Leni Riefenstahls Tiefland - Ein nachvollziehbare Freisprechung für Leni Riefenstahl?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
28 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Inhaltsangabe Tiefland

3. Helma Sanders-Brahms Argumentation über Tiefland in Tyrannenmord

4. Helma Sanders-Brahms Argumentationsaspekte näher betrachtet
4.1. Filmproduktionsmethoden: Goebbels vs. Riefenstahl
4.1.1. Die Produktionsfirma Leni-Riefenstahl-Film GmbH
4.1.2. Die Nationalsozialistische Filmorganisation
4.2. Geschlechterkonstruktionen im Sinne des Nationalsozialismus: >Der ideale Mann, die ideale Frau, die ideale Ehe
4.3. Figuren in Tiefland
4.3.1. Martha
4.3.2. Marques Sebastian Roccabruna
4.3.3. Pedro

5. Zusammenfassung

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

7. Filmographie

1. Einleitung

Leni Riefenstahl hat mit Tiefland zweifellos einen der ungewöhnlichsten Filme der Nazi-Zeit hergestellt. Während Joseph Goebbels den Kreis um die deutschen Filmschaffenden mehr und mehr schloss, war es Riefenstahl möglich, mit einem Thema zu arbeiten, das sich jenseits aller Konventionen befand.

Bis in die 1980er Jahre hinein wurde nur wenig auf die Handlung und die Figuren des Filmes eingegangen, was damit zu tun haben könnte, dass der Film kein Publikumserfolg war. Tiefland war immer wieder und ausschließlich in die Schlagzeilen geraten, weil sich Leni Riefenstahl gerichtlich gegen verschiedene Vorwürfe wehrte, sie hätte Statisten aus einem Lager für Zigeuner geholt, obwohl sie von deren anschließender Deportation in Konzentrationslagern gewusst habe.

Erst die Schriftstellerin und Filmemacherin Helma Sanders-Brahms gelang es mit ihrem Essay Tyrannenmord, eine Diskussion um den Film in Gang zu setzen, die sich hauptsächlich auf die Story und die Figurenkonstellation bezog und nicht nur mit der Produktion auseinander setzte. Die These Sanders-Brahms, Leni Riefenstahl wolle mit ihrem Film zu einem Widerstand, ja sogar zum Mord an Hitler aufrufen, liegt dieser Seminarsarbeit zugrunde.

Helma Sanders-Brahms argumentiert hauptsächlich von zwei Standpunkten aus:

Einmal konzentriert sie sich auf die ungewöhnlichen Produktionsumstände Tieflands, etwa die Besetzung Riefenstahls in der Hauptrolle oder die Beschaffung der Statisten. Doch beschäftigt sie sich auch mit der Zeichnung und Handlungsweisen der Hauptfiguren, in denen sie Riefenstahls Protest und Zerrissenheit erkennen will.

Aus diesen Gründen beleuchtet diese Hausarbeit die damals herrschenden Produktionszustände von Filmen und stellt die Verstaatlichung der deutschen Filmproduktion gegenüber der Leni-Riefenstahl-Film GmbH.

Anschließend werden die nationalsozialistischen Ideologievorstellungen vorgestellt, um auf dieser Basis die drei Hauptfiguren Tieflands zu untersuchen und mit Sanders-Brahms Thesen zu konfrontieren und zu hinterfragen. Der geteilte Blickwinkel auf Film und Essay ist für nötig befunden worden, um eine möglichst umfangreiche Argumentation für oder wider der Behauptung zu finden, der Film sei tatsächlich ein Aufruf zum Protest gegen das herrschende Regime.

Es wird sich zeigen, dass Sanders-Brahms Ansichten stellenweise durchaus zu folgen sind, doch zu viele Punkte außer Acht gelassen wurden, um der Autorin Tyrannenmords eindeutig Recht zu geben.

2. Inhaltsangabe Tiefland

Pedro, ein gutmütiger Naturbursche, hütet die Schafherde des Marques Sebastian Roccabruna. Er stellt sich einem Wolf, der die Herde angreift, entgegen und erwürgt ihn mit eigenen Händen. Im Tiefland holt er Vorräte und den Lohn für das Wolfsfell. Dort wird das Wasser auf die Weiden der Kampfstiere von Don Sebastian umgeleitet, es fehlt so den Pachtbauern.

