Krisenkommunikation im multinationalen Umfeld

Zeit- und zielgerichtetes kommunikatives Krisenmanagement im Spannungsfeld nationaler und globaler Interessen


Studienarbeit, 2009

35 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Gegenstand der Arbeit
1.2 Die Krise. Versuch einer Definition

2. Die Krise aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht
2.1 Routinekommunikation in Abgrenzung zur Krisenkommunikation
2.2 Kommunikation aus der Sicht von Streitkräften

3. Kommunikationskultur der Bundeswehr
3. 1 Krisenkommunikation der Bundeswehr im multinationalen Umfeld
3.2 Krisenkommunikation bei Entführung eines deutschen Soldaten im Auslandseinsatz

4. Wie Krisenkommunikation gelingen kann

5. Schlussbetrachtung und Ausblick

6. Anhang

1. Einleitung

„Krisen sind in der Regel kurzzeitige Ereignisse. So wie die Pubertät den Menschen zu einem neuen Reifegrad führt, so wachsen wir in und mit allen Krisen.“[i]

Als eine der größten Organisationen in der Bundesrepublik Deutschland erlebt und durchlebt die Bundeswehr immer wieder Krisen. Durch die fortwährende Dauer der Auslandseinsätze, darunter dem besonderem Engagement der Bundesrepublik Deutschland in Afghanistan, sieht sich die politische und militärische Führung der Bundeswehr immer häufiger mit schwierigen Situationen konfrontiert. Meldungen über verwundete oder gar gefallene deutschen Soldaten bilden den Rahmen innerhalb dessen sich die Bundeswehr bewegt.

1.1 Gegenstand der Arbeit

In der vorliegenden Arbeit soll Krisenkommunikation als ein wichtiges und notwendiges Instrument der Informationsarbeit vorgestellt werden. Desweiteren soll dargelegt werden, was Krisenkommunikation ausmacht und von der üblichen Kommunikation unterscheidet. Zudem werden Umstände, die Krisenkommunikation im Bereich des Bundesministers der Verteidigung erschweren, aufgezeigt und gleichzeitig Lösungsansätze und mögliche Handlungsoptionen für eine strategisch ausgerichtete Krisenkommunikation angeboten.

1.2 Die Krise. Versuch einer Definition

Was eine Krise ist, kann auf völlig unterschiedliche Art beantwortet werden. Streng etymologisch wird man, abgeleitet vom altgriechischen „Krinein“, sagen dürfen: Eine Krise ist eine Situation, in der ein gegebener Sachverhalt zur Entscheidung ansteht. Dieser Sachverhalt hatte in der antiken Vorstellung nicht das Bedrohungspotenzial, das ihm heute anhaftet. Vielmehr war es lediglich eine wichtige Situation im Leben eines Menschen, die nach einer Entscheidung verlangte.[ii]

2 .Die Krise aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht

Inzwischen hat sich der Begriff der Krise maßgeblich verändert. Eine Krise ist eine bedrohliche Situation, in der an die Stelle der freien Entscheidung die eher erzwungene Reaktion getreten ist. Krisen, zumal im Sinne der Informationsarbeit der Bundeswehr[iii], sind nicht mehr schicksalhafte Scheidewege, an deren Kreuzungen man, wie ehemals Paris angesichts der Göttinnen Athene, Hera und Aphrodite, die Qual der Wahl hat. Vielmehr sind Krisen Situationen, die durch ein Eigenschaftsbündel zum Ausdruck gelangen: Die Krise zeitigt negative Auswirkungen, sofern keine angemessene Behandlung erfolgt. Ihre Behandlung ist angemessen, wenn sie auf eine möglichst weitreichende, tiefgehende und schnelle Minimierung oder Beseitigung der Negativfolgen abzielt.

Krise heißt von vorherein Negativ-Situation. Negativ im Sinne des Rufes oder des Bildes, das ein System in der Öffentlichkeit genießt, und negativ in der Konsequenz, die daraus folgt oder zu befürchten ist: nämlich in der Minderung der Akzeptanz des Systems in der Öffentlichkeit. Diese Akzeptanz kann sich, im Falle des Systems oder der Institution Bundeswehr, in Form von Irritation, Unverständnis und Ablehnung äußern – auf lange Sicht kein zu vernachlässigender Faktor. Ist die Legitimität, also die empirisch messbare Anerkennung der Öffentlichkeit[iv] nicht mehr gesichert, so kann eine Negativ-Situation, bzw. Krise verheerende Folgen für die Legitimation haben: Die Legitimation, hier der politische Auftrag durch den Deutschen Bundestag, wird infrage gestellt oder, im schlimmsten Fall, nicht mehr erteilt. Eine Überlegung, die die Taliban-Kämpfer bei ihren immer weiter ausdifferenzierten Angriffen auf die Bundeswehr in Afghanistan vermutlich anstellen. Ein Beispiel für eine Negativ-Situation, die zum Beginn einer Krise werden kann, sind die so genannten, von der BILD-Zeitung[v] veröffentlichten „Schädel-Fotos“, die im Herbst 2006 – übrigens exakt am Tage der Herausgabe des neuen Weißbuches[vi] – Politik und weite Teile der Öffentlichkeit schockierten. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Krisen zeitlich und räumlich begrenzte Geschehnisse als Folge negativer Ereignisse[vii] sind.

