Der Wandel der Figurenkonzeption der Enite im Artusroman „Erec“ von Hartmann von Aue

Ein Beitrag zur mediävistischen Literaturwissenschaft


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

I. Fragestellung und Erkenntnisinteresse

II. Hauptteil
2.1. Enite in ihrem Elternhaus und ihre Rolle beim „Sperberkampf“
(Vers 307-1094)
2.2. Die Einführung Enites an den Artushof und die Hochzeit
(Vers 1255-2825)
2.3. Das Leben als Herrscherpaar in Destregales
(Vers 2826-3052)
2.4. Enites Ungehorsam
(Vers 3053-3179)

III. Schlussbetrachtung und Fazit

IV. Bibliografie
4.1. Textausgaben und Übersetzungen
4.2. Lexika und Wörterbücher
4.3. Sekundärliteratur

V. Eigenständigkeitserklärung

I . Fragestellung und Erkenntnisinteresse

Der Artusroman „Erec“ von Hartmann von Aue gehört zu den bekanntesten mittelhochdeutschen Spruchdichtungen des Mittelalters und wird mit seiner Entstehungszeit ungefähr auf das Jahr 1180 datiert[1].

Die Bedeutsamkeit dieses Werkes wird auch in dem Angebot an Sekundärliteratur sichtbar, die bis zum heutigen Tage stetig erweitert wird und die immer neue Aspekte und Ansätze beleuchtet oder alte Forschungsschwerpunkte neu interpretiert.

Dieser Forschungsliteratur soll mit der vorliegenden Arbeit um eine weitere Betrachtung erweitert werden, die mit dem vorliegenden Erkenntnisinteresse scheinbar noch nicht seperat behandelt oder veröffentlicht worden ist. Es war jedenfalls im Rahmen der gegebenen Umstände nicht möglich, eine Forschungsliteratur zu finden, die sich mit der Fragestellung beschäftig, in wiefern sich die Figurenkonzeption Enites im „Erec“ von einem Prestigeobjekt zu einer handelnden Protagonistin wandelt. Das Erkenntnissinteresse besteht darin, heraus zu finden, welche Figurenkonzeption geleistet wird. Dabei soll untersucht werden, welche Funktion und Bedeutung die Figur der Enite im Kontext hat. Dafür ist eine Arbeit eng am Text nötig, die sich an den Handlungsebenen orientiert, da nur so genau nachgewiesen werden kann, wie sich die Figur der Enite in den einzelnen Teilen der Handlung verändert.

Aus diesem Umstand ergibt sich auch die Gliederung dieser Arbeit, die sich chronologisch an der Handlungsstruktur des Romans orientiert. Zunähst erfolgt die Untersuchung der Enite von ihrer Einführung in die Handlung bis zum Ende des „Sperberkampfes“. Dabei wird verdeutlicht, in wiefern Enite als Prestigeobjekt durch den Autorenkommentar und die handelnden Figuren dargestellt und charakterisiert wird und wie sich Enite selbst in ihre Rolle einfügt.

Anschließend wird der Handlungsraum von Enites Einführung an den Artushof bis zu der Hochzeit der Protagonisten näher beleuchtet und darauf aufbauend die Figur der Enite im Kontext der Herrscherzeit in Destregales untersucht.

Den Abschluss stellt ein Kapitel über die Auswirkungen von Enites Ungehorsam gegenüber ihrem Ehemann Erec für die untersuchte Fragestellung dar.

Innerhalb dieser Betrachtung wird die Zäsur der „Enitefigur“ im Übergang von einem Prestigeobjekt zu einer handelnden Persönlichkeit verdeutlicht.

II . Hauptteil

In den folgenden Kapiteln erfolgt eine systematische Analyse der Handlung, wobei ein besonderes Augenmerk auf die Episoden gelegt wird, die direkt in Verbindung mit der Figur „Enite“ stehen.

