Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, welche Sprachwahrnehmungen Informatiker:innen von Programmiersprachen haben. Nehmen sie diese überhaupt als Sprache in ihrem Repertoire wahr? Welche Unterschiede sehen Informatiker:innen zwischen natürlichen Sprachen und Programmiersprachen? Was hilft beim Sich-Aneignen einer Programmiersprache und inwiefern kann man dies mit dem Erlernen einer natürlichen Sprache vergleichen? Diese und weitere Fragen sollen im Zentrum stehen.
Im Forschungsfeld der Sprachwahrnehmungen gibt es eine große Menge an Forschung zu natürlichen Sprachen. Prestige und Wahrnehmungen zu Deutsch, Englisch, Arabisch etc. sowie Dialekte einzelner Sprachen wurden und werden im Feld der Soziolinguistik erforscht und in verschiedenen Formaten publiziert. Ein prominentes Beispiel dafür ist das Buch "Mehrsprachigkeit" von Brigitta Busch, in der das Sprachenporträt von heteroglossia.net im Kontext der qualitativen Forschung verwendet wird. Auch diese Bachelorarbeit verwendet das Sprachenporträt.
Im Zuge dieser Arbeit wird zuerst die Methode beschrieben. Nach der Beschreibung der theoretischen Grundlagen und einem Blick in bereits bestehende Forschung folgt eine Analyse der durchgeführten Interviews. Nach einer Reflexion werden die Ergebnisse in einem Fazit zusammengefasst und es wird versucht einen Ausblick auf mögliche weitere Forschung, wie zum
Beispiel quantitative Befragungen und interdisziplinare Forschung zu geben.
Inhaltsverzeichnis
Einführung und Motivation für das Thema
1. Methode
2. Theoretische Grundlagen
2.1. Sprachenporträt und qualitative Forschung
2.2. Kategorien nach Kuckartz und Rädiker
2.3. Programmiersprachen und deren Eigenschaften
2.3.1. Grundlegende Definitionen
3. Forschungsstand
3.1. Lewis, 2014, Chen, 2018
3.2. Chakraborty, 2021 & Reboucas, 2016
3.3. Meyerovich, 2013 & Oladipo, 2016
3.4. Favre, 2011
3.5. Naz, 2015
3.6. Brusilovsky, 1997, Feldgen, 2004 & Eckerdal, 2005
4. Probeinterview & Erkenntnisse
5. Die Gewährspersonen
6. Analyse der Sprachenporträts und Interviews
6.1. Die Sprachenporträts
6.2. Allgemeine Aussagen zu PS
6.2.1. Syntax, Semantik, Pragmatik
6.3. Wahrnehmung von PS als Sprache
6.3.1. Präferenzen von PS
6.4. Das Erlernen der PS & Motivationen zum Erlernen
6.4.1. PS und Mathematik & Prozedurales Denken
6.4.2. Frauen beim Erlernen von PS & Frauen in der Technik
6.5. Berufsfeld Informatiker:In
6.5.1. Dialekte bei PS
6.5.2. Arbeit mit PS und mit Kolleg:Innen
6.6. PS im privaten Sektor
6.7. Natürliche Sprachen
7. Reflexion
8. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das subjektive Sprachempfinden von Informatiker:Innen hinsichtlich ihrer Wahrnehmung von Programmiersprachen. Ziel ist es zu ergründen, ob diese als genuine Sprachen innerhalb des Repertoires wahrgenommen werden und welche Einflüsse Ausbildung, Berufsfeld und Vorerfahrungen auf diesen Prozess haben.
- Wahrnehmung von Programmiersprachen als Kommunikationsmittel oder Sprache.
- Einfluss von prozeduralem Denken und mathematischen Vorkenntnissen.
- Rolle von Gender und dem Berufsfeld Informatik im Lernprozess.
- Bedeutung von Community-Support und Hilfestellungen bei der Sprachpräferenz.
- Vergleich zwischen natürlichen Sprachen und Programmiersprachen im Berufs- und Privatalltag.
Auszug aus dem Buch
6.3. Wahrnehmung von PS als Sprache
GWP1 nimmt Programmiersprachen als Sprachen in ihrem Repertoire wahr und ordnet sie den Händen zu, weil „eine Programmiersprache sprichst du ja quasi nicht“ (Transkript GWP1, Zeile 77.). GWP2 hat Programmiersprachen nicht mit ins Sprachenrepertoire aufgenommen, während des Interviews erklärt sie, dass sie Kommunikation mit dem Computer ähnlich wie mit Menschen sieht.
