Leni Riefenstahl hat mit Tiefland zweifellos einen der ungewöhnlichsten Filme der Nazi-Zeit hergestellt. Während Joseph Goebbels den Kreis um die deutschen Filmschaffenden mehr und mehr schloss, war es Riefenstahl möglich, mit einem Thema zu arbeiten, das sich jenseits aller Konventionen befand.
Bis in die 1980er Jahre hinein wurde nur wenig auf die Handlung und die Figuren des Filmes eingegangen, was damit zu tun haben könnte, dass der Film kein Publikumserfolg war. Tiefland war immer wieder und ausschließlich in die Schlagzeilen geraten, weil sich Leni Riefenstahl gerichtlich gegen verschiedene Vorwürfe wehrte, sie hätte Statisten aus einem Lager für Zigeuner geholt, obwohl sie von deren anschließender Deportation in Konzentrationslagern gewusst habe.
Erst die Schriftstellerin und Filmemacherin Helma Sanders-Brahms gelang es mit ihrem Essay Tyrannenmord, eine Diskussion um den Film in Gang zu setzen, die sich hauptsächlich auf die Story und die Figurenkonstellation bezog und nicht nur mit der Produktion auseinander setzte. Die These Sanders-Brahms, Leni Riefenstahl wolle mit ihrem Film zu einem Widerstand, ja sogar zum Mord an Hitler aufrufen, liegt dieser Seminarsarbeit zugrunde.
Helma Sanders-Brahms argumentiert hauptsächlich von zwei Standpunkten aus:
Einmal konzentriert sie sich auf die ungewöhnlichen Produktionsumstände Tieflands, etwa die Besetzung Riefenstahls in der Hauptrolle oder die Beschaffung der Statisten. Doch beschäftigt sie sich auch mit der Zeichnung und Handlungsweisen der Hauptfiguren, in denen sie Riefenstahls Protest und Zerrissenheit erkennen will.
Aus diesen Gründen beleuchtet diese Hausarbeit die damals herrschenden Produktionszustände von Filmen und stellt die Verstaatlichung der deutschen Filmproduktion gegenüber der Leni-Riefenstahl-Film GmbH.
Anschließend werden die nationalsozialistischen Ideologievorstellungen vorgestellt, um auf dieser Basis die drei Hauptfiguren Tieflands zu untersuchen und mit Sanders-Brahms Thesen zu konfrontieren und zu hinterfragen. Der geteilte Blickwinkel auf Film und Essay ist für nötig befunden worden, um eine möglichst umfangreiche Argumentation für oder wider der Behauptung zu finden, der Film sei tatsächlich ein Aufruf zum Protest gegen das herrschende Regime.
Es wird sich zeigen, dass Sanders-Brahms Ansichten stellenweise durchaus zu folgen sind, doch zu viele Punkte außer Acht gelassen wurden, um der Autorin Tyrannenmords eindeutig Recht zu geben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Inhaltsangabe Tiefland
3. Helma Sanders-Brahms Argumentation über Tiefland in Tyrannenmord
4. Helma Sanders-Brahms Argumentationsaspekte näher betrachtet
4.1. Filmproduktionsmethoden: Goebbels vs. Riefenstahl
4.1.1. Die Produktionsfirma Leni-Riefenstahl-Film GmbH
4.1.2. Die Nationalsozialistische Filmorganisation
4.2. Geschlechterkonstruktionen im Sinne des Nationalsozialismus: Der ideale Mann, die ideale Frau, die ideale Ehe
3.4. Figuren in Tiefland
4.3.1. Martha
4.3.2. Marques Sebastian Roccabruna
4.3.3. Pedro
5. Zusammenfassung
7. Filmographie
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die These der Filmemacherin Helma Sanders-Brahms, nach der Leni Riefenstahls Film Tiefland als ein verschlüsselter Protest oder gar Aufruf zum Tyrannenmord gegen das NS-Regime zu interpretieren sei. Dabei wird die filmische Umsetzung kritisch mit den historischen Produktionsumständen und den nationalsozialistischen Geschlechteridealen konfrontiert, um die Validität dieser Interpretation zu prüfen.
- Produktionsgeschichte der Leni-Riefenstahl-Film GmbH unter den Bedingungen der NS-Filmpolitik.
- Analyse der nationalsozialistischen Rollenbilder von Mann und Frau im Vergleich zu den Figuren in Tiefland.
- Untersuchung der Figurendynamik zwischen Martha, Pedro und Don Sebastian.
- Kritische Würdigung der von Sanders-Brahms postulierten Widerstandsthese.
