Die athenische Redekultur zeichnete sich durch ihre Allgegenwärtigkeit aus und durchdrang alle Bereiche des alltäglichen Daseins, weshalb die Rede nicht nur integraler Bestandteil des politischen Diskurses war, sondern sich genauso im ästhetisch-kulturellen und philosophischen Lebensbereich wie auch im Gerichtswesen manifestierte. Das Hauptaugenmerk der vorliegenden Arbeit richtet sich zum einen auf die im Zentrum der staatlichen Ordnung Athens stehende politische Rede und zum anderen auf die Person des Perikles, als aus zeitgenössischer Sicht bedeutendster Rhetor des vierten Jahrhunderts v. Chr. Maßgebend ist dabei die Erörterung der Bedeutsamkeit der politischen Rede für die athenische Demokratie, die geleitet wird von der zentralen Fragestellung, ob die Redekunst des Perikles als Fundament für seine politische Macht anzusehen ist.
Zu hinterfragen gilt mithin die Ansicht des Historikers Thukydides, wonach Perikles als „[...] gleich mächtig in Wort und Tat [...]“ charakterisiert wird. Um dieser Frage nachzugehen, ist es zunächst erforderlich, die Besonderheit der politischen Ordnung Athens und in diesem Zusammenhang das Konzept der politischen Kultur näher darzulegen, um die daraus resultierenden Pflichten des politischen Redners erkennbar werden zu lassen. Im Anschluss daran richtet sich der Blick auf Perikles in seiner Rolle als politischer Redner und die damit verbundenen sowohl politischen als auch rhetorischen Qualitäten seiner Person. Gegenstand des vierten Kapitels bildet die quellenkritische Überprüfung der Glaubwürdigkeit des Historikers Thukydides, der als Autor der uns heute überlieferten Reden des Perikles anzusehen ist. Dabei soll am Ende des Kapitels eine vorgenommene Einschätzung des Quellenwertes dabei helfen, die Authentizität der Reden bewerten zu können. Auf Grundlage der im vorletzten Kapitel erfolgenden eigentlichen Quellenarbeit soll die Bedeutung und Funktion der politischen Rede anhand einer Analyse der Kriegsrede des Perikles herausgearbeitet werden, wobei vor allem die Kennzeichen der politischen Rede im Fokus der Betrachtungen stehen. Das letzte Kapitel beinhaltet eine Zusammenfassung der Ergebnisse und gibt dabei, basierend auf den vorangegangenen Untersuchungen, eine Antwort auf die eingangs formulierte Fragestellung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die politische Rede als Ausdruck der athenischen Demokratie
2.1 Die Besonderheit der politischen Ordnung Athens
2.2 Das Konzept der politischen Kultur
3. Der Blick auf Perikles und seine Redekunst
3.1 Vita
3.2 Perikles als Beherrscher der politischen Spielregeln
3.3 Perikles als strategischer Redner
3.4 Die Bewertung der perikleischen Redekunst aus Sicht des Historikers Thukydides
4. Eine quellenkritische Überprüfung der Glaubwürdigkeit des Historikers Thukydides
4.1 Das Leben des Historikers Thukydides
4.2 Das Werk des Historikers Thukydides
4.3 Die Beurteilung der Glaubwürdigkeit des Historikers Thukydides
5. Die Bedeutsamkeit und Funktion der politischen Rede am Beispiel einer Analyse der Kriegsrede des Perikles
5.1 Eine Einordnung der Kriegsrede in den historischen Kontext
5.2 Inhalt der Kriegsrede
5.3 Die Kennzeichen der politischen Rede am Beispiel der Kriegsrede des Perikles
6. Ergebnisse
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die zentrale Bedeutung der Redekunst für die politische Macht des Perikles im Athen des 5. Jahrhunderts v. Chr. und analysiert kritisch, ob seine rhetorische Überlegenheit das Fundament seines politischen Erfolgs darstellte, wobei insbesondere die Rolle des Historikers Thukydides als Überlieferer dieser Reden hinterfragt wird.
- Die Funktion der politischen Rede in der athenischen Demokratie
- Die rhetorischen Strategien und das Rollenbild des Perikles
- Quellenkritische Einordnung der thukydideischen Geschichtsschreibung
- Analyse der Kriegsrede des Perikles im historischen Kontext
- Spannungsfeld zwischen historischer Authentizität und literarischer Stilisierung
Auszug aus dem Buch
3.3 Perikles als strategischer Redner
Perikles wird wegen seiner brillanten Rednergabe in den antiken Quellen eine göttliche Macht des Redens zugesprochen, die Vincent Azoulay zufolge als einer der Grundsteine für seinen beständigen politischen Einfluss und Rückhalt in der athenischen Bevölkerung anzusehen ist. Seine außerordentlichen rhetorischen Fähigkeiten verdankte er dabei vor allem der Vervollkommnung durch den Philosophen Anaxagoras.
Im Folgenden sollen die verschiedenen rednerischen Strategien der herausragenden perikleischen Redekunst auf Basis von Azoulays Überlegungen dazu dienen, ein anschauliches Bild von Perikles in seiner Rolle als Redner zu zeichnen.
