf unheimlichste Weise ausmalten und vorstellten.

Ein weiteres Mal wurde ich auf die Sage von Kain und Abel aufmerksam im Rahmen eines Rollenspieles. Dieses baute sogar seinen ganzen Hintergrund auf besagter Geschichte auf und machte mich dann doch endlich auch auf den Bibeltext neugierig, den ich zunächst auch begierig las, dann jedoch feststellen musste, dass es mir für eine hintergründige Interpretation an Fachwissen fehlte.

Aus eben diesem Grund ist diese Exegese eigentlich eine Art Höhepunkt meiner Geschichte mit Kain und Abel, da ich nun versuchen kann, den Text wissenschaftlich und realistisch auszulegen und zu interpretieren. Allerdings gestaltete sich dies eher schwierig. Zwar kam ich leicht an Informationen, jedoch das Zuordnen dieser auf die einzelnen Teilbereiche der Arbeit war doch nicht einfach. Es gab viele Überschneidungen und Wiederholungen von diversen Informationen, was teilweise verwirrend war.

2 Text analyse

2.1 Textkritik

Bei der Betrachtung des Textes Genesis 4, 1-16 stechen nur wenige markante Auffälligkeiten ins Auge, die jedoch, übersetzungsspezifisch eben, Unterschiede mit sich bringen können.

1. Und Adam erkannte sein Weib Eva, und sie ward schwanger und gebar de n Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des HERRN .

Die erste Hürde auf dem Weg zum textgeschichtlichen Original stellt der Ausspruch Evas, nachdem sie Kain zur Welt brachte, dar.

Luther übersetzt an dieser Stelle: „Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des Herrn.“ Der masoretische Text überliefert dazu passend „mit dem Herrn“, während die Einheitsübersetzung „erworben vom Herrn“ übersetzt.

Eine weitere Version dieser Zeile aus der Übersetzung der Bibel durch Rosenzweig und Buber lautet „Kaniti – erworben habe ich mit IHM einen Mann.“

Die Wuppertaler Studienbibel übersetzt gar: „Ich habe erschaffen einen Mann, den Jahwe.“

Die Festlegung an dieser Stelle fällt nicht leicht. Die Übersetzungen klaffen auseinander auf Grund eines wesentlichen Unterschiedes im Bezug auf die etymologische Wurzel des Namens Kain, nämlich „qanâh“. In der Übersetzung tun sich vorwiegend zwei Möglichkeiten auf:

a) Einerseits das (käufliche) Erwerben, andererseits kann jedoch auch das göttliche schöpferische Tun gemeint sein. Blickpunkt der Übersetzungen mit diesem Hintergrund liegt auf der zentralen Mitwirkung Gottes an der Entstehung Kains, also am Erwerben eines Sohnes von Gott.1
b) Die zweite Möglichkeit betont den Schaffensaspekt der Menschlichen Natur, also dem Mitwirken und gehörigen Anteilnahme an der Schöpfung neuen Lebens.

Die bessere, zumindest stimmigere, Version ist, meiner Meinung nach, die erste, da die Formulierungen, die auf Lösung b) zurückgehen meist Übersetzungen nach sich ziehen, die nicht sehr stimmig erscheinen(siehe Wuppertaler Studienbibel; persönliche Meinung)

8. Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen!

Des weiteren ist anzumerken, dass die wörtliche Rede Kains, in der er Abel auffordert auf ihn auf das Feld zu begleiten im masoretischen Text nicht vorkommt. Der vorliegende Satz, nach Luther, „Las uns aufs Feld gehen!“, ist demnach erst später ergänzt worden. Dies geschah höchstwahrscheinlich um den Text zu vervollständigen bzw. ist ein vom jeweiligen Überarbeiter als fehlend erachteter Einschub. Somit ist sie also für den eigentlichen Urtext nicht relevant. Außerdem stellt das Vorkommen der Rede keine wesentliche Veränderung des Gesamttextes dar.

Obgleich die Formulierung vor besagter wörtlicher Rede meist für eine Einleitung zu eben solcher steht, frage ich mich, ob der Verfasser des Urtextes überhaupt ein Gespräch einleiten wollte, oder ob es sich hierbei nicht um eine schlichte Aussage handelt, nämlich die, dass Kain mit Abel sprach und sie daraufhin auf das Feld gingen. Da mir jedoch die Hebräischkenntnisse fehlen, kann ich dies nicht beantworten.

