Weil ich in der Nähe eines Glockenturms meine Kindheit verbrachte, war mir das stündliche Geläut bestens vertraut so vertraut, dass es im Alltag von mir überhört wurde. Die Uhr am Kirchturm schlägt, weil sie die Zeit angibt. Vor allem für Leute die nicht sehen können sei das wichtig erklärte mir jemand. Einleuchtend vorerst. Irgendwann später hörte ich auch, dass die Menschen früher noch keine eigene Uhr hatten und die Kirchenuhr, um die Zeit zu wissen, umso wichtiger war. Ohne hätte natürlich keiner irgendeinen Termin einhalten können. Jahre später stolperte die Erkenntnis über mich, dass an anderen Stellen, z.B. in anderen Ländern, gar keine Kirchtürme stehen. Und auch dort leben, lieben und tun die Menschen Dinge zu vereinbarten Zeitpunkten. Und eigentlich hört doch auch bei uns keiner mehr wirklich hin, wenn die Uhr schlägt. Wir haben unsere Uhr am Handgelenk. Als Student begann ich mich mehr dafür zu interessieren: Wann und wieso war es irgendwann zum ersten Mal der Fall, dass ein Jeder auf das Schlagen der Uhr gehört hat und sofort wusste, was dieses bedeutet? Wieso achteten die Menschen überhaupt auf so etwas wie den Glockenschlag war er denn mehr als ein abstraktes Symbol? Was bedingte unser heutiges Temporalsystem, die Art und Weise wie wir mit Zeit umgehen?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Zeit
3 Die mechanische Uhr und die mittelalterliche Stadt
3.1 Uhr, mechanische Uhr und Glocke
3.2 Die mittelalterliche Stadt
3.3 Wichtige Veränderungen innerhalb der Epoche
3.4 Die Temporalstruktur in der mittelalterlichen Stadt
3.5 Einführung der mechanischen Uhr
3.6 Einstellung verschiedener sozialer Gruppen zur mechanischen Uhr
3.7 Durch die mechanische Uhr bedingte Veränderungen des öffentlichen Lebens
3.8 Zusammenhang zwischen Religion und Einführung der mechanischen Uhr
3.9 Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und mechanischer Uhr
3.10 Gründe für die Einführung der mechanischen Uhr/ zusammenfassende Darstellung
4 Für diese Arbeit relevante Teile der Soziologie Norbert Elias’
4.1 Figurationen
4.2 Psychogenese und Soziogenese
4.3 Selbstzwang und Fremdzwang
4.4 Elias’ Machtbegriff
4.5 ’Über die Zeit‘ im Kontext des ’Prozess der Zivilisation‘
5 Analyse des Einführungsprozesses
5.1 Historische Umstände reflektiert mit Elias’ Soziologie – Schritt 1
5.2 Die vier Interdependenztypen im Kontext geschichtlicher Fakten – Schritt 2
5.3 Bedeutung von Stadt, Ökonomie und Bürgertum – Schritt 3
5.4 Die Figurative Macht im Einführungsprozess – Schritt 4
6 Fazit
7 Ausblick
8 Exkurs
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Einführung der mechanischen Uhr im mittelalterlichen Europa unter Anwendung der Soziologie von Norbert Elias. Dabei wird der Frage nachgegangen, ob eine zunehmende figurative Macht der treibende Grund für die Etablierung dieses neuen Zeitmessinstruments in mittelalterlichen Städten war.
- Die gesellschaftliche Bedeutung der Temporalstruktur und Zeitwahrnehmung im Mittelalter.
- Wechselwirkungen zwischen der Verbreitung der mechanischen Uhr und sozio-ökonomischen Differenzierungsprozessen.
- Die Anwendung der Prozess- und Figurationstheorie von Norbert Elias auf historische Entwicklungen.
- Der Einfluss von Bürgertum, Religion und wirtschaftlicher Entwicklung auf den Etablierungsprozess der Uhr.
Auszug aus dem Buch
3.1 Uhr, mechanische Uhr und Glocke
Es ist angebracht, das Auftauchen der mechanischen Uhr gemeinsam mit der Rolle der Glocke zu beschreiben, weil eine große gegenseitige Beeinflussung bestand. Nur durch diese Kombination gelang der Durchbruch der mechanischen Uhr im mittelalterlichen Europa.
