Im Rahmen erster eigener Unterrichtsversuche im Fach Evangelische Religionslehre,
die in einer 5. bis 7. Klasse einer Erfurter Regelschule zum Thema Islam absolviert
wurden, stellte ich mit Erstaunen fest, dass in den relativ alten Lehrbüchern, die in der
Schule zur Verfügung standen, der Islam kaum thematisiert wird. Deshalb konnte ich
bei der Gestaltung der Unterrichtseinheit nicht auf diese Schulbücher zurückgreifen. Die
Schülerinnen und Schüler begegneten dem Islam in meinem Unterricht daher mithilfe
von Arbeitsblättern, Videos, Bildern und Anschauungsmaterialien, wie z.B. Koran,
Gebetsteppich und Gebetskette. Anschließend stellte sich mir natürlich die Frage, ob es
Kindern und Jugendlichen generell nicht möglich ist, anderen Religionen in
Lehrbüchern zu begegnen, oder ob das nur bei den relativ alten Lehrwerken der Schule,
in der ich unterrichtete, der Fall ist. Diese Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen
interreligiösen Lernens durch den Einsatz von Religionslehrbüchern im evangelischen
Religionsunterricht der Regelschule zu ergründen, ist das Ziel der vorliegenden
Magisterarbeit.
Die für eine Religionsbuchanalyse notwendigen theoretischen Grundlagen des Begriffes
„interreligiöses Lernen“, der aufgrund gesellschaftlicher Entwicklungen von zentraler
Bedeutung für den evangelischen Religionsunterricht ist, sollen daher zunächst
dargelegt werden. Neben Voraussetzungen, Zielen, begrifflichen Annäherungen und
Grundfragen soll dabei auch auf interreligiöses Lernen als Prozess eingegangen werden.
Außerdem wird die Rolle der Lehrbücher in Bezug auf interreligiöses Lernen
beleuchtet.
Die sich anschließende Religionsbuchanalyse soll eine Querschnittanalyse von drei
möglichst neuen Lehrbüchern sein, um zu zeigen, dass interreligiöses Lernen mithilfe
neuerer Religionslehrbücher durchaus möglich ist. Die Analyse bezieht sich ferner nur
auf Lehrwerke unterer Klassenstufen der Regelschule, da Schülerinnen und Schüler
möglichst früh anderen Religionen begegnen sollen, was durch die Lehrpläne, an denen
sich die Autorinnen und Autoren von Schulbüchern orientieren müssen, berücksichtigt
ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Theoretische Grundlagen des interreligiösen Lernens
2.1. Voraussetzungen interreligiösen Lernens
2.2. Ziele des interreligiösen Lernens
2.3. Interreligiöses Lernen – begriffliche Annäherungen
2.4. Grundfragen zum interreligiösen Lernen
2.5. Interreligiöses Lernen als Prozess
2.6. Lehrbücher und interreligiöses Lernen
2.6.1. Allgemeines
2.6.2. Die Vorgaben des Thüringer Lehrplanes
2.6.3. Fachwissenschaftliche Aspekte
2.6.4. Fachdidaktische Aspekte
2.6.5. Gesellschaftliche Aspekte
3. Praxis des interreligiösen Lernens (Lehrbuchanalyse)
3.1. Kriterien zur Lehrbuchanalyse
3.1.1. Fachwissenschaftliche Kriterien
3.1.2. Fachdidaktische Kriterien
3.1.3. Gesellschaftliche Kriterien
3.2. Ausgewählte Lehrbücher und deren „interreligiöser“ Befund
3.2.1. „Kursbuch Religion elementar“
3.2.1.1. Fachwissenschaftliche Aspekte
3.2.1.2. Fachdidaktische Aspekte
3.2.1.3. Gesellschaftliche Aspekte
3.2.2. „Religion entdecken – verstehen – gestalten“
3.2.2.1. Fachwissenschaftliche Aspekte
3.2.2.2. Fachdidaktische Aspekte
3.2.2.3. Gesellschaftliche Aspekte
3.2.3. „RELi+wir“
3.2.3.1. Fachwissenschaftliche Aspekte
3.2.3.2. Fachdidaktische Aspekte
3.2.3.3. Gesellschaftliche Aspekte
3.3. Ausgewählte Lehrbücher und deren „interreligiöse“ Analyse
3.3.1. Möglichkeiten des interreligiösen Lernens mithilfe von Lehrbüchern
3.3.2. Grenzen des interreligiösen Lernens mithilfe von Lehrbüchern
3.4. Konsequenzen für die Gestaltung des evangelischen Religionsunterrichtes
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Möglichkeiten und Grenzen des interreligiösen Lernens im evangelischen Religionsunterricht an Regelschulen, indem sie analysiert, inwieweit moderne Religionslehrbücher einen solchen Lernprozess durch fachwissenschaftliche, fachdidaktische und gesellschaftliche Vermittlung fördern können.
