Ursachen, Verlaufsformen und Heilungschancen von Borderline-Erkrankungen. Ein Handlungsfeld für die Soziale Arbeit?


Diplomarbeit, 2008

87 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärung
2.1. Definition der Borderline-Störung nach dem Fachlexikon der sozialen Arbeit
2.2. Geschichte des Begriffs
2.3. Die Diagnose der Borderline Persönlichkeitsstörung in der ICD-10
2.4. Häufigkeit der Störung in der Bevölkerung

3. Mögliche Ursachen der Borderline-Persönlichkeitsstörung
3.1. Genetische Faktoren
3.2. Unsichere und ungesunde Bindungen an Bezugspersonen
3.3. Traumatische Erlebnisse

4. Verlaufs- und Äußerungsformen
4.1. Der Verlauf der Störung
4.2. Äußerungsformen
4.2.1. Vermeidung von Verlassenwerden
4.2.2. Instabile zwischenmenschliche Beziehungen und Schwarz-Weiß-Denken
4.2.3. Instabilität des Selbstbildes und der Selbstwahrnehmung
4.2.4. Selbstschädigende Aktivitäten und Süchte
4.2.5. Suizidales Verhalten und Selbstverletzungen
4.2.6. Affektive Instabilität
4.2.7. Chronische Leere
4.2.8. Wut
4.2.9. Paranoide Vorstellungen und Dissoziation

5. Behandlungsmöglichkeiten und Heilungschancen
5.1. Verhaltenstherapie und Verhaltensanalyse
5.2. Übertragungsfokussierte psychodynamische Therapie
5.3. Traumatherapie
5.4. Kreative Elemente
5.5. Medikamentöse Behandlung
5.6. Heilungschancen
5.7. Die Recovery-Bewegung

6. Handlungsfelder der Sozialen Arbeit
6.1. Definition sozialer Arbeit
6.2. Die Versorgungseinrichtungen
6.2.1. Stationäre Versorgung
6.2.2. Tageskliniken
6.2.3. Wohn- und Rehabilitationseinrichtungen
6.2.4. Ambulante Versorgung
6.3. Tätigkeitsfelder der sozialen Arbeit
6.3.1. Krankenhaussozialarbeit
6.3.2. Vernetzung und Wiedereingliederung
6.3.3. Selbsthilfegruppen und Internetportale
6.3.4. Öffentlichkeitsarbeit
6.3.5. Angehörigenarbeit
6.4. Prävention
6.5. Grenzen der sozialen Arbeit
6.6. Sozialarbeiterische therapeutische Möglichkeiten
6.6.1. Die Wichtigkeit einer guten Therapeut-Patient-Beziehung
6.6.2. Systemische Gesprächsführung
6.6.3. Die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT)

7. Schlussbetrachtung

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Borderline-Erkrankung stellt eine Persönlichkeitsstörung dar, die sich auf vielfältige Weise äußert und sowohl für die Betroffenen als auch für ihr Umfeld eine starke Belastung bedeuten kann. Unter anderem gehören Unsicherheit bezüglich des eigenen Selbstbildes, die Spaltung der Welt in Schwarz und Weiß sowie emotionale Instabilität, die unter anderem selbstschädigendes oder suizidales Verhalten mit sich bringen kann, zu den Erscheinungsformen der Störung. Den meisten Expertenschätzungen zufolge leiden ca. 2 % der Gesamtbevölkerung unter einer Borderline-Persönlichkeitsstörung, von einer steigenden Tendenz wird ausgegangen.

Mein Interesse an diesem Thema wurde vor etwa anderthalb Jahren geweckt, als ich im Rahmen des Studiums eine Borderline-Ausstellung in Springe besuchte. Dort waren unterschiedliche Berichte von Betroffenen zu lesen, in denen diese ihre Gefühle und ihre Situation schilderten. All diese Berichte besaßen die Gemeinsamkeit, dass sie ein verzweifeltes Ankämpfen gegen die Erkrankung und eine scheinbare Ausweglosigkeit, jemals von dieser Persönlichkeitsstörung geheilt zu werden, vermittelten. Die Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, die aus den Berichten sprach, machten mich sehr betroffen. Ich fragte mich, was in der Vergangenheit der Betroffenen vorgefallen sein musste, damit eine solche Störung entsteht. Zudem interessierte mich sehr, ob die Situation der Betroffenen wirklich so ausweglos ist, wie sie in der Ausstellung vermittelt wurde, oder ob es nicht doch Chancen zur Heilung gibt.

Aus diesem Grund entschied ich mich, diesen Fragen im Rahmen meiner Diplomarbeit nachzugehen. Zunächst beschäftige ich mich daher mit der Frage, was die Auslöser für eine Borderline-Persönlichkeitsstörung sein können. Dabei interessiert mich vor allem, ob es immer traumatische Erlebnisse sind, die die Ursache einer solchen Störung bilden, oder ob noch andere Faktoren ausschlaggebend sind. Außerdem werde ich der Frage nachgehen, ob die Situation der Betroffenen wirklich hoffnungslos ist, oder ob es auch Chancen gibt, von der Erkrankung zu genesen. Mein weiteres Interesse gilt der Frage, ob die Arbeit mit Borderline-Betroffenen ein Aufgabenfeld ist, das vor allem Psychologen vorbehalten ist, oder ob es hier auch Bereiche gibt, in denen Sozialarbeiter tätig werden können.

Beginnen werde ich meine Arbeit mit einer Begriffsklärung, die sowohl die Definition des Fachlexikons der sozialen Arbeit, die Geschichte des Begriffs und die Merkmale der Störung nach der ICD-10 umfasst. Außerdem werde ich auf die Häufigkeit der Störung genauer eingehen. Anschließend setze ich mich mit möglichen Ursachen der Erkrankung auseinander. Da sowohl genetische Faktoren als auch Umweltfaktoren ausschlaggebend sind, werde ich auf all diese Gebiete eingehen. Danach befasse ich mich mit den Verlaufs- und Äußerungsformen der Erkrankung. Hierbei werden vor allem die im DSM-IV genannten Kriterien der Borderline-Persönlichkeitsstörung einen besonderen Stellenwert haben. Nach diesem Teil der Arbeit beschäftige ich mich mit den Behandlungsmöglichkeiten der Störung, wobei ich zunächst einige Therapie- und Behandlungsmethoden vorstelle und dann darauf eingehe, welche Erfolge die Behandlung von Borderline-Störungen erzielen kann. Neben einigen Zahlen aus Langzeitstudien werde ich am Beispiel der Recovery-Bewegung aufzeigen, wie wichtig das Vermitteln von Hoffnung ist.

Im weiteren Teil der Arbeit befasse ich mich damit, welchen Beitrag die Sozialarbeit in der Arbeit mit Borderline-Betroffenen leisten kann. Nach einer Definition der sozialen Arbeit und dem Vorstellen verschiedener Versorgungseinrichtungen gehe ich auf verschiedene sozialarbeiterische Tätigkeitsfelder ein. Hierzu gehören unter anderem die Krankenhaussozialarbeit, die Öffentlichkeitsarbeit und die Angehörigenarbeit. Auch die Grenzen der sozialen Arbeit werden in diesem Teil zur Sprache kommen. Beschließen werde ich meine Arbeit mit therapeutischen Möglichkeiten, die sich der Sozialarbeit im Umgang mit Borderline-Betroffenen bieten.

Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass ich in der Arbeit aus Gründen der besseren Lesbarkeit meist die männliche Form gewählt habe. Ist also die Rede von „dem Betroffenen“ oder „dem Sozialarbeiter“, sind selbstverständlich auch weibliche Personen gemeint.

2. Begriffsklärung

Im folgenden Abschnitt möchte ich mich genauer mit dem Begriff der Borderline-Persönlichkeitsstörung, den ich in der Arbeit häufig mit BPS abkürzen werde, befassen. Hierzu gebe ich zunächst wieder, wie das Fachlexikon der sozialen Arbeit die BPS definiert, danach wende ich mich der Geschichte des Begriffs zu. Anschließend werde ich die Ausführungen der ICD-10 zur Diagnose der Borderline-Persönlichkeitsstörung wiedergeben und einige Expertenschätzungen zur Häufigkeit der BPS in der Bevölkerung nennen.

2.1. Definition der Borderline-Störung nach dem Fachlexikon der sozialen Arbeit

Um mir einen groben Überblick über das Thema zu verschaffen, sah ich mir zunächst an, wie das Fachlexikon der sozialen Arbeit die Borderline-Störung definiert. Hier wird ausgeführt, dass sich die Störung ursprünglich auf das Grenzgebiet zwischen Neurose und Psychose bezog. In der heutigen, vor allem psychoanalytisch geprägten Vorstellung der Borderline-Störung werden vor allem die Unsicherheit des eigenen Selbstbildes sowie die emotionale Instabilität mit launenhaften und wechselnden Stimmungen hervorgehoben. Borderline-Patienten tendieren stark dazu, Impulse in vielfältiger selbstschädigender Weise unreflektiert auszuagieren. Dies geschieht beispielsweise durch Selbstverletzungen und Suizidversuche, durch gestörtes Ess- und Sexualverhalten und durch Drogen- und Alkoholmissbrauch.

Weiter führt das Lexikon aus, dass die Psychoanalyse den zentralen Abwehrmechanismus in der sogenannten Spaltung sieht. Dieser dient dazu, durch das Einteilen der Selbst- und Objektrepräsentanzen in positiv bzw. negativ diese intrapsychisch voneinander getrennt zu halten. Als Ursache hierfür werden frühere Traumatisierungen vermutet, durch die das Kind keine Möglichkeit erhielt, ein überwiegend positives innerseelisches Bild von sich selbst und seinen wichtigen Bezugspersonen auszubilden. Empirische Untersuchungen stützen diese Hypothese, da eine große Anzahl von Borderline-Patienten in ihrer Biographie Trennungserlebnissen, traumatischen Erlebnissen und sexuellem Missbrauch ausgesetzt war. Da diese Traumatisierungen auf neurobiologischer Ebene offenbar Spuren hinterlassen, können sie als Folge eine Hypersensitivierung mit sich bringen.

Die Borderline-Störung galt lange Zeit als psychotherapeutisch schwierig zu behandeln, doch inzwischen hat sich, beispielsweise mit der Dialektisch-Behavioralen Verhaltenstherapie nach Linehan, ein wirksames, wenn auch aufwändiges Therapieverfahren etabliert. Eine zusätzliche pharmakologische Behandlung ist, vor allem beim Vorliegen affektiver Störungen, sinnvoll (vgl. Zimmermann 2007, S. 142 f.).

Diese Definition gibt in sehr groben Zügen einige Aspekte wieder, die auch in meiner Arbeit zur Sprache kommen werden, doch dennoch fehlen hier wichtige Gesichtspunkte. So werden in der Definition beispielsweise vor allem Traumatisierungen als Ursache der Störung beschrieben. Bevor ich jedoch auf weitere Ursachen eingehen werde, befasse ich mich zunächst mit der Geschichte, der Diagnose nach der ICD-10 und der Häufigkeit der BPS.

2.2. Geschichte des Begriffs

Der Begriff Borderline bedeutet übersetzt Grenzlinie und wurde in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts als Sammelbegriff für Grenzfälle eingeführt, die zwischen den Kategorien Neurose und Psychose lagen. Dabei wurde festgestellt, dass es Patienten gab, die anhaltendere und tiefgreifendere Probleme als Neurotiker hatten, andererseits aber eine geringere Störung aufwiesen als Psychosekranke, wie beispielsweise an Schizophrenie erkrankte Menschen. So definierte sich die Borderlineerkrankung durch das, was sie nicht war, denn sie war mehr als eine Neurose und weniger als eine Psychose (vgl. Möhlenkamp 2004, S. 9). Als erster verwendete Adolph Stern den Begriff im Jahr 1938. Er nutzte ihn, um eine Patientengruppe zu beschreiben, die weder klassische Neurosen noch primäre Psychosen aufwies (vgl. Pfeifer/Bräumer 2004, S. 18). Stern arbeitete bestimmte Charakteristika der Borderline-Pathologie heraus. Hierzu gehörte beispielsweise die Tatsache, dass Borderline-Patienten ihren Therapeuten stark glorifizieren, solange er ihren Erwartungen entspricht, ihn jedoch schnell zum Feind deklarieren, wenn ihre Erwartungshaltung nicht mehr erfüllt wird.

Dass die Diagnose der Borderline-Persönlichkeitsstörung jedoch zu einem eigenständigen Krankheitsbild wurde, ist vor allem Otto F. Kernberg zu verdanken, der zwischen 1967 und 1975 eine Theorie der Borderline-Persönlichkeitsorganisation entwickelte. Hierbei war das wichtigste Kennzeichen eine spezifische Pathologie der Objektbeziehungen, bei der die Objekte in ganz gut und ganz böse aufgespaltet wurden. Außerdem betonte er eine Widersprüchlichkeit des Selbstbildes bis hin zur Identitätsdiffusion und sogenannte primitive Abwehrmechanismen wie vor allem die Spaltung, die Verleugnung und die Projektion.

Die von Kernberg entwickelte Konzeption der Borderline-Störung ging neben den von Gunderson und Singer entwickelten Kriterien in die Definition der Borderline-Persönlichkeitsstörung ein, als diese erstmals 1980 in das DSM-III (Diagnostisches und Statistisches Manual psychischer Störungen) aufgenommen wurde. Elf Jahre später erhielt die Borderline-Persönlichkeitsstörung auch Einzug in die ICD-10 (Internationale Klassifikation psychischer Störungen der Weltgesundheitsorganisation) (vgl. Rohde-Dachser 2003, S. 9 f.). In den gegenwärtigen Klassifikationen ist sie inzwischen eine der empirisch am besten belegtesten Persönlichkeitsstörungen geworden (vgl. Herpertz/Saß 2000, S. 123).

Seit den 1960er Jahren wurde der Borderline-Begriff immer wieder wichtigen Schwerpunktsverlagerungen unterzogen. Zunächst war von einer Persönlichkeitsorganisation die Rede, später sprach man von einem Borderline-Syndrom, nun wird die Bezeichnung Borderline-Störung verwendet (vgl. Gunderson 2005, S. 31).

Aufgrund der Unterschiedlichkeit der Krankheitsmodelle Neurose und Psychose brachte der ursprüngliche Ansatz eine Unvereinbarkeit mit sich. Durch das Erklären des Begriffs mit Stücken aus den Krankheitsbildern Neurose und Psychose war er zunächst beliebig einsetzbar, was zur Folge hatte, dass die Diagnose sehr häufig gestellt wurde.