2.1. Enite in ihrem Elternhaus und ihre Rolle beim „Sperberkampf“ (Vers 307-1094)

Enite wird in die Geschichte eingeführt als einzige Tochter eines verarmten, aber edelmütigen Adligen und seiner Frau. Auf Grund ihrer Armut gab es kein Gesinde im Haus, daher waren Enite und ihre Mutter Karsinefite für die Hausarbeit selbst verantwortlich. Schon bei dieser Einführung weist Hartmann auf das am meisten hervorstechende Merkmal dieser Tochter des Karolus hin – ihre Schönheit.

„diu was ein diu schœniste maget,

von der uns ie wart gesaget“ (V.310-311)[2]

Zu dieser genannten Schönheit finden wir aber keine genaueren physiologischen Angaben, einzig ihre ärmliche Kleidung wird beschrieben (V.323-341). Wenn wir nun Rösener folgen, dann hat dies den Zweck, nicht nur Enites äußeres Erscheinungsbild zu beschreiben, sondern auch ihre innere Schönheit deutlich zu machen.[3] Der höfische Terminus schœne steht dabei nach Wolf „für ein ganzes Spektrum herausragender höfischer Tugenden und die Gottesausgewähltheit.“[4] Dies allein war für die Wahl einer Ehefrau aber nach dem aktuellen Forschungsstand nicht entscheidend, denn „für den Adel blieb die Ehe […] primär eine Institution, die von politischen und dynastischen Gesichtspunkten bestimmt war.“[5] Mit anderen Worten gesagt, fehlte es für eine Heirat eines standesgleichen Adligen mit Enite an einem finanziellen Anreiz, was Hartmann selbst auch feststellt:

„und wære si gewesen rîch,

sô gebræste niht ir lîbe

ze lobelîchem wîbe.“ (V.333-335)

Hartmann von Aue verdeutlicht aber, dass Enite trotz der offensichtlichen Armut von adliger[6] Abstammung ist. Als Tochter eines verarmten Grafen war sie zwar eigentlich in einer geringeren Position als Erec, als Angehörige des Hochadels galten sie aber als standesgleich[7]. Anderenfalls wäre eine Heirat unmöglich gewesen.[8]

Auffällig bei der Einführung der Enite in die Handlung ist die Tatsache, dass von minne[9] an keiner Stelle die Rede ist. Erec ist zwar von Enites Schönheit angetan und empfindet Mitleid mit ihr, weil sie wie ein Knecht sein Pferd versorgen muss[10], im Zusammenhang mit seiner Gefühlswelt tritt ihre Figur aber nicht weiter in Erscheinung. Ehrismann schreibt zum Schönheitsbegriff im Bezug auf Enite: „Ihre Schönheit wirkt auf den Titelhelden, als er ihr zum ersten Mal begegnet, funktional, weil er sie braucht, um einen Wettbewerb zu gewinnen.“[11]

Erec bietet Karolus aber dennoch an, Enite zu heiraten, zum einen weil ihre Schönheit êre bringt und Erec nicht auf einen Finanzzugewinn durch Heirat angewiesen ist[12], zum anderen aus Dankbarkeit gegenüber Karolus:

„an iu stât gar mîn êre[13]:

und wizzet rehte âne wân,

ich leiste, als ich gelobet hân.“ (V.585-588)

dar umbe durfet ir´s niht lân,

sie enhât an mir niht missetân,

ez mac wol mit êren sîn. (V. 516-518.)

Das eine Frau keinerlei Mitspracherecht bei der Wahl des Ehemannes hatte, entsprach der zu dieser Zeit gängigen Verheiratungspraxis, wobei eine Frau bei der Hochzeit von der Muntgewalt des Vaters in die Muntgewalt des Ehemannes überging.[14] Die Frau war somit nicht rechtsmündig und galt faktisch als Besitz des Vaters bzw. Ehemannes.

