Terrorismus und Fundamentalismus in Kashmir


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
34 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung und Fragestellung

2. Kaschmir: Happy Valley
2.1. Geschichte Kaschmirs und internationale Konflikte
2.2. Der kaschmirisch-muslimische Aufstand
2.3. Geographie und Bevölkerung Kaschmirs

3. Fundamentalismus und Terrorismus
3.1. Fundamentalismus als der Konflikt mit dem Außen
3.2. Terrorismus als gewalttätiger Fundamentalismus
3.3. Unterscheidung von Terrorismus und Fundamentalismus

4. Ursachen und Merkmale des Terrorismus in Kaschmir
4.1. Ursachen und Erscheinungsformen
4.2. Pakistans Rolle im Konflikt

5. Vom Volksaufstand zum Jihad: Das Problem des importierten Fundamentalismus
5.1. Die „feindliche Übernahme“ des Aufstandes
5.2. Terroristen als „mercenaries“
5.3. Das Klima des Fundamentalismus
5.4. Pakistans Principle-Agent-Problem

6. Zusammenfassung Ausblick

7. Anhang
7.1. Sprachen und Religionen in Kaschmir
7.2. Bekannte terroristische Gruppen in Kaschmir

8. Verzeichnis der verwendeten Literatur und Internetquellen

1. Einführung und Fragestellung

Kaschmir rückt immer dann in das Blickfeld der Weltöffentlichkeit, wenn ein lokaler Konflikt in einen Krieg zweier Atommächte zu eskalieren droht- das letzte Mal nach dem Terroranschlag auf das indische Zentralparlament am 13. Dezember 2001 durch militante Kaschmiris[1]. Allerdings findet dieses Land seit nunmehr 13 Jahren keine Ruhe, „about 24,000 people have died in the decade-long insurgency“[2] Aber nicht nur aus diesem Grund verdient Kaschmir mehr Aufmerksamkeit, sondern auch, weil sich dort neue Strukturen des Terrorismus schon seit längeren beobachten lassen und durch die „ ’Hydra“ Terrorismus[3] dieser Konflikt in Zukunft wohl nicht lokal beschränkt bleiben wird. Diese Arbeit wird sich aber nicht mit „dem Terrorismus“ als isolierten Phänomen beschäftigen, auch nicht den Terrorismus als isoliertes Netzwerk[4] betrachten. Vielmehr werden Terrorismus und Fundamentalismus zueinander in Beziehung gesetzt- auch durch eine Abgrenzung der beiden Begriffe, die in der populären Diskussion manchmal verschwimmt.

Diese Beziehung von Terrorismus und Fundamentalismus wird mit Hilfe einer ökonomischen Theorie des Fundamentalismus untersucht (Iannaccone 1997) und es wird sich für Kaschmir aber auch darüber hinaus eine Art Arbeitsteilung feststellen lassen, die für beide Seiten von Vorteil ist. Um aber zu dieser These zu kommen, ist es aber notwendig, einige Vorarbeiten zu leisten. Zuerst ist es notwendig, als Einführung in das Thema einen kurzen historischen Abriss über die Geschichte Kaschmirs zu geben, wobei dieser nur sehr knapp gehalten ist und der Schwerpunkt auf der neueren und neuesten Geschichte liegt (Kapitel 2). Daran anschließend ist es notwendig, die Begriffe des Fundamentalismus und des Terrorismus zumindest vorläufig zu definieren (Kapitel 3). Nach diesen relativ umfangreichen, aber notwendigen Vorarbeiten werden Ursachen und Quellen des „Volksaufstandes“ und des „neuen“ Terrorismus in Kaschmir behandelt, sowie seine Charakteristika (Kapitel 4). Diese Erkenntnisse werden im fünften Kapitel in ein dynamisches Modell integriert, das insbesondere eine dynamische Komponente im Verhältnis von Fundamentalismus und Terrorismus auf Grundlage eines ökonomischen Modells beschreibt und auf das schwierige Principal-Agent-Problem Pakistans eingeht. Im anschließenden sechsten Kapitel wird ein eher vorläufiges Fazit gezogen und versucht, einen Ausblick auf die nähere Zukunft zu geben.