Außerdem führten psychotherapeutische Haltungen und Techniken vielfach zu keinem Erfolg, so dass Borderline zu einem Synonym für komplikationsreiche Therapie wurde. Dies brachte mit sich, dass die Diagnose auf psychotherapeutisch orientierte Helfer abschreckend wirkte, da es diesen häufig nicht gelang, zwischen den betroffenen Menschen selbst und den Schwierigkeiten in der Therapie zu unterscheiden. So wurde „der Borderliner“ oft als Bedrohung empfunden und der Begriff Borderline zur Bezeichnung für problematische Patienten. Noch heute kommt es häufig vor, dass nach einer misslungenen Zusammenarbeit zwischen Helfer und Patient die Diagnose Borderline gestellt wird (vgl. Rahn 2003, S. 37). Außerdem ist es häufig nicht einfach, eine klare Diagnose zu stellen, da sich eine Borderline-Störung bei ein und derselben Person auf ganz unterschiedliche Weise äußern kann. Zudem weisen andere Persönlichkeitsstörungen ähnliche Eigenschaften auf, beispielsweise die paranoide und schizotype, die narzisstische, die antisoziale und die abhängige Persönlichkeitsstörung (vgl. Pfeifer/Bräumer 2004, S. 28-30).

2.3. Die Diagnose der Borderline Persönlichkeitsstörung in der ICD-10

Um nun ein genaueres Bild der BPS darzustellen, gebe ich im Folgenden wieder, welche Merkmale in der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) zu der Borderline-Persönlichkeitsstörung aufgeführt sind. Da in der Beschreibung des Borderline-Typs auf die allgemeinen Kriterien für eine Persönlichkeitsstörung (F60) und auf den impulsiven Typ (F60.30 B) Bezug genommen wird, werde ich zunächst wiedergeben, welche Merkmale dort aufgeführt sind.

Das Kapitel F60 bezieht sich auf spezifische Persönlichkeitsstörungen und führt folgende diagnostische Kriterien auf:

„G1. Die charakteristischen und dauerhaften inneren Erfahrungs- und Verhaltensmuster der

Betroffenen weichen insgesamt deutlich von kulturell erwarteten und akzeptierten

Vorgaben (,Normen’) ab. Diese Abweichung äußert sich in mehr als einem der

folgenden Bereiche:

1. Kognition (d. h. Wahrnehmung und Interpretation von Dingen, Menschen und Ereignissen; entscheidende Einstellungen und Vorstellungen von sich und anderen);
2. Affektivität (Variationsbreite, Intensität und Angemessenheit der emotionalen Ansprechbarkeit und Reaktion);
3. Impulskontrolle und Bedürfnisbefriedigung;
4. Die Art des Umganges mit anderen Menschen und die Handhabung zwischenmenschlicher Beziehungen.

G2. Die Abweichung ist so ausgeprägt, dass das daraus resultierende Verhalten in vielen persönlichen und sozialen Situationen unflexibel, unangepasst oder auch auf andere Weise unzweckmäßig ist (nicht begrenzt auf einen speziellen auslösenden Stimulus oder eine bestimmte Situation).

G3. Persönlicher Leidensdruck, nachteiliger Einfluss auf die soziale Umwelt oder beides sind dem unter G2. beschriebenen Verhalten zuzuschreiben.

G4. Nachweis, dass die Abweichung stabil, von langer Dauer ist und im späten Kindesalter oder der Adoleszenz begonnen hat.

G5. Die Abweichung kann nicht durch das Vorliegen oder die Folge einer anderen psychischen Störung des Erwachsenenalters erklärt werden. Es können aber episodische oder chronische Zustandsbilder der Kapitel F0-F5 und F7 neben dieser Störung existieren oder sie überlagern.

G6. Eine organische Erkrankung, Verletzung oder deutliche Funktionsstörung des Gehirns müssen als mögliche Ursache für die Abweichung ausgeschlossen werden (falls eine solche Verursachung nachweisbar ist, soll die Kategorie F07 verwendet werden)“

(Weltgesundheitsorganisation 2006, S. 220 f.).

F60.30 B bezieht sich auf den impulsiven Typ und nennt folgende Kriterien:

„1. deutliche Tendenz unerwartet und ohne Berücksichtigung der Konsequenzen zu handeln;
2. deutliche Tendenz zu Streitereien und Konflikten mit anderen, vor allem dann, wenn impulsive Handlungen unterbunden oder getadelt werden;
3. Neigung zu Ausbrüchen von Wut oder Gewalt mit Unfähigkeit zur Kontrolle explosiven Verhaltens;
4. Schwierigkeiten in der Beibehaltung von Handlungen, die nicht unmittelbar belohnt werden;
5. unbeständige und launische Stimmung“ (Weltgesundheitsorganisation 2006, S. 226).

Unter F60.31 bezieht sich die ICD-10 auf den Borderline-Typ. Hier ist folgendes aufgeführt:

„A. Die allgemeinen Kriterien für eine Persönlichkeitsstörung (F60) müssen erfüllt sein.
B. Mindestens drei der oben unter F 60.30 B. erwähnten Kriterien müssen vorliegen und

zusätzlich mindestens zwei der folgenden Eigenschaften und Verhaltensweisen:

1. Störungen und Unsicherheit bezüglich Selbstbild, Zielen und ,inneren Präferenzen’ (einschließlich sexueller);
2. Neigung sich in intensive aber instabile Beziehungen einzulassen, oft mit der Folge von emotionalen Krisen;
3. übertriebene Bemühungen, das Verlassenwerden zu vermeiden;
4. wiederholt Drohungen oder Handlungen mit Selbstbeschädigung;
5. anhaltende Gefühle von Leere“ (Weltgesundheitsorganisation 2006, S. 227).

Da sich die ICD-10 bei ihrer Definition auf die allgemeinen Kriterien einer Persönlichkeitsstörung und auf den impulsiven Typ bezieht, halte ich es für schwierig, auf all die genannten Kriterien gesondert einzugehen. Aus diesem Grund beziehe ich mich an späterer Stelle auf den Merkmalskatalog des amerikanischen DSM-IV und werde in diesem Zuge die dort genannten Merkmale genauer ausführen.

2.4. Häufigkeit der Störung in der Bevölkerung

Wissenschaftlichen Schätzungen zufolge weisen ca. 10 – 15 % der Bevölkerung Borderline-Probleme auf, ohne dass sie unter einer Persönlichkeitsstörung leiden. Borderline-Probleme umfassen beispielsweise mangelnde Kontrolle über die Affekte, die Neigung zum Schwarz-Weiß-Denken, ein labiles Selbstwertgefühl oder die Tatsache, sich oft unverstanden zu fühlen und mit anderen anzuecken. Diese Personen sind somit besonders empfindlich und unter Umständen weniger belastbar als andere Personen, sie können jedoch trotz ihrer Persönlichkeitsstruktur gut zurechtkommen und ein gefestigtes Selbstwertgefühl erlangen. Eine BPS liegt erst dann vor, wenn längerfristig erhebliche Beeinträchtigungen im persönlichen, beruflichen und sozialen Umfeld vorliegen (vgl. Möhlenkamp 2004, S. 21 f.).

Zu der Häufigkeit der Borderline-Störung gibt es unterschiedliche Angaben. Ewald Rahn spricht davon, dass ca. 2 % der Gesamtbevölkerung betroffen sind (vgl. Rahn 2003, S. 73), wogegen laut Gerd Möhlenkamp ca. 2-5 % der Bevölkerung unter einer ernsthaften Borderline-Störung leiden (vgl. Möhlenkamp 2004, S. 22). Sipos und Schweiger berichten, dass etwa 0,7 % der Allgemeinbevölkerung unter einer Borderline-Persönlichkeitsstörung mit Lebenszeitprävalenz leiden (vgl. Sipos/Schweiger 2005, S. 503).

