Über Naturschönes und Kunstschönes in Hegels Ästhetik


Seminararbeit, 1996

13 Seiten, Note: "mit sehr gutem Erfolg"


Leseprobe

Einleitung

Wenn im Folgenden über das Verhältnis von Kunstschönheit einer­seits und Naturschönheit andererseits in Hegels Ästhetik re­feriert werden soll, dann muss m.E. zuvor der Hintergrund der HegeIschen Philosophie kurz in Erhellung gebracht werden.

Die "Phänomenologie des Geistes" von Hegel nimmt für sich in An­spruch, die Bewegung des Bewusstseins in seiner Gesamtentfaltung philosophisch aufzuarbeiten. Die Geschichte der Philosophie selbst und die der Kunst und Religion wird im Zuge dessen zu einem An-sich erhoben, d.h. zu einem in sich geschlossenen Gegenstand, dem die Konkretisierung des Geistes als dem Vollzug der phi­losophischen Selbstbestimmung im Sinne einer sich entfaltenden Erkenntnisleistung des menschlichen Geistes als ein nunmehr wissenschaftlich Einholbares immanent ist. Das sich in diesem geschichtlichen Werdegang zum absoluten Geiste auf­schwingende Selbstbewusstsein, das sich selbst als des absoluten Wesens inne wird, ist zugleich auch die Ver­wirklichung des Begriffs als dem des absoluten Wesens. Die phi­losophische Reflexion Hegels treibt in diesem Sinne den abso­luten Geist in seine Verwirklichung, indem durch dieselbige der Begriff des absoluten Geistes seine gemäße geistige Realität in Form eben der HegeIschen Philosophie des absoluten Geistes verliehen bekommt.

Kunst und Religion sind innerhalb dieser Genese des sich selbst als das absolute Wesen erkennenden Geistes als Formen aufzufassen, durch die sich dieser Geist gleich­sam der Natur gegenüber verpuppt, um nur von sich selbst ein Wissen zu erlangen, um am Ende sodann – nunmehr mit einem absoluten Wissen um sich selbst ausgestattet – in die freien Lüfte der philosophischen Ideen aufzusteigen.

Der auf diese Weise sich dem Geist offenbarende Begriff des absoluten Geistes kann sodann als der absolute Begriff selbst aufgefasst werden, dem sämtliche Begriffe insofern untergeordnet sind, als jeder einzelne Begriff durch ebendiesen Geist gedacht und bestimmt erscheint. Zu diesen Begriffen, die dem absoluten Begriff des Geistes unterstehen, weil sie aus ihm selbst hervorgegangen sind, zählen nun auch jene der Schönheit als solcher, der Natur und der Kunst, die nunmehr auch in dieser Reihenfolge beschrieben und in ihrem Verhältnis zueinander betrachtet werden sollen.

Das Schöne als solches

Der zur Wahrheit seiner selbst gelangende Begriff des absolu­ten Geistes setzte einerseits den Begriff im Sinne eines ihm zukommenden Allgemeinen und andererseits eine in die Realität hineinreichende Besonderung und Vereinzelung des Begriffes als hintergründiges Denkmodell voraus. Solange diese Besonderung im Sinne eines mit dem Allgemeinen des Begriffes nicht Iden­tisches war, solange blieb der Begriff des absoluten Geistes unrealisiert. Die Konstellation von Allgemeinem und eines in Realität hineinwandernden Besonderen, das beispielhaft ein Einzelnes als eine bestimmte Gestalt des Daseins objektiviert, entscheidet demnach über den Grad der Wahrheit einer gegebenen Realisierung. Wo immer der Begriff nur eine besondere Seite seiner selbst repräsentiert bzw. objektiviert und seine Identität mit dem Allgemeinen nicht in Erscheinung tritt, dort erscheint der Begriff in sich unvollkommen und unfrei. Jedoch liegt es in der Natur des Begriffes, sich in seiner wahren Gestalt zu erheben, d.h. sich in seiner Totalität zu offenbaren, und wo immer diese Offenbarung des Begriffs als eine identische Gestalt mit sich selbst in das Dasein tritt, dort tritt der Begriff als Idee in das Dasein. Die Idee ist nach Hegel demnach die zur Realität gelangte Gestalt des Begriffes in seiner Identität von Besonderem und Allgemeinem als dem wahren Begriff. "... Denn das Allgemeine kommt in dem Besonderen, welches nur die besonderen Seiten des Allgemeinen selber ist, zu keinem absolut Anderen und stellt deshalb im Besonderen seine Einheit mit sich als Allgemeinem wieder her. In dieser Rückkehr zu sich ist der Begriff unendliche Negation; Negation nicht gegen anderes, sondern Selbstbestimmung, in welcher er sich nur auf sich beziehende affirmative Einheit bleibt. So ist er die wahrhafte Einzelheit als die in ihren Besonder­heiten sich nur mit sich selber zusammenschließende Allgemeinheit ...“.1

