Von der Unwahrheit der Wahrheit


Seminararbeit, 2008

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zwischen Wahrheit und Unwahrheit
2.1 Was ist Wahrheit? Was ist Unwahrheit?
2.2 Bedeutung einer „Theorie der Wahrheit“

3. Die wissenschaftliche Frage nach der Wahrheit
3.1 Platon und Aristoteles: Anfänge der Suche nach der Wahrheit
3.2 Die Korrespondenztheorie der Wahrheit
3.3 Die Kohärenztheorie der Wahrheit
3.4 Summa Summarum

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Um den Einstieg in die theoretische Abhandlung dieser Arbeit zu finden, möchte ich zunächst ein Zitat des deutschen Autors Wolfgang Borchert anbringen, der in seiner Erzählung „Draußen vor der Tür“ folgendes niederschreibt: „Mit der Wahrheit ist es wie mit einer stadtbekannten Hure. Jeder kennt sie, aber es ist peinlich, wenn man ihr auf der Straße begegnet.“ (Borchert, 1956, S.33)

Bei einem ersten Blick auf dieses Zitat, wird man sich ein Lächeln kaum verkneifen können, doch beim nochmaligen Lesen sieht man dann spätestens, dass es darin nicht um jemanden geht, der in der ganzen Stadt bekannt ist, sondern um ein Gebilde mit dem Namen „Wahrheit“. Wenn man diese einmal bildhaft darstellen will, kann man sie mit einem Bahnhof vergleichen. Dabei ist dieser Bahnhof aber keine normale Haltestelle, sondern vielmehr eine Endstelle. Man kann zu ihr hinfahren, aber nur in entgegen gesetzter Richtung auch wieder weg fahren und sie nicht als Zwischenstation auf der Weiterreise nutzen.

Im Folgenden werde ich untersuchen, inwieweit man von Wahrheit spricht, wenn man über die Wahrheit spricht. Es gilt also herauszufinden, wie viel Wahres in der Wahrheit steckt, zu prüfen, woraus diese entsteht und warum es oft unangenehm ist sie zu kennen.

Dazu werde ich zunächst allgemein aufzeigen, worum es sich bei der Wahrheit handelt, um anschließend im Schwerpunkt auf wissenschaftliche Theorien eingehen zu können. Diese Arbeit soll keine komplette Darlegung wissenschaftlicher Wahrheitstheorien sein, sondern sich mit den Hauptthemen beschäftigen, die grundlegend für dieses Feld der Wissenschaft sind.

2. Zwischen Wahrheit und Unwahrheit

2.1 Was ist Wahrheit? Was ist Unwahrheit?

Es gibt viele verschiedene Charaktere, doch lügen tut jeder und das auch noch sehr oft am Tag. Häufig lügen wir ohne es zu wissen, weil es vielleicht schon zur Gewohnheit geworden ist. In manchen Momenten kann man gar nicht anders: man will Unannehmlichkeiten aus dem Weg gehen oder sich durch Vortäuschen falscher Tatsachen größer machen als man ist. Und doch würde jeder von uns behaupten, dass er ein ehrlicher Mensch ist. Paradox ohnegleichen, denn der Mensch will die Wahrheit wissen, er will sie kennen und verschlingen und ist dennoch oft nicht in der Lage selbst die Wahrheit zu sagen.

In der Natur tendiert alles zu einem Zustand, der für ihn am angenehmsten ist und der am wenigsten Energie verbraucht. Dieser Zustand ist derjenige, in dem keinerlei Ordnung herrscht, denn Ordnung braucht Energie, um bestehen zu können. Ein Beispiel dafür kommt aus der Chemie: Wasser gefriert bei 0°C und siedet bei 100°C. Wenn man dabei die Energien vergleicht, findet man heraus, dass beim Gefrieren sehr viel Energie gebraucht wird, um die vielen, kleinen Wassermoleküle in einer Gesamtheit zusammenzuhalten. Diesen Zustand nennt man „Eis“. Schauen wir uns dahingehend einmal das andere Extrem an. Wenn man Wasser siedet, dann entsteht Wasserdampf. Dabei sind die Moleküle frei und können fast ungehindert ihren Weg „gehen“. Es gibt in diesem Fall keine Gesamtheit, die die einzelnen Teilchen zusammenhält, das heißt es gibt keine Energie, welche dafür sorgen würde, dass die Wassermoleküle starr an einem Ort bleiben, obgleich sehr viel Energie frei wird, was jeder, der schon einmal einen heißen Topf ohne Topfhandschuhe angefasst hat, nachvollziehen kann.