Begrenzt wird dabei die Untersuchung auf Kaschmir, genauer gesagt den indisch kontrollierten Teil Kaschmirs, den Bundesstaat Jammu und Kaschmir (J& K)[5]. Das hat in erster Linie praktische Gründe: Terrorismus tritt vorwiegend dort auf, das Verhältnis zu einer Fundamentalisierung ist gut zu erkennen. Dennoch kann man Terrorismus und Fundamentalismus besonders hier nicht isoliert in einem Land betrachten. Aus diesem Grund werden an geeigneter Stelle Betrachtungen über Indien, Pakistan und zum Beispiel auch Afghanistan gemacht. Ausgangspunkt dieser Untersuchung aber soll Kaschmir (im Sinne von J&K) sein.

2. Kaschmir: „Happy valley“

2.1. Geschichte Kaschmirs und internationale Konflikte

Aufgrund der schwer zugänglichen geographischen Lage und Abgeschlossenheit konnte sich Kaschmir lange Zeit als politisch und kulturell eigenständige Region behaupten[7]. Erst mit dem Vordringen des Islam im 14 Jahrhundert wurde diese Selbstständigkeit zunehmend in Frage gestellt. Kaschmir wurde 1586 von dem Mogulherrscher Akbar erobert, fiel 1756 an Afghanistan und 1819 an die Sikh. Aufgrund der strategischen Bedeutung als Zugang zu Indien vom Nordwesten annektierten die Briten Kaschmir im ersten Sikh-Krieg (1845) und setzten trotz muslimischer Bevölkerungsmehrheit einen Hinduherrscher ein, der die britische Hoheit anerkannte und dessen Nachfahren im Rahmen Britisch-Indiens herrschten (Dogradynastie).[6]

der indischen Unabhängigkeit am 15. August 1947 und der Gründung Pakistans als mehrheitlich muslimischer Staat war die Lage Kaschmirs noch unentschieden. Der ursprüngliche vom Vizekönig Lord Mountbatten ausgearbeitete Teilungsplan sah vor, aus mehrheitlich muslimisch bevölkerten Provinzen der britischen Kolonie Indien den Staat Pakistan zu bilden, während das nachkoloniale Indien aus den Provinzen bestehen sollte, die mehrheitlich nicht-muslimisch waren[8]. Der hinduistische Herrscher von Kaschmir, Maharadscha Hari Singh, entschied sich, weder Pakistan noch Indien beizutreten, obwohl die Mehrheit der Bevölkerung muslimisch war. Pakistan unterstützte daraufhin Infiltrationen von „Stammeskriegern“ und konnte so den Herrscher militärisch unter Druck setzen. In Bedrängnis geraten wandte sich Singh hilfesuchend an Indien. Dieses besetzte daraufhin nach einem umstrittenen Beitrittsabkommen im ersten pakistanisch-indischen Krieg (1947-1949) den südöstlichen Teil des Landes einschließlich des fruchtbaren Kaschmir-Hochtales, während Pakistan den nordwestlichen Landesteil annektierte. Erst auf Vermittlung der UNO und einer bis heute dauernden UNO-Mission (UN Military Observer Group in India and Pakistan UNMOGIP) kam es zu einem Waffenstillstand.

Zu einem vereinbarten Abzug der pakistanischen Truppen und einer Reduzierung der indischen Kontingente kam es nie, ebenso wenig zu einem von beiden Seiten versprochenen Volksentscheid über die zukünftige Zugehörigkeit Kaschmirs zu Pakistan oder Indien[9]. Die von der UNO vermittelte Waffenstillstandslinie (Cease Fire Line, CFL) wurde im Laufe der Zeit immer mehr zur Demarkationslinie (Line of Control, LOC) zwischen dem pakistanisch besetzten Azad Kashmir und dem indisch kontrollierten Teil Kaschmirs. Im Indisch-chinesischen Krieg 1962 verlor Indien ein Teil seines Gebietes an China, Pakistan trat 1963 einen kleinen Streifen des von ihm kontrollierten Kaschmirs an China ab. Indien beansprucht auch diesen Teil weiterhin für sich.