2.1 Routinekommunikation in Abgrenzung zur Krisenkommunikation

Der Begriff „Routine“ ist dem Französischen entnommen und meint eine durch Übung erlangte Fertigkeit oder Gewandtheit.[viii] Im Zusammenhang mit Kommunikation ist Routinekommunikation die „normale“ Kommunikation zwischen Individuen, also die regelmäßig stattfindende Begleitkommunikation zu lokalen, nationalen und internationalen Ereignissen. Es ist die Routinearbeit, die alltäglich durch zahlreiche Mitarbeiter in Presseabteilungen überall in der Welt wahrgenommen wird. Pressekonferenzen, Begleitung von Medienvertretern, Bearbeitung von Medienanfragen und vieles mehr sind Tätigkeiten, die einen wesentlichen Beitrag zum geräuschlosen Ablauf von Routinekommunikation leisten. In „normalen“ Zeiten spricht man hier auch von der sogenannten offensiven Kommunikation[ix]. Durch offensive Kommunikation werden Meinungen gemacht und Themen besetzt. Sie schafft auch einen Meinungsvorsprung, lässt Rechtfertigungsverlangen keinen Raum und zeugt so von Verantwortungsbewusstsein. Offensive Kommunikation bedeutet, das „Heft des Handelns“ in der Hand zu halten (oder zurückzugewinnen) und berichtenswerte Themen vorzugeben, für die Medien interessant zu machen. In Krisenzeiten besteht ein erhöhter Kommunikationsbedarf, eben Krisenkommunikation. Kommunikation ist die primäre, vornehmste Aufgabe und Vorgabe in Krisenzeiten. Sie geht noch vor der Information. Kommunikation bedeutet aber auch Zuhören. Fragen, Ängste und Missverständnisse unmittelbar und mittelbar Betroffener müssen ernst genommen und erfragt, Risiken deutlich gemacht werden.

„Krisenkommunikation umfasst alle Kommunikationsanstrengungen nach Eintritt eines Schadens und beinhaltet kommunikative Strategien und Maßnahmen, die dazu dienen, negative Konsequenzen wie Vertrauensverlust oder Imageeinbußen bei Krisen und Konflikten zu verhindern.“[x]

Krisen haben einen erkennbaren Anfang, jedoch kein absehbares Ende. Die Stärke und Dauer ist abhängig von der Öffentlichkeitswirksamkeit, also der Berichterstattung der Medien, und ob es den Verantwortlichen gelingt, angemessen zu reagieren.

Hier setzt die Krisenkommunikation an. Ditges, Höbel und Hofmann legen in ihrem Buch „Krisenkommunikation“ dar, dass zu einer guten Krisenkommunikation grundsätzlich eine defensive, aber auch selbstbewusste Auseinandersetzung mit Sachinhalten gehört.[xi] Der Verfasser dieser Arbeit ist hier anderer Ansicht. Es ist zu bedenken, dass eine selbstbewusste Auseinandersetzung mit Sachinhalten geführt werden sollte. Voraussetzung ist, dass dies aktiv geschieht, nämlich mit offensiver Kommunikation. Die Öffentlichkeit rechnet in einer Krise zunächst mit der sogenannten „Wagenburgmentalität“ bei den Betroffenen. Es empfiehlt sich, so zu reagieren, wie die Öffentlichkeit es eben nicht erwartet: „Ja, wir haben ein Problem, aber wir kümmern uns darum! Wir informieren frühzeitig und umfassend.“ Die öffentliche Meinung soll durch professionelle Krisenkommunikation direkt positiv beeinflusst werden. Zielführend ist, das Vertrauen der Öffentlichkeit - aber auch nach innen gerichtet, das der eigenen Mitarbeiter – zu erhalten oder wieder herzustellen.