Martha, eine Betteltänzerin erscheint mit ihren Karren im Dorf. Die reiche Bürgermeistertochter Dona Amelia, die von Sebastian geheiratet werden will, bezahlt seine Schuldscheine, obwohl sie ungehalten ist über sein Desinteresse an ihr. Sebastians Verwalter drängt seinen arrogant gleichgültigen Herren zu der Geldheirat. Martha tanzt vor den Männern des Dorfes, Pedro und Sebastian kommen hinzu und verlieben sich in sie. Sebastian bestellt sie in sein Kastell, gibt ihr zu trinken, fordert sie zum Tanzen auf, nimmt die scheinbar Willenlose in Besitz, macht ihr Geschenke. Er führt sie auf seine Felder, wo Martha eine Konfrontation mit den um Wasser bittenden Bauern erlebt.

Martha gibt der Müllerfamilie ein Geschenk, das sie vom Herrn bekommen hatte, damit diese den Pachtzins zahlen kann. Ihr Herr erfährt jedoch davon und schlägt sie. Martha flüchtet, gelangt zu Pedro, muss jedoch zu Sebastian zurück. Der Grundbesitzer will sie als Mätresse behalten und sich zugleich finanziell durch die Heirat mit Amelia sanieren. Der Vorschlag des Verwalters lautet: Pedro soll Martha heiraten, aber Sebastian könne sich das Besitzrecht an ihr vorbehalten. Der Marques folgt dem Plan. Der glückliche Pedro geht, von den Intrigen nichts wissend, auf die Anweisung seines Herrn ein. Zur Hochzeit verspotten ihn die Dörfler, Martha verhält sich ablehnend, glaubt ihn in den Handel eingeweiht.

Ein Sturm zieht auf. Sebastian, auf dem Weg, um Martha in der Hochzeitsnacht für sich zu reklamieren, wird von den Männern des Dorfes verfolgt. Beim Anblick Sebastians erkennt Pedro den mächtigen Rivalen; im Messer-Zweikampf stellt er sich seinem „wölfischen“ Gegner, unterstützt von den aufrührerischen Bauern des Dorfes. Er erwürgt Sebastian, wie er den Wolf tötete. Martha schaut gebannt zu. Das Paar schreitet, im Schlussbild vereint, langsam der Berghütte von Pedro zu, in den Sonnenaufgang hinein.[1]

3. Helma Sanders-Brahms Argumentation über Tiefland in Tyrannenmord

Helma Sanders–Brahms gibt in ihrem Essay durch ihre persönliche Interpretation von Leni Riefenstahls Tiefland eine neue Sichtweise über diesen Film. Demnach ist die Kernaussage als eine Abrechnung mit Hitler zu verstehen, der Film sei „Lenis Abrechnung mit den Nazis, mit Hitler, mit dem Verbrechen, dem sie dienstbar war und dem sie nichts mehr als den Tod wünschte“. Sanders-Brahms Versuche, Riefenstahl zu entlasten, konzentrieren sich auf zwei Schwerpunkte: Einerseits auf die Produktionsumstände des Filmes und andererseits auf die Interpretation der Handlung und die Verhaltensweise der drei Hauptfiguren.

Eingangs definiert Sanders-Brahms die Absichten, die ein Regisseur hat, wenn er sich selbst als Hauptrolle besetzt: Er sei „an mehr als der Darstellung einer Rolle interessiert“, und besonders weiblichen Filmemachern ginge es darum, „die trüben Erfahrungen der sich emanzipierenden Frau am eigenen Leibe vorzuweisen“. Und dass Leni Riefenstahl sich die Rolle der Martha gegeben hatte, sei kein Zufall und „mehr als nur eine Angelegenheit des Besetzungsbüros“.

Helma Sanders-Brahms stellt fest, dass die Planung und Vorbereitung Tiefland zwar bis in die dreißiger Jahre zurück reichen würden, doch der Drehbeginn „zur Zeit der größten militärischen Erfolge des Nazi-Staates“ war. In diesem Zusammenhang stellt sie die Frage, wie das möglich sein konnte. Schließlich sei dies „ein Film über eine Rebellion“ und „beileibe kein Nazi-Propaganda-Film“. Mit dieser versteckten Andeutung verweist die Autorin auf die Filmpropaganda der Nazis.