„Aber ich hätte Programmieren da jetzt nie so wirklich gesehen, als wie: ich rede mit dem Computer, also ich rede schon auch manchmal mit dem Computer, weil ich ihn beschimpfe, weil er nicht macht was ich will oder sowas, oder mich wundere was er gerade macht. Aber ja, gerade das Programmieren habe ich jetzt nicht wirklich als Kommunikation gesehen. Also wenn ich mit dem Computer kommuniziere, mache ich es genauso mit, keine Ahnung, ich haue drauf, ich schrei ihn an (lacht).“ (Transkript GWP2, Zeile 22f)
Sprache und Kommunikation wird hier eher als tatsächliches Sprechen und Körperkontakt gesehen, selbst wenn es um die Maschine geht. Bei der Nachfrage, inwieweit Programmiersprachen nicht eigentlich Kommunikation mit dem Computer ermöglichen, erklärt GWP2, dass der Computer nur das ausführt, was GWP2 ihm in Form eines Programms gebaut hat, sollte etwas schief dabei gehen, benennt sie sich selbst als Fehlerquelle und nicht den Computer (Vgl. Transkript GWP2, Zeile 6771.). Die Maschine wird von GWP2 also nicht als kommunizierende Entität gesehen, von GWP1 jedoch schon.
Zusammenfassung der Kapitel
Einführung und Motivation für das Thema: Darstellung der Forschungslücke im Bereich der soziolinguistischen Wahrnehmung von Programmiersprachen und Zielsetzung der Bachelorarbeit.
1. Methode: Beschreibung des qualitativen Vorgehens mittels Sprachenporträts nach Brigitta Busch und anschließender geführter Interviews mit drei Informatiker:Innen.
2. Theoretische Grundlagen: Definition soziolinguistischer Begriffe wie Sprachrepertoire und qualitative Forschung im Kontext von Programmiersprachen.
3. Forschungsstand: Überblick über existierende Studien zu Programmiersprachen, kognitiven Lernstilen und dem Einfluss von sozialen Faktoren in der Informatik.
4. Probeinterview & Erkenntnisse: Analyse des Testinterviews hinsichtlich der Verständlichkeit der Aufgabenstellung und Anpassung des Interview-Leitfadens.
5. Die Gewährspersonen: Kurze Vorstellung der zwei zentralen Informatiker:Innen und deren akademischen sowie beruflichen Hintergrunds.
6. Analyse der Sprachenporträts und Interviews: Ausführliche Auswertung der Daten zu Wahrnehmung, Lernprozessen, Geschlechterrollen und Berufsalltag.
7. Reflexion: Kritische Auseinandersetzung mit der gewählten Methodik und dem Verlauf der Datenerhebung.
8. Fazit und Ausblick: Zusammenfassung der Ergebnisse hinsichtlich des prozeduralen Denkens und der Rolle von Software-Sprachen sowie Vorschläge für weitere Forschung.
Schlüsselwörter
Sprachenporträt, Informatiker:Innen, Programmiersprachen, qualitative Sozialforschung, Soziolinguistik, prozedurales Denken, Sprachwahrnehmung, Syntax, Pragmatik, Frauen in der Technik, Community-Support, Berufsfeld, Sprachenrepertoire, Kommunikation, Sprachaneignung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es bei dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht aus soziolinguistischer Sicht, wie Menschen, die im IT-Bereich tätig sind, Programmiersprachen kognitiv einordnen und ob sie diese als Sprachen im klassischen Sinne wahrnehmen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Felder sind die Wahrnehmung von Programmiersprachen, die Bedeutung von prozeduralem Denken, die Rolle der Community (z.B. Stack Overflow) sowie der Einfluss des Geschlechts auf den Zugang zur Technik.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Hauptfrage lautet: Inwiefern nehmen Menschen aus dem IT-Bereich Computer-Code als Sprache wahr?
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wurde ein qualitatives Forschungsdesign gewählt, das auf der Methode des "Sprachenporträts" nach Brigitta Busch basiert, ergänzt durch leitfadengestützte Interviews und eine anschließende qualitative Inhaltsanalyse.
Welche wesentlichen Erkenntnisse werden im Hauptteil diskutiert?
Der Hauptteil befasst sich mit der Differenzierung von Syntax, Semantik und Pragmatik bei Code, der Bedeutung des "prozeduralen Denkens" als Lernvoraussetzung sowie den Unterschieden in der professionellen Kommunikation.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit beschreiben?
Wichtige Begriffe sind Sprachenporträt, Software-Linguistik, prozedurales Denken, IT-Berufsfeld und soziolinguistische Wahrnehmung.
Warum spielt das „prozedurale Denken“ eine so große Rolle in den Interviews?
Beide interviewten Personen identifizierten eine spezifische Art des logischen, schrittweisen Vorgehens als essenziell, um Programmiersprachen zu meistern, wobei dies als erlernbare kognitive Kompetenz des Informatik-Berufs beschrieben wird.
Wie unterscheiden sich die Sichtweisen der Gewährspersonen auf „Kommunikation“ mit der Maschine?
Während eine Person den Computer als direktes Gegenüber mit kommunikationsähnlichen Zügen beschreibt, sieht die zweite Person den Computer primär als Werkzeug, bei dem Fehler zu 100% beim Anwender liegen, nicht bei der Maschine.
- Arbeit zitieren
- Iris Vondraschek (Autor:in), 2023, Sprachempfinden bei Informatiker:innen. Inwiefern nehmen Menschen aus dem IT-Bereich Computer-Code als Sprache war?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1449412