Schwerpunkt dieser Arbeit soll es sein, akzentuiert der Frage nach der Zugehörigkeit der Continuatio zum Simplicissimus nachzugehen, d. h. kritisch zu hinterfragen, ob und inwiefern sie als für sich eigenständige Hinzufügung angelegt, oder aber dem Roman als Ergänzung vollkommen zugehörig ist. Aufgabe soll es ebenso sein, den Vergänglichkeits- und Unbeständigkeitstopos, die besonders die Continuatio neben den übrigen fünf Büchern als konstituierende Prinzipien durchziehen, herauszustellen; dabei werden die Baldanders-Episode und der Schermesser-Diskurs im Mittelpunkt stehen. Zuletzt soll auch die Continuatio in ihrem Charakter als Rezeptionsanleitung näher bestimmt werden, um in Folge der vorhergehenden Betrachtungen letztendlich und soweit möglich Aufschluss über die Aussagekraft und Wirkungsabsicht des VI. Buches zu erlangen, um diese resümierend darlegen zu können.
Zu den bedeutendsten Werken der neueren deutschen Literatur darf zweifellos Hans J. Chr. von Grimmelshausens barocker Roman „Der Abentheuerliche Simplicissimus“ gezählt werden. Auch gegenwärtig besticht der Schelmenroman durch sein breites Spektrum aufgenommener Topoi. Kriegsschilderungen, amüsante Verwirrspiele, Reiseberichte und eine Vielzahl bestandener Abenteuer – geschildert aus der Perspektive des Protagonisten Simplicius (der Einfältige), der seine Lebensgeschichte vom „tumbe[n] Tor“ zu christlicher Weisheit und Welterkenntnis erzählerisch darbietet – gehören ebenso zu seinem Bestand, wie auch subtilere Botschaften moralischen, philosophischen, künstlerischen und religiösen Charakters.
Doch so unbestritten die Popularität und Vielfalt des Simplicissimus ist, differieren die Meinungen der Grimmelshausen-Forschung im Besonderen dort, wo es um die „Continuatio des abenteurlichen Simplicissimi Oder Der Schluß desselben“ geht, dem VI. Buch des bereits ein Jahr zuvor erschienen fünfbändigen Romans. Nicht ohne Grund ist dieses knapp 130 Seiten umfassende Teilstück Mittelpunkt zahlreicher kontroverser Betrachtungen geworden. Sowohl im Hinblick auf die Position, die die Continuatio im und zum Roman einnimmt, als auch in Bezug auf ihren Aussagewert herrscht Uneinigkeit, die aus der verwirrenden Vielzahl der Deutungsmöglichkeiten und ihrer nachträglichen und damit vom eigentlichen Roman abgegrenzten Veröffentlichung resultiert. Gerade hier scheint deshalb eine nähere Betrachtung interessant und vielversprechend.
Inhaltsverzeichnis
1. Begründung der Thematik
2. Die Frage nach der Zugehörigkeit oder Eigenständigkeit der Continuatio
3. Vergänglichkeit und Unbeständigkeit als konstituierende Elemente
3.1 Die Baldanders-Episode
3.2 Der Schermesser-Diskurs
4. Die Continuatio als Rezeptionsanleitung
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die "Continuatio" von Grimmelshausens Barockroman "Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch" hinsichtlich ihrer Zugehörigkeit zum Gesamtwerk sowie ihrer Funktion als moralisch-didaktischer Kommentar. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert dabei auf die argumentative Einordnung des VI. Buches als integraler Bestandteil des Romans und dessen Rolle bei der Vermittlung christlich-moralischer Werte.
- Analyse der strukturellen und inhaltlichen Zugehörigkeit der Continuatio zum Gesamtroman.
- Untersuchung des Vergänglichkeits- und Unbeständigkeitstopos am Beispiel der Baldanders-Episode.
- Interpretation des Schermesser-Diskurses als allegorische Darstellung menschlicher Vergänglichkeit.
- Bestimmung der Continuatio als bewusste Rezeptionsanleitung für den Leser.
- Erarbeitung der Wirkungsabsicht des Autors hinsichtlich der Vermittlung christlicher Tugenden.
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Baldanders-Episode
Im IX. Kapitel der Continuatio, das direkt an das drei Kapitel umfassende Traumerlebnis vom Streit des personifizierten Geizes und der Verschwendung anschließt, betitelt mit „Baldanders kommt zu Simplicissimo und lernt ihn mit Mobilien und Immobilien reden und selbige verstehen“, trifft Simplicius bei einem Waldspaziergang auf die bei Hans Sachs entlehnte Figur des Baldanders, „ein steinerne Bildnus“ – eine „Statua“ (617), die sich beim Wenden in Beweglichkeit setzt und sich als Baldanders zu erkennen gibt. Bereits der Name der Figur spricht für ihr Dasein und seine Funktion. Erst ein „toter Stein“ (618), dann ein „beweglicher Leib“ führt sie Simplicius ihre Kunst vor Augen. Simplicius wähnt den Teufel in jenem Zauber, doch Baldanders beschreibt sich als ständigen Begleiter seines Gegenübers, der seinen Ursprung im Paradies habe und gibt ihm mit Hilfe eines Buchstabenrätsels eine zweite Kunst – mit stummen Dingen reden zu können – zur Lehre, bis sie nach weiteren obskuren Verwandlungen Simplicius verlässt.