Der nur als eine Besonderung in die Realität hineinreichende Begriff, der ohne Identität mit seinem Allgemeinen bleibt und somit ohne Identität mit sich selbst, d.h . ohne seine wahre Gestalt verwirklicht zu haben, diese quasi unvollständige Rea­lisierung des Begriffs nun bestimmt Hegel als das Daseiende, welches nur als Erscheinung Wirklichkeit inne hat, dem auch die Naturerscheinungen als solche zugehören. Diesen Gedanken heraushebend führt Hegel aus: "... Das Erscheinende nämlich ist nicht dadurch schon wahr, daß es inneres oder äußeres Dasein hat und überhaupt Realität ist, sondern dadurch allein, daß diese Realität dem Begriff entspricht. Erst dann hat das Dasein Wirklichkeit und Wahrheit. Und zwar Wahrheit nicht etwa in dem subjektiven Sinne, daß eine Existenz meinen Vorstellungen sich gemäß zeige, sondern in der objektiven Bedeutung, daß das Ich oder ein äußerer Gegenstand, Handlung, Begebenheit, Zustand in seiner Wirklichkeit den Begriff selber realisiere. Kommt diese Identität nicht zustande, so ist das Daseiende nur eine Erscheinung, in welcher sich statt des totalen Begriffs nur irgendeine abstrakte Seite desselben objektiviert, welche, insofern sie sich gegen die Totalität und Einheit in sich ver­selbstständigt, bis zur Entgegensetzung gegen den wahren Begriff verkümmern kann ...“.2

Hegel schließt sodann, dass die wahre Realität „... die dem Begriff gemäße Realität (sei,) weil sich in ihr die Idee selber zur Existenz bringt ...“.3

Die Idee als die wahre Gestalt des Begriffes in seiner ganz­heitlichen Erscheinung von Allgemeinem, Besonderem und Einzelnem kann also als der Begriff angesehen werden, den Hegel von dem Begriff als solchem gibt. Appliziert man nunmehr diesen Begriff des Begriffes auf den Begriff der Idee selbst, so muss festgestellt werden, dass auch der Begriff nach seiner Verwirklichung strebt, wobei das Resultat dieser Verwirklichung der Idee das Ideal bildet. Dieses Ideal als die wahrhafte Gestalt der Idee rückt als ein Werk der Kunst in das Dasein. Es ergeben sich also zwei Ebenen der Darstellung des Begriffes in seiner wahren Gestalt, nämlich einerseits die Darstellung des Begriffes in seiner Identität mit sich selbst und andererseits die Darstellung ebendieser Identität des Begriffes mit sich selbst durch die Kunst.

