Stalins Gulag - organisatorische, psychische und physische Gesichtspunkte des Gefangenenlagers


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

29 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Index

I. Einleitung

II. Hintergrund und Urspriinge
II.1 Prinzip und System
II.2 Einfluss von Wirtschaft und Recht

III. Die Doppelfunktion — Herrschaftssicherung und Wirtschaftssystem

IV. Organisation

V. Leben im Lager

VI. Fallbeispiel Workuta

VII. Zusammenfassung

VIII. Bibliographie

I. Einleitung

Ihr seid hier, um zu arbeiten, und zwar um hart zu arbeiten!

General Derewenko (Chef des Dastroy Gulag)1

Das Wort Gulag steht repräsentativ fir das Repressionssystem der Sowjetunion und steht als Akronym fir die Hauptverwaltung der Lager (Glawnoje uprawlenije lagerei) des NKWD (Volkskommisariat des Inneren, mit Einschluss der Geheimpolizei)/ MWD (Ministerium des Inneren) , sprich des Innenministeriums der UdSSR. Im Deutschen steht der Begriff fir alle in der Sowjetunion bestehenden Lager, Gefängnisse und Verbannungsorte politisch Inhaftierter. Guantanamo beispielsweise wird von Seiten Amnesty Internationals als der Gulag unserer Tage bezeichnet. Der Gulag umfasst Straflager, Gefängnisse, Zwangsarbeitslager und Verbannungsorte. Die Vorläufer dienten bereits unter den russischen Zaren zum Zweck der Verbannung angeblicher Verbrecher und politischer Gefangener nach Sibirien. Selbst Lenin (1897 — 1900) und Stalin (1913­1917) lebten in Krasnojarsk in deren Verbannung.

Gegenstand dieser Arbeit ist die Auseinandersetzung mit den Hintergründen, Ursprüngen und Intentionen, dem Aufbau, der wirtschaftlichen und rechtlichen Rechtfertigung, sowie der Funktion des Lagersystems Gulag. Zudem werden an Hand des Gulag Workuta spezifisch diverse Faktoren der Unterdrückung und deren Folgen aufgezeigt. Zu Beginn dieser Arbeit werde ich kurz auf die Vorläufer sowie auf generell wissenswertes fiber den Gulag eingehnen. Gleichfalls werde ich darauf den Fokus auf den Besserungsarbeitsgedanken, die Fthnfjahrespläne und den Artikel 58 lenken, welche allesamt Mittel der Rechtschaffung fir die Arbeit in den Straflagern waren. Alternativ wird in Kapitel drei darstellen wie der Terror, welcher anhand des Gulag stark repräsentiert wurde, sowohl zur Disziplinierung und Einschöchterung des Volkes als auch zur Sicherung der Wirtschaftsplanung, in welches der Gulag fest eingebunden war, diente und somit eine Symbiose aus Herrschaftssicherung und Okonomie darstellte. Hinzukommend wird in Kapitel vier auf die Organisation und Aufgliederung des Lagersystems sowie die verschiedenen Lagertypen eingegangen. Alternativ vom externen Blickwinkel auf den Gulag wird in der Folge dieser Arbeit die Zustände in den Lagern untersucht und dabei am Beispiel Workuta anhand von Häftlingsberichten dargestellt, welche Umstände das Leben der Gefangenschaft zur Hölle fir die Insassen machte. Zum SchluB dieser Arbeit wird nocheinmal kurz auf diverse Gesichtspunkte der Arbeit eingegangen und ein letztliches Fazit gezogen.

II. Hintergrund: Urspriinge und Grundvoraussetzungen

Laut Quellenlage lebten in den Vorlaufern unter den Zaren zu Beginn des 20. Jahrhunderts bereits bis zu 30.000 Menschen:

Allerdings waren die Lagerbedingungen jener Haftlinge des 19. Jahrhunderts ihren spateren Leidgenossen beziiglich Nahrung, Unterkunft, Kleidung, MiiBiggang, Besuchsregelung usw. geradezu giinstig vorgekommen.2

