Die Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung bestand noch in jüngster Vergangenheit oftmals aus langwierigen und immer wiederkehrenden Klinikaufenthalten. Nicht zuletzt aufgrund des zunehmenden Kostendrucks im Gesundheitswesen hat die „Zauberberg“- Atmosphäre jedoch mittlerweile ein Ende gefunden und die „Drehtür“ bleibt, zumindest für Kassenpatienten, vielfach verschlossen. Im Zuge zunehmender Patientenautonomie und Eigenverantwortlichkeit setzen sich Therapieformen durch, die nicht mehr auf paternalistische „Bevormundung“ des Patienten, sondern auf den Aufbau eines tragfähigen Arbeitsbündnisses zwischen Therapeut und Patient abstellen. Dies gilt auch und gerade für Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Therapie bedeutet somit gemeinsames Arbeiten an Problemlösungen, für deren Erfolg stets beide Seiten verantwortlich zeichnen. Im Vordergrund steht die selbstständige Lebensführung und -gestaltung des Patienten. Dazu gehört auch die Fähigkeit, den eigenen Lebensunterhalt ohne fremde Hilfe zu bestreiten. Von daher stellt sich die Frage, ob bzw. inwieweit in der Therapie von Borderline-Patienten das Therapieziel der (Wieder-) Herstellung der Erwerbsfähigkeit verfolgt werden sollte. Die Mehrzahl dieser Patienten sind Frauen zwischen 20 und 30 Jahren, denen bei Nichterreichung finanzieller Unabhängigkeit nur noch ein Leben am staatlichen „Tropf“ oder die Flucht in traditionelle Rolle der ökonomisch abhängigen Hausfrau bleibt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Borderline-Störung
2.1 Definition und Symptomatik
2.2 Entwicklung der Borderline-Störung - historischer Abriss
2.3 Epidemiologie
2.4 Differenzialdiagnostik und Komorbidität
2.5 Zusammenfassung
3. Modelle der Borderline-Persönlichkeitsstörung
3.1 Psychodynamisches Modell (Kernberg )
3.2 Kognitives Modell (Beck und Freeman)
3.3 Dialektisch-behaviorales Modell (Linehan)
3.4 Neurobehaviorales Modell (Bohus)
3.5 Zusammenfassung
4. Therapeutische Verfahren
4.1 Psychodynamische Verfahren
4.2 Kognitive Verhaltenstherapie
4.3 Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT)
4.4 Wirksamkeitsnachweis
4.5 Zusammenfassung
5. Das Kriterium der Erwerbsfähigkeit – eine Plausibilitätsanalyse
5.1 Symptomreduktion
5.2 Arbeitsbündnis Patient-Therapeut
5. 3 Therapie als Arbeit: Beispiel stationäres DBT-Setting
5.4 Therapieziel: Erhalt bzw. (Wieder-) Herstellung der Erwerbsfähigkeit
6. Zusammenfassung und Stellungnahme
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob und inwieweit die (Wieder-)Herstellung der Erwerbsfähigkeit ein sinnvolles und erstrebenswertes Therapieziel bei der Behandlung von Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörung darstellt, um deren langfristige Stabilität und gesellschaftliche Teilhabe zu fördern.
- Analyse der Symptomatik und theoretischen Modelle der Borderline-Persönlichkeitsstörung
- Vergleich bewährter therapeutischer Verfahren (TFT und DBT) hinsichtlich ihrer Wirksamkeit
- Diskussion der Bedeutung von Erwerbsarbeit für die psychische Gesundheit und Selbstachtung
- Integration des Therapieziels „Erwerbsfähigkeit“ in bestehende klinische Ansätze
Auszug aus dem Buch
5. Das Kriterium der Erwerbsfähigkeit – eine Plausibilitätsanalyse
Dass der Mensch nicht nur zum Broterwerb zur Arbeit geht, ist hinlänglich bekannt. Zahlreiche Studien über das Seelenleben von (Langzeit)Arbeitslosen belegen, dass der Verlust des Arbeitsplatzes ein Loch in das Leben der betroffenen reißt, das mit finanzieller Unterstützung allein nicht gestopft werden kann. Menschen ohne Arbeit leiden vermehrt an Sinn- und Hoffnungslosigkeit, an Depressionen und Minderwertigkeitsgefühlen und fühlen sich oft nutzlos, überflüssig und einsam. Studien aus Norwegen, Schweden und Italien belegen einen direkten Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und negativer Beeinträchtigung der Gesundheit: Arbeitslose leiden demzufolge auffallend häufig an Schlaflosigkeit, Apathie, Depressionen, Magen- und Darmbeschwerden, Kopfschmerzen und Appetitverlust (vgl.: Ytterdal 1999: 38-39; Starin/Jönsson, 1998: 91-108; Borghi, 1999: 31-34).
Auch deutsche Studien weisen nach, dass Arbeitslosigkeit zu gesundheitlichen Schäden führt: „Aus Ergebnissen der Arbeitslosenforschung lässt sich entnehmen, dass der Verlust des Arbeitsplatzes folgende sofortige wie auch langfristige, d.h. zu chronischen Erkrankungen führende Effekte auf die körperliche und psychische Gesundheit ausübt:
- Veränderung des Blutdrucks und des Körpergewichts, Störungen des vegetativen Nervensystems, Schwächung des Immunsystems
- Erhöhung des Zigaretten-, Alkohol- und Tablettenkonsums
- Zunahme psychosomatischer Erkrankungen (...)