"... Hiernach ist schon die Forderung ausgesprochen, dass die Idee und ihre Gestaltung als konkrete Wirklichkeit einander voll­endet adäquat gemacht seien. So gefasst, ist die Idee als ihrem Begriff gemäß gestaltete Wirklichkeit das Ideal ...“.4

Beiden Darstellungsebenen des Begriffes als solchem in seiner wahren Gestalt entspricht die Erscheinung als einer schönen. Hegel schreibt in diesem Sinne: "... Doch die Idee soll sich auch äußerlich realisieren und bestimmte vorhandene Existenz als natürliche und geistige Objektivität gewinnen. Das Wahre, das als solches ist, existiert auch. Indem es nun in diesem seinem äußerlichen Dasein unmittelbar für das Bewußtsein ist und der Begriff unmittelbar in Einheit bleibt mit seiner äu­ßeren Erscheinung, ist die Idee nicht nur wahr, sondern schön. Das Schöne bestimmt sich dadurch als das sinnliche Scheinen der Idee ...“.5

Das Schöne wird somit zu einem Indikator für die Feststellung um den Wahrheitsgehalt eines Begriffes in seiner anschaulichen Form erhoben. Wo immer ein anschaulicher Gegenstand als ein schöner beurteilt wird, dort ist auch die Idee als die Einheit seines Begriffes mit sich selbst zur Realisierung gelangt.

Die besondere Qualität der Subjekt-Objekt-Beziehung innerhalb des Anschauungsprozesses, aus welchem ein Gegenstand mit dem Prädikat "schön" hervorgeht, dokumentiert sich am eindringlich­sten im Vergleich mit jener Subjekt-Objekt-Relation, wie sie innerhalb des zweckausgerichteten Umgehens seiten5des Subjekts mit dem Gegenstand, sich darstellt.

Wie die Bezeichnung schon zu verstehen gibt, ist dem zwecko­rientiertem Handeln des Menschen ein Interesse oder Bedürfnis immanent, das vom Subjekt ausgeht und in das Objekt mündet. Der Gegenstand findet in dieser Beziehung seinen Zweck nicht in sich selbst, sondern im Subjekt; dasselbe gilt für den Be­griff des Gegenstandes: auch er ist in das Subjekt hineinver­lagert. Sowohl das Objekt als auch das Subjekt erweisen sich deshalb innerhalb dieser Beziehung als in ihrem Dasein von dem jeweils anderen abhängig und damit unfrei. Diesen Sachverhalt heraushebend schreibt Hegel: "... Jetzt sind es also die Dinge, welchen ihre Selbstständigkeit genommen wird, indem das Subjekt sie in seinen Dienst bringt und sie als nützlich betrachtet und behandelt, d.h. als Gegen­stände, die ihren Begriff und Zweck nicht in sich, sondern im Subjekt haben, so daß ihre, und zwar dienende Beziehung auf die subjektiven Zwecke ihr eigentliches Wesen ausmacht ...“.6

Demgegenüber steht die Subjekt-Objekt-Relation, innerhalb welcher der Gegenstand als ein schöner zur Anschauung gelangt, inner­halb welcher das Objekt seinen Begriff in sich selbst innehat und somit keinem außerhalb seiner selbst liegendem Interesse anheimfallen kann, wodurch sowohl das Objekt als auch das Sub­jekt als voneinander unabhängige Existenzen sich begegnen können. Hegel schreibt in diesem Sinne: "... der schöne Gegenstand läßt in seiner Existenz seinen eigenen Begriff als realisiert er­scheinen und zeigt an ihm selbst die subjektive Einheit und Lebendigkeit. Dadurch hat das Objekt die Richtung nach außen in sich zurückgebogen, die Abhängigkeit von anderem getilgt und für die Betrachtung seine unfreie Endlichkeit zu freier Unendlichkeit verwandelt. Das Ich aber in dieser Beziehung auf das Objekt hört gleichfalls auf, nur die Abstraktion des Aufmerkens, sinnlichen Anschauens, Beobachtens und des Auflö­sens der einzelnen Anschauungen und Beobachtungen in abstrakte Gedanken zu sein. Es wird in sich selbst in diesem Objekte konkret, indem es die Einheit des Begriffs und der Realität, die Vereinigung der bisher in Ich und Gegenstand getrennten und deshalb abstrakten Seiten in ihrer Konkretion selber für sich ausmacht ...“.7

Zusammenfassend ließe sich also formulieren, daß das Schöne als die sinnliche Erscheinung des Besonderen eines mit seinem Allgemeinen identischen Begriffs dem betrachtenden Subjekt seine Totatität und Autonomie verleiht, indem das Objekt dem Subjekt keine Veranlassung gibt, in ihm etwas anderes zu sehen als die Realisierung der Idee seiner eigenen Existenz als Subjekt.