2.2 Kommunikation aus der Sicht von Streitkräften

„Die Presse ist kein Hindernis, sondern Teil des Schlachtfeldes. Sie müssen sie benutzen, von innen heraus. Wie Sonne, Nebel oder Schnee sind auch die Medien eine Rahmenbedingung der Schlacht.“[xii]

Militär ist schon qua Definition für den Einsatz in Krise und Krieg bestimmt. In besonderen Situationen wie Krise und Krieg erwartet das Militär den Rückhalt von Politik und Gesellschaft. Gleichzeitig erwartet die Gesellschaft durch die politisch und militärisch Verantwortlichen Informationen über alle relevanten Ereignisse, die das Militär betreffen. Die Informationsarbeit der Bundeswehr muss sich daher an dem Grundsatz orientieren, durch eine offene Darstellung den Auftrag der Bundeswehr, sicherheitspolitische Zusammenhänge und generelle Fragen des militärischen Dienstes von sich aus zu erläutern. Die Streitkräfte nehmen dadurch ihre verfassungsgemäße Informationspflicht[xiii] wahr. Den Rückhalt und das weitgehende Vertrauen können die Streitkräfte nur gewinnen und möglichst auch erhalten, wenn die Öffentlichkeit zeitnah, umfassend und sachgerecht informiert wird. All diese, meist auf normativen Regelungen basierenden Grundsätze, haben grundsätzlich auch in Krise und Krieg ihre Gültigkeit.[xiv] Besonders in bedrohlich und ungewiss wahrgenommenen Situationen steigt das Informationsbedürfnis der Bevölkerung exponentiell an. Allerdings offenbaren sich in dieser Phase auch mögliche Interessenkonflikte, nämlich einerseits das berechtigte Interesse der Bevölkerung und der Medien an Information und andererseits der Reflex der politischen und militärischen Führung, Informationen aus Gründen der Geheimhaltung zurückzuhalten. Die argumentative Vorbereitung militärischer Interventionen beruht daher auf verschiedenen Erfordernissen. Dabei geht es keineswegs darum, die Legitimität dieser Intervention pauschal infrage zu stellen, sondern darum, aufzuspüren, welche kommunikativen Schritte Regierende oder andere Interventionsbefürworter unternehmen müssen, wenn sie die Bevölkerung überzeugen wollen. Demokratische Öffentlichkeit reagiert umso betroffener und ist um so eher bereit, einer Intervention zuzustimmen, je höher die Zahl der zivilen Opfer in der laufenden, gewaltsamen Auseinandersetzung ist, in die interveniert werden soll. Von besonderer Bedeutung für die Öffentlichkeit ist, wenn diese Opfer überwiegend einer ethnischen oder religiösen Gruppe angehören. Der Widerstand gegen eine militärische Intervention entfällt nahezu, wenn die Gefahr oder das reale Geschehen als Genozid erscheint. Völkermord ist ein Tatbestand, der in demokratischen Ländern bei breiten Mehrheiten die Überzeugung eines unmittelbaren Handlungszwanges schafft.[xv] Zugleich polarisiert dieser Vorwurf am klarsten den Gegensatz zwischen den eingreifenden Demokratien mit ihrem Respekt für Menschenleben und Menschenwürde und denjenigen Tätern, die beides mit Füßen treten. Die moralische Differenz zwischen Intervenierendem und dem Akteur, gegen den interveniert wird, ist ein wichtiger Bestandteil des Vorkriegsdiskurses. Außerdem muss die moralische Differenz wirksam personifiziert werden. Am Beispiel des Kosovo war dies Slobodan Milosevic. Wo solche im Vordergrund stehenden Persönlichkeiten fehlen – Ruanda, Haiti – fällt es weitaus schwerer, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass eine Intervention geboten ist. Im Ergebnis zeigt sich eine Polarisierung der Persönlichkeitsdarstellungen entlang einer Achse Gut/Böse. Wir sehen: Die öffentliche Meinung ist die Bezugsgröße schlechthin, an der sich die Handlungen der politischen und militärischen Akteure ausrichten. Dabei hängt der Erfolg von Informationspolitik vom tatsächlichen Verlauf der Ereignisse ab. Es ist deutlich herauszustellen, dass Streitkräfte an einer durch die Öffentlichkeit ungehinderten Kriegführung interessiert sind. Das Informationsmanagement der für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Verantwortlichen steht auch im „Kampf um die öffentliche Meinung“, es geht dabei auch um Deutungshoheit. Die Monopolisierung und Steuerung von Informationen ist im ureigensten Interesse der verantwortlichen Akteure als Inhaber des staatlichen Gewaltmonopols.[xvi]

