Wenn Außenstehende über Geschwister eines Kindes mit Behinderung reden, werden oft bestimmte Eigenschaften oder Verhaltensweisen als „typisch“ benannt. Winkelheide und Knees (2003) führen folgende Stereotype an: „Geschwisterkinder sind überangepasst. Sie müssen immer zurückstehen. Sie kommen zu kurz, da die Eltern kaum Zeit haben. Sie übernehmen früh Verantwortung und engagieren sich sozial. Sie kümmern sich um schwächere Mitschüler, da sie das von ihrem Bruder, ihrer Schwester so gewöhnt sind“ (vgl. S. 25). Das typische Geschwisterkind, wie die Autoren zu Recht betonen, gibt es jedoch nicht. Denn für die Entwicklung der Persönlichkeit eines Menschen sind Familienkonstellation, Alter, Stellung in der Geschwisterreihe, sozialer Status, elterliche Zuwendung, Übernahme von Verantwortung und Einstellung der Eltern prägend. Die subjektive Bedeutung eines behinderten Kindes und seine Auswirkungen auf die Entwicklung der Geschwister hängen somit entscheidend von verschiedenen Einflussfaktoren unterschiedlicher Ebenen ab. Einerseits bestehen die Einflussfaktoren aus den äußeren Lebensbedingungen und situativen Faktoren und andererseits aus unterschiedlichen Persönlichkeitsvariablen (vgl. Hackenberg 1992b, S. 22).
Inwiefern sich die besondere Belastung, die das Zusammenleben mit einem behinderten Kind mit sich bringt, auf die psycho-soziale Entwicklung des Geschwisters auswirkt wird in den folgenden Ausführungen untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Einflussfaktoren auf die Entwicklung der Geschwisterkinder
2.1 Statische Einflussfaktoren
2.1.1 Art und Schwere der Behinderung
2.1.2 Alter, Geschwisterposition und Geschlecht
2.1.3 Familiengröße und sozioökonomischer Status
2.2 Variable Einflussfaktoren
2.2.1 Einstellung der Eltern
2.2.2 Übernahme von Verantwortung der Geschwisterkinder
2.2.3 Fehlende „Elternzeit“
3 Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Einflussfaktoren, die die psycho-soziale Entwicklung von Geschwistern behinderter Kinder maßgeblich bestimmen, um ein differenziertes Verständnis für deren Lebenssituation und Verarbeitungsstrategien zu entwickeln.
- Statische Einflussfaktoren wie Art der Behinderung und Familienkonstellation
- Die Rolle der elterlichen Einstellung und Zuwendung
- Belastung durch Übernahme von Verantwortung und Betreuungsaufgaben
- Sozioökonomische Faktoren und deren Einfluss auf den familiären Alltag
- Abgrenzung zwischen Klischees und empirischen Befunden zur Geschwisterbeziehung
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Art und Schwere der Behinderung
Nach Hackenberg (1996) kommt für die konkrete Lebenssituation der Geschwister der Art der Behinderung, das heißt körperliche, geistige, sichtbare und nicht sichtbare Behinderung, als auch der Schwere der Behinderung eine wesentliche Bedeutung zu (vgl. S. 8). Mit Ausmaß und Umfang, so konkretisiert Kasten (1993), nehmen die negativen Qualitäten und Problembelastungen innerhalb der Beziehung der Geschwister zu (vgl. S. 124). Dementsprechend zeigen Geschwister schwer behinderter Kinder nach den Ergebnissen der Studie von Hackenberg „weit mehr persönliche Belastungen und Einschränkungen als diejenigen leichter behinderter Kinder“ (Hackenberg 1992b, S. 108). Neben der Beschränkung der Freizeit, der Belastung durch Verhaltensstörungen des behinderten Kindes, gehören Probleme im sozialen Umfeld und die unfreiwillige Beschäftigung mit dem behinderten Geschwister. Die Betroffenen äußerten vermehrt Gefühle der Benachteiligung und Neid und erleben öfter Probleme in der Öffentlichkeit im Bezug auf die Behinderung, als die übrigen Kinder und Jugendlichen der Stichproben (vgl. Hackenberg 1992a, S. 13). Die Beziehung zur Mutter wird des Weiteren häufiger als gespannt empfunden und das behinderte Kind wird als der „Liebling der Eltern“ eingeschätzt (vgl. ebd.).
Aus den bisherigen Ergebnissen könnte man resultieren: „Je schwerer die Behinderung, desto schwerer und unglücklicher ist das Leben der Familie!“. Doch in einer Studie von Dr. Waltraud Hackenberg, in der sie jugendliche Geschwister behinderter Heranwachsender befragte, wurden überwiegend positive Beziehungsaspekte von den Befragten zum Ausdruck gebracht, die eine schwerst-mehrfach behinderte Schwester oder einen schwerst-mehrfach behinderten Bruder hatten.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die persönliche Motivation und die Fragestellung ein, ob und inwieweit das Zusammenleben mit einem behinderten Geschwisterkind dessen psycho-soziale Entwicklung beeinflusst.