Diese beiden Zustände sind jeder für sich ein System. Eis ist dabei ein sehr geschlossenes System, in das andere Teilchen nur schwer eindringen können. Der Wasserdampf dagegen scheint viel offener zu sein, was ermöglicht, dass auch andere Teilchen in dieses „System“ aufgenommen werden können. Wir halten also fest: der Zustand der Ordnung ist ein geschlossenes System; der der Unordnung eher ein offenes System.

Kehren wir nun zum Menschen zurück. Wie die Natur zur Unordnung strebt, so neigt auch der Mensch als Teil der Natur dazu, sich und seine Umgebung unordentlich zu gestalten. Ob es nun die natürliche Verfettung seines Körpers ist oder aber der nicht aufgeräumte Schreibtisch, er wählt stets den für ihn angenehmsten Zustand. Und dieser hat für ihn selten etwas mit Wahrheit zu tun.

„Wahrheit“ ist demzufolge ein System der Ordnung mit viel Energie, meist positiver, und einem hohen gesellschaftlichen „Status quo“. „Lüge“ ist dagegen ein System der Unordnung, für das sehr wenig Energie gebraucht wird, dabei aber einiges an Energie frei wird. Ein Lügner vegetiert geradezu vor sich hin, ohne dabei auch nur einen Hauch an Energie für seine Umwelt und seine ihn umgebende Gesellschaft zu verschwenden. Martin Luther sagte einmal: „Eine Lüge ist wie ein Schneeball; je länger man ihn wälzt, je größer wird er.“(www.zita.de) Die Energie, die eine Lüge abgibt, erzeugt neue Lügen um schlussendlich in einem Wirrwarr von Un- und Halbwahrheiten zu enden.

Begeben wir uns auf den Pfad der Wahrheit, wird dieser mit ansteigendem Weg immer schmaler. Jeder glaubt zu wissen, was wahr und was unwahr, was richtig und was falsch, was gut und was schlecht ist. Doch steckt darin ein gehöriges Maß an Subjektivität, Selbstdarstellung und Hochmut. Kann man also überhaupt sagen was „Wahrheit“ bedeutet, oder steckt dahinter ein Begriff, der undefinierbar scheint? Philosophen aller Epochen haben sich mit dem Wahrheitsbegriff beschäftigt und entwickelten eine Vielzahl von Theorien, welche versuchen den Wahrheitsbegriff zu erklären. Der folgende Abschnitt soll deutlich machen, welche Bedeutung diesen Denkweisen zuzuschreiben ist und wie sich der Begriff „Theorie“ zu anderen Wissenschaften verhält.

2.2 Bedeutung einer „Theorie der Wahrheit“

Bevor man sich dem Erforschen und Deuten der Wahrheit hingeben kann, muss doch zunächst einmal geklärt werden, was man unter eine Theorie versteht, welche die Wahrheit erklären soll.

Im Allgemeinen bezeichnet eine Theorie das systematische Beobachten und Erklären der Realität. Durch diese verschafft sich die Wissenschaft Erkenntnisse, die als Instrumente zur Ordnung und Bewältigung des Alltags eingesetzt werden können. Genauer bezeichnet man mit einer Theorie ein wissenschaftliches Aussagensystem, das in der Lage ist, ein Eintreten von Ereignissen vorauszusagen. (vgl. Schubert; Klein, 2006, S.479)

Studiert man die wissenschaftlichen Werke vieler Philosophen, die sich auf die Suche nach der Wahrheit begeben haben, erkennt man schnell, welches Ausmaß der Begriff „Theorie“ in diesem Kontext hat. Es gibt zum Beispiel eine Korrespondenztheorie, eine Kohärenztheorie, eine semantische Theorie nach Tarski, sprachanalytische Theorien und Intersubjektivitätstheorien, wobei es sich hierbei auch teilweise nur um

Überbegriffe für noch mehr andersbezeichnete Theorien handelt.

