Frauen und Gesundheit


Diplomarbeit, 2003

88 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsdefinitionen
2.1 Was ist eine Frau?
2.2 Was ist Gesundheit?
2.3 Was ist Psychosomatik?

3 Die Entwicklung der weiblichen Identität
3.1 Die Kindheit
3.1.1 Geschlechtsspezifische Unterschiede
3.2 Die Pubertät
3.3 Die erwachsene Frau
3.3.1 Die Menstruation
3.3.2 Schwangerschaft und Geburt
3.4 Die Wechseljahre
3.5 Das Alter

4 Gesundheitliche Auswirkungen von Frauenarbeit in Beruf und Familie
4.1 Arbeitswelt und Familienleben in der Vergangenheit
4.2 Arbeitswelt und Familienleben in der Gegenwart
4.2.1 Mutterschaft
4.2.2 Erwerbstätigkeit
4.3 Erwerbstätigkeit und Gesundheit
4.4 Frauenarbeitslosigkeit und Gesundheit
4.5 Haus- und Familienarbeit und Gesundheit

5 Zusammenhang zwischen sozialer Lebenslage und Gesundheit von Frauen
5.1 Alkoholkonsum
5.2 Rauchen
5.3 Mundgesundheit

6 Ausgewählte Krankheiten
6.1 Brustkrebs
6.1.1 Ursachen
6.2 Essstörungen
6.2.1 Übergewicht und Adipositas
6.2.1.1 Ursachen
6.2.2 Magersucht oder Anorexia nervosa
6.2.2.1 Ursachen
6.2.3 Bulimie
6.2.3.1 Ursachen
6.3 Migräne
6.3.1 Ursachen

7 Schlussbetrachtung

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Mit dem Thema „Frauen und Gesundheit“ beschäftige ich mich schon lange, denn ich bin eine Frau. Während meinem BPS II in einem Mutter-Kind-Kurhaus sowie in der anschließenden Arbeit dort habe ich mich mit Frauen beschäftigt, die nicht gesund sind. Die Zusammenarbeit in einem interdisziplinären Team, bestehend aus Sozialpädagogen, Psychologen, Medizinern und Erziehern, macht bewusst, dass kranke Frauen nicht nur einfach Medikamente oder eine Erholungspause vom alltäglichen Stress brauchen, um ihren Körper funktionsfähig zu erhalten bzw. wieder funktionsfähig zu machen. Da ihre Lebensgeschichte sowie ihre individuelle Sozial- und Lebenslage einen wesentlichen Einfluss auf ihre psychische Verfassung und ihren Gesundheitszustand hat, sollte es deshalb bei der Behandlung einer kranken Frau auch darum gehen, die krankmachenden Umstände aufzuzeigen und Lösungen zu finden.

Frauen und Männer sind anders krank, handeln im Alltag anders, wenn es um Gesundheit und Krankheit geht, nehmen die medizinische Versorgung anders in Anspruch, unterscheiden sich in ihrem Gesundheitswissen, haben andere Wahrnehmungs- und Deutungsmuster im Umgang mit Gesundheit und Krankheit entwickelt, haben ein anderes Verhältnis zu ihrem Körper, zur Körperlichkeit, zur Sinnlichkeit und zur Schönheit aufzuweisen.[1]

Mit dieser Arbeit möchte ich Verbindungen aufzeigen zwischen der körperlichen und seelischen Entwicklung vom Mädchen zur Frau, was es bedeutet, in dieser Gesellschaft eine Frau zu sein und den eventuell daraus resultierenden frauenspezifischen Störungen der Gesundheit, kurz: die Psychosomatik der Frau.

Dafür sind vorab einige Definitionen notwendig. In Kapitel 2

erläutere ich daher die Begriffe Frau, Gesundheit und Psychosomatik. Zur Psychosomatik möchte ich vorab erklären, dass diese biologische, psychologische und soziale Elemente von Gesundheit als gleichwertig begreift. Eine Trennung zwischen der biologischen, personalen, zwischenmenschlichen und soziokulturellen Ebene kann nur künstlich sein. Dennoch habe ich diese Arbeit folgendermaßen aufgegliedert:

In Kapitel 3 beschäftige ich mich mit der Frau als Individuum, was am ehesten der biologischen und personalen Ebene entspricht. Ich zeige auf, welche Faktoren in den verschiedenen Altersstufen der weiblichen Entwicklung Einfluss auf die Gesundheit haben können.