3. Kommunikationskultur der Bundeswehr

Die Bedeutung von Informationsarbeit ist spätestens seit Ende des vergangenen Jahrhunderts den meisten politisch und militärisch Verantwortlichen bewusst. Zu Beginn der NATO-Luftoperation im März 1999 wurde dieses Wissen auf eine ernste Probe gestellt. Sowohl bei der NATO als auch im Bundesverteidigungsministerium wurde die Informationsarbeit auf die Luftoperation ausgerichtet, gelegentlich erschienen die Verlautbarungen allerdings wie gesteigerte Routinekommunikation. Pressekonferenzen wurden durch die Ausgabe von Broschüren begleitet, ergänzt durch Statements des Bundesministers der Verteidigung (BMVg), Rudolf Scharping. Der damalige Generalinspekteur der Bundeswehr, General Hans-Peter von Kirchbach, stellte die Gräueltaten der serbischen Soldateska einer breiten Öffentlichkeit vor und berief sich dabei auf den so genannten „Hufeisenplan“.[xvii] Dieser Plan sollte, abgesehen von dessen konkreten Inhalten, der Öffentlichkeit beweisen, dass die serbische Aggression akkurat im Belgrader Generalstab geplant wurde und daher auch die Bundesrepublik Deutschland eine moralische Verpflichtung habe „…diese geplante Vertreibung der Kosovo-Albaner…“[xviii] durch die Beteiligung an den Luftschlägen zu beenden. Einem strategisch ausgerichteten Konzept für die Krisenkommunikation schien die damalige Presse- und Informationsarbeit nicht zu folgen. Die durch zahlreiche Fotos und Darstellungen von serbischen Gewalttaten illustrierte Kommunikation des Ministers sollte die Öffentlichkeit auf der emotionalen Ebene ansprechen. Der Bundesminister der Verteidigung wirkte an einer emotionalen Aufladung und moralischen Überhöhung mit, die den einzelnen Kriegsereignissen plötzlich überragende politische Bedeutung verlieh. Wie schon unter Nr. 2.2 dieser Arbeit herausgearbeitet, ist dies eine wesentliche Voraussetzung, um Mehrheiten für einen Waffengang in einer demokratischen Gesellschaft zu schaffen und möglichst lange zu erhalten. Wie auch immer sich die konzeptionelle Ausrichtung der für die Information der Öffentlichkeit Verantwortlichen darstellte: Die emotionale Aufladung und moralische Überhöhung des Geschehens auf dem Balkan blieb nicht ohne Wirkung und zeigte sich alsbald als eine mehrheitliche Zustimmung der bundesdeutschen Bevölkerung für eine Beteiligung deutscher Streitkräfte.[xix] Rund zehn Jahre nach dem Einsatzbeginn hat sich die Situation auf dem Balkan stabilisiert, das Kosovo ist ein quasi souveräner Staat im Herzen Europas. Der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan ist dagegen von völlig anderer Qualität. Der Ilmenauer Kommunikationswissenschaftler Martin Löffelholz macht ein fehlendes, strategisch ausgerichtetes Kommunikationskonzept unter anderem dafür verantwortlich, dass weite Teile der bundesdeutschen Bevölkerung den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan ablehnen oder zumindest nicht unterstützen.[xx] Dies ist umso wichtiger, je mehr die Gefährdung deutscher Soldaten steigt. Bisher sind siebenunddreißig deutsche Soldaten[xxi] in Afghanistan gefallen.