Die Entwicklungsstufen der Uhrzeitmessung lassen sich weit zurückverfolgen. Von den Anfängen mit Sonnenuhren, dann Feueruhren, Wasseruhren und Sanduhren bis zum heutigen Stand der Technik gibt es Belege. Leider nimmt deren Zahl und Qualität exponentiell ab, je weiter man sich von heute entfernt. Uhrtypen können rekonstruiert werden; welche Bedeutung sie für das tägliche Leben hatten ist ungleich schwerer zu ermitteln. So ist es auch bei der mechanischen Uhr. Das Auftauchen ihres Vorläufers, der Waag-Räderuhren, kann auf das Jahr 1280 bestimmt werden. Sie diente in englischen Klöstern als Weckvorrichtung, besaß kein Ziffernblatt und benutzte eine Glocke zur Zeitansage. Ob sie zum allgemeinen Klosterstandard gehörte, ist nicht bekannt. Aus dieser Periode stammen auch die ersten Uhren mit Hemmung, welche zuerst nicht zur täglichen Zeitbestimmung, sondern zur Verbesserung der Astronomie verwendet wurden. Uhren mit Hemmung waren in der Lage, gleich lange Stunden zu schlagen. Jene konnten erstmals gleichmäßige Stunden anzeigen. Allerdings ist auch ihr Auftauchen nicht genau zu datieren, denn es hat keinerlei Niederschlag in zeitgenössischen Berichten gefunden. Kein Eintrag in einer Chronik, kein erzählender Bericht, keine Konstruktionsbeschreibung machen die Erfindung zu einem datier- oder lokalisierbaren Ereignis. Ihr Erfinder bleibt unbekannt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Definiert die Forschungsfrage nach der Rolle figurativer Macht bei der Verbreitung der mechanischen Uhr unter Verwendung von Norbert Elias’ Soziologie.
2 Zeit: Erörtert Zeit als soziale Konstruktion und das menschliche Bedürfnis nach vereinheitlichten, quantifizierbaren Zeitsystemen wie der mechanischen Uhr.
3 Die mechanische Uhr und die mittelalterliche Stadt: Detaillierte historische Untersuchung der Verbreitung mechanischer Uhren, der Rolle der Glocke und des sozialen Umfelds im mittelalterlichen Europa.
4 Für diese Arbeit relevante Teile der Soziologie Norbert Elias’: Stellt die zentralen theoretischen Konzepte wie Figuration, Psychogenese, Soziogenese und figurative Macht vor.
5 Analyse des Einführungsprozesses: Verknüpft die historischen Fakten systematisch mit den theoretischen Begriffen von Elias, um den Etablierungsprozess der Uhr zu erklären.
6 Fazit: Bestätigt die Hypothese, dass eine zunehmende figurative Macht wesentlich zur Etablierung der mechanischen Uhr in Städten beigetragen hat.
Schlüsselwörter
Mechanische Uhr, Mittelalter, Soziologie, Norbert Elias, figurative Macht, Zeitordnung, Temporalstruktur, Zivilisationsprozess, Figuration, soziale Konstruktion, Stadtentwicklung, ökonomische Differenzierung, Machtbalance, Zeitmessung, Mittelalterliche Stadt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den sozialen und gesellschaftlichen Ursachen hinter der Verbreitung der mechanischen Uhr im mittelalterlichen Europa.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die Wandlung der Zeitwahrnehmung, die Entwicklung städtischer Strukturen, der Einfluss von ökonomischen Faktoren und die Anwendung soziologischer Theorien auf geschichtliche Prozesse.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die zentrale Frage lautet: War eine zunehmende figurative Macht der Grund für die Etablierung der mechanischen Uhr in mittelalterlichen Städten?
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin/der Autor nutzt die Prozess- und Figurationstheorie von Norbert Elias, um historische Daten zu interpretieren und soziologische Muster im Verbreitungsprozess der Uhr zu identifizieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse der Uhr und Stadtentwicklung sowie eine theoretische Einordnung mittels Elias' Konzepten, gefolgt von einer konkreten Analyse des Einführungsprozesses.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen mechanische Uhr, figurative Macht, Zivilisationsprozess, Figuration und Temporalstruktur.
Wie unterscheidet sich die mittelalterliche Zeitwahrnehmung von der heutigen?
Im Mittelalter war Zeit stärker durch konkrete Ereignisse, Gebetszeiten (Horen) und natürliche Zyklen geprägt, während sie heute als abstraktes, homogenes und technisch messbares System verstanden wird.
Welche Rolle spielt die Kirche im Kontext der neuen Uhrzeit?
Die Kirche verlor durch die mechanische Uhr ihr Monopol auf die Zeitbestimmung, blieb aber durch die Installation von Schlaguhren an Kirchtürmen weiterhin als dominanter Taktgeber präsent.
Warum wird im Anhang ein Vergleich zum Handy gezogen?
Der Exkurs dient dazu, die Aktualität des Konzepts "figurativer Macht" zu illustrieren und zu zeigen, dass auch moderne technologische Einführungsprozesse ähnliche soziologische Muster wie die der mittelalterlichen Uhr aufweisen.
- Citation du texte
- Peter Behr (Auteur), 2009, Auswirkung der Einführung der mechanischen Uhr im Mittelalter, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144766