In der vorliegenden Hausarbeit werde ich nach einer kurzen Darstellung des klassischen Volksmärchens die Märchenkonzeption von Novalis, die ich am Klingsohrmärchen aus "Heinrich von Ofterdingen" verdeutliche, und die Ludwig Tiecks, anhand des "Blonden Eckbert", darlegen.
Ein weiterer Schwerpunkt dieser Arbeit liegt in der genaueren Untersuchung der Grenzübergänge und Innen- und Außenräume im "Blonden Eckbert".
Diesem schließt sich ein Vergleich der beiden Märchenkonzeptionen an.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Volksmärchen als Vorbild der Romantiker
2.1. Märchenauffassung der Romantiker
2.2. Strukturelle Merkmale des Volksmärchens
2.3. Die Märchenkonzeption von Novalis
3. Die Märchenkonzeption von Tieck
3.1. Probleme der Gattungsbestimmung
4. Textanalyse zum "Blonden Eckbert"
4.1. Die Eigenart des Märchenhaften im "Blonden Eckbert" - Ein struktureller Vergleich: "Blonder Eckbert" - Volksmärchen
4.2. Innenräume und Außenräume im "Blonden Eckbert"
5. Die Märchenkonzeptionen von Novalis und Tieck im Vergleich
6. Abschluß und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Märchenkonzeptionen von Novalis am Beispiel des „Klingsohr“-Märchens in „Heinrich von Ofterdingen“ sowie von Ludwig Tieck anhand des „Blonden Eckbert“. Ziel ist es, die unterschiedlichen Ansätze zur Poetisierung der Welt, die Rolle des Erzählens als Mittel der Erkenntnis oder der psychischen Zerstörung sowie die Gestaltung von Innen- und Außenräumen kritisch gegenüberzustellen.
- Romantische Märchenauffassung und ihre Abgrenzung zum klassischen Volksmärchen.
- Die Funktion der Poesie und das triadische Geschichtsmodell bei Novalis.
- Psychologisierung und die Aufhebung von Realitätsgrenzen im Werk von Ludwig Tieck.
- Vergleich der Erzählstrukturen und des Scheiterns bzw. der Erlösung durch das Erzählen.
Auszug aus dem Buch
4.2. Innenräume und Außenräume im "Blonden Eckbert"
Ich wende mich hier zunächst Berthas Erzählung als einer vordergründig selbständig erscheinenden Erzählung zu. Zur Struktur des Gesamttextes ist wichtig, daß Bertha aus der Ich-Perspektive berichtet. Nur so kann Tieck die Objekt-Existenz der Welt durch die Subjekt-Existenz, der Realität als Bewußtseinsinhalt der Ich-Gestalt, ersetzen und gleichzeitig die Innenwelt dieser Person darstellen.
Berthas Eltern sind -ganz märchengemäß- arme Leute und Bertha zudem ein ungeschicktes Kind (5, 5 f). Aus ihrer Mangelsituation heraus beginnt Bertha, sich ihre eigene "heile Welt" in Tagträumen zu konstruieren: Dann sah ich Geister heraufschweben, die mir unterirdische Schätze entdeckten oder mir kleine Kiesel gaben, die sich in Edelsteine verwandelten, kurz, die wunderbarsten Phantasien beschäftigten mich. (5, 15-19)
Hier findet sich die erste Verschiebung von der Außenwelt in die Innenwelt: die Flucht in die Tagträume. Doch damit ist der Mangel der Außenwelt nicht behoben. Durch die Drohungen und Züchtigungen des Vaters völlig verzweifelt, flieht Bertha mit acht Jahren aus dem Elternhaus. Ihr Fluchtweg verläuft aus der elterlichen Hütte über freies Feld in einen Wald hinein (6/7, 10-12). Dichter Nebel verwischt die klaren Konturen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darstellung des Themas und der methodischen Schwerpunkte, insbesondere der Untersuchung von Grenzübergängen im „Blonden Eckbert“.
2. Das Volksmärchen als Vorbild der Romantiker: Analyse der historischen Herkunft des Märchenbegriffs und der romantischen Abgrenzung gegenüber der Aufklärung.
3. Die Märchenkonzeption von Tieck: Untersuchung von Tiecks Interesse an der Antinomie von Verstand und Phantasie sowie der Psychologisierung seiner Figuren.
4. Textanalyse zum "Blonden Eckbert": Detaillierte Untersuchung der Struktur, der Räume und der Erzählweise sowie der psychologischen Tiefe in Tiecks Werk.
5. Die Märchenkonzeptionen von Novalis und Tieck im Vergleich: Gegenüberstellung der utopischen Erlöserkraft der Poesie bei Novalis und der kritischen, teils desillusionierenden Wirkung des Erzählens bei Tieck.
6. Abschluß und Ausblick: Zusammenfassende Reflexion über die Bedeutung der Texte für das moderne Menschenbild und die fortwährende Offenheit der Interpretation.
Schlüsselwörter
Romantik, Märchenkonzeption, Novalis, Ludwig Tieck, Der blonde Eckbert, Klingsohr-Märchen, Poesie, Psychologisierung, Innenraum, Außenraum, Volksmärchen, Erlösung, Entgrenzung, Unbewusstes, Erzählstruktur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die unterschiedlichen Märchenkonzeptionen von Novalis und Ludwig Tieck und untersucht, wie beide Autoren das Genre nutzen, um ihre jeweilige Weltsicht und poetischen Ansprüche auszudrücken.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen das romantische Verständnis des Märchens, die Bedeutung der Phantasie und des Unbewussten sowie die Art und Weise, wie Erzählräume und die Grenze zwischen Realität und Traum konstruiert werden.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, durch eine vergleichende Analyse aufzuzeigen, wie Novalis das Märchen als utopisches Werkzeug zur Erlösung einsetzt, während Tieck die psychologischen Abgründe und die Gefahren des Erzählens in den Vordergrund stellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die primär auf der Textinterpretation (Textanalyse) sowie dem Vergleich von Erzählstrukturen und theoretischen Schriften der behandelten Autoren basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung zum Volksmärchen, eine eingehende Analyse des „Blonden Eckbert“ sowie einen direkten Vergleich mit Novalis’ „Klingsohr“-Märchen hinsichtlich ihrer Struktur und philosophischen Ausrichtung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Romantik, Poetisierung, Innenleben, Subjekt-Natur, Traumwirklichkeit, Psychologisierung und das Spannungsfeld zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit.
Warum ist die Analyse der „Innenräume“ im „Blonden Eckbert“ so wichtig?
Die Autorin argumentiert, dass Tieck durch die Konzentration auf die Innenwelt seiner Figuren die Grenzen zum Wunderbaren verwischt, was den Prozess des Scheiterns und der psychischen Zerstörung der Protagonisten erst begreifbar macht.
Inwiefern unterscheidet sich Novalis’ „Klingsohr-Märchen“ fundamental von Tiecks Ansatz?
Während das „Klingsohr-Märchen“ für Novalis in der Erlösung der Welt und der Vollendung der Einheit durch Poesie gipfelt, führt das Erzählen bei Tieck zur Verunsicherung und zur Auflösung des Ichs innerhalb einer unbegreiflichen Welt.
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- M.A. Sabine Lommatzsch (Author), 1994, Tiecks Märchenkonzeption am Beispiel des Blonden Eckbert im Vergleich zur Märchenkonzeption von Novalis am Beispiel des Klingsohr-Märchens (in Heinrich von Ofterdingen), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14526