Die Streitigkeiten zwischen Pakistan und Kaschmir eskalierten erneut im September 1965: Indien gab Pakistan die Schuld an einem Aufstand im indisch kontrollierten Kaschmir, die Auseinandersetzung entwickelte sich zum zweiten pakistanisch-indischen Krieg um Kaschmir (1965-1966). Erst im von der Sowjetunion vermittelten Vertrag von Taschkent (Januar 1966) konnten die Streitigkeiten auf Grundlage des Status-Quo beigelegt werden. Der dritte Waffengang zwischen Pakistan und Indien, diesmal im Krieg um die Sezession Bangladeshs von Pakistan (1971) führte auch zu erneuten Gefechten in Kaschmir. Auf der Konferenz von Simla (1972) erklärten sich Pakistan und Indien schließlich bereit, die Waffenstillstandslinie in Kaschmir zu respektieren.

Seitdem kam es zu keinen offiziellen Kriegen mehr zwischen Pakistan und Indien, allerdings gab es einen Konflikt um die unwirtlichen Siachen-Gletscher, für die kein Verlauf der LOC vereinbart worden war. Ein „ vierten Krieg[10] der jedoch mit begrenzten Mitteln und nicht als Krieg ausgetragen wurde, fand 1999 statt, als von Pakistan unterstützte Einheiten die im Winter verlassenen Stellungen der indischen Armee auf den unwirtlichen Kargilhöhen besetzte. Erst nach langen, verlustreichen Kämpfen und internationalen Druck auf Pakistan mussten sich die Milizionäre Pakistans zurückziehen.

Die letzte Konfrontation zwischen Pakistan und Indien, jedoch unterhalb der Schwelle eines Krieges angesiedelt, fand 2001 statt, als nach einem Anschlag muslimischer Fundamentalisten auf das indische Zentralparlament in Neu-Delhi beide Seiten Truppen an die Grenze verlegte. Auf internationalen Druck, auch in Hinsicht auf den „Krieg gegen den Terror“, hat der Militärmachthaber Pakistans zwei islamistische Terrorgruppen verboten[11] und Indien andere Zugeständnisse gemacht, so dass in der Folgezeit sich die Konfrontation entschärfte.

2.2. Der kashmirisch-muslimische Aufstand

Für eine Untersuchung des Terrors in Kaschmir (und sukzessive des Fundamentalismus) ist aber weniger die Fieberkurve der Beziehungen zwischen Indien und Pakistan ausschlaggebend, sondern vielmehr der etwa 1989/90 einsetzende Aufstand, der bis heute in Form von Gewaltakte andauert und seit seinem Beginn etwa 30.000 Todesopfer gefordert hat[13]. Wichtige Ereignisse am Anfang des Aufstandes waren die ersten Bombenanschläge in der Provinzhauptstadt für den Sommer, Srinigar und die Entführung der Tochter eines den Unionsparteien angehörenden Innenministers. Vor allem die Tatsache, dass die indische Zentralregierung hier nachgegeben hat und fünf inhaftierte Terroristen freigelassen hat, wird von einigen Autoren als Grund für den „Erfolg“ der Unruhen angesehen[14]. Ursache und Wirkung des Aufstandes werden aber in einen anderen Zusammenhang (im vierten Kapitel) ausführlicher behandelt.[12]

2.3. Geographie und Bevölkerung Kaschmirs

Kaschmir ist ein größtenteils bergiges und stark bewaldetes Gebiet, das relativ dünn besiedelt ist. Für einen kurzen Überblick über die Bevölkerungsstruktur ist eine Teilung in drei Gebiete sinnvoll, die nicht deckungsgleich sind mit den Verwaltungsbezirken. Im Kashmir Valley, dem eigentlichen Kaschmir-Tal, dominieren zum überwiegend Teil Muslime. Nach der Flucht nicht-muslimischer Bewohner 1992/93 dürfte der Anteil gegenüber 1981 sogar noch angewachsen sein. Zugleich sind in Jammu die Hindus in der Mehrheit (auch hier nach den Bevölkerungsverschiebungen 1992/93) wohl noch stärker, in Ladakh dominieren vorwiegend Buddhisten. Aufgrund der absolut größten Bevölkerungsanzahl im Kaschmirtal stellen die Muslime allerdings in ganz Kaschmir die relative Mehrheit. Aus diesem Grund stellt Kaschmir eine Art „ torn country “ (Huntington 1996, 138-54) dar, in der die Trennung der Religionen sich nach 1992/93 verstärkt hat. Deswegen existieren auch immer wieder Teilungspläne entlang der religiösen Grenzen[15].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Allerdings sollte man diese Trennlinien zwischen den Religionen nicht allzu scharf ziehen: vor 1992/93 beispielsweise war der Unterschied in der gelebten Religion relativ gering, man fühlte und fühlt sich brüderlich verbunden: „ Neighbors of different faiths still seem to live as brothers, bhai-bhai.“ (Blank 1999, 47) und einer Idee des Kashmiriyats verpflichtet. Bei dieser Idee handelt es sich um eine sekuläre Idee, verbunden mit den Gedanken an azadi (Unabhängigkeit). Es ist „ a unique cultural sensibility shared by the region’s Muslims, Hindus, Sikhs, and even some Buddhists “ (Blank 1999, 41)[16]. Hinzukommt, dass die muslimische Bevölkerungsmehrheit zum Beispiel auch nicht einen monolithischen Block darstellt, sondern sich aus verschiedenen Gruppen zusammen-setzt (Wirsing 1994, 125 ff; siehe auch Anhang A). Gebiets-weise zum Beispiel dominiert die Sufi-Richtung, die auch in Pakistan vorhanden ist, dort aber nichtstaatlichen Repressionen ausgesetzt ist.