Mit Beginn des Russischen Biirgerkrieges im Jahr 1918 wurden in der Weiterentwicklung Internierungslager fiir politische Gegner, Klassenfeinde, diverse soziale Gruppen wie auch Kriminelle eingerichtet, welche jedoch nach dem Biirgerkrieg wieder aufgelöst wurden. Fiir die weitere Unterbringung der Insassen und potenziell Neuer, lieB die GPU, eine Staatspolizei und Nachfolgeorganisation der Tscheka, 1922 fiinf Inseln im WeiBen Meer zum Zwecke der Errichtung neuer Lager bestimmen. Dabei kam es von den Machthabern zur Einfiihrung von Begriffen wie Besserung durch Arbeit, welche jedoch eine klare Trennung von der Zwangsarbeit konterrevolutionarer Gegner mit sich brachte. Jene galt lediglich zur Bestrafung, Erniedrigung und Vernichtung der Widerstandler. Politische Haftlinge hatten indessen ebenso keine Besserung oder Umerziehung zu fiirchten.

Wohingegen in den Lagern bis 1925 noch kleinere, relativ nicht ins Gewicht fallende Arbeiten verrichtet wurden, begann mit 1926 unter der Fiihrung der GPU die Selbstkostendeckung der Gulag, was fiir die Haftlinge zunachst Holzgewinnung bedeutete. Ab 1928 kam es aufgrund des politischen Wechsel, der Industrialisierung und Zwangskollektivierung zu einem immensen Anstieg der Haftlingszahlen. Mit Stalin und der Lagerreform von 1928/29, im speziellen dem Dekret vom 26. Juni 1929, nahm der eigentliche Gulag in der Folge seine Formen an. Stalin forderte eine wirkungsvollere Nutzung der Arbeitslager und befiirwortete die generelle Unterbringung von Haftlingen in Straflager bei einer Strafe von iiber 3 Jahren. Stalin war somit die treibende Kraft welche die Organisation, die Erweiterung sowie die Erhöhung des StrafmaBes innerhalb der Gulag schiirte und definierte. Unter seiner Fiihrung kam es zur raumlichen Ausdehnung der Gulag iiber den gröBten Teil der Sowjetunion. AuBerdem avancierte Stalin staatliche Projekte wie beispielsweise den Bau der Polareisenbahn mit Hilfe von bis zu 120.000 Arbeitskraften aus den Straflagern.

Die Zahl der Inhaftieren in den Straflagern umfasste zeitweise bis zu 2,5 Millionen Menschen, von welchen annehmbarer Weise die meisten ohne legitimen juristischen Bescheid verhaftet wurden. Im Besonderen die Einfiihrung des Artikels 58 im Jahr 1928 vervollmachtigte die Partei Terrorismus, Propaganda und Tatigkeiten nach ihren belieben zu definieren. Die Legislative wurde somit konsequent zum Instrument der Herrschaft verwandelt, was sich unter anderem darin auBerte, dass bis 1956 schatzungsweise 50 Prozent aller Opfer anhand eines durch den OSO (Sonderkonferenz aus dem NKWD Kommissar, seinen Vertretern und dem Generalstaatsanwalt) gefiihrten Scheinprozess fernab der Prasenz des Angeklagten in gesicherter Isolation verhandelt wurden und die Angeklagten dariiber hinaus keine Einsicht auf ihre eigenen Urteile hatten.

Die Gesamtzahl der vorwiegend zu unrecht Inhaftierten zwischen Ende der Zwanziger und Mitte der Fiinfziger Jahre variiert laut Quellenlage immens und wird von der jiingsten Forschung auf zwischen 18 und 20 Millionen Menschen geschatzt. Nach den exaktesten bisher vorliegenden Berechnungen bestand der Gulag zwischen 1929 und 1953 aus 476 Lagerkomplexen3, welche sich wiederum in viele kleine Lager unterteilte. Inhaftierte in den Lagern hatten tagtaglich mit konstanter Unterernahrung, Kalte, hartesten Strafen, Uberarbeitung und fehlender Hygiene zu kampfen was Hundertausenden das Leben kostete. Nichtsdestotrotz gab es hinsichtlich der Anzahl von Insassen und dem Zustand der Haftlinge vollig verschiedene Charakter von Gulags, da jedes Lager eine eigene Welt, eine eigene Stadt in einem eigenen Land fiir sich bedeutete.