Das Naturschöne

Die Bestimmung der Idee als die Besonderung des Begriffs in seiner Identität mit seinem Allgemeinen benennt die Kriterien, die das Schöne als solches auszeichnen in abstrakter Weise. Die rein theoretische Bestimmung entspricht dem Begriff des Schönen als solchen. Die Schönheit dagegen von etwas, sucht nunmehr diese Bestimmung beispielgebend als empirisch einhol­bare Gestalten der Anschauung beschreibend festzuhalten. So kann auch das Schöne der Natur in Erfahrung gebracht und be­schrieben werden. In diesem Sinne untersucht Hegel nun die Naturerscheinungen hinsichtlich ihrer steigenden Komplexität als die Entfaltung der Idee des Lebens selbst.

Die ideelle Einheit von Besonderem und Allgemeinem, wie sie dem wahren Begriffe immanent ist, drückt sich nunmehr in an­schaulichen Formen selbst aus. Dabei wird deutlich, daß zum einen die ideelle Einheit der Besonderung, diese wiederum des Allgemeinen bedarf und schließlich das Allgemeine nicht ohne Besonderung innerhalb einer vereinheitlichenden Gestalt zutage treten vermag.

So tritt auf der untersten Stufe der Realisierung der Idee als Leben die Form sinnlicher Materialität auf, wie z.B. das Metall, das versenkt in seine Objektivität bleibt. "... Solchem Körper fehlt sowohl eine totale Gliederung in der Weise, daß jeder der Unterschiede für sich eine besondere materielle Exi­stenz erhielte, als im auch die negative ideelle Einheit dieser Unterschiede abgeht, welche als Beseelung sich kundgäbe ...“.8

Die nächst höhere Natur ist die der Objektivität, innerhalb derer sich Begriffsunterschiede geltend machen, die durch ein System zusammengehalten und geordnet werden, wie z.B. das Son­nensystem. Jedoch ist erst die "... dritte Weise der Naturerschei­nung allein (...) ein Dasein der Idee und die Idee als natürliche das Leben. Die tote unorganische Natur ist der Idee nicht gemäß und nur die lebendig-organische eine Wirklichkeit derselben ...".9

Die Entfaltung der Idee äls Leben wird in diesem Sinne als repräsentiert durch die Genese des Kosmos, der Vegetation und des organischen Lebens in der Weise gedacht, daß in ihrer Logizität die Entfaltung der Idee des absoluten Geistes ihr natürliches Gegenüber gewinnt. Andererseits ist es der abso­lute Geist selbst, der die Natur als das Andere seiner selbst setzt und somit dieselbige mit seinem eigenen Wesen ausstattet. In diesem Sinne schreibt Hegel: "... Dem absoluten Geiste (...) steht die Natur weder als von gleichem Werte noch als Grenze gegenüber, sondern erhält die Stellung, durch ihn gesetzt zu sein, wodurch sie ein Produkt wird, dem die Macht einer Grenze und Schranke genommen ist. Zugleich ist der absolute Geist nur als absolute Tätigkeit und damit als absolute Unterschei­dung seiner in sich selbst zu fassen. Dies Andere nun, als das er sich von sich unterscheidet, ist einerseits eben die Natur, und der Geist die Güte, diesem Anderen seiner selbst die ganze Fülle seines eigenen Wesens zu geben. Die Natur haben wir deshalb selber als die absolute Idee in sich tragend zu begreifen, aber sie ist die Idee in der Form, durch den absoluten Geist als das Andere des Geistes gesetzt zu sein ...“.10