3.1 Krisenkommunikation im multinationalen Umfeld

Die Informationsarbeit der Bundeswehr in den Einsatzgebieten beschränkt sich auf Pressearbeit und Truppeninformation.[xxii] Der Leiter der Informationsarbeit (LdI) bzw. der deutsche Press-/Information-Officer (PIO) als Verantwortlicher für die Informationsarbeit vor Ort bewegt sich in einem permanenten Spannungsfeld. Ist er als deutscher Stabsoffizier in einem multinationalen Stab eingesetzt, dient er in doppelter Funktion. Einerseits ist er in seiner Funktion dem jeweiligen Kommandeur des multinationalen Verbandes (z. B. Com ISAF) verpflichtet. Andererseits nimmt er auch nationale, rein deutsche Interessen wahr. Im Zweifels- bzw. Krisenfall wird der alliierte Kommandeur befehlen, die Informationsarbeit nach seinen Bestimmungen durchzuführen. In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass die Definition des Begriffs „Krise“ und alle damit im Zusammenhang stehenden Implikationen außerhalb Deutschlands ggf. einen anderen Bedeutungsinhalt haben können. Es darf unterstellt werden, dass der Tod mehrerer Angehöriger eines deutschen Sicherungszuges in einem Auslandseinsatz mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu einem erheblichen Medienecho, abhängig von der Reaktion der Bundesregierung, vielleicht sogar eine politische Krise auslösen würde. Dies muss in einem vergleichbaren Fall bei einem alliierten Partnerland mit einer eigenen Medienkultur nicht der Fall sein. Klar ist: Der Begriff „Krise“, respektive die Konnotation dieses Begriffes kann zu völlig unterschiedlichen Reaktionen und Folgen führen. In diesem Spannungsfeld muss der deutsche Pressestabsoffizier agieren, wodurch bisweilen Interessenkonflikte nicht zu vermeiden sind. Ein alliierter Kommandeur wird von seinem deutschen Pressestabsoffizier verlangen, Statements und Botschaften, auch im Falle von Vorkommnissen mit deutschen Soldaten, zeitnah gegenüber internationalen Medienvertretern zu kommunizieren. Die vorherige Information der politischen Leitung sowie des Presse-/Informationsstabes (Pr-/InfoStabes) findet, so zeigen es Beispiele aus den Einsatzländern, häufig in zweiter Priorität statt. Die Interessen und Intentionen der nationalen politischen Führung – hier BMVg – stimmen nicht immer mit den Interessen der Kommandeure vor Ort überein. Das Ministerium muss auch immer die Wirkung von Nachrichten im eigenen Land berücksichtigen. Hier liegt die Schwierigkeit, die rasch zum Problem werden kann. Infolge des Anschlages auf deutsche Soldaten im Juni 2003 informierte der PIO des Headquarters ISAF (HQ ISAF) zunächst internationale Medienvertreter, darunter CNN. Der damalige Minister, Dr. Peter Struck, und sein Sprecher Norbert Bicher erfuhren von dem Vorfall über diesen US-amerikanischen TV-Sender. Dies sorgte für erhebliche Irritationen und Verstimmungen innerhalb des Ressorts und der Bundesregierung. Gleichwohl war auch damals die Weisungslage schon eindeutig:

„… Bei Unfällen sind unverzüglich - wenn möglich zeitgleich – BMVg/Presse- und Informationsstab (Referat Presse), Fü S V - Einsatz Bw sowie das PIZ des Einsatzführungskommandos zu informieren. Dabei ist darauf hinzuweisen, ob es sich um eine bereits verifizierte Information handelt. Falls erforderlich, benennt das PIZ des Einsatzführungskommandos - ggf. in Abstimmung mit den PIZ der Führungskommandos der betroffenen militärischen Organisationsbereiche-, nach vorheriger Beteiligung des BMVg/Presse- und Informationsstab, Referat Presse, oder auf dessen Weisung einen verantwortlichen Pressesprecher i.E. für die ereignisbezogene Medienarbeit vor Ort [...][xxiii]

