Ganztagsschulen sind ins Zentrum der bildungspolitischen Debatten in der Bundesrepublik Deutschland gerückt. Insbesondere die erschreckenden Ergebnisse der großen Leistungsvergleichsstudien (PISA, TIMSS und IGLU) haben gezeigt, dass das bundesdeutsche Schulsys-tem krankt: Das Leistungsniveau der deutschen Schülerinnen und Schüler liegt deutlich unter dem Durchschnitt der Industrieländer. Weiterhin ist unser Bildungssystem hochgradig sozial ungerecht: in keinem anderen vergleichbaren Land entscheidet die soziale Herkunft so sehr über den Bildungserfolg von Kindern wie in Deutschland. Auch bei der Integration und Förderung von Kindern nichtdeutscher Herkunft liegt die Bundesrepublik auf den letzten Plätzen. Ein Bildungsnotstand in Deutschland, der auf Entwicklungsprobleme des Schulsystems, der Schulen und des Unterrichts hinweist, wurde offensichtlich. Um die Qualität von Bildung, die Rahmenbedingungen an Schulen und damit die Zukunft der Kinder nachhaltig zu verbessern, hat die Bundesregierung im Rahmen des Programms „Zukunft, Bildung und Betreuung“ seit Mai 2003 mit dem flächendeckenden Ausbau von Ganztagsschulen in Deutschland be-gonnen. Das fast ausschließlich auf Halbtagsschulen bauende deutsche Schulsystem soll reformiert werden, die im internationalen Vergleich bestehende Sonderrolle aufgehoben wer-den. Denn in anderen Ländern wie Frankreich, Großbritannien, Skandinavien und den USA sind Ganztagsschulen so selbstverständlich, dass es dafür keinen eigenen Begriff gibt. Nun scheint diese Schulform, die in Deutschland seit dem Gesamtschulvorstoß in den 70er Jahren weitgehend in Vergessenheit geraten war, die Universallösung zu sein.
Ganztagsschulen als Antwort auf die Pisa-Studie, als Zeitträger für mehr Qualität und Effektivität im Unterricht, als Ort der individuellen Förderung, kreativen Freizeitgestaltung und familienfreundlichen Betreuung sind die Hoffnungsträger der Gegenwart und Zukunft.
Doch können Ganztagsschulen als „Treibhäuser der Zukunft“ und effektive Motoren der Bildungsreform bezeichnet werden, die das deutsche Bildungssystem wieder an die Weltspitze bringen?
Die vorliegende Arbeit soll versuchen, der Fragestellung anhand empirischer Befunde zum Thema Ganztagsschulen nachzugehen und die Wirkung sowie gegenwärtige Entwicklung ganztägiger Schulorganisation umfassend aufzuzeigen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ergebnisse der großen Leistungsvergleichsstudien - Impulse zur Verbesserung des Schulwesens durch Ganztagsschulen?
2.1 TIMSS – Dritte Internationale Mathematik- und Naturwissenschaftsstudie
2.2 PISA – Programme for International Student Assessment
2.3 IGLU – Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung
2.4 Vergleichstudienergebnisse im Kontext der Schulentwicklung
3. Aktuelle Definitionen des Begriffs „Ganztagsschule“
3.1 Definition Ganztagsschule durch den Ganztagsschulverband
3.2 Definition Ganztagsschule durch den Schulausschuss der KMK
4. Anforderungen, Erwartungen und Hoffnungen an Ganztagsschulen im Visier
4.1 Ganztagsschulen helfen, Familie und Beruf miteinander besser zu vereinbaren
4.2 Ganztagsschulen machen Schulen durch eine veränderte Schulorganisation lebensnäher, effizienter und gerechter
4.3 Ganztagsschulen gewährleisten durch eine neue Dimension von Unterricht erfolgreiches Lehren und Lernen
5. Aktuelle Situation der Ganztagsschulen
5.1 Stand und Umsetzung des IZBBs
5.2 Bevölkerungsakzeptanz, -nachfrage und -einschätzungen von Ganztagsschulen
5.2.1 Elternumfragen
5.2.2 Lehrerumfragen
6. StEG – Studie zur Entwicklung von Ganztagsschule
6.1 Fragestellungen und Ziele
6.2 Projektdesign und Erhebungswellen
6.3 Rückmeldung der Ergebnisse
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwieweit Ganztagsschulen als wirksames Instrument zur Behebung der deutschen Bildungsmisere dienen können, und bewertet die Erwartungen an diese Schulform anhand vorliegender empirischer Daten.
- Analyse der Ergebnisse internationaler Leistungsvergleichsstudien (PISA, TIMSS, IGLU) als Impulsgeber für Reformen.
- Definition und begriffliche Einordnung von Ganztagsschulen im aktuellen bildungspolitischen Diskurs.
- Evaluation der Anforderungen und Hoffnungen hinsichtlich Familienfreundlichkeit, Chancengleichheit und pädagogischer Unterrichtsentwicklung.
- Bestandsaufnahme der aktuellen Situation und Akzeptanz der Ganztagsschulen in Deutschland.
- Vorstellung des Forschungsprojekts StEG (Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen).
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
„Die Welt erklärt man nicht an einem halben Tag. Ganztagsschulen. Zeit für mehr.“ heißt es in der vom Bundesministerium für Bildung und Forschung herausgegebenen Broschüre. Eine Broschüre, die das Investitionsprogramm „Zukunft Bildung und Betreuung“ (IZBB) der Bundesregierung als einen Beitrag für eine nachhaltige und notwendige Bildungsreform in Deutschland ausführlich beschreibt und die den Leser eindrucksvoll, lebens- und realitätsnah Möglichkeiten, Ziele und Chancen eines ganztägigen Schulsystems aufzeigt.