2.2 Kontextkritik

Genesis 4, 1-16 bildet eine in sich geschlossene Einheit. Der Text steht zwischen zwei weiteren geschlossenen Einheiten, die ,zwar mit den Personen des Textes in Verbindung stehen, bzw. über diese berichten, jedoch auf die eigentliche Handlung der Sage keinen Einfluss nehmen oder eingehen.

Die Einleitung in Vers 1 weist eine Parallele zu Genesis 4, 17 auf. So lautet die Einleitung in Genesis 4, 1:

Adam erkannte sein Weib Eva und sie ward schwanger, und sie gebar den Kain (...)

Im Vergleich dazu Genesis 4, 17-24:

Und Kain erkannte sein Weib; die ward schwanger und gebar de n Henoch.

Diese Übereinstimmung ist wohl als eine Abgrenzung zu verstehen. So, wie die Einleitung in Genesis 4,1-16 aussagt, dass es nunmehr nicht um Adam und Eva, sondern um Kain und Abel gehen wird, dass die Erzählung aus dem Paradies herausverlagert wird und nun die Menschen nicht mehr in erster, sondern in zweiter Generation, beleuchtet werden sollen, sagt die Einleitung in Genesis 4, 17-24, dass die Geschichte von Kain und Abel zu Ende ist und nun der Blick auf die Dritte Generation der Menschen gerichtet wird.

Die Kulissen wechseln, der Blick des Lesers wird vom „Regisseur“ von den Anfängen im Garten Eden entführt, zu den Geschehnissen jenseits des Gartens, als die Sünde vollends Einzug hält in das Leben des Menschen, der plötzlich nicht mehr nur nach dem Privileg trachtet, die Erkenntnis zu erlangen, sondern sich vollends auf eine Stufe mit Gott stellt, indem er sich über von Gott gewolltes und geschaffenes Leben und ebensolchen Tod erhebt und zum Mörder wird. Der „Film“ Genesis 4 endet mit einem Ausblick auf das zukünftige Leben Kains, jenseits von Gottes Angesicht, im Lande Nod.

Also bleibt Abschließend nur noch zu formulieren, dass der vorliegende Text eine abgeschlossene Perikope darstellt und er ist deutlich zum vorhergehenden abgegrenzt. Dennoch ist es der Interpretation des Textes dienlich, wenn Kenntnisse über die Paradieserzählung vorhanden sind.

2.3 Vorläufige Text analyse

2.3.1 Text oberfläche

Die Sätze im Text sind verhältnismäßig lang, viele Nebensätze sowie Verben sind vorhanden. Der Text will erzählen, wofür auch das Präteritum spricht, in welchem der Text, bis auf die häufigen wörtlichen Reden, steht.

Einschnitte sind deutlich vorhanden, wo der Text von der Einleitung in die eigentliche Handlung übergeht, bzw. wo der Hauptteil des Textes, nämlich der Dialog Abels mit Gott beginnt, also in Vers 3 bzw. 9.

Neue Situationen werden zumeist mit einem „da“ eingeleitet auf das ein neuer Sinnabschnitt folgt.

Der erste Teil der Erzählung, also bis zum Opfer, bzw. eigentlich sogar bis zu dem fast schon nur am Rande erwähnten Brudermord, ist sehr kurz gehalten und fast stichpunktartig dargestellt, weswegen man davon ausgehen kann, dass er lediglich ein informationsgespickter Weg zum eigentlichen Teil der Geschichte ist.

Der Hauptteil besteht also zweifellos in der Geschichte Kains mit Jahwe, so zu sagen dem ersten Strafprozess der Bibel.

Auch die Strafe, sowie das Leben Kains unter dem harten Urteil des Herrn sind nur angerissen und sehr schnell abgehandelt.

2.3.2 Tie fe nst rukt ur

So lässt sich also der Text wie folgt gliedern:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Einleitung, von Westermann als „Exposition“ bezeichnet, stellt, indem sie Adam und Eva als die ersten Menschen nennt, einen Zusammenhang zu Genesis 3 her und verdeutlicht so, dass es sich um den Menschen in zweiter Generation handelt. Die Geschichte Adams und Evas schließt hier, die kurze gemeinsame Geschichte Kains und Abels beginnt.