In Kapitel 4 und 5 geht es um die Rolle der Frau in unserer Gesellschaft, welche die zwischenmenschliche und soziokulturelle Ebene umfasst.

Auf die gesundheitlichen Auswirkungen der spezifischen Belastungen durch Frauenarbeit in Beruf und Familie gehe ich in Kapitel 4 ein.

In Kapitel 5 stelle ich den Zusammenhang zwischen Sozial- und Lebenslage von Frauen und ihrem Gesundheitszustand dar.

In Kapitel 6 werde ich anhand ausgewählter Krankheiten darstellen, welchen Einfluss psychosomatische Risikofaktoren auf die Entstehung und den Verlauf von Krankheiten haben können.

2 Begriffsdefinitionen

Zu Beginn meiner Arbeit möchte ich die Begriffe „Frau“, „Gesundheit“ sowie „Psychosomatik“ definieren, da es mir wichtig ist, dass die Leser wissen, was ich darunter verstehe und wie ich sie im Verlauf der Arbeit anwende.

2.1 Was ist eine Frau?

Milleniumsfrau

Frau sein ist

Anpassen, einordnen, unterordnen

Verzichten

Alles geben,

Und mit nichts

Zufrieden zu sein!

Frau sein ist

Die Aneinanderreihung von

Kompromissen

Ein Leben lang!

Alice Lucklum[2]

Warum ist hierfür eine Definition notwendig? Weiß denn nicht jeder, was eine Frau ist? Hier kommt es mir nicht nur auf biologische Gegebenheiten an, sondern auch auf das Wesen (das Wesentliche?!) einer Frau.

Die gängige biologische Definition ist: Frau ist ein weiblicher, erwachsener Mensch, deren geschlechtsspezifische körperliche Merkmale geprägt sind durch ihre biologische Funktion der Fortpflanzung.[3]

Auf der Suche nach der sprachlichen Herkunft des Begriffes „Frau“ erfährt man, dass er sich im Deutschen von „frô = Herr“ ableiten lässt.[4] Ist Frau damit, wie Eva, die aus Adams Rippe geschaffen wurde, also nur eine „Ableitung“ des Mannes?

Für Bezeichnungen wie Fräulein, Weib oder Dame, die zudem meist abwertend gebraucht werden, findet sich kein männliches Äquivalent.

Andere Bezeichnungen für die Frau beziehen sich nicht auf die Frau selbst, sondern auf die Beziehung zum Kind (die Mutter) oder zum Mann (die Ehefrau, die „Jungfrau“, die Geliebte). Bei der Suche nach einer Definition spielen Vorurteile, Klischees und feste Rollenvorstellungen also eine große Rolle.[5]

Die Frau besitzt Fähigkeiten, die nur ihr zu eigen sind: die des Gebärens und des Nährens. „So ist die Frau Ursprung für Körper und Seele. Ihr Körper ... ist Symbol der Wandlung, der zyklischen Vorgänge, des Sterbens und Neuwerdens. Alles, was sie tut, wenn sie ihre ursprünglichen Quellen beachtet, steht im Einklang mit dem Leben, das sowohl konstruktiv wie destruktiv ist.“[6] PINKOLA ESTÉS bezeichnet die Frau als „die Hüterin der Lebenszyklen; das Gebärende und damit im Endeffekt Todbringende liegt ihr im Blut.“[7]

Aber „die Frau“ existiert nicht, so, wie „der Mann“ nicht existiert. Es gibt eine reiche Vielfalt weiblicher Realitäten, die trotzdem eines verbindet: sie sind vereinigt durch die universellen Bande des gleichen Geschlechts.

Die Natur oder das Wesen der Frauen zu definieren oder zu ergründen, sofern das überhaupt möglich ist, bedürfte es weitaus mehr als einen Abschnitt in einer Diplomarbeit, sind doch über dieses Thema bereits unzählige Bücher geschrieben worden - seit die Menschheit Bücher schreibt.