3. Fundamentalismus und Terrorismus

Nach der Darstellung der politischen und religiösen engeren Umgebung ist notwendig, die in den späteren Kapiteln häufig verwendeten Begriffe Terrorismus und Fundamentalismus wenigstens vorläufig zu definieren. Nur um dies nochmals zu verdeutlichen: es ist weder richtig noch hilfreich in einen wissenschaftlichen Kontext, Terrorismus und Fundamentalismus gleichzusetzen. In politischer Hinsicht mag diese Gleichsetzung nützlich sein, aber das interessiert in diesem Zusammenhang wenig. Ziel der nun folgenden Kapitel ist vielmehr, das Wechselverhältnis zwischen beiden Phänomenen zu analysieren, was eben auch eine Unterscheidung voraussetzt. Um diese Unterscheidung konsistent und sinnvoll zu treffen, ist es nun notwendig, die Begriffe des Fundamentalismus und des Terrorismus zu klären.

3.1. Fundamentalismus als der Konflikt mit dem Außen

Fundamentalismus und auch Terrorismus wird oft in der alltäglichen Diskussion mit Irrationalität gleichgesetzt. Tatsächlich aber sind die Handlungen von Fundamentalisten mit einem weiten Rationalitätsbegriff mit Konsistenz von Werturteilen.(Keck 1999, S. 231.) nachvollziehbar, ein Modell unter der Annahme rationaler Individuen „ fruitful “ (Iannaccone 1997, 103). Wie kann man aber eine rationale Theorie oder eben eine ökonomische Theorie des Fundamentalismus entwerfen? An dieser Stelle sei für ausführliche modelltheoretische Überlegungen und empirische Überprüfung an die Arbeiten von Iannaccone verwiesen[17]. Im Rahmen dieser Arbeit werden nur die Grundgedanken aus einem Aufsatz aufgegriffen, um diese auf Kaschmir anzuwenden.

Die Definition des Fundamentalismus wird in einer ökonomischen Theorie auf ein Kriterium verengt: die fundamentalisitische Gruppe verursacht für ihre Mitglieder „Kosten“. Fundamentalistische Gruppen unterscheiden sich von Religionen durch „ the degree to which a group demands sacrifice and stigma, or equivalently, the degree to which it limits and thereby increases the cost of non-group activities, such as socializing with members of other religions or pursuing ‚secular’ pasttimes “ (Iannaccone 1997, 104) Die Konzentration auf das einzige Argument der Kosten ermöglicht eine klare Analyse, ist aber auch eine Vereinfachung, die der Komplexität der Welt nicht voll gerecht werden kann. Für die Zwecke dieser Arbeit aber diese Definition des Fundamentalismus, besser gesagt Sektierertums, wie es Iannaccone nennt[18], ausreichend.