Die Gesetztheit der Natur durch den absoluten Geist als das Wesen dieser Natur nunmehr Hervorbringende, erklärt die struk­turelle Gemeinsamkeit deren je gegebenen Entfaltung als Prozeß, so daß Hegel schreiben kann: "... nicht nur die Philosophie etwa ist idealistisch, sondern die Natur schon tut als Leben faktisch dasselbe, was die idealistische Philosophie in ihrem geistigen Felde vollgringt. Erst beide Tätigkeiten aber in einem, das stete Realisieren der Bestimmtheiten des Organismus wie das Ideellsetzen der real vorhandenen zu ihrer subjektiven Einheit, ist der vollendete Prozeß des Lebens ...“.11

Dieser Idealismus der Lebendigkeit, wie Hegel das positive Setzen des Lebens von Bestimmtheiten im Sinne von Besonderungen bei gleichzeitiger Negierung derselbigen durch die Setzung einer sie einverleibenden, ideellen Einheit nennt, ist zugleich auch die Bedingung dafür, daß die Natur als erscheinende über­haupt ihre Realität innehat; nur als eine tätige und d.h. hier als eine lebendige vermag die Natur sich Realität zu geben. Denn die "... Realität, welche die Idee als natürliche Lebendigkeit gewinnt, ist gerade deswegen erscheinende Realität. Erscheinung nämlich heißt nichts anderes, als daß eine Realität existiert, jedoch nicht unmittelbar ihr Sein an ihr selbst hat, sondern in ihrem Dasein zugleich nagativ gesetzt ist ...“.12

Die durch den Idealismus der Lebendigkeit in Gestalten auftre­tende Natur ist auch die Bedingung für die Anschauung der Natur als schöne, dies insofern, als die Gestalt es ist, die das Ideelle der Lebendigkeit als Seele derselbigen entfaltet und zur Erscheinung bringt, was Hegel mit dem Begriff des objektiven Idealismus der Lebendigkeit belegt. Diesen Gedanken ausführend schreibt er: „... Die Schönheit kann (...) nur in die Gestalt fallen, weil diese allein die äußerliche Erscheinung ist, in welcher der objektive Idealismus der Lebendigkeit für uns als Anschauende und sinnlich Betrachtende wird ...“.13

Das Attribut des Schönen einer Naturerscheinung erweist sich somit als an die Verwirklichung der Idee als Leben gebunden, wie z.B. die Gestalt eines Tieres als schön erachtet werden kann. Des weiteren vermag eine Landschaft dieses Attribut für sich in Anspruch zu nehmen, von der Hegel ausführt: "... Hier ist keine organische Gliederung der Teile als durch den Begriff bestimmt und zu seiner ideellen Einheit sich belebend vorhanden, sondern einerseits nur eine reiche Mannigfaltigkeit der Gegen­stände und äußerliche Verknüpfung verschiedener Gestaltungen, organischer oder unorganischer (...); andererseits tritt inner­halb dieser Verschiedenheit eine gefällige oder imponierende äußere Zusammenstimmung hervor, die uns interessiert ...“.14

In diesem Zusammenhang erscheint jene Bemerkung von Hegel pas­send, in welcher er das "Naturschöne als (einen) Reflex des dem Geiste angehörigen Schönen"15 bezeichnet, was m.E. die geistige Beteiligung des Betrachters berührt, der in seinem "Wie" der Anschauung die natürliche Erscheinung gleichsam re­flexartig und das soll heißen: mit Hilfe seiner Reflexionen, nämlich aus seinem Geiste heraus, als eine schöne zu erhöhen und verklären vermag. Diese besondere Form der geistigen Durch­dringung des Naturschönen jedoch, wenn sie denn im HegeIschen Sinne so beschrieben werden darf, muß m.E.. als jener Prozeß der Begeisterung angesehen werden, deren der bildende Künstler für die Hervorbringung eines Werkes bedarf. Ihm kann die "... Veranlassung (...) zur Produktion (...) ganz von außen kommen, und das einzig wichtige Erfordernis ist nur, daß der Künstler ein wesentliches Interesse fasse und den Gegenstand in sich lebendig werden lasse. Und ein echt lebendiger Künstler findet eben durch diese Lebendigkeit tausend Veranlassungen zur Tätig­keit und Begeisterung - Veranlassungen, an welchen andere, ohne davon berührt zu werden, vorübergehen ...“.16

