Sprachliche Bereicherungen oder Sprachdummheiten?

Sprachwissenschaft vs. publizistische Sprachkritik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
17 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Der Streit um die deutsche Sprache
1.2 Geschichte der publizistischen Sprachkritik

2. Hauptteil
2.1 Vom Zauber der „Sprachretter“ – Bastian Sick und Co
2.2 „Unwörter“ und „Denglisch“ – Öffentlich-kollektive Sprachkritik
2.3 Sprachwissenschaftliche Antworten

3. Schlussbemerkungen

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Der Streit um die deutsche Sprache

In den Medien tauchen regelmäßig Äußerungen über die Qualität der deutschen Sprache auf. „Rettet den Dativ!“ oder „Bewahrt den Konjunktiv!“ sind dabei häufige Schlagwörter.[1] In zahlreichen Internet-Foren wird über die grammatische oder semantische Richtigkeit von Formulierungen diskutiert und „sprachpflegerische“ Bücher wie „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ von Bastian Sick erscheinen auf Bestsellerlisten.[2] Der Titel aus dem Jahr 2004 war so erfolgreich, dass 2006 schon die 3. Folge des „Wegweisers durch den Irrgarten der deutschen Sprache“ erschien.[3] Nicht nur Bastian Sick feiert mit seiner publizistischen Sprachkritik große Erfolge, auch andere Autoren, wie z.B. Eike Christian Hirsch, liefern ihren Lesern Antworten auf die Frage, was „gutes“ Deutsch ist oder welche Ausdrücke man lieber vermeiden sollte. Der deutsche Linguist Horst Sitta formuliert seine Ansicht über die Popularität von publizistischer Sprachkritik folgendermaßen:

„Ein Phantom geistert durch Deutschland, dem sagenhaften Yeti vergleichbar oder dem Ungeheuer von Loch Ness […], die Mär vom Verlust der Muttersprache, speziell bei jungen Menschen, die Mär vom Sprachverfall. Nicht die berufenen Fachleute, die Linguisten, sind es in aller Regel, die ihn wahrnehmen; selbsternannte Hüter der Sprache vielmehr, durch differenzierte Sachkenntnis nicht sonderlich belastet, bewegt hingegen (wenn man ihnen glauben darf) von brennender Sorge, werden nicht müde, ihn zu beschwören.“[4]

Doch woher kommt das große Interesse an „Sprachratgebern“? Eine These besagt, dass eine Ursache hierfür die Rechtschreibreform ist, die von einem Teil der Sprachgemeinschaft nach wie vor nicht angenommen wird und immer noch für große Verunsicherung sorgt. Eine weitere Ursache für die großen Erfolge von solchen Ratgebern könnte die Sehnsucht nach Eindeutigkeit, nach Klarheit, nach einem stets gültigen „richtig“ oder „falsch“ sein. Viele Sprecher und Schreiber des Deutschen kommen nur schlecht mit der Tatsache zurecht, dass eine natürliche Sprache nicht durchgängig logisch und frei von Sonderfällen ist.[5] Während „Sprachpfleger“ wie Bastian Sick sich eher dogmatisch dazu äußern, sehen Linguisten dieses Thema differenzierter und nehmen in den letzten Jahren auch vermehrt Stellung zu den „laienlinguistischen“ Publikationen.

Doch was ist ein sprachlicher Fehler? Und welche Kriterien liegen einer solchen „Sprachpflege“ zugrunde? Die vorliegende Arbeit soll Antworten auf diese Fragen finden und sich kritisch mit der publizistischen Sprachkritik auseinandersetzen. Dabei soll zuerst auf die lange Geschichte der publizistischen Sprachkritik eingegangen und die verschiedenen Autoren vorgestellt werden. Im Hauptteil wird auf einzelne Phänomene der „sprachlichen Fehler“ genauer eingegangen, wobei hier besonders Bastian Sicks Veröffentlichungen im Vordergrund stehen. Doch auch die öffentlich-kollektive Sprachkritik soll genauer beschrieben werden. Diese Form von Sprachkritik findet z.B. in Form von öffentlichen Diskursen und Vereinsgründungen statt, welche auch das Ziel verfolgen, die deutsche Sprache zu „pflegen“. Abschließend möchte ich auf die linguistische Sichtweise zum Thema Sprachkritik eingehen und einige Anregungen geben, wie begründete, aktuelle Sprachkritik aussehen könnte.