Der PIO sah sich an die Weisung nicht gebunden, da er die Funktion des ISAF-Sprechers wahrnahm. Dies hatte in Deutschland schlimme Konsequenzen. Speziell die für die Angehörigen der Opfer so wichtigen Informationen wurden nicht durch offizielle Vertreter der Bundeswehr überbracht, sondern – zunächst – durch Journalisten. Dort brach sich Bahn, was im Medienjargon unter dem Begriff „Witwenschütteln“[xxiv] verstanden wird. Es geschah, was durch die Weisungen des BMVg verhindert werden soll: Angehörige erfuhren vom Tode oder den schweren Verletzungen des Ehemannes, Freundes oder Sohnes durch Journalisten, zahlreiche Artikel oder Einstellungen orientierten sich nicht an der Sache, sondern wurden für „Home-Stories“ genutzt. Sowohl unüberlegtes als auch voreiliges Handeln oder Unterlassen, können negative Folgen zeitigen und einen erheblichen Vertrauensschaden innerhalb der Streitkräfte sowie der eigenen Bevölkerung bewirken. Diese Binsenweisheit wird an einem weiteren Beispiel deutlich. Im August 2008 fiel im afghanischen Kunduz ein Hauptfeldwebel einem Sprengfallenanschlag zum Opfer. Zum selben Zeitpunkt befand sich eine Gruppe deutscher Lokaljournalisten im Rahmen einer Informationsreise im deutschen Feldlager in Kunduz. Während des durch den deutschen Pressestabsoffizier und LdI gehaltenen Briefings betrat der Kommandeur des Provincial Reconstruction Team ( PRT ) Kunduz den Briefing-Raum und verkündete den Anwesenden den Tod des deutschen Soldaten. Der Pressestabsoffizier, der von dem Anschlag erstmalig Kenntnis erhielt, geschweige denn diesen nach Berlin kommunizieren konnte, musste zusehen, wie die Journalisten ihre Lokalredaktionen über den Vorfall informierten. Von nun an entwickelte die Angelegenheit eine Eigendynamik und konnte nicht mehr kontrolliert werden. Noch bevor die politische und militärische Führung über den Vorfall informiert werden konnte, liefen die Meldungen über den Anschlag und den in Folge dessen eingetretenen Tod des deutschen Soldaten über die Ticker in Internet und TV. Zahlreiche internationale, elektronische Medien schalteten sich auf und verliehen dem Ereignis zusätzliches Tempo. Der Minister und der Presse-/InfoStab in Berlin waren gezwungen, verspätet und defensiv zu reagieren. Da zu dem Zeitpunkt von offizieller Seite keine amtlich gesicherten Informationen zu den näheren Umständen des Anschlages vorlagen, musste der Minister zurückhaltend argumentieren. Dies veranlasste die Medien anschließend zu ausufernden Spekulationen.[xxv] Was mit unbedachten Äußerungen eines Obersten gegenüber Lokaljournalisten begann, wurde nun im nationalen und internationalen Informationsraum „gespielt“. Fakten mussten nachgereicht, die Angehörigen des Soldaten unter hohem Aufwand ausfindig gemacht und benachrichtigt werden. Vor allem bestand die Gefahr, dass Journalisten ihrerseits die Angehörigen aufsuchen und mit dem zuvor beschriebenen „Witwenschütteln“ beginnen. Insgesamt war eine Situation entstanden, die durch professionelle Krisenkommunikation hätte vermieden werden müssen. Dem militärischen Führer muss klar sein, dass Information ein entscheidender Faktor in der Truppenführung[xxvi] ist. Eine unbedachte Äußerung kann fatale Auswirkungen haben und die Operation gefährden, in jedem Fall aber negativ beeinträchtigen.

3.2 Krisenkommunikation bei Entführung eines deutschen Soldaten im Auslandseinsatz

Geiselnahmen und Entführungen sind so alt wie die Menschheit selbst. Als Geisel bezeichnet man gemeinhin eine gewaltsam und widerrechtlich ergriffene Person, durch deren Festhaltung und Bedrohung der Geiselnehmer Forderungen gegen Dritte durchsetzen will. Rechtsgeschichtlich ist die Geisel eine Person, die mit Leib oder Leben für die Erfüllung der Verbindlichkeit haftet („Menschenpfand“). Bei G.-Verfall haftete die G. zunächst grundsätzlich mit ihrem Leben, seit dem Mittelalter wohl nur noch mit Kerkerhaft und evtl. Lösegeldbestimmung. Von dieser Form der Geiselnahme ist die Schuldknechtschaft getrennt zu betrachten.[xxvii]