Frauen sind laut Rahn weitaus häufiger betroffen als Männer (vgl. Rahn 2003, S. 73). Von allen weibliche Patienten, die wegen einer psychischen Störung stationär aufgenommen werden, erfüllen bis zu 20 % die Kriterien einer BPS, bei Männern beträgt der Anteil 10 %. Sipos und Schweiger führen dies jedoch darauf zurück, dass Männer mehr Risikoverhalten zeigen und deshalb eher in neurologischen Rehabilitationseinrichtungen und Unfallkliniken behandelt werden. Außerdem sind sie eher in forensischen Einrichtungen oder im Strafvollzug untergebracht (vgl. Sipos/Schweiger 2005, S. 503).

3. Mögliche Ursachen der Borderline-Persönlichkeitsstörung

Wie in der Einleitung bereits angeklungen ist, gilt mein besonderes Interesse u. a. der Frage, welche Faktoren Auslöser für die Entstehung einer Borderline-Persönlichkeitsstörung sein können. Entgegen der Aussage des Fachlexikons der sozialen Arbeit, das vor allem frühere Traumatisierungen als Ursache sieht, sind die Faktoren weitaus vielfältiger, wenn auch Traumatisierungen eine bedeutende Rolle in der Entstehung der BPS spielen.

In der vielfältigen Borderline-Literatur wird deutlich, dass eine Borderline-Störung normalerweise durch eine Wechselwirkung sozialer, psychologischer und biologischer Faktoren ausgelöst wird (vgl. Möhlenkamp 2004, S. 28), so dass gerade ein Zusammenspiel von genetischen und umweltabhängigen Faktoren für die Entstehung verantwortlich ist (vgl. Paris 2000 a, S. 164). Somit tragen sowohl angeborene Strukturen in der Persönlichkeit als auch ungünstige Entwicklungsbedingungen in der Kindheit zur Begünstigung einer Borderline-Störung bei. Da bei psychischen Störungen normalerweise unterschiedliche Teilursachen miteinander verknüpft sind, lassen sie sich zurückschauend meist nicht bis ins Einzelne auflösen (vgl. Möhlenkamp 2004, S. 34).

Welche Ursachen letztendlich am ausschlaggebendsten für die Entwicklung einer BPS sind, ist nicht bekannt. Daher ist nicht sicher, ob angeborene Temperamentsunterschiede, die Zerrüttung der Familie, emotionale Vernachlässigung oder traumatische Erlebnisse einen besonderen Beitrag zur Entstehung der Störung leisten (vgl. Rohde-Dachser 2004, S. 132).

Da die Ursachen so vielfältig sind, möchte ich mich im folgenden genauer mit den in der Literatur genannten Entstehungsfaktoren befassen. Beginnen werde ich meine Ausführungen mit genetischen Faktoren, dann gehe ich darauf ein, welche Auswirkungen ungünstige Beziehungen in der Kindheit haben können. Abschließend werde ich mich mit traumatischen Erlebnissen in der Kindheit befassen.

3.1. Genetische Faktoren

Um die Relevanz genetischer Anlagen zu belegen, weist der Psychiater Samuel Pfeifer darauf hin, dass in der Verwandtschaft von Borderline-Betroffenen etwa fünfmal so viele Personen unter Persönlichkeitsstörungen oder schweren psychischen Krankheiten leiden als in der übrigen Bevölkerung. Welche Auswirkung genetische Faktoren haben können, verdeutlicht er am Beispiel einer Frau, die kurz nach ihrer Geburt zur Adoption freigegeben wurde, da ihre Mutter unter einer schweren psychischen Störung litt. Obwohl sie in ihrer Adoptivfamilie viel Wärme und Zuwendung erhielt, entwickelte sie vielfältige Borderline-Symptome (vgl. Pfeifer/Bräumer 2004, S. 57).

Ewald Rahn, Arzt für Nervenheilkunde und Psychotherapeut, weist zudem darauf hin, dass seitens einiger Wissenschaftler davon ausgegangen wird, dass die bei der BPS vorhandene emotionale Instabilität zu einem großen Teil auf Anlagefaktoren beruht. Eine solche Anlage führt zwar nicht automatisch zu einer Borderline-Störung, doch wenn dem Kind in seiner Entwicklung nicht vermittelt wird, wie es angemessen mit seinen Emotionen umgehen kann, wird die Entwicklung einer Borderline-Störung wahrscheinlicher (vgl. Rahn 2003, S. 33).

Häufig kann auch das Zusammenspiel zwischen genetischen Faktoren und den Reaktionen der Umwelt auf diese Faktoren eine Borderline-Störung begünstigen. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn Personen genetisch bedingt Schwierigkeiten haben, emotionale Spannungen zu regulieren. Reagieren sie bereits bei recht geringfügigen Anlässen empfindlich, stoßen sie häufig auf wenig Verständnis bei ihren Mitmenschen. Dadurch werden sie bereits in ihrer Kindheit abgewertet, beispielsweise von überforderten Eltern, Lehrern oder Mitschülern. In Folge dessen erleben sie sich als Außenseiter und ihr Vertrauen in die eigene Wahrnehmung geht verloren. Durch die negativen Ereignisse ziehen sie sich je nach Temperament entweder ängstlich zurück oder gehen zur rücksichtslosen Offensive über. Dadurch wird ein Kreislauf aus biologischen Ursachen und negativen psychosozialen Folgewirkungen in Gang gesetzt, der die für eine Borderline-Störung typischen verfestigten Denk- und Verhaltensmuster mit sich bringt (vgl. Möhlenkamp 2004, S. 18 f.).

Auch eine nervöse Schwäche, die als Vulnerabilität bzw. besondere Verwundbarkeit bezeichnet wird, kann einen Kreislauf von genetischen Faktoren und Reaktionen der Umwelt in Gang setzen. Diese Schwäche kann angeboren sein oder durch geburtliche Komplikationen erworben werden. Kinder, die von einer solchen Schwäche betroffen sind, sind von Anfang an impulsiv, irritierbar, unruhig, leicht ablenkbar und schwer zu beruhigen. Die auftretenden Störungen, die häufig als ADS-Störungen, Hyperkinetische Störungen oder Zappelphilipp-Syndrom diagnostiziert werden, können eine Eltern-Kind-Beziehungsstörung verursachen, die später die Grundlage für Borderline-Probleme bilden kann (vgl. Möhlenkamp 2004, S. 16).

An diesen Beispielen wird meines Erachtens sehr deutlich, wie stark genetische Faktoren Umweltfaktoren bedingen können und dass gerade ein Zusammenspiel dieser Faktoren eine Borderline-Störung auslösen kann. Doch auch ungünstige familiäre Bedingungen, die nicht auf genetische Faktoren zurückzuführen sind, werden häufig als Ursache einer BPS genannt.

3.2. Unsichere und ungesunde Bindungen an Bezugspersonen

Häufig haben Borderline-Betroffene in ihrer Kindheit ungesunde oder unsichere Bindungserfahrungen gemacht. Diese Erfahrungen können sehr unterschiedlicher Art sein, sowohl eine vernachlässigende Haltung der Bezugspersonen als auch eine zu enge Bindung können sich negativ auf die Entwicklung des Kindes auswirken. Im folgenden möchte ich einige ungünstige Beziehungskonstellationen aufzeigen. In der Literatur tauchen noch weitere Faktoren auf, doch aus Rücksicht auf die Länge meiner Arbeit beschränke ich mich auf diejenigen, die in der Literatur am häufigsten genannt werden.