Die Autorin deutet auch auf einen anderen Zweig der Tiefland -Produktion hin: „Die Besetzung der Bauern mit Sinti und Roma ist ihr [Leni Riefenstahl] vorgeworfen worden. Sinti und Roma, die aus dem KZ zum Drehort und von da wieder ins KZ geführt wurden“.

Wie viel Wert Sanders-Brahms auf die Rollenzeichnung legt, wird besonders in ihrer Beschreibung und Interpretation der Martha klar.

Da sich Riefenstahl mit dieser Figur identifiziere, wird „das Gefängnis aus Abhängigkeit und Abscheu deutlich“, in dem sich die Schauspielerin „zumindest seit 1940 gefühlt haben muss“.

Genau wie in Mephisto habe sie „die Verstrickung des Künstlers... mit der faschistischen Macht“ darzustellen versucht: ...die Zigeunerin, die für das Volk tanzt, dann von dessen Beherrscher erkannt und zu ihm erhoben wird, um schließlich Beihilfe zu seinem Mord zu leisten“. Hier widerspricht sich Sanders-Brahms, da sie einerseits in Marthas Handeln „Beihilfe zum Mord“ erkennen will, an anderer Stelle jedoch beschreibt, wie die Zigeunerin dem Mord an Don Sebastian nur zusehe.

In der Rolle der Martha habe Riefenstahl erkannt, dass es „nichts nütze, die Geschenke, die sie von den Herrschenden erhielt, an die zurückzugeben, von denen sie genommen waren“.

Auch auf die Männerfiguren in Tiefland geht Sanders-Brahms ein. Den Pedro beschreibt sie als „reinen Tor, Parzival,... strahlend jung, ...unwissend, unerfahren den Schrecken des Tieflandes ausgeliefert und ihnen doch durch seine unschuldige Kraft überlegen“. Er ist es, der seine „Dankbarkeit in Haß“ umkehre und dann „mit bloßen Händen den Tyrannen erwürgt, wie er zu Anfang des Films den Wolf erdrosselt hat“.

Hitler käme in Tiefland auch vor, meint Sanders-Brahms, „nur heißt er hier Don Sebastian“. Er ist der gefürchtete Tyrann, der die Peitsche schwingt und „gewohnt [ist], sich alles zu nehmen“. Als er durch Pedros Hand stirbt, „wird er keine Menschen mehr quälen“ und symbolisiere die „Befreiung der Zigeunerin aus einer widerwillig ertragenden Abhängigkeit zu einer wirklichen Liebe“.

Resümierend betont Sanders-Brahms ihre Meinung, „Leni Riefenstahls Film ist ein klar lesbarer, nur wenig verschlüsselter Aufruf, die Herrschaft der Usurpatoren zu beenden“ und „dass sie das Ende der Nazis wünschte, es mit ihrer Arbeit möglicherweise herbeiführen helfen wollte“.

Auf dieser Grundlage fragt die Autorin, woran es läge, das Riefenstahl „dennoch, fünfzig Jahre nach diesem Film, unter allen Künstlern, die in den Sog des NS-Wahns geraten waren, am wenigsten Gnade, nicht einmal Gerechtigkeit erfahren hat?“[2]

4. Sanders-Brahms Argumentationsaspekte näher betrachtet

Helma Sanders-Brahms argumentiert hauptsächlich auf zwei Fronten: Auf der einen Seite geht sie auf die Produktion Riefenstahls ein, auf der anderen Seite interpretiert sie die dargestellten Figuren neu. Diese beiden Flügel sollen nun eingehender untersucht werden.

4.1. Produktionsmethoden

Helma Sanders-Brahms fragt in Tyrannenmord, wie es möglich sein konnte, dass Riefenstahl „diesen Film zur Zeit der Siege an allen Fronten vorbereitete, dass sie ihn mitten im Krieg drehen konnte“.[3] In der Tat eine interessante und wichtige Frage. Um der Antwort näher zu kommen, wird in den folgenden Abschnitten erst auf die Arbeitsweise Leni Riefenstahls und den Produktionsumständen ihres letzten Filmes und anschließend auf die Verstaatlichung der deutschen Filmproduktion unter Goebbels eingegangen. Es wird sich zeigen, dass die kleine Leni-Riefenstahl-Film GmbH hauptsächlich von der Persönlichkeit ihrer Namensgeberin geprägt war. Im Vergleich mit der straffen Organisierung von Goebbels Filmorganisation wird deutlich, wie groß der Sonderstatus und der Einfluss der Filmemacherin war.

