Was ist Kunst? In unserem traditionell gebräuchlichen Sinne das Besondere, das aus dem Normalen hervorsticht, etwas höher Gestelltes, eine bestimmte Kategorie unseres gesell- schaftlichen Lebens. Aus polynesischer Sicht würde man Kunst prinzipiell nicht als separat vom Alltag betrachten. Dies zeigt sich schon dadurch, dass in keiner der vielen Sprachen Polynesiens ein Wort für „Kunst“ existiert. In dieser Arbeit werde ich mich deshalb an Adrienne L. Kaepplers Definition von Kunst orientieren: „I define as art any cultural form that results from creative processes that use or manipu- late words, sounds, movements, materials, or space in such a way that they formalize the nonformal. I use the term aesthetics to refer to evaluative ways of thinking about these cultural forms. [...] In my view arts can best be understood as cultural forms em- bedded in social action” (Kaeppler 1989: 213).
Konkreter ausgedrückt soll hier polynesische Kunst als Teil der materiellen Kultur untersucht werden, welche vor einem bestimmten sozialen, religiösen, ökonomischen, historischen und ökologischen Hintergrund besteht. Die Rolle der Künstler und Objekte sowie die Anwendung und Funktion der Werke –einschließlich der Herstellungstechniken – soll aus möglichst emischer Sichtweise beleuchtet werden. Hierbei werden sowohl die Unterschiede als auch die Gemeinsamkeiten der unzähligen, teilweise tausende Kilometer voneinander entfernten Inseln im Pazifik herausgearbeitet.
Was ist Tapa? Tapa bezeichnet einen Stoff, der aus Rindenbast hergestellt wird. Dieser war über Jahrhunderte der kostbarste und am weitesten verbreitete Polynesiens. Verwendet wurde er für die Herstellung von zeremonieller und alltäglicher Kleidung, für Prestigeobjekte oder als Haushaltsgegenstand. Er war und ist wichtiger Bestandteil des zeremoniellen Tauschs und der Opfergabe und stellt in der heutigen Zeit zusätzlich einen wichtigen Anteil im Verkauf von Souvenirs an Touristen dar.
In den folgenden Kapiteln soll deutlich gemacht werden, welche Schlüsse man von der Tapa-Kunst auf die polynesischen Gesellschaften ziehen kann. Dies geschieht vor allem unter Berücksichtigung der Einflussnahme durch die imperialistischen Mächte seit dem frühen 19. Jahrhundert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Tapa-Kunst in der Geschichte und ihre Wahrnehmung durch die Imperialmächte
3. Herstellung von Tapa
3.1 Einzelne Arbeitsschritte
3.2 Fremdeinflüsse auf die Herstellung
4. Gebrauch und Bedeutung von Tapa
4.1 Traditioneller Gebrauch und Bedeutung
4.2 Die Bedeutung der Zeichen und Formen
4.3 Moderner Gebrauch und Bedeutung
5. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht Tapa als polynesische Kunstform und materielles Kulturgut, wobei der Fokus auf dem sozialen, religiösen und historischen Kontext liegt. Dabei wird insbesondere beleuchtet, wie sich Tapa-Herstellung, -Gebrauch und -Bedeutung unter dem Einfluss imperialistischer Mächte und durch den Wandel von Tradition zur Moderne verändert haben.
- Definition und ethnologische Einordnung polynesischer Kunst.
- Historische Entwicklung und der Einfluss der Kolonialzeit.
- Technische Aspekte der Rindenbast-Produktion und künstlerische Gestaltung.
- Soziokulturelle Funktion von Tapa als Prestige- und Ritualobjekt.
- Die Transformation der Bedeutung im Zuge von Tourismus und kultureller Rückbesinnung.
Auszug aus dem Buch
3. Herstellung von Tapa
In westlichen Gesellschaften gilt Kunst als etwas vom Alltag Losgelöstes und wird darum meist in speziell dafür vorgesehenen Räumen wie Ateliers oder Werkstätten gefertigt. Zudem werden verschiedene Kunstgattungen wie Gesang, Bildhauerei und Tanz voneinander abgegrenzt. Ganz anders gestaltet sich künstlerisches Schaffen in Polynesien, wo diverse Kunstformen interagieren und zudem mit dem alltäglichen oder zeremoniellen Leben verbunden sind (Kaeppler1994:26). So wird auch die Herstellung der typischen Rindenbaststoffe im Alltag erledigt, meist draußen an einem schattigen Platz; regional unterschiedlich werden manche Arbeitsschritte auch im Haus erledigt (Neich et al. 1997: 13). Während der Arbeit ist es zudem nicht unüblich, bestimmte Lieder zu singen oder Gebete in die Produkte mit einfließen zu lassen (Kaeppler 1994: 26).