Was die Quellenlage beziehungsweise Archivakten betrifft, gilt zu erwahnen, dass nach Ende der Stalinara ein nicht unerheblicher Teil der Information planmaBig zerstort, und somit der Nachwelt unzuganglich gemacht wurde. Aus diesem Grund sind es Sekundarquellen, sprich literarische Berichte entflohener Haftlinge, Memoiren und Erlebnisberichte, welche in den zwanziger und dreiBiger Jahren erste Untersuchungen iiber das sowjetische Lagersystem zulassen. Bis zum Umbruch 1989 beschaftigten sich primar lediglich Schriftsteller, unter Aufsicht der Partei, um die Gegebenheiten rund um die Gulag, was vorwiegend mit dem Mitte der dreiBiger Jahre verhangten Schweigeverbot der Partei- und Staatsfiihrung iiber die Existenz der sich vermehrenden Gulag verbunden ist. Erst mit Stalins Tod 1954 und der daraus folgenden Entstalinierungsperiode der Chruschtschow-Ara bis Mitte der 60er Jahre kam es in der Folge zu einer sich bessernden Pressefreiheit (Tauwetterperiode) und somit zu freieren Recherchen. Besondere Kritik hinsichtlich des Gulag ohne kommunistischen Glaubenshintergrund4 kam erstmals 1962 mit Solschenizyns Roman Ein Tag des Iwan Denissowitsch auf, welche realistisch und ohne jegliche Moral die sinnlose und todbringende Arbeit im Gulag wiederspiegelt: (...) in der Geschichte sei kein Quäntchen Heuchelei.5 Bis zum heutigen Tag ist von russischer Seite offiziell kein Versuch unternommen worden, bestehendes Quellen- und Archivmaterial zur Geschichte, Struktur und Funktion des Gulagerscheinen nachkommen zu lassen: (...) der Archipel Gulag blieb eine terra incogita6, woran auch die Perestrioka nichts zu ändern vermochte.

II.1 Prinzip und System

Das Grundprinzip des Stalinismus ist das Lager. Bernhard Roder ( Katorga-Häftling in Workuta)

Wenngleich der Gulag parallel mit den Charisma der Planwirtschaft aufzutreten vermochte, so sind seine Ursprünge dennoch, wie bereits erwähnt, vor Stalins Machtantritt unter Lenin zu suchen.

Die beiden eigentlichen Wurzeln des Gulag-Verständnis unter Stalin sind zum Einen der Besserungsarbeitsgedanke aus der Ara Lenins, sowie das Konzentrationslagersystem der Tscheka (Allrussische, auBerordentliche Kommission zur Bekämpfung der Konterrevolution und Sabotage), (O)GPU (Staatliche politische Verwaltung) und GPU. Ersteres umfasste die Absicht, dass nicht Strafe, sondern Besserung und Umerziehung das Ziel der Haft sein sollten, wobei der eigentliche Strafgedanke in den Hintergrund gestellt wurde. Systemgegner wie Kapitalisten und Zaristen jedoch galten generell als eine gesellschaftliche Gefahr und wurden nicht milde umerzogen, sondern abgesondert und vernichtet, was als Straf-Zwangsarbeit definiert wurde. Diese gegen klassenfeindliche Elemente gerichtete MaBnahme war bereits im Oktober 1917 von Lenin als mogliche Sanktion und Waffe in Betracht gezogen worden, um die Staatsmaschinerie ins Laufen zu bringen, den Widerstand der Ausbeuterklassen zu brechen, sie zur Zusammenarbeit mit dem Sowjetsystem zu zwingen, zu erniedrigen und bestrafen.7 Diese Zwangsarbeit wurde unter Lenin und der Ausführung der Roten Armee jedoch nicht in Zwangslagern, sondern für nicht Inhaftierte geschaffen. Die Termini Besserungsarbeit sowie Umerziehung waren lediglich Teil Bolschewiker Propaganda, was bedeuten soll, dass Gefangenenzwangsarbeit gegenüber politisch nicht konformer an der Tagesordnung war.