Seit Beginn der bewaffneten Konflikte im Irak und in Afghanistan sind Entführungen exponentiell angestiegen. Waren bisher meist Privatpersonen oder Mitarbeiter von Non-Governmental Organizations (NGO) das Ziel von Entführungen[xxviii], so ist die Gefahr, als Soldat Opfer einer Geiselnahme zu werden, evident und nach Einschätzung der gegenwärtigen Situation in Afghanistan ständig gegeben. Schon zu Beginn des deutschen ISAF-Engagements rief der frühere afghanische Ministerpräsident Gulbuddin Hekmatyar[xxix] zur Entführung deutscher Offiziere auf. Glücklicherweise blieb der Aufruf ohne Folgen; deutsche Soldaten wurden bisher nicht entführt. Italienische Soldaten wurden jedoch im Jahre 2007 bereits Opfer einer Entführung und mussten durch Spezialkräfte aus der Hand der Geiselnehmer befreit werden.[xxx] Weiterhin besteht für deutsche Soldatinnen und Soldaten eine akute Gefahr, Ziel und Opfer einer Entführung zu werden. Geht es doch den Taliban, bzw. den Opposing Military Forces (OMF) um eine mögliche Durchsetzung politischer Ziele mit vergleichsweise geringem Aufwand. Primäres Ziel einer Entführungsaktion ist eine deutsche Öffentlichkeit von der, so das Kalkül, anzunehmen ist, dass sie im Falle der Entführung eines deutschen Soldaten – oder schlimmer: Soldatin – den Wunsch nach einem Abzug deutscher ISAF-Kräfte deutlicher als bisher artikuliert. Gleichwohl ist nicht immer vorauszusetzen, dass die Täter lediglich immaterielle Forderungen stellen. Eine Art „Mitnahmementalität“ ist auch hier zu erkennen, denn Lösegeld in stabilen Währungen füllt die Kriegskasse der Warlords auf. Der Presse-/ InfoStab im BMVg sieht sich in dieser Situation zahlreichen Akteuren gegenüber, die ein solches Besonderes Vorkommnis zu einer Krise gelangen lassen können. Krisenkommunikation ist nun das Gebot der Stunde, denn es ist einerseits das Leben des Soldaten/der Soldatin zu schützen, andererseits ist politischer Schaden für den Bundesminister der Verteidigung, bzw. die Bundesregierung insgesamt zu vermeiden. Zudem ist eine enge Abstimmung innerhalb der Bundesregierung erforderlich. Die Koordination mit dem ständigen Krisenstab des Auswärtigen Amtes[xxxi] ist ebenso von entscheidender Bedeutung wie eine permanente Kommunikation mit den Angehörigen des Entführungsopfers. Auf Grund der politischen Brisanz sollte die Betreuung in diesem Fall nicht an ein Familienbetreuungszentrum oder eine Familienbetreuungsstelle übertragen werden. Die Überlegenheit durch Wissen ist gerade hier von großer Bedeutung. Es müssen alle Fakten und Informationen über die Entführung vorliegen. Eine Veröffentlichung zum falschen Zeitpunkt kann fatale Folgen haben. Natürlich kann und darf die durch Artikel 5 des Grundgesetzes garantierte Pressefreiheit[xxxii] auch durch eine Entführung nicht beeinträchtigt werden. Es existiert zwar eine Empfehlung des Deutschen Presserates zur Zurückhaltung bei der Berichterstattung in Fällen wie Entführung, Geiselnahme etc., letztlich kann aber jeder Journalist frei entscheiden, ob er die Information der Öffentlichkeit für geboten hält.[xxxiii] Freie Mitarbeiter von Print- und elektronischen Medien, für die der Pressekodex oft nicht zählt, sind die gefährlichsten Multiplikatoren in diesem Prozess. Grundsätzlich wird die Medienpolitik in Entführungslagen restriktiv sein. Es muss deutlich werden, dass die Bundesrepublik Deutschland nicht erpressbar ist und durch eine Entführung nicht bewegt wird, ihre Streitkräfte aus Afghanistan zurückzuverlegen. Dies ist ein wichtiges Signal mit Außen- und Binnenwirkung, einerseits an die Täter, andererseits an die Alliierten, die eigenen Soldatinnen und Soldaten und – nicht zuletzt - die eigene Bevölkerung. Im Vordergrund steht das Wohl des Entführungsopfers und seiner Angehörigen. An diesem Grundsatz hat sich jedwede Krisenkommunikation zu orientieren.

[...]


[i] Tepperwein, K., Krise als Chance, Verlag Moderne Industrie AG, Landsberg am Lech, 1998, S. 22

[ii] Der Brockhaus, Band 8, F. A. Brockhaus, Leipzig – München, 1998, Seite 93

[iii] Vgl. Generalinspekteur der Bundeswehr, Teilkonzeption Informationsarbeit der Bundeswehr

(TKInfoABw), Bundesministerium der Verteidigung, Berlin, 2005, S. 4 ff.

[iv] Vgl. Dr. Bulmahn, Thomas, in: Sozialwissenschaftliches Institut der Bundeswehr, Sicherheits- und

verteidigungspolitisches Meinungsklima in der Bundesrepublik Deutschland, Erste Ergebnisse der

Bevölkerungsbefragung 2008 des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr, Kurzbericht,

Strausberg, 2008, S. 28 ff

[v] BILD vom 25.10.2006

[vi] Weißbuch 2006 zur Sicherheitspolitik Deutschlands und zur Zukunft der Bundeswehr, Bundesminis

terium der Verteidigung, Berlin, 2006

[vii] Kepplinger, H. M., Publizistik, 46. Jahrgang, Heft 2, Westdeutscher Verlag, Wiesbaden, 2001,

S. 117

[viii] Vgl. DIE ZEIT, Das Lexikon, Band 12, Zeitverlag Gerd Bucerius, Hamburg , 2005, S. 383

[ix] Vgl. Ditges, Florian u. a. in: Krisenkommunikation, UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz,

2008, S. 233

[x] Ditges, Florian u. a. in: Krisenkommunikation, UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz,