Erec bittet Enites Vater Karolus darum, dass er Enite mit zum Sperberkampf nehmen darf, um seine êre wieder herzustellen.

sô soldet ir mich lân rîten

mit iuwer tohter ênîten

ûf die selben hôchzît.

ich behabete den strît,

daz si schœner wære

und næme den sparwære

dan des ritters vriundîn.“ (V. 505-510)

Enite stellt bei dem Sperberkampf das Gegenstück zu Iders Favoritin dar und ist somit ein Mittel zu Erecs Rache an Iders. Damit im Zusammenhang steht auch Erecs Ablehnung der standesgemäßen Kleidung für Enite[15], denn die Tatsache, dass Enite auch im ärmlichen Kittel noch schöner ist als Iders Freundin, ist eine zusätzliche Provokation und Herabsetzung des Gegners[16]. Nach Rösener war „die Herrenspeise […] für die höfische Gesellschaft ein ebenso wichtiges Standesattribut wie die vornehme Kleidung.“[17]

Genau dieses Standesattribut verweigert Erec seiner Begleiterin, indem er sagt:

er hæte harte missesehen,

swer ein wîp erkande

niuwan bî dem gewande.

man sol einem wîbe

kiesen bî dem lîbe,

ob si ze lobe stât,

unde niht bî der wât.“ (V. 643-649)

Er will aber seine êre nicht nur durch die schönere Frau an seiner Seite zurück gewinnen, sondern durch „ spe runde swert[18]. Einmal mehr wird also deutlich, dass seine Wahl auf Enite nicht durch Inspiration durch die minne, sondern hauptsächlich aus rein egoistischen Motiven fällt.[19]

Bumke schreibt in der Einleitung zu seinem Kapitel über die Figur der Enite: „Enite erscheint geradezu als eine Verkörperung des traditionellen, patriarchalisch akzentuierten Frauenbildes.“[20] Dabei bezieht er sich vor allem darauf, dass Enite alles ohne Widerspruch tut, was ihr aufgetragen wird. Sie versorgt Erecs Pferd wie ein Knecht[21], begleitet Erec zum Sperberkampf und protestiert auch nicht, als Erec ihr die besseren Kleider verweigert, die Imain ihr geben will[22]. Das schœniste maget Enite tritt noch nicht als eigenständig handelnde Protagonistin auf, sondern als Befehlsausführerin ohne erkennbaren eigenen Willen, deren herausragende Schönheit, mit all den für das höfische Publikum inbegriffenen Deutungsebenen, ihre wichtigste Eigenschaft ist.

2.2. Die Einführung Enites an den Artushof und die Hochzeit (Vers 1255-2825)

Erec hatte es, nachdem er Iders im Sperberkampf besiegt hatte, zur Bedingung gemacht, dass dieser umgehend an den Hof von König Artus reist und diesem von den vergangenen Ereignissen und von der Tilgung der, der Königin und Erec zugefügten, Schmach berichtet. Im Zuge dessen berichtet Iders auch von Erecs Begleitung, indem er sagt:

er kumet iu selbe morgen

und bringet mit im eine maget,

daz iu nieman saget,

daz er dehein schœner habe gesehen,

muoz er der wârheite jehen.“ (V. 1255-1259)

Zu dieser Zeit befinden sich Erec und Enite noch am Hofe Imains und feiern den glücklichen Ausgang des Sperberkampfes, bei dem Erec seine ersten Ehren als Ritter verdient hat. Aber auch für Enite hatte der Sieg Auswirkungen:

und dô vrouwe ênîte

behertet wart mit strîte “ (V. 1300-1301)

Während dieses Festes ändert sich das Verhältnis von Enite zu Erec, denn zum ersten Mal beschreibt Hartmann eine Interaktion zwischen beiden, die den Zuhörer eine beginnende minne erahnen lässt:

in ir schôz leite in

daz kint vruowe ênîte

ze ruowe nâch dem strîte.

ir gebærde was vil bliuclîch,

einer megede gelîch.

si enredte im niht vil mite:

wan daz ist ir aller site,

daz si zem êrsten schamic sint

unde blûc sam diu kint.