Es wird klar, dass es sich - ausgehend von jedem einzelnen Philosophen - vielmehr um Auffassungen, Sichtweisen, Konzeptionen oder auch Verständnisse handeln muss. Dabei bauen diese teilweise aufeinander auf, kritisieren sich gegenseitig und widerlegen andere Wahrheitstheorien. Warum aber nun „Theorie“ ? Je öfter der Theoriebegriff verwendet wird, desto unklarer und verschwommener wird dieser. Der Begriff „Theorie“ spielt nach L. Bruno Puntel die Rolle, dass damit vor allem die neuere Philosophie versucht hat und immer noch versucht, dem Wahrheitsbegriff eine gewisse Wissenschaftlichkeit zu verleihen. (vgl. Puntel, 1978, S.2 f.) Es wird also versucht die Wissenschaftlichkeit der Philosophie hervorzuheben, um diese mit anderen Wissenschaften gleichzustellen.

Auf der anderen Seite gibt es allerdings auch Philosophen, die streng davon absehen ihre Auffassung der Wahrheit mit dem Begriff „Theorie“ zu paaren. So zum Beispiel Husserl oder Heidegger, die lediglich von Wahrheitsbegriffen reden, ohne dabei unwissenschaftlicher zu wirken. Mann kann also sagen, dass sich die „veritas investigatio“ grundsätzlich mit der Wissenschaft identifiziert, aber nur schwer mit anderen Wissenschaften vergleichen lässt.

Gehen wir in den folgenden Ausführungen nun einmal von einer Theorie der Wahrheit aus, so stellt sich die Frage: „Was ist für eine Theorie ausschlaggebend, dass man diesen Begriff überhaupt verwendet?“.

Grundgerüst einer Theorie ist immer etwas, was diese untersucht, ein sog. Explikandum. Dies ist der Gegenstand, nach dem sich der Philosoph auf die Suche begibt. Andere Begriffe dafür sind auch das „Zuerklärende“, das „Zudeutende“ und auch das „Zubegreifende“. Puntel unterscheidet im Sinne der Wahrheitstheorie vier große Explikandi: zunächst die Bedeutung der Wahrheit, weitergehend das Kriterium der Wahrheit, als drittes die Bedingungen der Wahrheit und zuletzt die Relevanz der Wahrheit. (vgl. Puntel, 1978, S.4) Anders formuliert: man stellt sich die Wahrheit als ein Wesen vor und versucht nun diesem „Gebilde“ Eigenschaften zuzuschreiben, um ihm schlussendlich eine Definition zu verpassen.

Es zeigt sich also, dass man eine Theorie in der Philosophie keinesfalls mit einer Relativitätstheorie nach Einstein gleichsetzen kann. Der Grund dafür liegt ganz einfach in der Beweisführung. Natürlich kann auch ein Philosoph Dinge, Zustände oder Verhalten belegen und widerlegen, doch fehlt ihm ein wichtiger Aspekt: der Mensch hat sich im Laufe seiner Entwicklung zunehmend an Zahlen orientiert. Die Physik fühlt sich mit Zahlen sehr vertraut. Der Philosoph erklärt dagegen seine Theorien lieber mit Gleichungen und Buchstaben. Wo liegt nun aber der gravierende Unterschied? Ich glaube dieser Unterschied besteht, weil der Mensch weiß „1+1=2“. Da gibt es kein anderes Ergebnis, keine andere Theorie, deshalb ist diese Aussage zumindest mathematisch gesehen war. Wenn der Philosoph nun sagt, dass Wahrheit die Übereinstimmung von Aussage und Realität ist, gibt es Zweifler, die die Wahrheit anders interpretieren, anders über sie philosophieren. Es gibt demzufolge in der Philosophie keine hundertprozentige Sicherheit für eine wahre Theorie. Dennoch ist es von entscheidender Bedeutung die Idee hinter der „Wahrheit“, möge sie existieren oder nicht, zu erforschen, denn der denkende Mensch, wird getrieben seine Erkenntnis auf einen Punkt des absoluten Wissens zu erhöhen, um sich und seine Umgebung verstehen und verbessern zu können. (vgl. Göhlich; Zirfas, 2007, Stuttgart)

Wenn wir uns auf das Spielbrett der Geschichte begeben, drei Würfel in die Hand nehmen und diese werfen, so bescheren sie uns die Zahlen drei, sechs und noch eine sechs, oder besser 366 vor Christus. Ein Jahr, das für die Entwicklung der Philosophie ein ganz entscheidendes war. In diesem Jahr wurde der junge Aristoteles Schüler des bereits zu diesen Zeiten großen Denkers Platon. Und damit begann auch die Entwicklung verschiedener Vorstellungen von der Wahrheit.