1.2 Geschichte der publizistischen Sprachkritik

Als publizistische Sprachkritik wird gewöhnlich jene Form der kritischen Sprachbewertung verstanden, die außerhalb des sprachwissenschaftlichen Faches und vielfach ohne den Einbezug sprachwissenschaftlicher Erkenntnisse schriftlich von Einzelnen verfasst und über Bücher bzw. Zeitungen öffentlich verbreitet wird.[6] Viele der Bücher sind Sammlungen von Sprachglossen aus Zeitungen, z.B. Gustav Wustmanns „Sprachdummheiten“ oder die gesammelten „Zwiebelfisch-Kolumnen“ in „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“. Die Verfasser dieser Form von Sprachkritik haben beruflich viel mit Sprache zu tun: Neben Journalisten finden sich z.B. oft Deutschlehrer und Literaturwissenschaftler als Autoren.[7] Nach Thorsten Griesbach lässt sich die publizistische Sprachkritik in zwei Zweige aufteilen: Der eine orientiert sich an ästhetisch-formalen, der andere an ethisch-moralischen Kriterien.[8] Der ästhetisch-formale Zweig etablierte sich am Ende des 19. Jahrhunderts, wobei Gottfried Wilhelm Leibniz als dessen Vorreiter gelten kann. Schon im 17. Jahrhundert erwähnte er die anzustrebende „Reinigkeit der Sprache“ durch die Vermeidung von unanständigen, vulgären und unverständlichen Wörtern.[9] Der Begriff „Sprachreinigung“ etablierte sich zu dieser Zeit als Vorgängerwort von Sprachkritik. 1796/97 wendete sich Johann Friedrich Henatz mit seinem zweibändigen „Versuch eines deutschen Antibarbarus“ gegen Fehler in der deutschen Sprache, die seine Zeitgenossen begingen. Seine Darstellungen waren in einem verhöhnenden Stil geschrieben, der typisch wurde für die darauf folgenden Werke publizistischer Sprachkritik. Im Jahr 1891 erschien dann das berüchtigtste und zugleich erfolgreichste Werk publizistischer Sprachkritik: Gustav Wustmanns „Sprachdummheiten. Kleine deutsche Grammatik des Zweifelhaften, des Falschen und des Hässlichen“. Dieses Buch erreichte die 14. Auflage und wurde zuletzt 1966 von Werner Schulze herausgegeben.[10] Die Kritikpunkte und die zugrunde liegenden sprachlichen Normen all dieser Werke bauen vielfach auf denen der „Sprachreiniger“ des

17. Jahrhundert auf und finden sich darüber hinaus oftmals bis heute in dem ästhetisch-formalen Zweig der publizistischen Sprachkritik.[11]

Die Schwerpunkthemen sind immer folgende: Fragen zur sprachlichen Richtigkeit, des Stils, der Ästhetik, der Verständlichkeit und der Logik. Unflätigkeiten und Derbheiten in der Standardsprache sowie Erscheinungen des Sprachwandels werden beklagt. Vermeintlich inhaltsleere Wörter und Floskeln sind ebenso ein Ziel der Kritik wie schwer leserliche Ausdrücke, ein inflationärer Gebrauch von Wörtern und „Modewörter“.[12] Auch die Verwendung von Entlehnungen wird kritisiert und dies gilt in gleicher Weise für Wörter, die unliebsame Assoziationen wecken und für den Gebrauch von „Imponierwörtern“.[13] „Sprachbilder“, seien es metaphorische Übertragungen oder seien es Vorstellungen, die bestimmte Wortbildungen vermitteln (z.B. Jägerschnitzel) werden auch abgelehnt.[14]