Auszug aus dem Buch
Die Produktionsfirma Leni-Riefenstahl-Film GmbH
1934 beschäftigte sich die Terra-Filmproduktion mit der Idee, den Opern-Stoff Tiefland zu verfilmen und trug Leni Riefenstahl diese Idee vor. Die Regisseurin hatte gerade Sieg des Glaubens abgedreht und „nicht das geringste Interesse an einem zweiten Parteitagsfilm“. Leni Riefenstahl willigte daher ein, Regie und Hauptrolle in der Opernverfilmung zu übernehmen und man räumte ihr „weitgehendes künstlerisches und organisatorisches Mitspracherecht ein, so dass wir [Die Leni-Riefenstahl-Film GmbH] uns für eine Co-Produktion entschieden“. Die anschließenden Vorbereitungen wurden zu einem verwirrenden Debakel. Riefenstahl fuhr mit einem Teil ihres Stabes nach Spanien, um auf Motivsuche zu gehen und spanische Schauspieler zu engagieren. Die Terra dagegen hielt Termine nicht ein und schickte kein Geld. Die Vorbereitungen der Regisseurin verzögerten sich, gerieten ins Wanken, „sie konnte die Situation nicht selbst steuern und reagierte mit einem körperlichen Zusammenbruch“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik und Vorstellung der zentralen Forschungsfrage zur Widerstandsthese von Sanders-Brahms.
2. Inhaltsangabe Tiefland: Zusammenfassung der Handlung des Films von den bäuerlichen Konflikten bis zur finalen Konfrontation.
3. Helma Sanders-Brahms Argumentation über Tiefland in Tyrannenmord: Darstellung der Interpretation, dass der Film als Abrechnung mit Hitler zu verstehen sei.
4. Helma Sanders-Brahms Argumentationsaspekte näher betrachtet: Detaillierte Analyse der Produktionsumstände und der nationalsozialistischen Ideologiekontexte.
4.1. Filmproduktionsmethoden: Goebbels vs. Riefenstahl: Vergleich der Arbeitsweisen und der Verstaatlichung der Filmindustrie.
4.1.1. Die Produktionsfirma Leni-Riefenstahl-Film GmbH: Untersuchung der Firmenstruktur und der spezifischen Produktionsschwierigkeiten.
4.1.2. Die Nationalsozialistische Filmorganisation: Erläuterung der ideologischen Kontrolle und Zentralisierung des deutschen Films.
4.2. Geschlechterkonstruktionen im Sinne des Nationalsozialismus: Der ideale Mann, die ideale Frau, die ideale Ehe: Analyse der zeitgenössischen Ideale und deren Diskrepanz zur Filmhandlung.
3.4. Figuren in Tiefland: Überleitung zur psychologischen Untersuchung der Hauptcharaktere.
4.3.1. Martha: Untersuchung der Rolle als passives Objekt und ihr späteres Aufbegehren.
4.3.2. Marques Sebastian Roccabruna: Analyse der antagonistischen Figur des Tyrannen.
4.3.3. Pedro: Charakterisierung der Heldenfigur und deren Entwicklung.
5. Zusammenfassung: Abschließende Bewertung der Thesen und Fazit zur wissenschaftlichen Einordnung.
7. Filmographie: Zusammenstellung der technischen und personellen Daten zum Film.
Schlüsselwörter
Leni Riefenstahl, Tiefland, Helma Sanders-Brahms, Nationalsozialismus, Filmpropaganda, Tyrannenmord, Geschlechterkonstruktion, NS-Ideologie, Filmproduktion, Widerstand, Don Sebastian, Martha, Pedro, Filmgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch die These, dass der Film Tiefland von Leni Riefenstahl als politischer Protest gegen das NS-Regime verstanden werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Produktionsbedingungen während des Dritten Reiches, die nationalsozialistischen Geschlechterideale und deren Spiegelung (oder Abwesenheit) in den Filmfiguren.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit hinterfragt, ob die Interpretation von Helma Sanders-Brahms, der Film sei ein verschlüsselter Aufruf zum Tyrannenmord, historisch und filmästhetisch haltbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine quellenbasierte Filmanalyse durchgeführt, die den Film in den historischen Kontext der Verstaatlichung der Filmindustrie einbettet und mit zeitgenössischer Ideologie konfrontiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der Produktionsfirma, eine Analyse der Rollenbilder im NS-Staat und eine detaillierte Charakterstudie der Hauptfiguren Martha, Pedro und Don Sebastian.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem NS-Propaganda, Leni Riefenstahl, Tiefland, Tyrannenmord, Rollenbilder und Widerstandstheorie.
Wie bewertet der Autor Riefenstahls Rolle als Produzentin?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Riefenstahl ihre Sonderstellung primär für ihre eigenen künstlerischen Ziele nutzte, statt aktiv Widerstand gegen das Regime zu leisten.
Welche Rolle spielt die Figur des Don Sebastian in der Argumentation?
Don Sebastian wird als Verkörperung des Tyrannen analysiert, wobei jedoch hinterfragt wird, ob er als direkte Metapher für Hitler oder lediglich als klassischer Antagonist in einem Beziehungsdrama fungiert.
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- Holger Lodahl (Author), 2002, Leni Riefenstahls Tiefland - Ein nachvollziehbare Freisprechung für Leni Riefenstahl?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14553