Wurde das Werk Cécile zu Anfang mit Nichtbeachtung gestraft, behauptete Fontane schon immer, mit diesem Roman etwas ganz Besonderes geschaffen zu haben und sprach von etwas „Neu[em]“ , dass er vorgelegt zu haben glaubte.
Was den Roman zum Besonderen macht, vermag die Frage zu klären, ob die Figur Cécile wirklich krank ist, oder ob es sich um eine zugeschrieben Krankheit handelt. Viele Interpreten des Textes beschäftigten sich lange mit der Krankheit Céciles und sahen in ihr die Geschichte einer leidenden ehemaligen Fürstengeliebten. Sabina Becker fasst den Stand der Forschung folgendermaßen zusammen: „Man las den Roman als Identitätskrise einer Angehörigen des Adels, analysierte die Handlung als Ausdruck des Konflikts zwischen Individuum und Gesellschaft, deutete Céciles Freitod als das Resultat einer Dreiecksgeschichte oder sah in ihrem Tod ein Opfer ‚menschlicher Verfehlung, gesellschaftlicher Unbarmherzigkeiten und der Zeit eigenen Leere’“ . Viele Untersuchungen gehen davon aus, dass Cécile der Krankengruppe der Nervösen bzw. Hysterikerinnen angehört. Alle diese nehmen die Krankheit der Protagonistin unhinterfragt hin und sehen nicht das „Neue“, von dem Fontane sprach.
Gegenstand dieser Arbeit soll es nun sein, genau diese Fragestellung zu untersuchen. Dafür sollen die Figuren genauer betrachtet werden, die Cécile für krank erklären. Außerdem ist es zunächst einmal nötig, sich mit der Geschichte der Hysterie zu beschäftigen. Die Bezeichnung Hysterie hat eine lange Tradition und wird schon in altägyptischen Papyren beschrieben. In der griechischen Antike glaubte man, dass die typischen hysterischen Störungen durch das Austrocknen der Gebärmutter entstünden. Man ging ganz selbstverständlich davon aus, dass nur Frauen von der Krankheit befallen werden können. Auch noch im ausgehenden 19. Jahrhundert glaubten berühmte Neurologen wie Charcot an eine somatische Erkrankung. Erst mit Breuer und Freud kam die Diskussion über eine psychische Entstehung der hysterischen Symptome auf. Sie veröffentlichten die Studien über Hysterie, welche revolutionäre wissenschaftliche Hypothesen enthalten, die besagen, dass die hysterischen Patienten größtenteils an „Reminiszenzen“ litten.
Glaubt man Sabina Becker, handelt es sich bei der Hysterie um den Bestandteil einer von Männern imaginierten Weiblichkeit. Sie haben ein Bild vor Augen, denen die Frau zu entsprechen hat. Weicht sie davon ab, wird sie als hysterisch bezeichnet.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1.) Geschichte der Hysterie
1.1) Von den Ägyptern bis zu Charcot
1.2) Freuds Psychoanalyse
2.) Konstruktion der Frauenfiguren
2.1) Die Bebilderung der Frau
2.2) Gordon als personale Erzählinstanz
2.3) „Zudiktierte“ Krankheit
Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, ob die Figur Cécile in Theodor Fontanes gleichnamigem Roman tatsächlich an einer pathologischen Hysterie leidet oder ob ihr diese Krankheit lediglich von ihrem sozialen Umfeld zugeschrieben wird. Der Fokus liegt dabei auf der Analyse der männlichen Wahrnehmung und der gesellschaftlichen Rollenbilder des 19. Jahrhunderts, die das Schicksal der Protagonistin entscheidend mitbestimmen.
- Historische Entwicklung des Hysterie-Begriffs vom Altertum bis zur Psychoanalyse
- Die Konstruktion weiblicher Identität durch männliche Blickwinkel und Erzählinstanzen
- Fontanes kritische Darstellung der "zudiktierten" Krankheit
- Der Einfluss gesellschaftlicher Vorurteile und Geschlechterrollen auf die Wahrnehmung von Frauenfiguren
Auszug aus dem Buch
2.3) ‘Zudiktierte’ Krankheit
Nachdem nun eingehend auf Rollenzuschreibungen der Frau eingegangen wurde, stellt sich die Frage, ob Cécile wirklich eine „Krankengeschichte“ ist und als Geschichte einer nervenleidenden ehemaligen Fürstengeliebten gedeutet werden kann. Selten wurde die Perspektive beachtet, aus der der Roman geschrieben ist, nämlich aus der der männlichen Figuren. Ist Cécile nun also wirklich krank, oder handelt es sich um eine zudiktierte Krankheit? Die nervös-hysterische Frau, die, wie bereits erwähnt, Merkmale der ‚femme fragile’ und ‚femme fatale’ vereint, gilt im 19. Jahrhundert als ein Symbol von Weiblichkeit und Sinnlichkeit. Somit wird sie zu einer idealen Figur für die Literatur und Fontane greift mit der Hysterie ein sehr modernes und beliebtes Thema auf.