Die Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes kann stark beeinträchtigt werden, wenn keine verlässliche Bezugsperson verfügbar ist. Dies liegt beispielsweise dann vor, wenn das Kind bereits früh Trennungen oder Beziehungsbrüchen ausgesetzt ist, die elterliche Fürsorge nicht einmal geringfügig gewährleistet ist oder das Kind keine liebevolle Annahme seitens der Mutter erhält. Da es hier keine äußere Sicherheit und keine innere Ruhe erfährt, kann sich das Grundvertrauen im Beziehungsbereich nicht entwickeln. Zudem wird es ihm erschwert, die Welt zu verstehen und Wahrnehmungen zu ordnen (vgl. Möhlenkamp 2004, S. 27). Um ein Urvertrauen entwickeln zu können, ist die Erfahrung, dass die wichtigsten Bezugspersonen es gut meinen und verlässlich sind, sehr wichtig. Ist die Beziehung zur Mutter oder einer anderen wichtigen Bezugsperson von Anfang an durch Verunsicherungen geprägt, zieht dies weitere Verunsicherungen nach sich, so dass sich die Fehlentwicklung des frühen Kindesalters im weiteren Leben fortsetzt (vgl. Möhlenkamp 2004, S. 13).

Macht ein Kind in seinen ersten Lebensjahren nicht die Erfahrung einer haltgebenden emotionalen Beziehung, kann zudem das Gefühl entstehen, es sei halt- und kraftlos. Dies kann die Entwicklung eines stabilen Selbstbewusstseins negativ beeinträchtigen, zudem wird durch das Grundgefühl, dass etwas wichtiges im Leben fehlt, häufig die Sehnsucht nach einer alles gutmachenden und heilenden Liebe geweckt (vgl. Möhlenkamp 2004, S. 15). Diese Sehnsucht macht es nachvollziehbar, warum die Beziehungen von Borderline-Persönlichkeiten häufig von Klammern und großem Misstrauen geprägt sind. Auf die Beziehungsgestaltung der Betroffenen werde ich an späterer Stelle genauer eingehen.

Die Gründe, warum eine Mutter nicht in der Lage ist, eine emotionale Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen, können sehr vielfältig sein. Beispielsweise kann die Fähigkeit der Mutter, andere zu lieben, dadurch begrenzt sein, dass sie selbst nicht genug Liebe erfahren hat. Doch auch eheliche Konflikte oder eine starke Belastung der Mutter können dazu beitragen, dass diese nicht in der Lage ist, dem Kind die nötige Aufmerksamkeit entgegen zu bringen. Zudem können anstrengende Babys bewirken, dass die Eltern-Kind-Interaktion von Gereiztheit, Hilflosigkeit und Aufgeregtheit geprägt ist (vgl. Möhlenkamp 2004, S. 16). Zudem werden die Eltern der Kinder, die in einem gewaltvollen Umfeld aufwachsen, häufig selber von diesen Erfahrungen traumatisiert, so dass auch sie hilflos und hoffnungslos sind. Somit sind sie für das Kind häufig nicht mehr emotional verfügbar, können nicht mehr auf seine Bedürfnisse eingehen und bieten ihm nur wenig Stabilität (vgl. Osofsky 2000, S. 746).

Da die Grundhaltung und die Einstellung der Eltern gegenüber ihrem Kind einen wesentlichen Einfluss haben, stellt auch die Unerwünschtheit eines Kindes eine ungünstige Entwicklungsvoraussetzung dar. Auch wenn Eltern ihrem Kind nie offen mitteilen, dass es nicht erwünscht war, äußert sich dies häufig in der Atmosphäre. Dies wirkt sich auf die gesamte Entwicklung des Kindes blockierend aus, da sich Kinder, die wahrnehmen, dass sie nicht erwünscht sind, nicht zugehörig und angenommen fühlen können. Bekommt ein Kind von seinen Eltern immer wieder mitgeteilt, es sei erwünscht, obwohl es fortlaufend das Gefühl hat, nicht erwünscht zu sein, kann dies zudem dazu führen, dass es seinen eigenen Gefühlen nicht mehr traut und diese entwertet und unterdrückt. Das Misstrauen in die eigenen Gefühle ist bei sehr vielen Borderline-Betroffenen vorzufinden.

Andere Eltern lassen ihre Kinde deutlicher spüren, dass sie nicht erwünscht waren. Dies geschieht teilweise in direkten Mitteilungen der Eltern, in anderen Fällen wird es indirekter ausgedrückt, beispielsweise wenn dem Kind keine positiven Lebensaussichten, Leistungsfähigkeit oder Erfolge zugestanden werden. Vor allem Mütter, bei denen Abtreibungsversuche misslungen sind oder die Abtreibungsphantasien hatten, können ihrem Kind später manchmal keinen Wert beimessen. Eher neigen sie dazu, es zu demütigen, zu entmutigen und abzuwerten, um ihr eigenes Schuldgefühl abzuwehren, da sie sich bei jedem Erfolg des Kindes vorwerfen, dass sie ein so wunderbares Kind nicht gewollt hatten. Doch diese Abwehr des Schuldgefühls geschieht auf Kosten des Kindes, dem alle positiven Eigenschaften und Erfolge aberkannt werden (vgl. Reinert 2004, S. 112-116). Ich denke, dass sich ein solches Verhalten der Eltern sehr nachteilig auf die Entwicklung eines gesunden Selbstbewusstseins des Kindes auswirken und zur Folge haben kann, dass sich das Kind infolge dessen trotz seiner Erfolge als minderwertig und nicht liebenswert einschätzt.

Ein weiterer Risikofaktor liegt vor, wenn eine Mutter dann am zufriedensten ist, wenn ihr Kind vollkommen von ihr abhängig ist. Beginnt das Kind im Rahmen der normalen Entwicklung selbständig zu werden, indem es die Umgebung erforscht, Neugier entwickelt und sich verselbständigt, reagiert die Mutter mit Ablehnung. Sie kann es nur dulden, wenn das Kind sich an sie klammert und zieht sich zurück, wenn es sich separiert. Dadurch ist sie in einem wichtigen Entwicklungszeitpunkt, in dem das Kind seine Gefühle mit ihr teilen und erleben müsste, nicht verfügbar oder zurückweisend (vgl. Osofsky 2000, S. 743).

Gewähren Eltern ihren Kindern keinen Raum für Eigenständigkeit, Individualität und Abgrenzung und machen ihre Kinder somit zum Selbstobjekt, kann dies bei den Kindern das Entwickeln der Grenzziehungsfähigkeit behindern (vgl. Reinert 2004, S. 125).

Auch eine Eltern-Kind-Konstellation, in der das Kind beim Zeigen von Individualität befürchten muss, dass dies zu Missbilligung, Bestrafung oder sogar zu Ausgestoßensein führen kann, kann sich nachteilig auf die Entwicklung des Kindes auswirken. Es kann dazu kommen, dass das Kind innerhalb der eigenen Familie unter großer Einsamkeit leidet. Deshalb muss es sich zur Vermeidung größerer Katastrophen mit der Situation in der Familie arrangieren und Möglichkeiten finden, auf irgendeine Art sein Selbst zu behalten (vgl. Reinert 2004, S. 132 f.). Wie später noch deutlich werden wird, gehört ein tiefes Gefühl von Leere zu den Kriterien des DSM-IV. Meiner Einschätzung nach kann ein großes Einsamkeitsgefühl in der Kindheit ebenso mit verantwortlich für die empfundene Leere sein wie auch das Verbot, seine eigene Individualität zu erkennen und zu zeigen.

