Thomas Pynchon gilt als einer der Hauptvertreter der amerikanischen Postmoderne. Sein erster Roman V. wird meist der frühen Postmoderne zugeordnet. So besitzt V. eine große Themenvielfalt, ist collagenhaft angeordnet, bietet eine große Variation von Techniken und Stilen und erlaubt keine einheitliche Deutung.
Die Besonderheit V.s ist aber nicht (allein) seine Postmodernität, sondern die beständige Suche nach Antworten, nach Einheit und Eindeutigkeit und nach Sinn. Diese Suche findet ihre Äußerung im Fehlen eines Zentrums. Statt einer linearen, an einem Zentrum orientierten Erzählung ist V. eine vielfach vernetzte Struktur aus zwei (in sich multiplen) Handlungssträngen, die parallel bzw. gleichzeitig und sich zeitweise berührend und überschneidend zueinander verlaufen.
V. als komplexes Ganzes, als Theorie, entsteht dabei nicht allein durch das Nebeneinander zweier Protagonisten, sondern durch das sinnstiftende Lesen des Rezipienten. Der Leser spiegelt durch seine eigene Sinnstiftung das Thema des Romans (als die Konstruiertheit von Sinn). Das Ergebnis einer solchen Suche ist in der Fiktion dasselbe wie in der Realität: „The world is all that the case is“, oder: Der Roman ist sein Inhalt. Dieser Inhalt ist in V. bereits sehr viel, entscheidend ist aber, dass der Roman nicht mehr ist, nichts zusätzliches.
Gerade die eben herausgestellten Besonderheiten des Romans, sein Vernetzungsaspekt , die damit einhergehende Heterogenität, aber auch die Deutung des Romans unter dem Gesichtspunkt des Wittgensteinschen Zitats kann durch Gilles Deleuzes und Félix Guattaris Rhizomtheorie präzise beschrieben und analysiert werden. Die 5 Prinzipien der Rhizomtheorie verweisen auf signifikante Eigenschaften V.s und scheinen den Roman besser zu erklären als es die Reduktion auf eine bilineare Struktur vermag.
Ziel dieser Arbeit ist es deshalb, das Pynchonsche Geflecht von Handlung als ein solches Rhizom zu lesen. Hierzu wird zunächst die Theorie von Deleuze und Guattari, vor allem an Hand der von ihnen definierten Prinzipien eines Rhizoms erläutert und anschließend auf V. als Ganzes und mittels exemplarischer Details des Romans angewendet. Deleuzes und Guattaris Rhizomtheorie wird in dieser Arbeit pragmatisch besprochen, d.h. dass ideologische Aspekte der Theorie nur insoweit Betrachtung finden, wie sie der Deutung V.s als Rhizom nützlich sind. Ebenso wird V. nicht im Detail besprochen, sondern nur unter rhizomatischen Gesichtspunkten analysiert.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Rhizomtheorie
2.1 Baumstruktur – Rhizom: Abgrenzung und Einleitung
2.2 Prinzipien der Rhizomtheorie
2.3 Der rhizomatische Text und die Postmoderne
3 Thomas Pynchons V.
3.1 Besonderheiten des Romans
3.2 Anwendung der Rhizomtheorie
3.3 Bewertung der Anwendung
4 Schlussteil und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Roman "V." von Thomas Pynchon unter Anwendung der von Gilles Deleuze und Félix Guattari entwickelten Rhizomtheorie, um dessen komplexe, zentrumslose Struktur und die darin angelegte Vielheit zu analysieren.
- Analyse von Thomas Pynchons Roman V. als zentrumloses Rhizom
- Anwendung der fünf Prinzipien der Rhizomtheorie auf literarische Strukturen
- Untersuchung der sozialen Vernetzung und Erzählvielheiten im Roman
- Abgrenzung der rhizomatischen Textstruktur von linearen, binären Modellen
Auszug aus dem Buch
3.1 Besonderheiten des Romans
Thomas Pynchons V. zeichnet sich durch die Absenz eines Zentrums, äußerst vielfältige Themen und eine komplexe Handlung aus. Handlungsstränge sind miteinander verwoben, ergeben aber keine Haupthandlung, es gibt kein Zentrum, das sich als Ausgang- und Endpunkt des Romans definieren lässt. „Pynchon thus opens up the space of narrative, the 'middle' region between origin and ending that his novels occupy.“ Es handelt sich vielmehr um ein zentrumloses Rhizom: eine dezentralisierte Vernetzung von Handlung.