Doch unterscheidet sich Cécile grundlegend von den vorangegangen Verarbeitungen des Motivs. Sabina Becker zufolge ist der Gegenstand des Romans „weniger eine nervenleidende Frau, als vielmehr der zeitgenössische, von Männern geführte Diskurs über weibliche Hysterie und Nervosität und nicht zuletzt auch über die Weiblichkeit selbst.“ Dem Leser wird kein Porträt einer Hysterikerin vorgeführt, sondern einer Frau, die Opfer männlicher Zuschreibungen geworden ist. Fontane führt die Krankheit der Hysterie als das vor, was sie war, und zwar als „das Resultat des weiblichen Aufbegehrens, als die Rebellion des weiblichen Körpers gegen männlich diktierte Normen bzw. gegen eine patriarchalisch strukturierte Gesellschaft einerseits und als eine ‚zudiktierte’ Krankheit – so die Worte der Romanheldin – andererseits.“ Dies entspricht den Arbeiten Freuds und Breuers, die in der Hysterie die Revolte des Körpers erkannt haben.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung hinterfragt den Status von Céciles Krankheit und führt in die Thematik der Hysterie sowie deren literarische Rezeption ein.
1.) Geschichte der Hysterie: Dieses Kapitel skizziert die wissenschaftsgeschichtliche Entwicklung des Hysterie-Begriffs von der Antike bis hin zu Freuds und Breuers psychologischen Ansätzen.
2.) Konstruktion der Frauenfiguren: Hier wird analysiert, wie die Figur Cécile durch männliche Sichtweisen und gesellschaftliche Konstruktionen von Weiblichkeit als "hysterisch" definiert wird.
Schluss: Das Fazit bestätigt, dass Cécile ein literarisches Kunstprodukt ist, das durch die männliche Projektion einer "zudiktierten" Krankheit in eine soziale Ausweglosigkeit getrieben wird.
Schlüsselwörter
Theodor Fontane, Cécile, Hysterie, Frauenbild, 19. Jahrhundert, Psychoanalyse, Geschlechterrolle, Literaturwissenschaft, gesellschaftliche Konstruktion, Nervosität, Weiblichkeit, männliche Perspektive, Identitätskrise, Krankheitsdiskurs, Literaturkritik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Repräsentation der Krankheit Hysterie im Roman Cécile von Theodor Fontane.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die historische Entwicklung des Hysterie-Diskurses und dessen Anwendung als gesellschaftliches Instrument zur Festlegung weiblicher Rollen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuklären, ob Cécile wirklich krank ist oder ob ihr diese Rolle durch ein männlich dominiertes Umfeld zudiktiert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die erzähltheoretische Aspekte mit kultur- und medizingeschichtlichen Diskursen verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Geschichte der Hysterie und die Mechanismen der Konstruktion der Frauenfigur durch den Erzähler und die männlichen Charaktere analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Hysterie, Weiblichkeit, gesellschaftliche Rollenbilder und der männliche Blick.
Warum spielt die Erzählperspektive für Céciles Krankheitsbild eine Rolle?
Da der Roman primär aus der Sicht männlicher Figuren erzählt wird, bleibt eine objektive Diagnose aus; Céciles Verhalten wird stattdessen durch die subjektiven Vorurteile der Beobachter gefiltert.
Wie deutet Cécile selbst ihren Gesundheitszustand?
Sie beschreibt ihre Krankheit ausdrücklich als eine ihr von außen "zudiktierte" Form der Schwäche, womit sie sich von den pathologischen Zuschreibungen der Männer distanziert.
- Citar trabajo
- Jennifer Heim (Autor), 2009, Das Rätsel Weib, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145670