2.2 Was ist Gesundheit?

Nach Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist Gesundheit der Zustand völligen körperlichen, geistigen, seelischen und sozialen Wohlbefindens. Im engeren Sinne wird Gesundheit so als das subjektive Empfinden des Fehlens körperlicher, geistiger und seelischer Störungen bzw. Veränderungen definiert.[8]

Diese Definition von Gesundheit orientiert sich aber an männlichen Lebenszusammenhängen, denn sie impliziert, gesund ist, wer immer über die gleiche körperliche Leistungsfähigkeit und immer über die gleiche seelische Stimmungslage verfügt. Die normalen zyklischen Schwankungen des Befindens einer Frau finden aber in einem solchen Gesundheitsbegriff keine Berücksichtigung. Um nach solchen Definitionen als gesund zu gelten, müsste eine Frau ihre weiblichen Besonderheiten verleugnen; dann ist sie aber keine „richtige Frau“, also nicht gesund.[9]

Im Hinblick auf das Thema Frauen und Gesundheit unter besonderer Berücksichtigung der Psychosomatik möchte ich hier noch anmerken, wie wichtig es ist, das weibliche Geschlecht genauer wahrzunehmen und zu würdigen, denn „die Medizin wurde bisher so betrieben, als ob allein die Brüste, die Gebärmutter und die Eierstöcke einer Frau spezifisch weiblich seien – und als ob ihr Herz, ihr Gehirn und jeder andere Teil ihres Körpers identisch wären mit denen des Mannes. ... Die Daten, die vom männlichen Körper bekannt sind, gelten bis auf Ausnahmen als Standard für beide Geschlechter.“[10]

2.3 Was ist Psychosomatik?

Der Begriff Psychosomatik wurde 1818 von dem deutschen Arzt Heinroth geprägt.[11] Er setzt sich zusammen aus den Worten „Psyche“ (Seele) und „Soma“ (Körper). Sie ist die Lehre von den Beziehungen und Wechselwirkungen zwischen seelischen Vorgängen und körperlichen Erkrankungen und Gesundheitsstörungen, zwischen Körper und Seele, die untrennbar miteinander verbunden sind. Da Menschen in der Regel nicht als Einsiedler heranwachsen, muss in der psychosomatischen Medizin auch die gesamte soziale Umwelt mit kulturellen, ethnischen, klimatischen und anderen Faktoren berücksichtigt werden.[12] Daher wird in der Psychosomatik eine nicht-dualistische, ganzheitliche Sichtweise angestrebt.

In den magischen, schamanischen Heilverfahren, die in vielen Kulturen heute noch angewendet werden, finden sich Ansätze des psychosomatischen Krankheitsverständnisses. Doch bei uns herrscht bis heute eine Spaltung zwischen technisierter und pharmakologischer Medizin einerseits und Psychologie und Psychiatrie andererseits.[13] Der Mensch wird in der traditionellen Medizin so behandelt, als sei nur der Körper krank; die Psychiatrie behandelt nur die kranke Seele. Doch da der Mensch beides ist, Körper und Seele, und beides unmittelbar aufeinander einwirkt, gibt es „keine psychische Belastung, keinen seelischen Konflikt ganz ohne körperliche Folgen, es gibt auch keine körperlichen Erkrankungen, die sich nicht irgendwie seelisch bemerkbar machen.“[14]

So hat jede seelische Regung eine körperliche Entsprechung: Angst zum Beispiel kann körperlich lähmen, Scham lässt uns das Blut in den Kopf steigen - wir erröten, Freude lässt uns tanzen. Je stärker das Gefühl ist, desto intensiver ist auch der körperliche Ausdruck. Oft wird sogar zuerst der körperliche Ausdruck einer Emotion wahrgenommen, bevor die seelische Ursache dafür bewusst geworden ist. Hier besteht die Gefahr, die Körpersprache bewusst oder unbewusst nicht richtig wahrzunehmen, um unerwünschten Gefühlen keinen Raum zu lassen. Doch diese Gefühle sind auch dann vorhanden, wenn sie nicht gelebt und gefühlt werden.

Ein Beispiel: Aggression ist gerade bei Frauen eher unerwünscht. Mädchen werden zu Anpassung und Gehorsam erzogen. Äußern sie dennoch ihre Wut, werden sie oft dafür bestraft. Nun versucht die erwachsene Frau, ihre Wut nicht zu zeigen und zu unterdrücken, oder sie fühlt sich womöglich noch schuldig, überhaupt wütend zu sein. Das kann dann auf Dauer zu einer psychosomatischen Erkrankung führen.

Dasselbe gilt umgekehrt für Bedürfnisse des Körpers, die nur ungenügend oder gar nicht befriedigt werden. Jedem Menschen ist das Streben nach Entfaltung und Bewegung angeboren. Wird dieser Drang zum Beispiel durch einschränkende Erziehung und Moralvorstellungen gebremst, verschlechtert sich der Körperzustand, was wiederum die Seele als Gefühlszustand übernimmt.[15]

Da hinter psychosomatischen Krankheiten meist „ungelöste Konflikte, Gefühle von Schuld, Ausweglosigkeit und Sinnlosigkeit, unerfüllte Wünsche und ungelebte Gefühle“[16] stehen, ist es entscheidend, diese auf psychotherapeutischem Wege aufzudecken. Dabei muss sehr behutsam vorgegangen werden, da die Verdrängung aus dem Bewusstsein nicht grundlos stattfand.

