Bedeutung und Einsatzmöglichkeiten des historisch-politischen Liedes im Musikunterricht


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
13 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

1. Einleitung

2. Das historisch-politische Lied – Volkslieddiskussion und Gattungsautonomie
2.1 Musik und Geschichtlichkeit
2.2 Didaktische Vorüberlegungen

3. Zugriffsarten
3.1 Aspekte der Analyse
3.2 Problemkreise

4. Grobkonzeption eines Unterrichtseinstiegs unter Verwendung eines politischen Liedes
4.1 Makin Woopee – Charlie and his orchestra
4.2 Einbettung in den Gesamtkontext

5. Resümee

6. Literatur (Auswahlbibliografie)
6.1 Quellen
6.2 Literatur

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit befasst sich am Beispiel ausgewählter historisch-politischer Lieder sowohl mit den Möglichkeiten als auch mit den Grenzen der Nutzung dieser Lieder als Medium der Aneignung ausgewählter Sach- und Methodenkenntnisse zur Umsetzung differenzierter Lernziele im Musikunterricht und über den reinen Fachunterricht hinaus. Im Anschluss an die begriffliche Klärung und Erörterung allgemeiner Grundlagen der Gesamtthematik soll es im Hinblick auf die Frage, in welcher Hinsicht politischen Liedern als Medium im Unterricht eine besondere Bedeutung zukommt, konkret um folgende Aspekte gehen:

Welche Zusammenhänge bestehen zwischen Musik und Politik- bzw. Geschichtsbewusstsein? Welche didaktischen Vorüberlegungen müssen dem Einsatz von Liedern als Unterrichtsmedium vorausgehen? Auf welche Weise lassen sich einzelne Lieder im Unterricht konkret nutzen? Welche Konsequenzen ergeben sich für die Interpretation bzw. Lehrintention?

Die Auswahl des Untersuchungsgegenstandes erklärt sich zum einen aus den besonders in den letzten Jahren ständig zunehmenden Bestrebungen um interdisziplinäre Ansätze und damit verbundenen ganzheitlichen Bildungsidealen, für deren Entsprechung die Verbindung von Musik, Politik und Geschichte zahlreiche viel versprechende Möglichkeiten offeriert. Zum anderen stellt sich die Literaturlage durch eine Vielzahl jüngerer Publikationen, gerade aus dem Bereich der Musik- und Geschichtsdidaktik, günstig dar.[1]

Die Darstellung schließt mit einer kurzen Überlegung zu Gründen für die Wichtigkeit des Einsatzes historisch-politischer Lieder im Musikunterricht.

2. Das historisch-politische Lied – Volkslieddiskussion und Gattungsautonomie

Bei der Beschäftigung mit historisch-politischen Liedern fällt zunächst auf, dass eine genaue Begriffsdefinition in der Literatur weder in der Vergangenheit zu finden war noch heute zu finden ist.[2] Um jedoch zumindest einige grundsätzliche Festlegungen zu treffen, die für den hier betrachteten Untersuchungsgegenstand relevant und damit für die weiteren Ausführungen unerlässlich sind, orientiere ich mich zunächst an den von Fridolin Wimmer bearbeiteten Fragen, was denn ein Lied „politisch“ und was es „historisch“ macht. Wimmer kommt zu dem Schluss, dass das explizit Politische in Liedern vor allem durch unmittelbare Aktualität, den Anlass von Entstehung und Verbreitung und die Liedintention, zum Beispiel die Beeinflussung von Zeitgenossen, bestimmt werde. Durch die „ästhetischen und emotionalisierenden Mittel“, die den Liedern für den ihnen zugedachten Zweck zur Verfügung stehen, sei ihre Funktion „politisch-ästhetischer Natur“. Die historische Komponente hingegen werde hauptsächlich dadurch bestimmt, dass ein Lied als „Reflex auf vergangene Wirklichkeit“, d.h. den Bezug auf reale gesellschaftspolitische oder kulturpolitische Ereignisse, durchaus als Zeitdokument unter Berücksichtigung aller quellenkritischen Aspekte betrachtet werden könne.[3]

Die Begriffsbestimmung des historisch-politischen Liedes ist ähnlich kontrovers wie die seit Jahren anhaltende Debatte um den Volksliedbegriff, die mehr oder weniger ergebnislos geführt wurde. An dieser Stelle sei wegen des engen Zusammenhanges beider Phänomene, auf den jedoch in Anbetracht der vorgegebenen Kürze der Ausführungen nicht näher eingegangen werden kann, zumindest auf die entsprechende Literatur verwiesen[4], denn für den hier betrachteten Untersuchungsgegenstand und seine geschichtsdidaktische Bedeutung ist weder die Frage nach exakter Terminologie noch die nach deren historischer Entwicklung von Belang.