Den Höhepunkt der Entfaltung der Idee als Leben bildet nunmehr der Mensch in seiner Konstitution von Leib und Seele. Zwar war schon dem Natürlich-Lebendigen die Seele als das Ideelle und Innere durch seine Gestalt zur Erscheinung gebracht, jedoch ist dem Tier dieselbige nicht für sich selbst. "... Erst das bewußte Ich ist das einfach Ideelle, welches, als für sich selber ideell, von sich als dieser einfachen Einheit weiß und sich deshalb eine Realität gibt, ~ie keine nur äußerlich sinn­liche und leibliche, sondern selbst ideeller Art ist. Hier erst hat die Realität die Form des Begriffes selbst, der Begriff tritt sich gegenüber, hat sich zu seiner Objektivität und ist in derselben für sich ...„.17

In der menschlichen Gestalt hat die Idee als Leben sich auch jene Bedingungen hervorgebracht, die notwendig sind, jene in der Existenz des Tieres noch unterschiedenen Seiten von äußerer Schönheit der abstrakten Form und abstrakter Einheit des sinn­lichen Stoffes zur ungeschiedenen Einheit zu bringen, wodurch die Idee als Leben sich in ihrer voll ausgebildeten Gestalt zeigt, ohne darüber hinaus als eine natürliche ihre wahre Ge­stalt erlangen zu können. Der Grund hierfür liegt in der dem Leben zukommende Prozeßhaftigkeit der Entfaltung der Idee als je einzelne gestalthafte Existenzen, die sich als solche einer­seits gegeneinander Behaupten und andererseits in Abhängigkeiten zueinander geraten, wodurch die Existenzen als natürliche der Entfaltung als fortgesetzte selbst im Wege stehen. Zwar tritt "... (mit) der Unmittelbarkeit des Einzelnen (...) die Idee in das wirkliche Dasein ein. Durch dieselbe Unmittelbarkeit nun aber wird sie zugleich in der Verwicklung mit der Außenwelt verfloch­ten, in die Bedingtheit äußerer Umstände wie in die Relativität von Zwecken und Mitteln, überhaupt in die ganze Endlichkeit der Erscheinung hineingerissen ...“.18

Jedoch beherrscht diese Prosa nicht nur die Außen-, sondern auch Innenwelt als das Innere im Unmittelbaren. So hat zwar die menschliche Gestalt den ungeheuren Vorzug gegenüber der tierischen, Empfindsamkeit als mögliche darzutun, "... zugleich tritt aber (...) der Mangel ein, daß dies Empfinden sich nicht als innerlich in sich konzentriertes zur Gegenwart in allen Gliedern herausarbeitet, sondern daß im Körper selbst ein Teil der Organe und deren Gestalt nur animalischen Funktionen ge­widmet ist während ein anderer näher den Ausdruck des Seelenlebens, der Empfindungen und Leidenschaften in sich aufnimmt. Von dieser Seite scheint die Seele mit ihrem inneren Leben auch nicht durch die ganze Realität der leiblichen Gestalt hindurch ...“.19

Dieses Verhältnis von Innerlichkeit und Äußerlichkeit, von Seele und erscheinender Gestalt innerhalb des Natürlich-Lebendigen, findet sich auf der höheren Ebene des Geistig-Lebendigen in Formen des menschlichen Zusammenlebens wieder vor. "... Je größer und reicher ihre Gebilde sind, desto mehr bedarf der eine Zweck, der dies Ganze belebt und dessen innere Seele aus­macht, mithandelnder Mittel. In der unmittelbaren Wirklichkeit nun erweisen sich diese allerdings als zweckmäßige Organe, und was geschieht und hervorgebracht wird, kommt nur durch Vermittlung des Willens zustande; jeder Punkt in solchem Or­ganismus, wie ein Staat, eine Familie, d.h. jedes einzelne Individuum will und zeigt sich auch wohl im Zusammenhange mit den übrigen Gliedern desselben Organismus, aber die eine innere Seele dieses Zusammenhangs, die Freiheit und Vernunft des einen Zwecks tritt nicht als diese eine freie und totale innere Be­seelung in die Realität hinaus und macht sich nicht an jedem Teile offenbar ...“.20