- Zunahme von Suiziden und Suizidgefährdungen (gegenüber Beschäftigten weisen Arbeitslose eine bis zu zwanzigfache Rate von Selbstmorden und Selbstmordversuchen auf)“ (vgl.: Wolski-Prenger/Rothardt, 1996: 95; sowie weiter dazu: Kruse/Schmidt, 2001).
Im Umkehrschluss lässt sich feststellen, dass die Teilhabe am Berufsleben die subjektive Zufriedenheit und das Selbstwertgefühl erhöhen und den Menschen das Gefühl vermittelt, dass sie gebraucht werden, leistungsfähig sind und einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen. Zudem bringen die meisten beruflichen Tätigkeiten Sozialkontakte, Kommunikation und Auseinandersetzung mit anderen Menschen mit sich und entsprechen damit einem unserer „Grundbedürfnisse“, denn der Mensch ist ein soziales Wesen. „Arbeit ist ein Zentralbegriff des Menschseins, so wie Freiheit oder Tod oder Liebe“. (Schwarz, Gerhard, in: Fuchs/Susman, 1999).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit beleuchtet die Notwendigkeit, Borderline-Patienten durch die Therapie zu Eigenständigkeit statt zu Abhängigkeit zu führen und diskutiert die Erwerbsfähigkeit als Therapieziel.
2. Borderline-Störung: Definition, Symptomatik, historische Entwicklung, Epidemiologie sowie Differenzialdiagnostik und Komorbidität der Störung werden ausführlich dargestellt.
3. Modelle der Borderline-Persönlichkeitsstörung: Vorstellung bedeutender Erklärungsansätze wie dem psychodynamischen, kognitiven, dialektisch-behavioralen und neurobehavioralen Modell.
4. Therapeutische Verfahren: Analyse und Wirksamkeitsvergleich der angewandten psychodynamischen und verhaltenstherapeutischen Verfahren, insbesondere der TFT und der DBT.
5. Das Kriterium der Erwerbsfähigkeit – eine Plausibilitätsanalyse: Untersuchung der positiven Auswirkungen von Arbeit auf die psychische Gesundheit und Erörterung, wie dieses Therapieziel in die Behandlung integriert werden kann.
6. Zusammenfassung und Stellungnahme: Fazit über die Eignung der gängigen Therapien zur Erreichung der Erwerbsfähigkeit und Ausblick auf weiteren Forschungsbedarf.
Schlüsselwörter
Borderline-Persönlichkeitsstörung, Psychotherapie, Erwerbsfähigkeit, DBT, TFT, Arbeitsbündnis, Symptomreduktion, psychische Gesundheit, Arbeitsmarkt, Rehabilitation, Eigenständigkeit, Resilienz, Verhaltensanalyse, Arbeitslosigkeit, Integration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Abschlussarbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Therapie von Borderline-Patienten und der kritischen Prüfung, ob die Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit als zentrales Therapieziel gefördert werden sollte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die Schwerpunkte liegen auf der Diagnostik und den theoretischen Modellen der Borderline-Störung, dem Vergleich klinischer Therapieansätze sowie der Bedeutung von Arbeit für die psychosoziale Stabilität der Betroffenen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist aufzuzeigen, dass eine therapeutische Ausrichtung auf Eigenständigkeit und Erwerbsfähigkeit die Stabilität der Patienten nachhaltig fördern kann und dies in die klinische Behandlung integrierbar ist.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine fundierte Literaturrecherche und die Analyse klinischer Studien, um theoretische Erklärungsmodelle und die Wirksamkeit therapeutischer Verfahren (TFT und DBT) gegenüberzustellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition und Ursachenforschung der Störung, die Vorstellung wissenschaftlich anerkannter Therapiemodelle sowie eine Plausibilitätsanalyse zum Thema Arbeitsfähigkeit.
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit am besten?
Borderline-Persönlichkeitsstörung, Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT), Psychodynamik, Erwerbsfähigkeit, Arbeitsbündnis und psychosoziale Rehabilitation.
Warum ist die Erwerbsfähigkeit gerade bei Borderline-Patienten ein wichtiges Thema?
Da viele Betroffene in einer Lebensphase stehen, in der sie ihre berufliche Basis festigen, wirkt eine lange Ausgrenzung destruktiv; die Teilhabe am Arbeitsleben hingegen kann als stabilisierender Faktor gegen erneute Klinikaufenthalte dienen.
Welche Rolle spielt die DBT bei der beruflichen Wiedereingliederung?
Die Autorin hebt hervor, dass der strukturierte Tagesablauf und die Förderung von Eigeninitiative innerhalb der DBT-Module besonders geeignet sind, die für den Arbeitsalltag notwendige Selbstdisziplin und Stabilität aufzubauen.
- Quote paper
- Heike Ulatowski (Author), 2006, Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung unter dem Aspekt der (Wieder-) Herstellung der Erwerbsfähigkeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144941