2008, S. 236

[xi] Vgl. a.a.O., S. 236

[xii] Wesley Clark, US-General und NATO-Oberbefehlshaber Europa (SACEUR) 1999 im Kosovo-

Krieg, ZDF-Sendung `Frontal 21´ vom 13.11.2001 zitiert in: Löffelholz, Martin (Hrsg.), Krieg als

Medienereignis, Krisenkommunikation im 21. Jahrhundert, VS Verlag für Sozialwissenschaf

ten/GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden, 2004, S. 197

[xiii] Vgl. Bundesministerium der Justiz, http://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_65.html

[xiv] Vgl. Reeb, H. J., Öffentlichkeit als Teil des Schlachtfeldes – Grundlagen der Kriegskommunikation

aus militärischer Perspektive, in: Löffelholz, Martin (Hrsg.), Krieg als Medienereignis, Krisenkom-

munikation im 21. Jahrhundert, VS Verlag für Sozialwissenschaften/GWV Fachverlage GmbH,

Wiesbaden, 2004, S. 207

[xv] Vgl. a.a.O., S. 206

[xvi] Vgl. a.a.O., S. 208

[xvii] Vgl. Scharping, Rudolf, Wir dürfen nicht wegsehen – Der Kosovokrieg und Europa, Ullstein Buch-

verlage GmbH & Co KG, Berlin, 1999, S. 109

[xviii] Vgl. Fischer, Joschka, Die rot-grünen Jahre, Deutsche Außenpolitik vom Kosovo bis zum

11. September, Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1. Auflage, Köln, 2007, S. 170

[xix] Vgl. Pfetsch, Barbara, Adam, Silke (Hrsg.), Massenmedien als politische Akteure, Konzepte und

Analysen, VS Verlag für Sozialwissenschaften/GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden, 2007, S. 42

[xx] Vgl. Interview mit Prof. Dr. Löffelholz, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/

0,1518,534786,00.html

[xxi] Stand: 21.10.2009

[xxii] Vgl. Sts Dr. Stützle, Walther, Rahmenweisung für die Informationsarbeit bei Auslandseinsätzen der

Bundeswehr, Bundesministerium der Verteidigung, Berlin, 2001, S. 10 ff.

[xxiii] Vgl. a.a.O., Anlage (nicht nummeriert)

[xxiv] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Witwenschütteln

[xxv] Die Quelle ist dem Verfasser bekannt

[xxvi] Vgl. Bundesministerium der Verteidigung, Heeresdienstvorschrift (HDv 100/100, Truppenführung

von Streitkräften, Berlin, 2007, Nr. 1092, S. 36

[xxvii] Vgl. DIE ZEIT, Das Lexikon, Band 5, Zeitverlag Gerd Bucerius, Hamburg 2005, S. 312

[xxviii] Vgl. http://www.zeit.de/2008/25/Osthoff

[xxix] Vgl. http://www.munzinger.de/search/portrait/Gulbuddin+Hekmatyar/0/20285.html

[xxx] Vgl. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,507382,00.html

[xxxi] Bei Entführung eines deutschen Soldaten/einer Soldatin wird das Auswärtige Amt nur beteiligt. Die

FF liegt bei BMVg, Einsatzführungsstab/Einsatzführungskommando. Es müsste dort ein Krisenstab

gebildet werden. Die Quelle dieser Aussage ist dem Verfasser bekannt.

[xxxii] Vgl. http://www.bundestag.de/dokumente/rechtsgrundlagen/grundgesetz/gg_01.html

[xxxiii] Vgl. Wunden, Wolfgang (Hrsg.), Öffentlichkeit und Kommunikationskultur, Beiträge zur Medien-

ethik, Band 2, J.F. Steinkopf-Verlag, Hamburg, Stuttgart, 1994, S. 169

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Krisenkommunikation im multinationalen Umfeld
Untertitel
Zeit- und zielgerichtetes kommunikatives Krisenmanagement im Spannungsfeld nationaler und globaler Interessen
Hochschule
Führungsakademie der Bundeswehr
Veranstaltung
Führung und Management
Note
2
Autor
Jahr
2009
Seiten
35
Katalognummer
V145891
ISBN (eBook)
9783640569489
ISBN (Buch)
9783640570508
Dateigröße
9920 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Krisenkommunikation, Bundesministerium der Verteidigung, Afghanistan, ISAF, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Informationsarbeit, Krise, Pressesprecher, Szenariotechnik, Presse- /Informationsstab BMVg
Arbeit zitieren
Martin Lammert (Autor), 2009, Krisenkommunikation im multinationalen Umfeld, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/145891

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