Sinnvoller erscheint daher die Kategorisierung von Liedern, die Michael Sauer vorschlägt und die vor allem auf einer Unterscheidung von adressaten- oder selbstbezogenem Singen beruht und damit beispielsweise sowohl Trauer- und Arbeitslieder von Protestliedern, Kampfliedern oder Parteihymnen u.ä. trennt, als auch indirekt eine inhaltliche Typologisierung entwickelt, die verdeutlicht, dass trotz der Formenvielfalt in allen Liedern eine Art Nahtstelle von Kultur und Politik zu sehen ist, die prinzipiell alle Liedarten zu potentiellen historischen Quellen werden lasse[5].

Zweifelsfrei ist damit das politisch intendierte Lied von heute schon ein historisch-politisches Lied von morgen.

2.1 Musik und Geschichtlichkeit

Musik verstehen heißt, in vielen Bereichen auch und Geschichte und politische Situationen zu verstehen, weil Musik – und damit auch Lieder - die geschichtliche Objektivation menschlichen Geistes und gesellschaftlicher Konstellationen in tönendem Material ist. Dass das Verstehen geschichtlicher, gesellschaftlicher und politischer Phänomene des Menschen, einen anderen methodischen Ansatz erfordert als das Erkennen physikalischer Erscheinungen, liegt nahe. Es ist auch einsichtig, dass Handlungen und Aussagen eines Menschen oder ein historischer Text wie etwa der des Deutschlandliedes missverstanden werden müssen, wenn deren geschichtliche Implikationen nicht mitbedacht werden. Da diese aber real nicht mehr greifbar, sie uns in den meisten Fällen auch nur sehr fragmentarisch und „vermittelt“ überliefert sind, sind wir auf relativ umfangreiche vorgängig-intuitive Hypothesenbildung, die im Nachhinein durch die Schlüssigkeit der Rekonstruktion verifiziert oder auch falsifiziert werden muss, angewiesen.

2.2 Didaktische Vorüberlegungen

Die didaktische Interpretation von Musik bzw. konkret von Liedern im Musikunterricht als vorwiegend laienorientierte Vermittlung historischer Objektivationen steht vor einer Fülle von Aufgaben, die zunächst mehr Fragen als Antworten sichtbar werden lassen. Dabei steht die didaktische Interpretation eigenständig neben musikwissenschaftlichen und geschichts-/politikwissenschaftlichen Analysen. Sie ist in erster Linie „Vermittlungshilfe des Verstehens“[6]. Ziel einer solchen Vermittlung ist im Falle historisch-politischer Lieder nicht das Ziel der Erkenntnis des singulären Sachverhalts, sondern ein Hineinwachsen und Hineintasten in den individuellen Lebenszusammenhang der Musik als einem geschichtlich geprägten Organismus. Dies setzt die Beantwortung der Fragen nach Entstehungsgeschichte und –umständen, nach Autor bzw. Urheber und Adressaten der Lieder genauso voraus wie eine mögliche Rekonstruktion der Wirkungs- und Interpretationsgeschichte einzelner Werke. „Wer hört/komponiert/dichtet was, wann, wo, wie und warum?“ soll hier zentrale Fragen kurz umreißen, wobei die Fragen „Wer hört/komponiert/dichtet was“ durch eine Vielzahl empirisch erhobener Daten möglicherweise leichter zu erschließen sein dürften als beispielsweise die Fragen nach dem „Wann, Wo und Wie “.[7]

Lieder tragen als Zeugnisse ihrer Zeit oder Reflexion über vorhergehende Zeiten häufig neben einer Vielzahl von Fakten auch in besonders großem Maße fiktive Elemente in sich. Der Unterscheidung beider Erscheinungen muss ein besonderes Augenmerk gelten. Die drei Basiskategorien des Geschichtsbewusstseins stehen dabei im Zentrum des Erkenntnisprozesses.[8] Das Temporalbewusstsein, das die Unterscheidung von früher, heute und morgen ermöglicht, das Wirklichkeitsbewusstsein, das ‚real’ und ‚imaginär’ unterscheiden lässt und das Historizitätsbewusstsein, das statisch und veränderlich auseinanderhält – all diese im Laufe der individuellen menschlichen Entwicklung und historischen Sozialisation angeeigneten Formen des Bewusstseins wirken eng zusammen. Das Geschichtsbewusstsein verknüpft sie zu einer zusammenhängenden Deutungsstruktur und errichtet so einen Sinnhorizont des Ganzen.

Besonders das jeweilige Maß, in dem bei Schülern unterschiedlicher Altersstufen ein Geschichts- und Politikbewusstsein entwickelt und ausgeprägt ist, sollte Einfluss auf die Auswahl der Lieder haben. Zu berücksichtigen ist dabei vor allem, dass viele Lieder durch zahlreiche Übertreibungen und eine starke Emotionalisierung einer besonderen Art quellenkritischer Betrachtung bedürfen, bei der die Schüler keinesfalls allein gelassen werden sollten. Dabei ist neben den zu offerierenden Kontextinformationen vor allem der Bereich der kritisch zu hinterfragenden Rezeption von Belang, da von der spontanen Wirkung eines Liedes auf den heutigen Rezipienten nicht automatisch ein Rückschluss auf dessen Wirkung in der Vergangenheit gezogen werden kann – ein Wahrnehmungswandel, der auch im Hinblick auf die Interpretation von Schülerreaktionen bedeutsam ist.