Eingeleitet durch den Temporalsatz „Nach etlicher Zeit...“, beginnt der zweite Teil des Textes, eigentlich einer von zwei Hauptteilen. In diesem Abschnitt wird das Opfer behandelt, der eigentliche Anlass zum Brudermord, und eben der Brudermord an sich, der diesen ersten Hauptteil abschließt.

Der zweifellos gewichtigste Teil ist der „Prozess“, deshalb auch, im Gegensatz zum gesamten vorherigen Leben und Werdegang Kains und Abels, sehr ausführlich beschrieben, somit also vom Urheber explizit hervorgehoben. Dieser Teil ist geprägt von den Dialogen zwischen Jahwe und Kain. Begonnen mit einem Verhör durch Jahwe, erzählt dieser Abschnitt die gesamte Verhandlung, von der Lüge Kains, über Gottes Urteil und den Einspruch des Sünders, bis hin zum letztendlich gültigen Urteil und dessen Vollstreckung. Der eigentliche Vollzug des Urteils, gestaltet sich jedoch ebenfalls kurz und verfolgt wohl lediglich den Zweck zu Genesis 4, 17-24 stimmig überzuleiten.

2.3.3 Pragmatische Ebene des Textes

Der Text schafft das Bild eines Menschen, der die Möglichkeit zur Sünde hat und sie, trotz einer expliziten Warnung, auch nutzt. Wie bereits bei Adam und Eva im Paradies wird eine Sünde, trotz Warnung Jahwes, begangen und zieht somit ihre Konsequenzen nach sich.

Diesmal findet das Vergehen jedoch nicht mehr im Garten Eden statt, sondern bereits außerhalb, im Exil. Dass Gott hier dennoch ahndet und über Schicksale entscheidet, ist bezeichnend für die Vorstellung von Jahwes Allmacht bzw. Allgegenwärtigkeit, er ist also auch außerhalb „seines Gartens“ tätig und verantwortlich.

Der Mensch scheint sich zum negativen zu wenden und verliert aus Neid sogar den Respekt vor Gottes Schöpfung, dem Leben. Als Jahwe ihn daraufhin zur Rede stellt, ist die Reaktion des Menschen nicht ehrenhaft, sondern niederträchtig und drückt seine zunehmende Entfremdung zu Gott aus. Er verleugnet seine Tat.

Natürlich ist vor Gottes Augen niemand gefeit und so muss er die Konsequenzen tragen.

Der Text appelliert also an die Vernunft des Menschen, der stets durch die Sünde bedroht und versucht wird, sich der Sünde bewusst und ihrer „Herr zu werden“. Des weiteren verdeutlicht der Text, wie anfällig der Mensch für den Neid und das Streben nach Macht ist und warnt davor in Form von Jahwes Warnung. Weiterhin wird klar gestellt, dass Mord ein Vergehen ist, das Jahwe nicht duldet, das also den göttlichen Zorn heraufbeschwört. Allerdings zeigt der Text auch Jahwes Gnade im Angesicht von schuldiggewordenen Menschen, da Kain, als Mörder nicht getötet, sondern im Exil auch noch geschützt wird.

3 Geschichte des Textes

3.1 Lite rarkritik

Zunächst ist zu sagen, dass der Text Bestandteil der jahwistischen Urgeschichte ist, die in Genesis 2, 4b beginnt.

Der Text stammt höchstwahrscheinlich nicht aus einem Guss. Westermann geht in seinem Kommentar sogar davon aus, dass es sich bei Vers 1-2 um den Teil einer Genealogie handelt, die sich eigentlich erst in Vers 17 fortsetzt, in die jedoch vom Jahwisten die Erzählung von Kain und Abel eingefügt wurde.

[...]


1 Vgl. Zürcher Kommentare; S. 208

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Exegese, Genesis 4, 1-16 - Kain und Abel
Hochschule
Evangelische Hochschule Nürnberg; ehem. Evangelische Fachhochschule Nürnberg  (FB Theologie)
Veranstaltung
Altes Testament
Note
2,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
26
Katalognummer
V14476
ISBN (eBook)
9783638198684
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Exegese, Genesis, Kain, Abel, Altes, Testament
Arbeit zitieren
Thomas Schleicher (Autor), 2002, Exegese, Genesis 4, 1-16 - Kain und Abel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14476

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