Das macht deutlich, wie wichtig die Bereitschaft zur Mitarbeit und Eigenverantwortlichkeit des einzelnen Patienten ist. Nur mit dem Verständnis der Zusammenhänge zwischen Krankheit und individueller Lebenssituation können Veränderungen gefunden und umgesetzt werden.

Die Gegensätzlichkeit zwischen Körper und Seele bleibt leider sowohl in der Theorie als auch in der ärztlichen Praxis erhalten, „wie ja schon allein durch das Wort Psychosomatik zum Ausdruck gebracht wird.“[17]

3 Die Entwicklung der weiblichen Identität

Von der Kindheit bis zum Alter durchleben Frauen eine ganze Reihe von physiologischen und psychologischen Veränderungen, die sich meist auch auf ihre soziale Rolle auswirken:

Mädchen erfahren eine andere Erziehung als Jungen. Ihre Beziehung zur Mutter ist von besonderer Wichtigkeit für die Entwicklung von Authentizität und Selbstachtung. In der Pubertät finden sowohl äußerlich als auch innerlich massive Veränderungen statt. Empfängnisverhütung und Familienplanung werden Themen, mit denen sich die Frau meist auseinandersetzen muss. Schwangerschaft und Entbindung bedeuten enorme organische, hormonelle und seelische Umstellungen. Schwangerschaftsabbrüche stellen für die betroffene Frau eine starke körperliche und seelische Belastung dar. Ungewollt kinderlose Frauen geraten in schwere Krisen. Mütter haben ein Übermaß an Stress zu verkraften, wenn sie mit Haushalt, Mann, Kindern und Beruf drei- bis vierfach belastet sind. In den Wechseljahren und auch im Alter erfährt die Frau erneut körperliche und seelische Veränderungen. MARGRET MINKER nennt diese Umbrüche „spezifisch weibliche Reifungskrisen“.[18] Krisen sind Zeiten der Veränderung, aus ihnen geht etwas Neues hervor. Viele Frauen bewältigen diese Krisen mehr oder weniger leicht. Unter ungünstigen Umständen können jedoch Konflikte auftreten, mit denen die Frau nicht so leicht fertig wird und in denen möglicherweise die Ursache für psychosomatische Krankheiten zu finden ist.

Darum möchte ich hier näher auf die Altersstufen in der weiblichen Entwicklung eingehen und erklären, zu welchen Konflikten es jeweils kommen kann.

Lebensstufen

Unbedarft auf diese Welt kommen,

Lernen als Freude empfinden,

Verbogen werden,

In der Pubertät schmerzhaft erfahren,

Was die Gesellschaft

Erwartet

Sich ein- und unterordnen,

Damit man in dieser

Gesellschaft sein Auskommen hat,

Mit dem man ein

Leben führen kann

Ein Leben, das erwartet,

Die eigenen Kinder

Wieder so zu verbiegen,

Dass von deren

Individualität genauso viel übrig bleibt,

Wie von den

Träumen, die man selbst einmal hatte!

Alice Lucklum[19]

3.1 Die Kindheit

In der frühen Entwicklung eines Kindes wird das Selbstempfinden ausgebildet und das Selbstbewusstsein geprägt. Das Neugeborene erlebt wechselnde Gefühlszustände und Sinneseindrücke, Bedürfnisse wie z. B. Hunger und Durst und deren Befriedigung durch die Bezugsperson. Es lernt durch Erfahrungen zu unterscheiden und Grenzen zu finden. Unangemessene Angebote und die Erfahrung von Überfluss oder Mangel erschweren diese Entwicklung des Gefühls für die eigene Identität.

Die Haut ist in dieser Zeit als „Grenzorgan“ von besonderer Bedeutung: Ein Zuviel an körperlicher Zuwendung kann bei dem Kind das Gefühl erwecken, dass seine Grenzen nicht geachtet werden; ein Zuwenig oder widerwillige Zuwendung können dazu führen, dass das Kind sich selbst ablehnt.

Ähnlich verhält es sich bei der Nahrungsaufnahme: Eine Überfütterung hat ebenso wie mangelnde Versorgung einen Einfluss auf das spätere Essverhalten.