Der Rezipient sieht sich mit einiger Hilflosigkeit gegenüber der bizarr anmutenden Episode, die erst in ihrer allegorischen Auslegung ihren zentralen Sinn entfaltet. In ihrer Fähigkeit alles zu verändern – d. h. ihr eigenes Dasein, wie auch das ihres Gegenübers, denn sie machte Simplicius „bald groß, bald klein, bald reich, bald arm“ (618) „so lang die Welt bleibt“ (619) – verkörpert sie in ihrem Sein Veränderung, die auf alles und jeden einwirkende Unbeständigkeit, wie sie Grimmelshausen dem Leser durch den steten Wandel Simplicius´ Lebensumstände bereits in den ersten Büchern beispielhaft vor Augen führte. Dass Simplicius´ Dasein besonders von ihrem Einwirken geprägt wurde – „mehr als ander Leut (…) bald so und bald anders gemacht“ wurde (618) – scheint wie ein Fazit seines bisherigen Lebens, das durch die Erklärung der personifizierten Unbeständigkeit eine Art Ordnung in das Chaos des Lebens projiziert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Begründung der Thematik: Einführung in die Bedeutung von Grimmelshausens Werk und Darlegung der forschungsgeschichtlichen Kontroversen bezüglich der "Continuatio".
2. Die Frage nach der Zugehörigkeit oder Eigenständigkeit der Continuatio: Kritische Auseinandersetzung mit der Einordnung des VI. Buches als Fortsetzung des Romans oder als eigenständiges, marketingstrategisch motiviertes Werk.
3. Vergänglichkeit und Unbeständigkeit als konstituierende Elemente: Vorbereitung der Analyse zentraler literarischer Motive in den folgenden Unterkapiteln als tragende Prinzipien des Romans.
3.1 Die Baldanders-Episode: Deutung der Baldanders-Figur als Allegorie der unbeständigen Welt, die den Protagonisten zu Gottesfurcht und Seelenheil anleitet.
3.2 Der Schermesser-Diskurs: Analyse der Vergänglichkeit des menschlichen Lebens durch den Dialog mit einem Alltagsgegenstand, der die menschliche Gier und irdische Sinnlosigkeit thematisiert.
4. Die Continuatio als Rezeptionsanleitung: Untersuchung der Intention des Autors, den Text mittels humoristischer Einwürfe als pädagogisches Instrument für eine tugendhafte Lebensführung zu nutzen.
5. Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Bewertung der Continuatio als notwendiger, sinnstiftender Kommentar, der den moralischen Rahmen des Simplicissimus-Lebenslaufs schließt.
Schlüsselwörter
Grimmelshausen, Simplicissimus, Continuatio, Barockroman, Unbeständigkeit, Baldanders, Schermesser, Rezeptionsanleitung, Allegorie, Christliche Tugend, Lebensgeschichte, Weltflucht, Wirkungsabsicht, Literaturgeschichte, Seelenheil
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das sechste Buch des Barockromans "Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch", die sogenannte "Continuatio", und analysiert deren Funktion als Fortsetzung sowie als moralischer Kommentar zum Gesamtwerk.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Fragen nach der Zugehörigkeit der Continuatio zum Roman, die Darstellung des Vergänglichkeits- und Unbeständigkeitstopos sowie die Vermittlung christlich-moralischer Werte an den Leser.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Hauptziel ist es, kritisch zu hinterfragen, ob die Continuatio eine eigenständige, lose Hinzufügung darstellt oder ob sie integraler, notwendiger Bestandteil des Romans ist, um die Entwicklung des Helden Simplicius abzuschließen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die einschlägige Forschungsliteratur einbezieht und zentrale Episoden (Baldanders, Schermesser) allegorisch interpretiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Debatte um die Eigenständigkeit des Buches VI, untersucht die allegorische Bedeutung der Baldanders-Episode und des Schermesser-Diskurses und erörtert die Rolle des Textes als Rezeptionsanleitung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Continuatio, Grimmelshausen, Simplicissimus, Unbeständigkeitstopos, allegorische Deutung und christliche Didaktik.
Warum spielt die Baldanders-Figur in dieser Interpretation eine so entscheidende Rolle?
Baldanders fungiert als Allegorie der auf alle Dinge einwirkenden Unbeständigkeit, was Grimmelshausen nutzt, um Simplicius' bisherigen Lebensweg zusammenzufassen und seine endgültige Abkehr von der sündhaften Welt zu legitimieren.
Inwiefern unterscheidet sich der Schermesser-Diskurs von der Baldanders-Episode?
Während beide Episoden die Unbeständigkeit betonen, fokussiert der Schermesser-Diskurs stärker auf das existenzielle Martyrium des Menschen und lenkt den Blick des Lesers ungeschönt auf die unausweichliche irdische Vergänglichkeit.
Wie definiert der Autor das Konzept der "Rezeptionsanleitung" im Kontext des Romans?
Grimmelshausen gibt im Text als Ich-Erzähler zu verstehen, dass er Humor und Unterhaltung nur als "Zuckerglasur" nutzt, um den Leser indirekt zu einer tieferen, tugendhaften Auseinandersetzung mit dem Inhalt zu bewegen.
- Citation du texte
- Susanne von Pappritz (Auteur), 2008, Die "Continuatio" Grimmelshausens Barockromans "Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1453583