3.3. Traumatische Erlebnisse

Im nächsten Abschnitt werde ich mich mit dem bereits am Anfang der Arbeit genannten Faktor der traumatischen Erlebnisse befassen. Traumata sind häufig in der Biographie von Borderline-Betroffenen zu finden, doch wie bereits deutlich wurde, stellen sie nicht die einzige Ursache für die Entstehung der Störung dar.

Dies macht Stavros Mentzos deutlich, indem er berichtet, dass bei ca. 70 % aller Borderline-Patienten Traumatisierungen, sexueller Missbrauch oder andere Misshandlungen in der Kindheit vorhanden sind. In der Gesamtbevölkerung hingegen waren 20-25 % aller Personen solchen Ereignissen ausgesetzt, wobei jedoch nur ca. 2 % der Bevölkerung eine Borderline-Persönlichkeitsstörung aufweisen. Dies macht deutlich, dass Traumata nicht für sich allein, sondern im Zusammenhang mit anderen Faktoren wirken. Gerade wenn kompensierende Faktoren wie beispielsweise eine empathische Begleitung nicht vorhanden sind, ist die Gefahr groß, dass traumatische Erfahrungen negative Folgen für die Betroffenen haben (vgl. Mentzos 2003, S. 59). Zudem haben die Reaktionen der Bezugspersonen auf fatale Ereignisse starken Einfluss darauf, ob ein traumatisches Erlebnis tiefgreifende Auswirkungen für das betroffene Kind mit sich bringt. Diese Reaktionen tragen stark zum subjektiven Erleben und Verarbeiten des Erlebnisses bei und bestimmen somit die Folgen (vgl. Rahn 2003, S. 69 f.). Außerdem hängen traumatische Erlebnisse wie physische und psychische Misshandlung oder sexueller Missbrauch häufig mit allgemeiner emotionaler Vernachlässigung zusammen (vgl. Möhlenkamp 2004, S. 35). In Familien, in denen Kinder lange Zeit traumatischen Ereignissen ausgesetzt sind, kommen zu diesen Erlebnissen häufig weitere ungute Entwicklungsbedingungen. Haltgebende Faktoren wie stabile Strukturen, eine aktive Erziehung oder eine beruhigende Anwesenheit von Bezugspersonen sind häufig nicht vorhanden (vgl. Ruiz-Sancho/Gunderson 2000, S. 780). Somit sind traumatische Erfahrungen in der Kindheit häufig in eine traumatische Beziehung eingebettet, der das Kind nicht entrinnen kann (vgl. Rohde-Dachser 2003, S. 22).

Hieran wird wieder einmal das Zusammenspiel unterschiedlicher Faktoren deutlich, das das Entstehen einer Borderline-Persönlichkeitsstörung begünstigen oder verhindern kann. Dass auch die persönliche Beschaffenheit des Kindes Einfluss darauf hat, ob durch eine Traumatisierung eine Persönlichkeitsstörung hervorgerufen wird, macht Joel Paris deutlich. Er führt aus, dass traumatische Erfahrungen auf verschiedene Persönlichkeitstypen unterschiedliche Effekte haben und nicht bei jedem Menschen eine Persönlichkeitsstörung auslösen (vgl. Paris 2000 a, S. 164).

Zudem ist nicht ein einzelnes traumatisches Ereignis in der Kindheit ausschlaggebend für die Entwicklung einer Persönlichkeitsstörung, vielmehr bilden chronische und wiederholte traumatische Erfahrungen einen Nährboden für die Entstehung einer Störung (vgl. Ruiz-Sancho/Gunderson 2000, S. 780). Auch die Schwere der Traumatisierung ist ausschlaggebend, je schwerer die Traumatisierung war, desto stärker kann sie sich nachteilig auf die seelische Stabilität auswirken (vgl. Pfeifer/Bräumer 2004, S. 54).

In der Literatur ist unter den Ausführungen zu traumatisierenden Ereignissen in der Kindheit vor allem von sexuellem Missbrauch die Rede. Dies lässt mich vermuten, dass Missbrauch die häufigste traumatische Erfahrung in der Kindheit von Borderline-Betroffenen ist.

Sexueller Missbrauch umfasst ein weites Feld und liegt dann vor, wenn der Täter zu seiner Bedürfnisbefriedigung dem Opfer sexuelle Handlungen aufzwingt. Somit gehört nicht nur Vergewaltigung zu dieser Rubrik, bereits das Streicheln des Kindes zur Bedürfniserfüllung des Täters ist als sexueller Missbrauch zu bezeichnen. Missbrauchserlebnisse hinterlassen bei dem Kind eine außerordentliche seelische Belastung (vgl. Pfeifer/Bräumer 2004, S. 81 f.) und können den Verlust von Vertrauen und des Gefühls von Sicherheit mit sich bringen. Häufig ist das Kind über das Geschehen verwirrt und erlebt Angst, Schmerz und Hilflosigkeit. Zudem kann die Verpflichtung zur Geheimhaltung dazu führen, dass sich das Kind isoliert fühlt. Außerdem schämen sich manche Kinder oder halten sich für schuldig, da sie davon ausgehen, dass so nur ein böses Kind behandelt werden kann (vgl. Pfeifer/Bräumer 2004, S. 84).

Auch im Erwachsenenalter ist das Empfinden vieler Borderline-Betroffener von Angst, Schmerz, Hilflosigkeit und fehlendem Vertrauen geprägt. Zudem wird auch das im Rahmen einer Borderline-Störung häufig auftretende selbstverletzende Verhalten manchmal genutzt, um sich selbst zu bestrafen. Ich kann mir vorstellen, dass solche Empfindungen und Verhaltensweisen auf Missbrauchserlebnissen in der Kindheit basieren.

Ein Kind, das von seinem Vater oder dem Lebenspartner seiner Mutter missbraucht wird und erlebt, dass die Mutter als schweigende Dulderin nicht eingreift, erlebt eine ambivalente Elternbeziehung, vor allem dann, wenn es von den Eltern mitgeteilt bekommt, sie würden es lieben, andererseits aber auferlegt bekommt, nicht über den Missbrauch sprechen zu dürfen. Diese ambivalente und verwirrende Elternbeziehung kann eine bleibende Instabilität auslösen (vgl. Pfeifer/Bräumer 2004, S. 87). Das Kind kann heftige Gefühle von Liebe, Hass und Misstrauen gleichzeitig erleben, da es sich von einer geliebten nahestehenden Person betrogen fühlt. Es kann zu schweren Störungen in den Objektbeziehungen, insbesondere auf dem Gebiet der Intimität, kommen. Mädchen, die Missbrauchserfahrungen ausgesetzt waren, entwickeln häufig eine gespaltene Einstellung, sowohl zu dem missbrauchenden Verwandten als auch zu sich selbst (vgl. Stone 2000 a, S. 8).