Die Achtung des Eigenrhythmus des Kindes ist also von großer Bedeutung. Nur so kann es die Fähigkeit entwickeln, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und „lernen, selbst zu dosieren, im Fordern wie im Geben.“[20]

Auch die Entdeckung des eigenen Geschlechtsorgans fällt in diese Zeit. Das Verhalten der Bezugspersonen beim Baden und Wickeln spielt eine wichtige Rolle für die Selbsterfahrung und die eigene Sexualität des Kindes.[21]

3.1.1 Geschlechtsspezifische Unterschiede

Einem Neugeborenen sieht man auf den ersten Blick meist nicht an, zu welchem Geschlecht es gehört. Unsere Wahrnehmung und unser Verhalten wird von dem Wissen beeinflusst, ob es sich um ein Mädchen oder einen Jungen handelt. Die ersten geschlechtsspezifischen Unterschiede sind also in der Wahrnehmung der Außenwelt begründet, denn das Kind selbst ahnt ja derzeit noch nichts von seiner Geschlechtszugehörigkeit.[22] Aus diesem Grund verläuft die Entwicklung in den ersten 24 Lebensmonaten bei Mädchen und Jungen unterschiedlich.

Bis zum dritten Lebensmonat werden Jungen häufiger als Mädchen gleichen Alters in den Arm genommen und auch länger gehalten. Wie oben bereits erwähnt, hat die Haut für die Selbstentwicklung eine große Bedeutung. Mädchen bekommen dann ab dem dritten Lebensmonat mehr Zuwendung, und infolge des Mangels, den sie bis dahin erlebt haben, werden sie sehr anhänglich, während bei Jungen bereits die Hinwendung nach außen gefördert wird.[23] Auch in ihren körperlichen Fähigkeiten werden Mädchen weniger gefördert, was zur Folge hat, dass sie sich unsicherer und weniger stark fühlen, als sie tatsächlich sein könnten.[24]

Beim Stillen und auch bei den Flaschenmahlzeiten wurden Unterschiede bei Mädchen und Jungen beobachtet. So wird Jungen insgesamt und auch pro Stillvorgang bzw. Flaschenmahlzeit mehr Zeit eingeräumt und sie dürfen auch ihren Schnuller länger behalten als Mädchen. Diese werden öfter als Jungen dazu angehalten, schneller zu trinken. Hier zeigt sich, dass der Eigenrhythmus bei Mädchen weniger gewürdigt wird, sie werden eher nach festen Zeitplänen als nach eigenem Hungergefühl gefüttert.[25] Das kann zu Essstörungen und „späteren Schwierigkeiten beim Umgang mit anderen Eigenrhythmen“[26] führen.

Bei der Nahrungsaufnahme geht es nicht allein um die Ernährung. Die enge körperliche Verbindung zwischen Mutter und Kind hat eine wichtige Bedeutung für die spätere Beziehungsfähigkeit. Wie es scheint, können Frauen die Nähe zu Jungen eher akzeptieren als zu Mädchen, denn mit dem Stillen sind auch Lustgefühle verbunden, welche offenbar mit der gleichgeschlechtlichen Tochter weniger akzeptiert werden können. Das bedeutet für das Mädchen, dass „sie nicht so, wie sie ist, angenommen und schon gar nicht begehrt wird.“[27]

Auch bei der Sauberkeitserziehung fällt auf, dass von Mädchen früher Selbstständigkeit erwartet wird, die auch strenger durchgesetzt wird.[28] Zudem wird den äußeren Geschlechtsorganen von Jungen eine größere liebevolle Aufmerksamkeit zuteil, für die Pflegepersonen eine Fülle von Bezeichnungen finden – bis hin zum eigenen Namen. Die Benennung der weiblichen Geschlechtsorgane scheint hingegen Schwierigkeiten zu bereiten, denn die „Scham“ wird meist nur erwähnt, wenn „untenrum“ Reinigungsbedarf besteht. In solchen Bezeichnungen steckt „die Peinlichkeit des weiblichen Geschlechtsorgans“[29]. Wieder – wie bereits oben erwähnt – fühlt sich das kleine Mädchen nicht so akzeptiert wie sie ist, muss sie doch erfahren, dass ihre Geschlechtsorgane, anders als bei Jungen, tabuisiert werden. Mädchen können so nur schwer ein positives Körperbild entwickeln, dass jedoch für die Entwicklung eines guten Selbstbewusstseins wesentlich ist.