Auf Grund der strengen Aufteilung nach Geschlechtern im polynesischen Alltag ist die Tapa-Produktion traditionell Frauensache. Oft arbeiten die Frauen in Gruppen, vor allem bei komplizierten Arbeitsschritten oder großen, aufwendigen Stoffteilen (Neich 1997: 9, 41). Nur wenige regionale Beispiele von männlicher Beteiligung an der Textilherstellung sind bekannt, und diese stammen aus vergangenen Zeiten. Zu nennen wären hier die Marquesas oder die Osterinseln, auf denen Männer speziell für den Gebrauch des Stoffes als Ritualobjekte wie Masken, Figuren oder Lendenschürze Tapa fertigten (Neich et al. 1997: 9).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die polynesische Tapa-Kunst ein, definiert den Kunstbegriff im kulturellen Kontext und umreißt die methodische Herangehensweise sowie den Aufbau der Arbeit.
2. Tapa-Kunst in der Geschichte und ihre Wahrnehmung durch die Imperialmächte: Dieses Kapitel behandelt die historischen Ursprünge der Tapa-Tradition und analysiert, wie externe Sammler und Mächte die Kunstwerke über Jahrhunderte wahrgenommen und klassifiziert haben.
3. Herstellung von Tapa: Hier wird der Herstellungsprozess der Rindenbaststoffe erläutert, inklusive der spezifischen Arbeitsschritte sowie der Einflüsse durch ausgetauschte Techniken und Werkzeuge.
3.1 Einzelne Arbeitsschritte: Dieser Abschnitt beschreibt detailliert die materialtechnische Gewinnung und Verarbeitung des Rindenbastes vom Rohmaterial bis zur künstlerischen Verzierung.
3.2 Fremdeinflüsse auf die Herstellung: Dieses Kapitel zeigt auf, wie der Kontakt mit europäischen Kolonialmächten und neuen Arbeitsgeräten das Repertoire der bildlichen Darstellungen erweiterte, ohne die grundlegende Tradition zu zerstören.
4. Gebrauch und Bedeutung von Tapa: Dieser Abschnitt expliziert, wie Tapa als Träger von sozialem Status und kultureller Identität in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten fungiert.
4.1 Traditioneller Gebrauch und Bedeutung: Hier steht die zeremonielle Funktion von Tapa im Vordergrund, insbesondere die Verbindung zu spiritueller Kraft (mana), Ahnen und sozialen Hierarchien.
4.2 Die Bedeutung der Zeichen und Formen: Dieser Teil untersucht die metaphorische Sprache der Motive und wie diese als eine Art Geschichtschronik gesellschaftliche Ereignisse festhalten.
4.3 Moderner Gebrauch und Bedeutung: Dieses Kapitel analysiert die heutige Relevanz von Tapa, von seiner Rolle bei neuen Riten bis hin zur touristischen Vermarktung und der kulturellen Rückbesinnung.
5. Fazit: Das Fazit fasst den Wandel der Tapa-Kunst zusammen und betont die Bedeutung von Tapa als dynamisches Ausdrucksmittel, das eng mit der Identität polynesischer Gesellschaften verknüpft bleibt.
Schlüsselwörter
Polynesien, Tapa, Rindenbast, Materielle Kultur, Kunstgeschichte, Kolonialismus, Zeremonieller Gebrauch, Mana, Sozialer Status, Identität, Tradition, Moderne, Kunsthandwerk, Ethnologie, Motivik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Tapa-Kunst in Polynesien und untersucht deren Herstellung, Gebrauch sowie ihre tiefe Verankerung in der sozialen und religiösen Struktur der polynesischen Gesellschaften.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der historischen Entwicklung der Tapa-Tradition, dem Einfluss europäischer Kolonialmächte, der Bedeutung der Kunst für den sozialen Status sowie dem Wandel der Tradition im modernen Kontext.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, Tapa als wesentlichen Teil der materiellen Kultur zu begreifen und aufzuzeigen, wie sich durch die Kunst gesellschaftliche Strukturen, historische Ereignisse und die kulturelle Identität der Polynesier spiegeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine ethnologische Analyse, die auf Feldforschungsergebnissen und Publikationen renommierter Anthropologen wie Adrienne L. Kaeppler und Roger Neich basiert, um eine möglichst emische Sichtweise einzunehmen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die technischen Herstellungsverfahren, die zeremonielle Verwendung als Prestige- und Ritualgegenstand sowie die Metaphorik der verwendeten Zeichen und Muster im Wandel der Zeit detailliert erläutert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Tapa, Rindenbast, Polynesien, Mana, soziale Hierarchie, kulturelle Identität und Kolonialgeschichte geprägt.
Welche Bedeutung kommt dem Konzept "mana" bei Tapa-Objekten zu?
Mana bezeichnet eine übernatürliche Kraft, die Gegenständen innewohnt; Tapa-Kleidungsstücke galten als von dieser Kraft durchdrungen, insbesondere wenn sie von hochrangigen Personen getragen wurden oder in heiligen Ritualen zum Einsatz kamen.
Wie hat der Tourismus die Tapa-Herstellung beeinflusst?
Der Tourismus hat zu einer Umstellung der Produktion geführt, wobei vermehrt kleinere Souvenir-Textilien gefertigt werden, was gleichzeitig eine Abkehr von der traditionellen kollektiven Gruppenarbeit bei der Herstellung bewirkt hat.
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- Carolin Duss (Autor), 2006, Tapa-Kunst in Polynesien, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145740