Setzen wir also unsere Spielfigur nach vorn und werfen einen Blick in die Anfänge der Suche nach der Wahrheit.

3. Die wissenschaftliche Frage nach der Wahrheit

3.1 Platon und Aristoteles: Anfänge der Suche nach der Wahrheit

Das wohl bedeutendste Werk Platons ist seine Ideenlehre und das damit verbundene “Höhlengleichnis“. Eine Unterhaltung zwischen Sokrates und Glaukon, in der es darum geht, wie der Mensch als Gefangener in seiner eigenen Welt zur Erkenntnis gelangt.

Platon glaubt, dass alle Dinge, die wir sehen und die wir benutzen können lediglich Schatten oder Abbilder von anderen Dingen sind, die wir aber nicht sehen können, sondern an die sich nur unser Geist erinnert. Die Vorraussetzung dafür sieht er im bereits Vorhandensein dieser Erinnerungen bzw. Ideen in der menschlichen Seele. Durch Aufnahme der Abbilder vergleicht unser Geist diese mit den abgespeicherten Ideen.

Zwischen Wahrheit und Unwahrheit gibt es bei Platon eine Unterteilung in zwei Welten: die Welt des Unverborgenen und die Welt des Verborgenen. Der Mensch versucht stets die Welt des Unverborgenen zu erreichen, wogegen er die Welt des Verborgenen meidet. Im „Höhlengleichnis“ befindet er sich im Verborgenen. Er selbst glaubt jedoch, er wäre im Unverborgenen und alles, was er sieht und wahrnimmt wäre das „Wahre“. Er erkennt nicht, dass das, was er sieht, nur Trugbilder sind, weil er in seinem ganzen Leben nur diese Trugbilder zu Gesicht bekommen hatte. Nur durch seine Vernunft gelangt er schließlich in die richtige Welt des Unverborgenen, die ihn erkennen lässt, dass alles, was er bisher kannte nicht die reale Welt der Originale war. Platon glaubt also, dass Wahrheit die Übereinstimmung von Original und Idee ist, nicht aber Original und Abbild. (vgl. Heidegger; Mörchen, 1988, S.21-79)

Zwar war Aristoteles der Schüler Platons, doch konnte er sich mit dessen Ausdeutungen der Wahrheit nicht zufrieden geben und entwickelte seine eigene Logik von der Wahrheit.

Wenn wir also bei Platon von Idee und Original sprechen, handelt es sich bei Aristoteles in der gleichen Reihenfolge gesprochen um die Begriffe Form und Stoff. Der Stoff bildet die Form, und die Form entsteht aus dem Stoff. Doch war das für ihn noch nicht ausreichend. Aristoteles entdeckte, dass alles, was geschieht eine Ursache, eine bewegende Kraft besitzt, die teilweise durch äußere Faktoren entsteht, teilweise aber auch der Form selbst bereits innewohnt. Die Form - noch unscheinbar und nicht vorhersagbar - versucht aus dem Stoff zu brechen, um so die Bewegung in Gang zu bringen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Von der Unwahrheit der Wahrheit
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Veranstaltung
Grundbegriffe und Handlungsfelder der Erziehungswissenschaft: Lehren, Lernen und Beratung
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
14
Katalognummer
V144840
ISBN (eBook)
9783640538188
ISBN (Buch)
9783640538263
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wahrheit, Platon, Tarski, Puntel, Unwahrheit, Korrespondenztheorie, Kohärenztheorie, Aristoteles
Arbeit zitieren
Michel Beger (Autor:in), 2008, Von der Unwahrheit der Wahrheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144840

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