4.1.1. Die Produktionsfirma Leni-Riefenstahl-Film GmbH

1934 beschäftigte sich die Terra-Filmproduktion mit der Idee, den Opern–Stoff Tiefland zu verfilmen und trug Leni Riefenstahl diese Idee vor. Die Regisseurin hatte gerade Sieg des Glaubens abgedreht und „nicht das geringste Interesse an einem zweiten Parteitagsfilm“.[4] Leni Riefenstahl willigte daher ein, Regie und Hauptrolle in der Opernverfilmung zu übernehmen und man räumte ihr „weitgehendes künstlerisches und organisatorisches Mitspracherecht ein, so dass wir [Die Leni–Riefenstahl–Film GmbH ] uns für eine Co-Produktion entschieden“.[5] Die anschließenden Vorbereitungen wurden zu einem verwirrenden Debakel. Riefenstahl fuhr mit einem Teil ihres Stabes nach Spanien, um auf Motivsuche zu gehen und spanische Schauspieler zu engagieren. Die Terra dagegen hielt Termine nicht ein und schickte kein Geld. Die Vorbereitungen der Regisseurin verzögerten sich, gerieten ins Wanken, „sie konnte die Situation nicht selbst steuern und reagierte mit einem körperlichen Zusammenbruch“.[6] Während ihres anschließenden Krankenhausaufenthaltes wurde der Film abgeblasen. Riefenstahl beschäftigte sich nach ihrer Genesung mit ihrem Lieblingsprojekt Penthesilea und den Arbeiten an Triumph des Willens.

Nach Beendigung ihrer Projekte Triumph des Willens und Olympia reiste Leni Riefenstahl 1940 nach Konskie, Polen, wo sie ursprünglich als Frontberichterstatterin arbeiten wollte. Nach den dort erlebten dramatischen Ereignissen um Erschießung und Misshandlungen von Polen, auf das sie mit Entsetzen reagierte und um zügige Entlassung bat, die ihr gewährt wurde, reiste sie nach Deutschland zurück und dachte über eine neue Aufgabe nach.

Sie hörte von den Plänen der Tobis, Tiefland zu realisieren. Diese Idee elektrisierte sie und sie wog das Für und Wider ab. Sie entschied sich dafür, da sie diese Aufgabe für besser hielt, „als einen Propaganda- oder Kriegsfilm machen zu müssen. Dieser Verpflichtung hätte ich mich kaum entziehen können“.[7] Auch Leni Riefenstahl war nicht entgangen, dass Goebbels Filmproduktion darauf ausgerichtet war, Unterhaltung und patriotische Filme herzustellen.

[...]


[1] Vgl. Filmmuseum Potsdam (Hg.): Leni Riefenstahl, S. 239

[2] Vgl. Sanders-Brahms, Helma: Tyrannenmord. In: Hans Helmut Prinzler (Hg.): Das Jahr 1945. Filme aus fünfzehn Ländern. Berlin 1990, S. 173ff.

[3] Ebd.

[4] Vgl. Riefenstahl, Leni: Memoiren 1902 – 1945, S. 217

[5] Ebd.

[6] Vgl. Filmmuseum Potsdam (Hg.): Leni Riefenstahl, S. 77

[7] Vgl. Riefenstahl, Leni: Memoiren 1902 – 1945, S. 354

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Leni Riefenstahls Tiefland - Ein nachvollziehbare Freisprechung für Leni Riefenstahl?
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Film- und Fernsehwissenschaft)
Note
2
Autor
Jahr
2002
Seiten
28
Katalognummer
V14553
ISBN (eBook)
9783638199193
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Leni, Riefenstahls, Tiefland, Freisprechung, Riefenstahl
Arbeit zitieren
Holger Lodahl (Autor), 2002, Leni Riefenstahls Tiefland - Ein nachvollziehbare Freisprechung für Leni Riefenstahl?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14553

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