Bei der Auswahl des Spielzeugs gibt es weitere Unterschiede. Die klassischen Beispiele sind Puppen für Mädchen, die gepflegt und umsorgt werden, einen Namen bekommen, nicht auswechselbar sind und zum Gegen über für das Kind werden; Jungen spielen mit Autos, diese sind meist austauschbar, es sind Gegen stände, die benutzt werden. Und - im Gegensatz zum Mädchen mit ihrer Puppe - entwickeln Jungen kaum eine gefühlsbetonte Verbindung zu Autos. Damit wird deutlich, dass Mädchen sich eher an dem orientieren, was sich innerhalb der Familie bzw. des Hauses abspielt, während Jungen nach außen expandieren.[30]

Auch die bei Mädchen stärkere Beurteilung nach dem äußeren Erscheinungsbild beginnt bereits im Kleinkindalter. Damit wird der körperlichen Schönheit eine Relevanz beigemessen, die bei Frauen immer wieder Minderwertigkeitsgefühle hervorruft, zum Beispiel, wenn sich ihr Körper durch Gewichtszunahme oder Schwangerschaft verändert.[31]

Insgesamt werden Mädchen viel früher als Jungen zu Selbstständigkeit und Sauberkeit erzogen. Sie sollen möglichst wenig Arbeit machen, rücksichtsvoll und verantwortungsbewusst sein. Mit dieser beziehungsorientierten Erziehung von Mädchen wird aber auch deren Aggression gehemmt, Fürsorglichkeit und Harmoniebedürfnis bekommen eine größere Bedeutung als ein angemessenes Maß an Egoismus. All diese Erziehungsmaßnahmen, die sich tief im Unterbewusstsein der Frau verankern, können im weiteren Lebenslauf Auslöser für psychosomatische Krankheiten werden.

3.2 Die Pubertät

Die Zeit der Pubertät ist besonders für Mädchen verbunden mit gravierenden körperlichen, seelischen und auch sozialen Veränderungen. Vielfältige Konflikte, die zum Beispiel durch das Einsetzen der Menstruation, die Entwicklung der Brust und den ersten Geschlechtsverkehr auftreten, sind zu bewältigen, und auch solche, die mit Verhaltens- und Rollenerwartungen zu tun haben und daher nicht naturgegeben sind.

Zu Beginn der Pubertät verändert sich der Hormonhaushalt. Dieser steuert die Reifung der Eierstöcke, das Wachstum der Brust, der ersten Haare am Genitale und in der Achselhöhle sowie das Wachstum der Gebärmutter, die schließlich die Schleimhaut aufbaut, was dann zur ersten Menstruation (Menarche) und damit zum Erreichen der biologischen Geschlechtsreife führt.[32]

Die Menarche setzt heute im Durchschnittsalter von 12,9 Jahren[33] ein und ist ein Meilenstein in der Entwicklung zur Frau. Dieser Übergangsprozess kann von sehr ambivalenten Gefühlen begleitet werden: der Freude, erwachsen zu werden und der Trauer, nicht mehr länger Kind zu sein.[34] Die Vorbereitung und Aufklärung des Mädchens auf die Menarche wird hauptsächlich von der Mutter übernommen. Daher hat die mütterliche Einstellung generell einen wesentlichen Einfluss auf das spätere Erleben von Mädchen, auch wenn sie heute, zum Beispiel durch Medien wie „Bravo“, vermeintlich offen aufgeklärt werden. Nur rund ein Drittel der Mädchen wird gut vorbereitet und erlebt die Menarche und Menstruation eher als normalen Entwicklungsschritt. Schlecht vorbereitete Frauen haben die Menarche in eher negativer Erinnerung, verbunden mit Scham, Unsicherheit, Ekel, Angst und Schmerzen oder ambivalenten Gefühlen.[35]

Schwierigkeiten mit ihrem eigenen Körperbild oder mit ihren eigenen Empfindungen machen es vielen Frauen nicht leicht, ihren Töchtern ein positives Vorbild zu sein und die Menarche zum Beispiel, wie in anderen Kulturen durchaus üblich, als wichtigen Einschnitt in ihrem Leben zu feiern. Bei ihnen macht sich die „kulturelle Missachtung ihrer Leiblichkeit“[36] deutlich bemerkbar. Zudem setzt mit der Menarche die Möglichkeit der Fruchtbarkeit ein, die aber für junge Mädchen ein Risiko bedeutet, denn sie sollen ja jetzt noch keine Kinder bekommen.