Michael H. Stone führt aus, dass bei der Hälfte bis zu einem Dreiviertel aller heutzutage stationär aufgenommenen weiblichen Borderline-Patienten in Westeuropa, Amerika und Australien Inzest in der Vorgeschichte zu finden ist. Die Auswirkungen sind ihm zufolge besonders schwerwiegend, wenn das Kind noch sehr jung ist. Er erwähnt, dass bei Mädchen das Risiko, Opfer eines Inzests zu werden, etwa um das Sechsfache höher ist als bei Jungen (vgl. Stone 2000 a, S. 8). Christa Rohde-Dachser hingegen berichtet, dass ungefähr drei Viertel der Borderline-Patienten weiblich sind und dass Mädchen zwei- bis dreimal so häufig wie Jungen von sexuellem Missbrauch betroffen sind (vgl. Rohde-Dachser 2004, S. 127).

Auch wenn die Aussagen von Stone und Rohde-Dachser unterschiedliche Zahlen aufweisen, wird meines Erachtens recht deutlich, dass ein Zusammenhang zwischen sexuellem Missbrauch und der Entwicklung einer Borderline-Persönlichkeitsstörung wahrscheinlich ist. Zwar gibt Reinert zu bedenken, dass der hohe Anteil an Frauen mit einer Borderline- Diagnose evtl. auch dadurch zu erklären ist, dass von Borderline-Störungen betroffene Frauen eher psychotherapeutische Hilfe aufsuchen, während betroffene Männer eher inhaftiert oder forensisch untergebrachte werden (vgl. Reinert 2004, S. 103). Dennoch denke ich, dass auch Missbrauchserlebnisse für den hohen Frauenanteil mit verantwortlich sind.

Die Wahrscheinlichkeit, dass sexueller Missbrauch mit ursächlich für die Entstehung einer Borderline-Persönlichkeitsstörung sein kann, wird zudem deutlich, wenn man die von Ursula Wirtz aufgeführten Symptome betrachtet, die auf sexuelle Übergriffe in der Kindheit hinweisen. Von der Vielzahl der von ihr genannten Symptome werde ich einige exemplarisch aufführen, da diese häufig bei Borderline-Patienten zu verzeichnen sind. Hierzu gehören Selbsttötungsphantasien bzw. Selbsttötungsversuche, selbstzerstörerische Handlungen, Suchtverhalten (z. B. Essen, Alkohol, Drogen), Probleme zu vertrauen oder Unfähigkeit zur Einschätzung der Vertrauenswürdigkeit eines Menschen, Minderwertigkeitsgefühle, wiederholter Missbrauch in Beziehungen, stark konflikthafte Beziehungen, Abspalten von Gefühlen, Aufbau von Phantasiewelten und Ekel vor allem Körperlichen (vgl. Wirtz 1990, S. 88 f.). Zudem möchte ich auf Möhlenkamp hinweisen, der ausführt, dass sexueller Missbrauch häufig bei besonders schweren Borderline-Störungen mit schweren dissoziativen Störungen und häufiger Selbstverletzung vorliegt (vgl. Möhlenkamp 2004, S. 35 f.).

Doch nicht nur Missbrauch, auch emotionale Misshandlung kann tiefe Spuren in der Seele eines Kindes hinterlassen. Emotionale Misshandlung liegt beispielsweise dann vor, wenn eine Mutter ihr achtjähriges Kind aufgrund eines geringfügigen Vergehens in seinem Zimmer einsperrt und das Haus dann für viele Stunden verlässt, ohne dass das Kind die Möglichkeit hat, zur Toilette zu gehen oder etwas zu essen (vgl. Pfeifer/Bräumer 2004, S. 55). Solche Erlebnisse stehen meiner Einschätzung nach häufig in Verbindung mit einer schwierigen emotionalen Beziehung, da das Kind hier seine Bezugsperson nicht als liebevoll und verlässlich erlebt, sondern großer Angst und Ungewissheit ausgesetzt ist.

Erstaunlich selten war in der Literatur von körperlicher Misshandlung durch Eltern die Rede. Joel Paris zeigt auf, dass 73 % aller Borderline-Patienten von Misshandlungen berichten. Er weist jedoch darauf hin, dass auch bei Patienten mit anderen Persönlichkeitsstörungen hohe Zahlen an körperlichen Misshandlungen in der Vergangenheit vorherrschen (vgl. Paris 2000 a, S. 162). So können körperliche Misshandlungen meiner Einschätzung nach mit ursächlich für die Entstehung einer BPS sein, doch auch andere Persönlichkeitsstörungen können durch sie mitverursacht werden.

Nicht nur das direkte Betroffensein von körperlicher Misshandlung kann sich traumatisierend auswirken sondern auch das Miterleben von Gewalt. Ein Kind, dessen Vater alkoholisiert nach Hause kommt und die Mutter tätlich angreift, ist großer Hilflosigkeit und Angst ausgesetzt. Dies kann ihm den festen Boden von Sicherheit und seelischer Stabilität entziehen und somit zu seelischer Instabilität führen (vgl. Pfeifer/Bräumer 2004, S. 55).

4. Verlaufs- und Äußerungsformen

Nachdem nun unterschiedliche Faktoren genannt wurden, die an der Entstehung einer Borderline-Störung maßgeblich beteiligt sein können, befasse ich mich im nächsten Abschnitt mit dem Verlauf von Borderline-Erkrankungen. Hierbei gehe ich zunächst darauf ein, in welchem Alter Borderline-Persönlichkeitsstörungen vorwiegend zum Ausbruch kommen. Anschließend befasse ich mich mit den im DSM-IV genannten Merkmalen, die im Verlauf einer BPS häufig auftreten. Dabei werden viele der im letzten Abschnitt genannten Folgen von komplizierten emotionalen Bindungen und traumatischen Erlebnissen wieder zu finden sein.

4.1. Der Verlauf der Störung

Wie im letzten Abschnitt erkennbar wurde, werden die Grundlagen für die Entwicklung einer BPS häufig in der frühen Kindheit gelegt. Zum Ausbruch kommt die Störung jedoch meist erst in der Adoleszenz oder im jungen Erwachsenenalter. Laut Rahn liegt dies daran, dass gerade in dieser Zeit die sozialen Aufgabenstellungen wie zum Beispiel erste Schritte zur beruflichen Identität, die Loslösung von der Primärfamilie, das Eingehen von Partnerschaften sowie die körperliche und psychische Veränderung die emotionalen Ressourcen eines Menschen fordern bzw. überfordern (vgl. Rahn 2003, S. 25).

Nach dem ersten Auftreten von Störungssymptomen gelingt es den Betroffenen häufig immer wieder, ihr Leben in den Griff zu bekommen und den Einstieg ins Erwachsenenalter zu schaffen. Bei einigen kommt es zu einer stürmischen Teenagerzeit, nach der sie jedoch ihre Stabilität zurückgewinnen und ruhigere Abschnitte in ihrem Leben zu verzeichnen sind. Doch wenn Krisen und Konflikte auftauchen, kann dies erneute Komplikationen hervorrufen (vgl. Pfeifer/Bräumer 2004, S. 114). Laut Pfeifer treten vor allem im frühen Erwachsenenalter Episoden auf, in denen die Betroffenen ihre Impulse und Stimmungen nicht mehr kontrollieren können. Suizidrisiko und störungsbedingte Einschränkungen sind vor allem in der Jugendzeit groß und lassen mit zunehmendem Alter allmählich nach. Im Alter zwischen dreißig und vierzig Jahren erhalten viele Betroffene eine größere Stabilität in ihren Lebensaufgaben und in ihren Beziehungen (vgl. Pfeifer/Bräumer 2004, S. 28).