Die geistige Welt weist somit als lebendiger Organismus jenen Mangel des Naturschönen auf, den die menschliche Gestalt als die zwar aus dem Bereich des Natürlich-Lebendigen herausragende, zugleich aber auch die Idee als solche aus der Umklammerung des Lebens nicht befreiende, kennzeichnet.

Die Mangelhaftigkeit des Naturschönen betrifft schließlich auch das geistige Individuum, das "... eine Totalität in sich (ist), zusammengehalten durch einen geistigen Mittelpunkt ...“.21

Ihn zwingt die "Prosa des menschlichen Daseins" als die durch geistige Interessen bedingte Endlichkeit in den Kreislauf zweck­gebundener Reflexionen und Handlungen. In diesem Kreislauf muß sodann "... der einzelne Mensch, um sich in seiner Einzelheit zu erhalten, sich vielfach zum Mittel für andere machen, ihren beschränkten Zwecken diesen, und setzt die anderen, um seine eigenen engen Interessen zu befriedigen, ebenfalls zu bloßen Mitteln herab (...) Nach allen diesen Rücksichten hin gewährt das Individuum in dieser Sphäre nicht den Anblick der selbst­ständigen und totalen Lebendigkeit und Freiheit, welche beim Begriffe der Schönheit zugrunde liegt ...“.22

Die Mangelhaftigkeit des Naturschönen ist somit dem Natürlich-­Lebendigen und dem Geistig-Lebendigen als Formen der Entfaltung der Idee immanent. Daraus erwächst die Notwendigkeit des Kunst­schönen als das Ideal bzw. der Verwirklichung der Idee.

Das Kunstschöne

Überträgt man die Bestimmung, das Schöne sei das sinnliche Scheinen der Idee sowohl auf die Natur-, als auch auf die Kunst­schönheit, so läßt sich mit Hegel sagen, daß das Ideal als das Kunstschöne "das in sich vollkommene Schöne und die Natur das unvollkommene (Schöne)" ist. Das Ideal seinerseits ist als die wahre Gestalt der Idee als dem Begriff in seiner absoluten Identität mit sich selbst bestimmt worden, was die Bedeutung in sich trägt, daß die durch ihn erscheinende Besonderung in jeder Phase seiner Gestaltung sein Allgemeines mit sich führt. Für die Kunst bedeutet dies, "... daß sie jede Gestalt an allen Punkten der sichtbaren Oberfläche zum Auge verwandle, welches der Sitz der Seele ist und den Geist zur Erscheinung bringt ...“.23

Diese Forderung der durchgängigen Beseelung der Erscheinung des Kunst­schönen ist gleichsam eine der Natur nachgetragene, denn, "... (mit) einem Worte, die Kunst hat die Bestimmung, das Dasein in seiner Erscheinung als wahr aufzufassen und darzustellen, d.i. in seiner Angemessenheit zu dem sich selbst gemäßen, dem an und für sich seienden Inhalt. Die Wahrheit der Kunst darf also keine bloße Richtigkeit sein, worauf sich die sogenannte Nach­ahmung der Natur beschränkt, sondern das Äußere muß mit einem Inneren zusammenstimmen, das in sich selbst zusammenstimmt und eben dadurch sich als sich selbst im Äußeren offenbaren kann ...“.24