Ein Ereignis, das mit so unterschiedlichen Gefühlen besetzt ist, ist auch sehr anfällig für Störungen, zum Beispiel tritt die Menarche zu spät ein oder die Menstruation wird von starken Schmerzen begleitet. Von „primärer Amenorrhoe“ spricht man, wenn die erste Regel bis zum 16. Lebensjahr noch nicht aufgetreten ist, was sowohl körperliche als auch seelische Ursachen haben kann. Eine hormonelle Behandlung von betroffenen Mädchen kann diese allerdings in große seelische Konflikte stürzen, wenn die Ursache psychischer Natur ist, d. h., das Mädchen ist vermutlich einfach noch nicht so weit. Eine „sekundäre Amenorrhoe“ bedeutet das Ausbleiben der Menstruation nach der Menarche. Die Ursachen hierfür liegen fast ausschließlich im seelischen Bereich.[37]

Analog zur körperlichen verläuft die seelische Weiterentwicklung. Diese Zeit der Orientierungssuche wird maßgeblich durch äußere Einflüsse wie gesellschaftliche Werte und Normen geprägt. Das zeigt sich deutlich, wenn die äußeren Veränderungen des Körpers plötzlich „eine soziale Bedeutung für die Kontakte zu anderen Menschen“[38] bekommen. Mit der sexuellen Reife wird die junge Frau auch zum „Objekt sexuellen Begehrens für andere“[39], so das sie sich ständig zusätzlich zur eigenen auch mit der Sexualität des anderen Geschlechts auseinandersetzen muss.

In unserer Kultur werden Idealvorstellungen vermittelt darüber, wie der Frauenkörper auszusehen hat. Eine entsprechend gut aussehende Frau erweckt das Interesse von Männern. Sollte die Brust nicht dem gerade gängigen Modediktat entsprechen, wird sie mit einem BH in Form gebracht oder sogar operiert. Der Po muss straff sein, der Bauch flach, die unbehaarten Beine lang und so weiter und so fort. Das wirft bei vielen heranwachsenden Mädchen Ängste und Unsicherheiten auf, die sie veranlassen, mit ihrem Körper zu experimentieren. Die Folgen für das Selbstbewusstsein sind erheblich und können Faktoren für spätere (psychosomatische) Erkrankungen enthalten.[40]

Das die Verarbeitung der pubertären Konflikte für Mädchen oft problematisch ist, zeigt sich auch in ihrer steigenden Unzufriedenheit mit ihrem Körper, während bei Jungen in der gleichen Zeit die Zufriedenheit mit ihrem Äußerem wächst.[41]

Zudem gehen Mädchen mit Konflikten anders um als Jungen. Was sie bereits in ihrer Kindheit erlernt haben, ist ja, dass Mädchen brav sind - Aggressivität wird bestraft und gilt als unweiblich. So erlebt die junge Frau eine Aufwertung von außen, wenn sie ihre eigenen Bedürfnisse zugunsten der Erwartungen anderer ignoriert.[42]

Den ersten Geschlechtsverkehr erleben die meisten Jugendlichen im Alter von durchschnittlich 16,6 Jahren.[43] Hier wird allerdings nur von heterosexuellem Geschlechtsverkehr ausgegangen, homosexuelle Erfahrungen wurden nicht berücksichtigt. Für fast alle jungen Frauen ist dieses ein Erlebnis, das auf das zukünftige Sexualerleben Einfluss hat. Die Auseinandersetzung mit der noch fremden männlichen Sexualität macht mitunter Angst. Die Beziehung zum Partner und zum anderen Geschlecht generell muss neu durchdacht werden. Außerdem muss die junge Frau sich mit Empfängnisverhütung und dem Schutz vor AIDS und anderen durch Geschlechtsverkehr übertragbaren Krankheiten auseinandersetzen. Der erste Gang zum Frauenarzt, der wiederum mit vielen Konflikten verbunden sein kann, fällt oft in diese Zeit. Sexuelle Aktivität verändert also das Leben von jungen Frauen ganz enorm.[44]

Störungen des sexuellen Erlebens und des Körperbildes, das in der Pubertät so umwälzend neu gestaltet wird, sind häufig „eine Mitursache für psychosomatische Erkrankungen der weiblichen Organe, für Beschwerden und Schmerzen, für die sogenannte ‚Frigidität’ und Erlebnisunfähigkeit, für Störungen der Menstruation und ungewollte Kinderlosigkeit, Störungen des Geburtserlebens und für das Erleben des Klimakteriums.“[45]