In der Sekundärliteratur wird die Struktur des Romans häufig als bilinear betrachtet. Der Roman besitzt demnach zwei Haupthandlungsstränge und Protagonisten: Benny Profane und Herbert Stencil. Die beiden Charaktere begegnen sich zwar, gehen aber keine Verbindung ein: weder nehmen sie aufeinander Einfluss, noch verändern sie sich durch die Begegnung mit dem anderen. Es handelt sich also um zwei Teile eines Romans, die zwar miteinander verknüpft sind, aber nicht in einer Einheit aufgehen, sondern koexistieren. Während ihre gleichzeitige Existenz für die Protagonisten keine Bedeutung hat, ist sie für die Sinnkonstituierung des Lesers essentiell. So handelt es sich bei Profane und Stencil um Repräsentanten zweier diametral entgegengesetzter Konzepte, dem Chaos und der Ordnung.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik postmoderner Literatur ein und etabliert Thomas Pynchons Roman V. als primäres Untersuchungsobjekt, das durch eine komplexe, collagenhafte Struktur geprägt ist.
2 Rhizomtheorie: Dieses Kapitel erläutert das von Deleuze und Guattari entwickelte rhizomatische Modell als Gegenentwurf zur hierarchischen Baumstruktur und definiert die fünf zentralen Funktionsprinzipien des Rhizoms.
2.1 Baumstruktur – Rhizom: Abgrenzung und Einleitung: Hier erfolgt eine theoretische Abgrenzung der flexiblen, vernetzten Rhizomstruktur gegenüber dem binär organisierten, starreren Baummodell.
2.2 Prinzipien der Rhizomtheorie: Eine detaillierte Darstellung der fünf Grundprinzipien – Konnexion, Heterogenität, Vielheit, asignifikanter Bruch und Kartographie –, die das Funktionieren eines Rhizoms bestimmen.
2.3 Der rhizomatische Text und die Postmoderne: Dieser Abschnitt überträgt die Rhizomtheorie auf die Literaturwissenschaft, indem er das Buch als offenes System betrachtet, das durch Vernetzung mit anderen Diskursen Wirklichkeit konstruiert.
3 Thomas Pynchons V.: Einführung in die spezifische Romanstruktur von V., die als dezentralisiertes Geflecht ohne Haupthandlung beschrieben wird.
3.1 Besonderheiten des Romans: Analyse der zwei Haupthandlungsstränge um Profane und Stencil, die als vernetzte Erzählvielheiten statt als lineare Erzählungen gedeutet werden.
3.2 Anwendung der Rhizomtheorie: Praktische Anwendung der Theorie auf den Roman, wobei insbesondere die soziale Vernetzung der Charaktere und die wechselnden Perspektiven als rhizomatische Elemente aufgezeigt werden.
3.3 Bewertung der Anwendung: Synthese der Ergebnisse, die bestätigt, dass die Rhizomtheorie eine differenziertere Analyse der Komplexität von V. ermöglicht als herkömmliche Kategorisierungen.
4 Schlussteil und Ausblick: Abschließende Reflexion, die den Erfolg der rhizomatischen Lesart von V. bestätigt und weitere Forschungsfragen zur Rezeptionsgeschichte anstößt.
Schlüsselwörter
Rhizomtheorie, Thomas Pynchon, V., Postmoderne, Erzählvielheit, soziale Vernetzung, Intertextualität, Dekonstruktion, Literaturwissenschaft, Kollagetechnik, Sinnstiftung, Deleuze und Guattari, asignifikanter Bruch, Kartographie, Komplexität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den Roman V. von Thomas Pynchon unter der theoretischen Perspektive der Rhizomtheorie von Gilles Deleuze und Félix Guattari.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die Struktur postmoderner Literatur, das Fehlen eines Zentrums in Romanen, die Konstruktion von Wirklichkeit durch Sprache sowie die soziale Vernetzung von Charakteren.
Welches Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, das komplexe Pynchonsche Handlungsgeflecht als rhizomatische Struktur zu lesen und damit die "Vielheit" des Romans besser verständlich zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine deduktive literaturwissenschaftliche Analyse, bei der die fünf Prinzipien der Rhizomtheorie (Konnexion, Heterogenität, Vielheit, asignifikanter Bruch und Kartographie) auf V. angewendet werden.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die Anwendung der Theorie auf die beiden Erzählstränge um Benny Profane und Herbert Stencil, ihre soziale Verknüpfung und die Fragmentierung der Erzählperspektiven.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Rhizomtheorie, Postmoderne, Erzählvielheit, soziale Vernetzung, Komplexität und Sinnstiftung.
Inwiefern unterscheidet sich die Stencil-Erzählung von der Profane-Erzählung im Kontext der Theorie?
Während Profane eher passiv und strukturlos als Teil einer chaotischen Vielheit agiert, erzeugt Stencil durch seine paranoide Suche (das "Stencilising") und seine ständig wechselnden Identitäten aktiv neue komplexe Gespinste.
Welche Rolle spielt der Zufall bei der rhizomatischen Struktur von Pynchons V.?
Der Zufall fungiert als Katalysator für Verknüpfungen (etwa durch Koinzidenzen bei Personen oder Orten), die keine inhaltliche Notwendigkeit besitzen, aber die rhizomatische Vernetzung des Romans konstituieren.
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- Sarah Schmidt (Author), 2007, Thomas Pynchons V. - Anwendung der Rhizomtheorie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/144988