- Grundlagen des interreligiösen Lernens in der pluralistischen Gesellschaft
- Entwicklung eines Kriterienkatalogs zur Analyse von Religionslehrbüchern
- Vergleichende Untersuchung der Lehrwerke „Kursbuch Religion elementar“, „Religion entdecken – verstehen – gestalten“ und „RELi+wir“
- Reflexion der Rolle des Religionsbuchs als Medium für den interreligiösen Dialog
Auszug aus dem Buch
2.5. Interreligiöses Lernen als Prozess
Wie die vorangehenden Ausführungen vermuten lassen, ist der Prozess des interreligiösen Lernens ein sehr komplexer. Nachfolgend soll dieser Lernprozess entsprechend den Überlegungen von Judith A. Berling dargestellt werden, da ihr Ansatz die Überlegungen und Ausführungen anderer Wissenschaftler logisch miteinander verbindet.
Der interreligiöse Lernprozess verläuft wie folgt: Schülerinnen und Schüler „(1) enter other worlds through engaging and crossing boundaries of significant difference; (2) begin the task of interpretation and understanding by responding from their distinctive religious locations; (3) enter a series of conversations and dialogues both with the voices of the other tradition and also with other Christians seeking to develop a more flexible language for understanding the Christian tradition in relation to other religious possibilities; (4) begin to live out new relationships and Christian practices based on the new understandings; (5) internalise the learning process so that they can continue developing such conversations and relationships.” Bei dieser Beschreibung ist festzuhalten, dass die verschiedenen Aspekte nicht zwingend eine Reihenfolge bilden. Außerdem ist der Lernprozess einerseits gekennzeichnet vom Verstehen anderer Religionen und andererseits von der kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen christlichen Tradition aufgrund von neuen Einsichten aus anderen Religionen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Die Einleitung thematisiert die Motivation zur Untersuchung von interreligiösem Lernen und steckt das Ziel der Arbeit ab, die Rolle von Religionsbüchern im Unterricht an Regelschulen zu hinterfragen.
2. Theoretische Grundlagen des interreligiösen Lernens: Dieses Kapitel erläutert die Notwendigkeit von interreligiöser Bildung in einer pluralistischen Gesellschaft und definiert zentrale Begriffe sowie Lernprozess-Modelle.
3. Praxis des interreligiösen Lernens (Lehrbuchanalyse): Der Hauptteil entwickelt einen Kriterienkatalog und unterzieht drei aktuelle Lehrwerke einer detaillierten Untersuchung hinsichtlich ihrer Eignung für interreligiöses Lernen.
4. Fazit: Die abschließenden Überlegungen resümieren die Befunde und betonen, dass Lehrbücher wichtige Impulse geben können, den persönlichen Dialog jedoch nicht ersetzen.
Schlüsselwörter
Interreligiöses Lernen, Religionsunterricht, Religionslehrbuch, Regelschule, Religionsanalyse, Pluralismus, Dialog, Fremdheit, Christentum, Islam, Judentum, Weltethos, Fachdidaktik, Religionspädagogik, Kompetenzentwicklung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Magisterarbeit?
Die Arbeit untersucht, wie effektiv Religionslehrbücher für die 5. bis 7. Klasse interreligiöses Lernen im evangelischen Religionsunterricht an Regelschulen unterstützen können.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Fokus stehen die Voraussetzungen für interreligiöses Lernen, die Rolle des Dialogs, das Verständnis von Fremdheit sowie die Analyse konkreter Schulbuchinhalte hinsichtlich ihrer fachwissenschaftlichen und didaktischen Qualität.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, ob und wie aktuelle Religionsbücher helfen, Schülerinnen und Schüler auf eine multireligiöse Gesellschaft vorzubereiten und welche Grenzen dabei durch das Medium Buch gesetzt sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es wurde eine religionspädagogische Lehrbuchanalyse durchgeführt, basierend auf einem eigens entwickelten Kriterienkatalog, der fachwissenschaftliche, fachdidaktische und gesellschaftliche Aspekte abdeckt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Entwicklung der Kriterien sowie der detaillierten Untersuchung der Werke „Kursbuch Religion elementar“, „Religion entdecken – verstehen – gestalten“ und „RELi+wir“.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind interreligiöses Lernen, Religionsunterricht, Lehrbuchanalyse, Pluralität sowie die Förderung von Sach-, Methoden- und Sozialkompetenz.
Warum wurde gerade der Fokus auf die Regelschule in Thüringen gelegt?
Aufgrund der Unterrichtserfahrungen der Autorin in einer Erfurter Regelschule und der spezifischen Lehrplanvorgaben vor Ort ist dieser Bereich für die Analyse besonders relevant.
Welche Rolle spielt der direkte Dialog laut der Autorin?
Die Autorin betont, dass Lehrbücher zwar den interreligiösen Lernprozess anregen und strukturieren können, der „echte“ direkte Dialog mit Anhängern anderer Religionen jedoch ein persönlicher Prozess ist, den kein Buch ersetzen kann.
- Citation du texte
- B.A. Ranja Fehlhauer (Auteur), 2009, Möglichkeiten und Grenzen interreligiösen Lernens durch den Einsatz von Religionslehrbüchern im evangelischen Religionsunterricht der Regelschule, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145785