2 Einflussfaktoren auf die Entwicklung der Geschwisterkinder: Dieses Hauptkapitel kategorisiert die Einflussgrößen in statische und variable Faktoren, um die komplexe Situation der Geschwister wissenschaftlich zu analysieren.
2.1 Statische Einflussfaktoren: Hier werden unveränderbare Bedingungen wie die Art der Behinderung, die Alterskonstellation sowie sozioökonomische Faktoren und deren Auswirkungen auf die Geschwister beleuchtet.
2.1.1 Art und Schwere der Behinderung: Dieser Abschnitt analysiert, wie der Grad der Behinderung und die Art der Beeinträchtigung die individuelle Belastung und Beziehungsqualität der Geschwister prägen.
2.1.2 Alter, Geschwisterposition und Geschlecht: Dieses Kapitel betrachtet die Bedeutung der Geburtsreihenfolge, des Altersabstands und des Geschlechts für die Rollenverteilung und Identitätsentwicklung.
2.1.3 Familiengröße und sozioökonomischer Status: Es wird untersucht, wie Ressourcen, Wohnsituation und die Anzahl der Familienmitglieder den Spielraum für nicht behinderte Kinder erweitern oder einschränken.
2.2 Variable Einflussfaktoren: Der Fokus liegt hier auf beeinflussbaren Faktoren wie dem elterlichen Erziehungsverhalten und der Familienatmosphäre.
2.2.1 Einstellung der Eltern: Dieser Teil beschreibt die Vorbildfunktion der Eltern und wie deren Akzeptanz oder Ablehnung der Behinderung die Bewältigungsstrategien der Geschwister beeinflusst.
2.2.2 Übernahme von Verantwortung der Geschwisterkinder: Es wird diskutiert, ob die Betreuungsrolle als belastendes Risiko oder als Beitrag zur persönlichen Reifung verstanden wird.
2.2.3 Fehlende „Elternzeit“: Hier wird der Konkurrenzkampf um elterliche Aufmerksamkeit und dessen Auswirkung auf das Wohlbefinden der Geschwister kritisch hinterfragt.
3 Resümee: Das Kapitel vergleicht die theoretischen Erkenntnisse mit der persönlichen Erfahrung des Autors und fordert eine intensivere Forschung auf diesem Gebiet.
Schlüsselwörter
Geschwisterkinder, Behinderung, Psycho-soziale Entwicklung, Familienkonstellation, Einflussfaktoren, Elternrolle, Verantwortungsübernahme, Belastung, Resilienz, Geschwisterbeziehung, Erziehung, Sozioökonomischer Status, Integration, Alltagsbewältigung, Familienentlastender Dienst.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Faktoren, welche die psycho-soziale Entwicklung von Kindern beeinflussen, die mit einem behinderten Bruder oder einer behinderten Schwester aufwachsen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die Unterscheidung zwischen statischen Rahmenbedingungen wie Behinderungsgrad und Familienstruktur sowie variablen Aspekten wie elterlichem Verhalten und Verantwortungsübernahme.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, warum sich Geschwister von behinderten Kindern sehr unterschiedlich entwickeln und welche Bedingungen als protektive oder belastende Faktoren wirken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine Literaturanalyse bestehender psychologischer und sonderpädagogischer Studien, ergänzt durch einen Abgleich mit persönlichen Erfahrungen aus der Praxis.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse statischer Faktoren (z.B. Art der Behinderung, Alter) und variabler Faktoren (z.B. elterliche Einstellung, Betreuungspflichten).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Geschwisterkind, Behinderung, Entwicklung, Familienklima und Verantwortungsübernahme.
Wie wirkt sich die Schwere der Behinderung auf die Beziehung der Geschwister aus?
Überraschenderweise zeigen Studien, dass eine schwerere Behinderung oft zu positiveren Beziehungsaspekten führt, da die Geschwister früher Expertenrollen und Verantwortung übernehmen, was ihr Selbstwertgefühl steigern kann.
Führt die Übernahme von Verantwortung im Haushalt zwingend zur Isolation?
Nein, die Arbeit zeigt, dass die Sorge, diese Kinder könnten in ihren sozialen Kontakten eingeschränkt sein, empirisch nicht bestätigt werden kann; oft gelingt es ihnen, ein soziales Netzwerk außerhalb der Familie erfolgreich aufzubauen.
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- Heiko Klug (Author), 2009, Familien mit schwerbehinderten Kindern, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144962