Ganztagsschulen sind ins Zentrum der bildungspolitischen Debatten in der Bundesrepublik Deutschland gerückt. Insbesondere die erschreckenden Ergebnisse der großen Leistungsvergleichsstudien (PISA, TIMSS und IGLU) haben gezeigt, dass das bundesdeutsche Schulsystem krankt: Das Leistungsniveau der deutschen Schülerinnen und Schüler liegt deutlich unter dem Durchschnitt der Industrieländer. Weiterhin ist unser Bildungssystem hochgradig sozial ungerecht: in keinem anderen vergleichbaren Land entscheidet die soziale Herkunft so sehr über den Bildungserfolg von Kindern wie in Deutschland.
Ein Bildungsnotstand in Deutschland, der auf Entwicklungsprobleme des Schulsystems, der Schulen und des Unterrichts hinweist, wurde offensichtlich. Um die Qualität von Bildung, die Rahmenbedingungen an Schulen und damit die Zukunft der Kinder nachhaltig zu verbessern hat die Bundesregierung im Rahmen des Programms „Zukunft, Bildung und Betreuung“ seit Mai 2003 mit dem flächendeckenden Ausbau von Ganztagsschulen in Deutschland begonnen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung skizziert den bildungspolitischen Kontext und begründet die Relevanz der Untersuchung von Ganztagsschulen als Antwort auf internationale Leistungsvergleichsstudien.
2. Ergebnisse der großen Leistungsvergleichsstudien - Impulse zur Verbesserung des Schulwesens durch Ganztagsschulen?: Hier werden die Befunde von TIMSS, PISA und IGLU dargestellt, um den Reformbedarf des deutschen Schulsystems zu verdeutlichen.
3. Aktuelle Definitionen des Begriffs „Ganztagsschule“: Dieses Kapitel liefert eine begriffliche Klärung der verschiedenen Ganztagsschulmodelle basierend auf den Definitionen des Ganztagsschulverbandes und der KMK.
4. Anforderungen, Erwartungen und Hoffnungen an Ganztagsschulen im Visier: Das Kapitel analysiert die sozial- und bildungspolitischen Hoffnungen in Bezug auf Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie eine verbesserte pädagogische Schulqualität.
5. Aktuelle Situation der Ganztagsschulen: Hier werden der Umsetzungsstand des IZBB sowie die öffentliche Akzeptanz und Umfrageergebnisse zu Ganztagsschulen dargelegt.
6. StEG – Studie zur Entwicklung von Ganztagsschule: Dieses Kapitel stellt das Forschungsprojekt StEG vor, das die Entwicklung und Wirkung ganztägiger Schulorganisation wissenschaftlich begleitet.
7. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer kritischen Reflexion, die betont, dass Ganztagsschulen allein kein Wundermittel sind, sondern inhaltliche Reformen erfordern.
Schlüsselwörter
Ganztagsschule, Bildungsmisere, PISA-Studie, Schulentwicklung, IZBB, individuelle Förderung, Bildungsgerechtigkeit, Schulqualität, Unterrichtsreform, soziale Herkunft, StEG-Studie, Bildungschancen, Rhythmisierung, Familienpolitik, Leistungsvergleichsstudien
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht die Rolle von Ganztagsschulen bei der Bewältigung der deutschen Bildungsmisere unter Berücksichtigung empirischer Ergebnisse.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Fokus stehen Leistungsvergleichsstudien, die Definition von Ganztagsschulen, gesellschaftliche Erwartungen und der aktuelle Stand des Ausbaus.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, ob Ganztagsschulen tatsächlich das „Wundermittel“ für ein besseres Schulsystem sind oder ob nur eine quantitative Zeitverlängerung stattfindet.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Autorin nutzt eine fundierte Literaturanalyse und wertet vorliegende empirische Befunde sowie Umfrageergebnisse aus.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert den Reformdruck durch PISA, die begriffliche Vielfalt von Ganztagsschulen und bewertet deren Beitrag zu Chancengleichheit und Qualität.
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind unter anderem Ganztagsschule, Bildungsgerechtigkeit, Schulentwicklung und PISA-Studie.
Welche Bedeutung kommt der Definition durch die KMK zu?
Die KMK-Definition orientiert sich primär an organisatorischen Merkmalen, um den statistischen Ausbau der Ganztagsschulen bundesweit erfassen zu können.
Was sagt die Autorin zum Zusammenhang von sozialer Herkunft und Erfolg?
Die Autorin hebt hervor, dass in Deutschland die soziale Herkunft den Bildungserfolg besonders stark determiniert und sieht hier ein zentrales Handlungsfeld für Ganztagsschulen.
Warum wird das Projekt StEG in der Arbeit so prominent erwähnt?
StEG gilt als zentrale, laufende Langzeitstudie, von der in naher Zukunft fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse über die tatsächliche Wirkung ganztägiger Schulorganisation erwartet werden.
Wie lautet das Fazit der Arbeit?
Das Fazit betont, dass Zeit allein nicht ausreicht; Ganztagsschulen benötigen zwingend qualitativ hochwertige, inhaltliche pädagogische Konzepte, um langfristig erfolgreich zu sein.
- Quote paper
- Sabrina Gill (Author), 2006, Ganztagsschulen - die Wundermittel zur Heilung der deutschen Bildungsmisere?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145135