Kennzeichnend für die spezifische Kommunikationsstrategie der perikleischen Rhetorik war nicht nur seine Begabung zur öffentlichen Rede vor dem Volk, sondern auch seine in Form der rednerischen Zurückhaltung ausgedrückte Raffinesse, die ihren Höhepunkt in der Vertretung durch politische Strohmänner fand. Auf diese Weise hob sich Perikles grundlegend von allen anderen zeitgenössischen, aber auch ihm nachfolgenden Rednern ab. Neben seinem autoritären und pädagogischen Auftreten vor dem Volk zeichnete sich sein rhetorisches Können zudem durch die Einhaltung bestimmter rhetorischer und gestischer Codes aus, die so bezeichnend für seine politische Amtszeit waren, dass sein Tod einen Einschnitt in die bis dahin übliche Redepraxis darstellte. Darüber hinaus besaß Perikles eine eigentümliche, als etwas altmodisch zu bezeichnende Art, an das Volk heranzutreten. Als Alleinstellungsmerkmal galt dabei seine Unerschütterlichkeit, die ihren Ausdruck in der rhetorisch-strategischen Form der Zurückhaltung fand. Perikles wusste diese Strategie bewusst einzusetzen und tat dies nicht nur in seiner politischen Funktion als Redner, sondern auch im alltäglichen Leben. Diese Form der Selbstbeherrschung äußerte sich im politischen Diskurs dadurch, dass er auch bei hitzigen Konfrontationen stets die Fassung behielt und selbst auf Beleidigungen mit Freundlichkeit reagierte. Diese äußerst ungewöhnliche Reserviertheit faszinierte und schockierte die Zuhörer gleichermaßen, da sie Perikles einerseits emotionslos und ungerührt erscheinen ließ, aber andererseits seine Erhabenheit betonte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das Forschungsinteresse an der athenischen Redekultur und der Person des Perikles sowie die zentrale Fragestellung zur Machtbasis durch Rhetorik.
2. Die politische Rede als Ausdruck der athenischen Demokratie: Dieses Kapitel erläutert die politische Partizipation in der Volksversammlung und das Konzept der politischen Kultur als Rahmenbedingungen für den Redner.
3. Der Blick auf Perikles und seine Redekunst: Hier werden die Vita des Perikles, sein strategisches Verhalten als Politiker und seine spezifischen kommunikativen Techniken dargestellt.
4. Eine quellenkritische Überprüfung der Glaubwürdigkeit des Historikers Thukydides: Der Abschnitt befasst sich mit der Person und dem Werk des Thukydides und hinterfragt die Authentizität der von ihm überlieferten Reden.
5. Die Bedeutsamkeit und Funktion der politischen Rede am Beispiel einer Analyse der Kriegsrede des Perikles: Es folgt eine konkrete Analyse der Kriegsrede des Perikles im historischen Kontext sowie die Identifizierung typischer rhetorischer Argumentationsmuster.
6. Ergebnisse: Das Fazit beantwortet die Fragestellung nach der Machtgrundlage des Perikles, weist jedoch auf die Problematik der Quellenlage hin.
Schlüsselwörter
Perikles, Athen, athenische Demokratie, politische Rede, Thukydides, Redekunst, politische Kultur, Rhetorik, Volksversammlung, Kriegsrede, Strategie, Überzeugungskraft, Demagoge, Quellenglaubwürdigkeit, Antike.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Bedeutung der politischen Rhetorik für das Machtgefüge in der athenischen Demokratie anhand des exemplarischen Fallbeispiels des Redners Perikles.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Kernbereichen gehören die athenische politische Ordnung, die Rolle des Redners im Demos, rhetorische Strategien und die quellenkritische Bewertung der Geschichtsschreibung des Thukydides.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Hauptziel ist es zu klären, inwieweit die rhetorische Begabung des Perikles als Basis für seine langanhaltende politische Machtstellung betrachtet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer quellenkritischen Analyse historischer Texte, insbesondere der Reden bei Thukydides, und verknüpft diese mit politikwissenschaftlichen Konzepten der politischen Kultur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historischen Rahmenbedingungen Athens, die Strategien des Perikles im politischen Diskurs, die Überlieferungssituation durch Thukydides und eine detaillierte Sachtextanalyse der Kriegsrede.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Besonders prägend sind Begriffe wie athenische Demokratie, politische Rede, Perikles, Thukydides, Rhetorik, Redekunst und politische Kultur.
Wie bewertet die Arbeit die Glaubwürdigkeit von Thukydides?
Thukydides wird als ein Historiker mit hohem methodischen Anspruch gewürdigt, dessen Reden jedoch aufgrund ihrer literarischen Stilisierung und der zeitlichen Distanz zur tatsächlichen Redeereignissen kritisch auf ihre Authentizität geprüft werden müssen.
Was unterscheidet Perikles von anderen Politikern seiner Zeit?
Perikles hob sich durch seine charakteristische "strategische Zurückhaltung", seine Unerschütterlichkeit und seine Fähigkeit ab, das Volk zu führen, ohne als ein durch plumpe Schmeicheleien agierender Demagoge zu erscheinen.
- Citation du texte
- Anonym (Auteur), 2017, Die Bedeutung der politischen Rede für die athenische Demokratie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1453412