3.3 Die erwachsene Frau

Am Ende der Pubertät ist aus der Jugendlichen eine erwachsene Frau geworden. Die Ereignisse aus der Zeit der Kindheit und der Pubertät liegen zwar hinter ihr, haben jedoch entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung ihrer Individualität gehabt. Das bedeutet jedoch nicht, das damit ihre Persönlichkeitsentwicklung abgeschlossen ist. Die Weiterentwicklung ihrer Fähigkeiten, mit der Wirklichkeit umzugehen, ist von großer Bedeutung für die Auseinandersetzung mit ihrem Sein - in der Gegenwart und auch in der Zukunft. Denn jede Erfahrung, egal ob positiv oder negativ, die eine Frau in einer bestimmten Situation macht, wie sie sich in der entsprechenden Situation verhält und wie sie sie erlebt, prägt ihr weiteres Leben und beeinflusst die seelische Entwicklung. OLBRICHT beschreibt die Entwicklung der Ich-Funktionen Abgrenzungsfähigkeit, Selbstkonstanz, Kommunikations- und Beziehungsfähigkeit, Objektkonstanz, Umgang mit Trieben und Affekten, Urteilsfähigkeit und Realitätsprüfung sowie Frustrationstoleranz.[46] Sicherlich hat jede dieser Ich-Funktionen entscheidenden Einfluss auf das seelische Befinden und damit auf die umfassende Gesundheit einer Frau. Auf jede einzelne einzugehen, würde allerdings den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Daher möchte ich hier lediglich die Abgrenzungsfähigkeit genauer darstellen, denn diese ist besonders bei Frauen oft sehr gering ausgebildet.

[...]


[1] vgl. Bedenbecker-Busch/Wohlfart in: Die Gesundheit der Männer ist das Glück der Frauen?, S. 7

[2] Lucklum, S. 19

[3] vgl. www.aol.wissen.de, Stichwort Frau

[4] vgl. www.aol.wissen.de, Stichwort Frau

[5] vgl. Olbricht (b), S. 64

[6] Olbricht (b), S. 68

[7] Pinkola Estés, S. 147

[8] vgl. www.umweltlexikon-online.de, Stichwort Gesundheit

[9] vgl. Olbricht (c), S. 25

[10] Legato, S. 15 f.

[11] vgl. Minker, S. 32

[12] vgl. Olbricht (c), S. 13

[13] vgl. www.aol.wissen.de, Stichwort Psychosomatik

[14] Olbricht (a), S. 17

[15] vgl. Minker, S. 21 ff.

[16] Olbricht (a), S. 22

[17] Hertz/Molinski, S. 5

[18] Minker, S. 102

[19] Lucklum, S. 18

[20] Olbricht (c), S. 35

[21] vgl. ebd., S. 36

[22] vgl. ebd., S. 33

[23] vgl. Olbricht (c), S. 38

[24] vgl. Minker, S. 90

[25] vgl. ebd., S. 89

[26] vgl. Olbricht (c), S. 39

[27] ebd., S. 40

[28] vgl. Olbricht (c), S. 41

[29] ebd., S. 47

[30] vgl. ebd., S. 47 f.

[31] vgl. Minker, S. 91

[32] vgl. Hertz/Molinski, S. 17

[33] vgl. Schriftenreihe des BM FSFJ; Bd. 209, S. 278

[34] vgl. Schindele (b), S. 112

[35] vgl. Schriftenreihe des BM FSFJ; Bd. 209, S. 278 f.

[36] Schindele (b), S. 112

[37] vgl. Olbricht (c), S. 74

[38] Schriftenreihe des BM FSFJ; Bd. 209, S. 277

[39] Minker, S. 109

[40] vgl. Olbricht (c), S. 75 ff.

[41] vgl. Schriftenreihe des BM FSFJ; Bd. 209, S. 277

[42] vgl. Olbricht (c), S. 79

[43] vgl. Schriftenreihe des BM FSFJ; Bd. 209, S. 279

[44] vgl. Minker, S. 111 f.

[45] Olbricht (c), S. 80

[46] vgl. ebd., S. 96 ff.

Ende der Leseprobe aus 88 Seiten

Details

Titel
Frauen und Gesundheit
Hochschule
Universität Kassel
Note
2
Autor
Jahr
2003
Seiten
88
Katalognummer
V14498
ISBN (eBook)
9783638198868
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frauen, Gesundheit
Arbeit zitieren
Susan Derouiche (Autor), 2003, Frauen und Gesundheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14498

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