[...]


[1] Vgl. dazu u.a.: Abel-Struth, Siegrid (Hg.): Aktualität und Geschichtsbewusstsein in der Musikpädagogik. Mainz 1973 (Musikpädagogik. Forschung und Lehre Band 9), Ehrenforth, Karl Heinrich: Die Bedeutung der Geschichtlichkeit für die didaktische Interpretation von Musik. In: Abel-Struth, Siegrid (Hg.): Aktualität und Geschichtsbewusstsein in der Musikpädagogik. Mainz 1973 (Musikpädagogik. Forschung und Lehre Band 9), Vogelsänger, Siegfried: Graphische Darstellungen als Hilfsmittel der Werkinterpretation. In: Rectanus, Hans (Hrsg.): Neue Ansätze im Musikunterricht. Stuttgart 1972, Beddig, Rainer: Das historisch-politische Lied. Seine Funktion und sein medialer Ort. In: Pandel, Hans-Jürgen; Schneider, Gerhard (Hg.): Handbuch Medien im Geschichtsunterricht. Düsseldorf 1985; Christmann, Helmut: Historische Lieder im Geschichtsunterricht. In: Uffelmann, Uwe (Hg.): Didaktik der Geschichte. Villingen-Schwenningen 1986, S. 275-286; Klenke, Dietmar: Musik. In: Pandel, Hans-Jürgen; Schneider, Gerhard (Hg.): Handbuch Medien im Geschichtsunterricht. Schwalbach 1999 (Forum Historisches Lernen); Klenke, Dietmar: Musik als subjektorientiertes Medium im Geschichtsunterricht. In: Paderborner Lehrerausbildungszentrum der Universität Paderborn (Hg.): Subjekt- oder Sachorientierung in der Didaktik. Münster 2002; Lieder im Geschichtsunterricht. Themenheft von: Geschichte Lernen Nr. 50, März 1996; Sauer, Michael: Historische Lieder. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, Heft 2 1997, S. 103f; Wimmer, Fridolin: Das historisch-politische Lied im Geschichtsunterricht. Frankfurt a. M. 1994.

[2] Wimmer, Fridolin: Das historisch-politische Lied im Geschichtsunterricht. Frankfurt a. M. 1994, S. 21.

[3] Ebd., S. 28.

[4] Pulikowski, Julian v.: Geschichte des Begriffs Volkslied im musikalischen Schrifttum. Heidelberg 1933; Klusen, Ernst: Volkslied – Fund und Erfindung. Köln 1969; Fuchs, M.; Hoffmann, F.; James, B.: Deutsches Volkslied – Das allzubekannte Unbekannte. Stuttgart 1983; u.a.

[5] Sauer, Michael: Basisartikel in: Geschichte Lernen, Nr. 50, S. 4.

[6] Ehrenforth, Karl Heinrich: Die Bedeutung der Geschichtlichkeit für die didaktische Interpretation von Musik. In: Abel-Struth, Siegrid (Hg.): Aktualität und Geschichtsbewusstsein in der Musikpädagogik. Mainz 1973 (Musikpädagogik. Forschung und Lehre Band 9), S. 69.

[7] Vgl. dazu: Höffling, Christian: Musik und Sozialstruktur. In: Frevel, Bernhard (Hg.): Musik und Politik. Dimensionen einer undefinierten Beziehung. Regensburg 1997 (ConBrio-Fachbuch Band 6), S. 87.

[8] Die Kategorisierung geht auf Hans-Jürgen Pandel zurück. Vgl. dazu u.a.: Pandel, Hans-Jürgen: Geschichtlichkeit und Gesellschaftlichkeit im Geschichtsbewusstsein. In: Borries, Bodo v. u.a. (Hg.): Geschichtsbewusstsein empirisch. Pfaffenweiler 1991, S. 25ff.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Bedeutung und Einsatzmöglichkeiten des historisch-politischen Liedes im Musikunterricht
Hochschule
Hochschule für Musik und Theater Rostock  (Institut für Musikwissenschaft und Musikpädagogik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
13
Katalognummer
V146052
ISBN (eBook)
9783640564699
ISBN (Buch)
9783640564866
Dateigröße
404 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
historisch-politische Lieder, Musikdidaktik, Geschichtsdidaktik, Liedgattungen, Medien im Unterricht, Musik und Geschichte, interdisziplinäres Unterrichten
Arbeit zitieren
Anke Zimmermann (Autor), 2003, Bedeutung und Einsatzmöglichkeiten des historisch-politischen Liedes im Musikunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146052

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