Die durch den Geist nunmehr sich zum Ideal reinigende Natur­erscheinung führt die Entfaltung der Idee als das Leben nahtlos weiter. Dies insofern, als der Mensch in seiner leiblichen Konstitution eben selbst den Höhepunkt dieser Entfaltung der Idee als Leben und gleichzeitig den Wendepunkt beschreibt, an welchem das Leben aus seiner Bewußtlosigkeit heraustritt, um eben über die geistige Reflexion das hervorzubringen, was es als die natürlich-lebendige Natur nicht hervorzubringen ver­mochte, nämlich das Ideal. Andererseits ist die Natur, wie schon erwähnt wurde, die von dem absoluten Geist als das Andere seiner selbst gesetzte, so daß eben dieser Geist als das Andere des absoluten Geistes es ist, der sich in ihr als Idee offenbart, so daß der Mensch als aus dem Anderen des absoluten Geistes hervorgegangener, selbst dieses Andere umfaßt. Als ein solcher ergreift er nunmehr die Naturerscheinungen und bearbeitet sie, was bedeutet, daß er als das Andere des absoluten Geistes eben dieses Andere zu seinem Gegenstand macht.

Der absolute Geist als das Andere seiner selbst tritt in diesem Sinne in eine Reflexion mit sich selbst und erkennt sich selbst als dieses Andere. Weil es aber selbst das Andere ist und auch die Natur dieses Andere ist, so erblickt er sich in ihr als sein eigene Anderes und gibt sich so als den absoluten Geist selbst zu erkennen.

Das Verhältnis von Kunst- und Naturschönem

Abschließend soll das Verhältnis von Naturschönem und Kunstschönem innerhalb der HegeIschen Ästhetik nochmals explizit gemacht werden. Das Schöne als die sinnlich erscheinende Idee umfasst sowohl das Natur- als auch das Kunstschöne. Die inner­halb der Natur vorhandene Bedürftigkeit der natürlich-lebendigen und die Prosa der geistig-lebendigen Welt ist die Ursache dafür, dass die Idee des Schönen als das Ideal in ihr nicht zur Entfal­tung gelangt. Diese erst leistet die Kunst, weshalb ihre Schön­heit der Schönheit der Natur übergeordnet ist. In dem Kunstschö­nen erst ist der Begriff in jeder Phase seiner Besonderung als sinnlich erscheinende identisch mit sich selbst als dem Allge­meinen. Weil aber darüber hinaus die Kunst die Naturerscheinungen als solche sich zum Gegenstand der Darstellung selbst macht und so jenes, was das Leben als Idee zur Entfaltung bringt selbst noch einmalgeistig entfaltet, so stellt das Ideal als das Kunst­schöne auch die Entfaltung der Idee in seiner Kontinuität als lebendige wieder her.

[...]


1 Vorlesungen über die Ästhetik I, S.148/149

2 a.a.O., S. 150/151

3 a.a.O., S. 151

4 a.a.O., S.

5 a.a.O., S. 151

6 a.a.O., S. 153.

7 a.a.O., S. 155

8 a.a.O, S. 158.

9 a.a.O., S. 160.

10 a.a.O., S. 128.

11 a.a.O., S. 163.

12 a.a.O., S. 164.

13 a.a.O., S. 168.

14 a.a.O., S. 176.

15 a.a.O., S. 15.

16 a.a.O., S. 372.

17 a.a.O., S. 177.

18 a.a.O., S. 196.

19 a.a.O., S. 194.

20 a.a.O., S. 195.

21 a.a.O., S. 195.

22 a.a.O., S. 197.

23 a.a.O., S. 203.

24 a.a.O., S. 205.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Über Naturschönes und Kunstschönes in Hegels Ästhetik
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Adorno: Ästhetische Theorie
Note
"mit sehr gutem Erfolg"
Autor
Jahr
1996
Seiten
13
Katalognummer
V145575
ISBN (eBook)
9783640559022
ISBN (Buch)
9783640559060
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hegel, Ästhetik
Arbeit zitieren
Arnold Wohler (Autor:in), 1996, Über Naturschönes und Kunstschönes in Hegels Ästhetik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145575

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