Im Gegensatz zu sprachwissenschaftlichen Texten finden sich in der publizistischen Sprachkritik nur sehr selten Belege oder statistische Angaben zu den monierten sprachlichen Entwicklungen, die das Urteil der Autoren empirisch stützen könnten, und ebenso selten wird für die Erklärung bestimmter sprachlicher Grundsätze oder Regeln die entsprechende Fachliteratur genutzt.[15] Oft berufen sich die Kritiker auf das eigene „Sprachgefühl“ als wegweisende Instanz, woraus sich nicht zuletzt auch methodische und inhaltliche Inkonsequenzen erklären. Das Ziel dieses Zweigs publizistischer Sprachkritik wird vielfach als „Sprachpflege“ bezeichnet. Dieser Terminus lässt sich, aufgrund der vergleichbaren Motivation und Vorgehensweise seiner Betreiber, in vielen Fällen mit dem Begriff „Sprachkritik“ gleichsetzen.[16] An erster Stelle steht in vielen Werken die Klage vom Verfall der Sprache. Die Kritiker gehen hierbei davon aus, dass die Sprache zu einem bestimmten Zeitpunkt die optimale Ausprägung besaß, meist in der Zeit Goethes und Schillers.[17] Oft wird auch das Bild von einer Bedrohung der deutschen Sprache verbreitet, wodurch diese zu einem Organismus oder Wesen vergegenständlicht wird.[18] Neben der reinen Sprachkritik findet sich oft zugleich eine Kritik an kulturellen, politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, z.B. die Klage über den Verfall der Sitten, der PISA-Ergebnisse usw.

[...]


[1] Richard Schrodt: Warum geht die deutsche Sprache immer wieder unter? Die Problematik der Werterhaltung im Deutschen. Wien 1995, S. 15.

[2] Vgl. Jan Georg Schneider: Was ist ein sprachlicher Fehler? Anmerkungen zu populärer Sprachkritik am Beispiel der Kolumnensammlung von Bastian Sick. In: Jürgen Schiewe u. Martin Wengeler (Hg.): Aptum. Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur 2 Bremen 2005, S. 154-177. Einzusehen unter: http://www.uni-muenster.de/imperia/md/content/germanistik/lehrende/schneider_j/sprachkritik.pdf, 07.10.2009, S. 1.

[3] Bastian Sick: Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. Folge 3 – Noch mehr aus dem Irrgarten der deutschen Sprache. Köln 2006.

[4] Zit. nach Willy Sanders: Sprachkritikastereien und was der Fachler dazu sagt. Darmstadt 1992, S. 56.

[5] Vgl. Schneider (2005) sowie Markus Hundt: Bastian Sick: Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. Skript zur Ringvorlesung vom 15.01.2008, S. 10.

[6] Thorsten Griesbach: Unwort und laienlinguistische Wortkritik. Zur Erforschung des sprachkritischen Denkens in Deutschland. Aachen 2006, S. 45.

[7] Griesbach (2006), S. 45.

[8] Ebd., S. 46.

[9] Dies und das Folgende: Griesbach (2006), S. 46.

[10] Siehe http://openlibrary.org/b/OL5567625M/Sprachdummheiten, 08.10.2009.

[11] Griesbach (2006), S. 47.

[12] Ebd., S. 47.

[13] Hierzu zählt der „Verein Deutsche Sprache“ Wörter wie event, highlight, shooting star, outfit usw.

Siehe Internetseite: http://vds-ev.de/verein/index.php, 08.10.2009.

[14] Griesbach (2006), S. 47.

[15] Ebd., S. 48.

[16] Siehe Kapitel.1, S. 1 u.2.

[17] Griesbach (2006), S. 49.

[18] Anmerkung der Verfasserin: Auf diese Thematik wird noch genauer in Kapitel 2.3 eingegangen.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Sprachliche Bereicherungen oder Sprachdummheiten?
Untertitel
Sprachwissenschaft vs. publizistische Sprachkritik
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Germanistisches Seminar)
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
17
Katalognummer
V144946
ISBN (eBook)
9783640560356
ISBN (Buch)
9783640560691
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachwissenschaften, Sprachkritik, publizistische Sprachkritik, Bastian Sick, Anglizismen, Fremdwörter, Wolf Schneider, Sprachratgeber, Sprachverfall, deutsche Sprache, Sprachwandel, Dialekt
Arbeit zitieren
Julia Weltersbach (Autor), 2009, Sprachliche Bereicherungen oder Sprachdummheiten?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144946

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