Robert C. Abrams weist jedoch darauf hin, dass Persönlichkeitsstörungen auch bei älteren Patienten vorkommen, auch wenn dies seltener ist als bei jüngeren Patienten. Somit sind auch Borderline-Störungen im Alter seltener, nehmen aber dennoch eine bedeutsame Stellung ein. Er stellt außerdem die Frage, ob die Persönlichkeitsstörungen durch den Alterungseffekt wirklich abnehmen oder ob hier nur eine altersabhängige Verzerrung der diagnostischen Kriterien vorliegt (vgl. Abrams 2000, S. 809).

Auch Ewald Rahn vermutet, dass bei einigen Betroffenen die Symptome durch das Alter modifiziert werden und andere Symptome an deren Stelle treten. Andererseits nimmt er jedoch auch an, dass im Laufe der Zeit bei vielen Betroffenen eine Besserung eintritt. Damit gibt er der Erkrankung eine gute Prognose (vgl. Rahn 2003, S. 74).

Da mein besonderes Interesse der Frage gilt, ob Borderline-Persönlichkeitsstörungen heilbar sind, werde ich auf den Langzeitverlauf der Störung an späterer Stelle gesondert eingehen.

4.2. Äußerungsformen

Wie bereits in der ICD-10 deutlich wurde, sind die Äußerungsformen der Borderline-Störung sehr unterschiedlich. Im folgenden werde ich bezugnehmend auf das amerikanische DSM-IV (Diagnostic und Statistic Manual) darauf eingehen, auf welche Weise sich Borderline-Störungen äußern können. Hierzu werde ich die jeweiligen Kriterien der Reihe nach vorstellen und genauer erläutern.

Nach dem DSM-IV (301.83) ist die Borderline-Persönlichkeitsstörung „Ein tiefgreifendes Muster von Instabilität in zwischenmenschlichen Beziehungen, im Selbstbild und in den Affekten sowie von deutlicher Impulsivität. Der Beginn liegt im frühen Erwachsenenalter und manifestiert sich in den verschiedenen Lebensbereichen. Mindestens 5 der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein:“ (DSM-IV).

4.2.1. Vermeidung von Verlassenwerden

„(1) Verzweifeltes Bemühen, tatsächliches oder vermutetes Verlassenwerden zu vermeiden. Beachte: Hier werden keine suizidalen oder selbstverletzenden Handlungen berücksichtigt, die in Kriterium 5 enthalten sind“ (DSM-IV).

Viele Borderline-Betroffene wollen das Bedürfnis nach Geborgenheit, Nähe und Versorgung, das ihnen als Kleinkind nicht genügend vermittelt wurde, ausgleichen. Gleichzeitig haben sie Angst, eine andere Person zu verlieren oder negative Eigenschaften an ihr zu entdecken (vgl. Reinert 2004, S. 195). Da sie zutiefst daran zweifeln, dass sie wirklich liebenswerte und beziehungsfähige Menschen sind, haben sie neben ihrer Sehnsucht nach Geborgenheit und Liebe große Angst vor Verletzungen und Enttäuschungen. Es fällt ihnen schwer, zu vertrauen, immer wieder drängen sich Misstrauen und Unsicherheit in ihre Gedanken.

Aus diesem Grund kommt es dazu, dass sie in Beziehungen ein Verhaltensmuster zeigen, das von Kontrolle, ständiger Rückversicherung, Klammern und Bestätigungssucht geprägt ist. Geringfügige Anlässe wie beispielsweise ein kritischer Unterton oder ein falscher Blick und sogar misstrauische Vorstellungen können ausreichen, um Verunsicherungen auszulösen.

Partnerschaften von Borderline-Betroffenen sind somit häufig von Kontrolle gekennzeichnet. Bemüht sich der Partner um Eigenständigkeit, kann dies der Betroffenen abwerten, indem er eine Opferposition einnimmt oder dem Partner vorwirft, er sei egoistisch. Hierdurch kann er bei dem beschuldigten Partner ein schlechtes Gewissen erzeugen, so dass sich dieser nicht mehr traut, für sich einzutreten (vgl. Möhlenkamp 2004, S. 49 f.).

Nimmt der Partner noch andere Beziehungen auf oder unterhält diese, kann dies bei einigen Borderline-Betroffenen zu starken Eifersuchtsreaktionen und dem aggressiven Einfordern einer Zweierbeziehung führen (vgl. Reinert 2004, S. 195).

Bereits kleine Enttäuschungen genügen, um die Beziehungssicherheit zusammenbrechen zu lassen. Da kein echtes Vertrauen besteht, werden die Beziehungen immer wieder getestet und überprüft (vgl. Möhlenkamp 2004, S. 28).

Meiner Einschätzung nach basiert die Tatsache, dass sich viele Borderline-Betroffene an ihre jetzige Bezugsperson klammern und Angst davor haben, sie zu verlieren, auf dem frühen Erleben von Trennungen oder unsicheren Beziehungen. Da sie früher schon starke zwischenmenschliche Verluste erlebt haben, möchten sie vermeiden, dass sich diese wiederholen.

Eine Trennung bedeutet für viele Borderline-Betroffene eine Katastrophe. Häufig ist sie mit dem Gefühl verbunden, mit dem Verlust des anderen sich selbst zu verlieren. Dies ist vergleichbar mit dem Empfinden eines Kleinkindes, das den mütterlichen Kontakt verliert.

In einigen Fällen versuchen die Betroffenen immer wieder neu, die Beziehung zurück zu holen oder setzen die Beziehung auf der Fantasie- und Gefühlsebene fort. Dadurch entwickeln sich mitunter realitätsfremde Liebesfantasien, die sich zu verfolgendem Liebeswahn steigern können. Auch können Borderline-Betroffene mit ihrem Ex-Partner durch Hassgefühle verbunden sein, die sich bis zu Verfolgung, Gewaltanwendung und Nachspionieren steigern können (vgl. Möhlenkamp 2004, S. 51).

Die erlittenen Enttäuschungen bleiben oft ein Leben lang so präsent, als seien sie gerade erst geschehen. Sie führen bei den Betroffenen immer wieder zu Grübeleien, Rachegedanken und Selbstzweifeln, so dass sie sich häufig auf nichts anderes konzentrieren können, schlecht schlafen oder unter körperlichen Beschwerden leiden (vgl. Möhlenkamp 2004, S. 24).

4.2.2. Instabile zwischenmenschliche Beziehungen und Schwarz-Weiß-Denken

„(2) Ein Muster instabiler, aber intensiver zwischenmenschlicher Beziehungen, das durch einen Wechsel zwischen den Extremen der Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet ist“ (DSM-IV).

[...]

Ende der Leseprobe aus 87 Seiten

Details

Titel
Ursachen, Verlaufsformen und Heilungschancen von Borderline-Erkrankungen. Ein Handlungsfeld für die Soziale Arbeit?
Hochschule
Hochschule Hannover
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
87
Katalognummer
V144957
ISBN (eBook)
9783640535118
ISBN (Buch)
9783640534753
Dateigröße
698 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ursachen, Verlaufsformen, Heilungschancen, Borderline-Erkrankungen, Handlungsfeld, Soziale, Arbeit
Arbeit zitieren
Damaris Stämmler (Autor), 2008, Ursachen, Verlaufsformen und Heilungschancen von Borderline-Erkrankungen. Ein Handlungsfeld für die Soziale Arbeit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144957

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