dar nâch ergrîfent si den list,

daz si wol wizzen, waz in guot ist,

und daz in liep wære,

daz si nû dunket swære,

unde daz si næmen,

swâ si sîn reht bekæmen,

einen süezen kus vür einen slac

und guote naht vür übeln tac.“ (V. 1317-1333)

„ez hâte diu maget

sæleclîche bejaget

von lobe michel êre:

doch vreute si sich mêre

von schulden ir lieben man

den si des tages dô gewan.“ (V. 1380-1385)

In diesen Zeilen erfährt der Rezipient etwas über die Gefühlswelt von Enite. Ihre Person mit ihren Gefühlen und Gedanken nimmt erstmals einen breiteren Raum in der Handlung ein, obwohl sie noch immer keine handelnde, sondern nur eine reagierende Figur ist. Als junges, unerfahrenes Mädchen entdeckt sie Gefühle für ihren stolzen Ritter. Beachtet werden muss aber auch, dass sie, im Gegensatz zu anderen Mädchen ihrer Abstammung, vermutlich auch zum ersten Mal einen Verehrer hatte. Von Erecs Gefühlen gegenüber Enite berichtet Hartmann jedoch nichts, außer dass er wiederum das Angebot Imains ablehnt, Enite standesgemäß einzukleiden, bevor sie mit Erec an den Hof von König Artus reist[23].

[...]


[1] Hartmann von Aue: Erec. Hrg.: Manfred Günther Scholz. Frankfurt/Main 2007. Seite 573. Alle Versangaben in dieser Arbeit beziehen sich auf diese Ausgabe.

[2] Erec. V. 310 f.

[3] Rösener, Werner: Die höfische Frau im Hochmittelalter. In: Curialitas. Studien zu Grundfragen der höfisch-ritterlichen Kultur. Hrg.: Josef Fleckenstein. Göttingen 1990. S. 171.

[4] Wolf, Jürgen: Einführung in das Werk Hartmanns von Aue. Darmstadt 2007. S. 50.

[5] Ebenda. S. 220.

[6] Erec. V. 439.

[7] Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. München 1986. S. 509.

[8] Rösener. S. 220.

[9] Zur Semantik des Minne-Begriffs vgl. Ehrismann, Otfrid: Ehre und Mut, Aventiure und Minne. Höfische Wortgeschichten aus dem Mittelalter. München 1995. S. 136-147.; Schnell, Rüdiger: Die ,höfische' Liebe als ,höfischer' Diskurs über die Liebe. In: Curialitas. Studien zu Grundfragen der höfisch-ritterlichen Kultur. Hrg.: Josef Fleckenstein. Göttingen 1990. S. 231-301.

[10] Erec. V. 342.

[11] Ehrismann. S. 191.

[12] Ebenda. V. 578 f.

[13] Zum êre -Begriff vgl. ebenda. S. 65-70.

[14] Rösener. S. 176.

[15] Erec. V. 640-649.

[16] Ebenda. V.688f.

[17] Rösener. S. 215.

[18] Erec. V. 654.

[19] Vgl. Wolf. S. 52.

[20] Bumke, Joachim: Der Erec Hartmanns von Aue. Eine Einführung. Berlin, New York 2006. S. 87.

[21] Erec. V. 344-365

[22] Ebenda. V. 635-649.

[23] Erec. V. 1405-1410.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der Wandel der Figurenkonzeption der Enite im Artusroman „Erec“ von Hartmann von Aue
Untertitel
Ein Beitrag zur mediävistischen Literaturwissenschaft
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Germanistik)
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
18
Katalognummer
V146290
ISBN (eBook)
9783640549955
ISBN (Buch)
9783640552269
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wandel, Figurenkonzeption, Enite, Artusroman, Hartmann, Beitrag, Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Tina Hüfner (Autor), 2009, Der Wandel der Figurenkonzeption der Enite im Artusroman „Erec“ von Hartmann von Aue, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146290

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