Als eindeutig häufiger genutztes Propagandamittel wurde jedoch die Besserungsarbeit beziehungsweise obligatorische soziale Arbeit mit dem Dekret vom 17. Dezember 1917 zur Strafe möglich. Mit der vorläufigen Instruktion des NKJu vom 23. Juli 1918 kam es in der Folge zu einer Intensivierung der Besserung-Zwangsarbeit, da nunmehr jeder arbeitsfähige Häftling acht Stunden täglich körperliche Arbeit verrichten sollte. Diese konnte bei guter Führung zur Haftminderung oder Verlagerung auBerhalb des Lagers fiihren. Besserungsarbeit galt bereits im März 1919 im parteilichen Kollektiv als wichtigstes Mittel zur Besserung und Umerziehung, das im Interesse der Gesellschaft eingesetzt werden sollte.8 Dennoch galt der Besserungsarbeitsgedanke bis Mitte der 20er Jahre unter Lenin weniger als eine wirtschaftliche Ausbeutung der Häftlinge. Nichtsdestotrotz gilt sie als Grundlage und Ursprung fir Stalins Interpretation dieser Idee ab 1928.

Mit dem Besserungsarbeitskodex vom 16. Oktober 1924 kam es offiziell zu einer Moderation der Bedingungen in den Haftanstalten des NKWD. Dies bedeutete, dass Nahrungsentzug, Einzelhaft, etc. verboten wurden und anstelle von Zwangsarbeit von rein formell von Erziehung durch Arbeit gesprochen wurde. Mehr und mehr aber stand in der Folge der Zweck der Wirtschaftlichkeit und Wirtschaft im Vordergrund, was volle Kostendeckung und Selbstfinanzierung sowie umfangreiche Gefängniswerkstätten und den Verkauf von Produkten aus solchen mit sich brachte. Da eine hohe Arbeitslosigkeit herrschte, wurden ab 1924 immer mehr Menschen aufgrund von Alltagsvergehen zu Haftstrafen verurteilt, was eine direkte Arbeitskraftversorgung fir die zentrale Wirtschaftsplanung mit sich f$hrte und somit ab 1924 realisiert und vermehrt genutzt wurde.

Als Vorläufer des Lagersystems der Stalinzeit gilt es drei Strafvollzugssysteme zu unterscheiden, nämlich NKJu, NKWD und jene der Tscheka. Deren Gesamtzahl der Gefangenen erreichte die Inhaftiertenzahl der Gulag nicht im Geringsten. Mit dem Sieg der Bolchewiki 1922 kam es zum Umbruch was den Roten Terror beendete und auBerdem auch die Bemühung anstrebte, zu einem rechtlich geordneten System zuruck zu finden. Als Konsequenz wurden die drei Lagersysteme zusammengelegt, was bedeutete, dass von nun an nur noch die Besserungsarbeitseinrichtungen des NKWD und Lager zur besonderen Verwendung der GPU und OPGU fir Systemgegner existierten. Generell ist bemekenswert, dass die Vorläufermodelle hinsichtlich der Anzahl ihrer Insassen insgesamt weniger fassten als die eines gröBeren Lagergebietes unter Stalin. Obgleich sie sich auch strukturell in vielen Punkten zu den Lagersystemen Stalins unterschieden ist dennoch festzuhalten, dass organisationsgeschichtlich Parallelen bestanden. Demnach ist das Lagersystem lediglich unter der Herrschaft Stalins zu suchen.

[...]


1 Conquest, Robert, Kolyma, New York 1978, S. 66.

2 Armanski,Gerhard, Der Gulag- Zwangsjacke des Fortschritts, in: Streibl, Robert und Schafranek, Hans, Strategie des Uberlebens, Wien 1996, S. 22.

3 Der Gulag, S. 211.

4 Heller, Michel, Stacheldraht der Revolution, Stuttgarta 1975, S. 12.

5 Der Gulag, S. 550.

6 Der Gulag- Zwangsjacke des Fortschritts, S. 16.

7 Stettner, Ralf, Archipel Gulag: Stalins Zwangslager, Paderborn 1996, S. 45.

8 Archipel Gulag, S. 47.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Stalins Gulag - organisatorische, psychische und physische Gesichtspunkte des Gefangenenlagers
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Wenn der Feind sich nicht ergibt, wird er erschossen!
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
29
Katalognummer
V146061
ISBN (eBook)
9783640568857
ISBN (Buch)
9783640569083
Dateigröße
642 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stalins, Gulag, Gesichtspunkte, Gefangenenlagers
Arbeit zitieren
M.A. Patrick Geiser (Autor), 2007, Stalins Gulag - organisatorische, psychische und physische Gesichtspunkte des Gefangenenlagers, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146061

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