Das grundlegende Problem bei der Analyse einer fundamentalistischen Gruppe ist nun die Frage, warum sich ein rationales Individuum zum Beitritt entschließt. Fundamentalistischen Gruppen ist es ja gemein, dass sie an Mitgliedschaft relativ hohe Anforderungen stellen, beispielsweise wird Verzicht auf Genussgüter wie Alkohol gefordert, aber auch eine Stigmatisierung durch äußere Kleidung oder Verhalten[19]. Der Beitritt zu einer fundamentalistischen Religion ist also mit Kosten verbunden, die zum Teil nicht unbeträchtlich sind. Wieso kann sich dann eine fundamentalistische Gruppe im „Markt der Religionsgemeinschaften“[20] behaupten, wenn es „kostengünstigere Anbieter“ zur Erfüllung religiöser Bedürfnisse gibt? Der Grund dafür liegt in einem grundsätzlichen Problem von Religionsgemeinschaften und anderen freiwilligen Zusammenschlüssen: der wechselseitig produzierte Nutzen solcher Gemeinschaften wie gegenseitige Fürsorge, Gemeinschaftsleistungen, Teilhabe etc wird geschmälert durch das Free-Rider-Problem. Da die Teilhabe an einer großen Religionsgemeinschaft im Allgemeinen nicht die Verpflichtung beinhaltet, sich angemessen an den Leistungen zu beteiligen, sinken die bereitgestellten Leistungen öffentlicher Religionsgemeinschaften. Dieses Problem aber umgehen fundamentalistische Gruppen dadurch, dass ein Free-Rider durch einen richtig gewählten „Preis“ abgeschreckt werden: „ sectarian costs mitigate free-rider problems “ (Iannaccone 1997, 105). Eine durch Verhaltenskodices „kostenpflichtige“ Religionsgemeinschaft ist also effizienter organisiert und deshalb mehr an Gesamtnutzen bereitstellen (relativ zur Mitgliederzahl). Und so kann es rational sein, sich zu einen Eintritt in eine solche Gemeinschaft und nicht in eine „preisgünstigere“ zu entschließen.

Welche Personen aber werden nun bevorzugt von Sekten angesprochen? Der Vorteil des hier verwendeten Konzeptes liegt darin, dass empirische Erkenntnisse etwa des Fundamentalismus-Forschungsprojekts der American Academy of Arts & Sciences erklärt werden können. Angezogen von Sekten werden überdurchschnittlich viele von den „ poor, less educated, and minority members of a society “ (Iannaccone 1997, 106) und zwar, weil für diese Gruppen die Opportunitätskosten für den Nichteintritt zur Sekte besonders hoch liegen. Das zumindest trifft auf eine für Fundamentalismen anfällige Gruppe zu. An anderer Stelle wird aber vorwiegend auf die soziale Dynamik verwiesen (Riesebrodt 2001, 23), wo Abstiegsängste oder verhinderter Aufstieg den Grund für eine Zuwendung zu „Sekten“ darstellt. In diesem Fall sieht das Individuum in der Sekte mehr Chancen (trotz der Kosten) als in der Gesellschaft, nicht weil sich die augenblickliche Situation verbessert, sondern weil es sich höhere Aufstiegschancen ausrechnet. Anstelle der Kosten werden also schlichtweg Erwartungskosten verwendet, so dass die Profile der Unterstützer von fundamentalistischen Gruppen zwanglos in die Theorie integriert werden kann.

Konsequenz dieses Konzeptes ist es, dass die Sekte gezwungen ist, ein „ ’optimal level’ of tension “ (Iannaccone 1997, 107) mit der Umgebung aufrechtzuerhalten, genauso wie mit einem richtig gewählten Preis der produzierte Nutzen eines Gemeinschaftsgutes optimiert werden kann. Durch dieses Konfliktlevel werden die Kosten für die Religionsgemeinschaft bestimmt und damit der Preis für das ehemals öffentliche Gut Religion. Ein zu niedriges Spannungslevel führt dazu, dass der verteilbare Nutzen der Gemeinschaft durch Free-Rider reduziert wird, ein zu großes Spannungspotential schreckt potentielle Mitglieder ab und reduziert die zur Verfügung stehenden Ressourcen stark, kann sogar zum Zusammenbruch der Sekte führen (Iannaccone 1997, 107).

[...]


[1] Eine Darstellung aus indischer Sicht findet sich in Tripathi 2001.

[2] “The Valley of the Shadow” in: Economist, Ausgabe vom 20. Mai 1999.

[3] Kuhlmann/Agüera 2001, S. 42.

[4] So eher tendentiell Hirschmann 2001, S. 11 ff oder unbek.: „Neue Formen des Internationalen Terrorismus“ (NZZ vom 12.09.2001)

[5] Im folgenden vereinfachend immer mit Kaschmir bezeichnet, die pakistanisch und chinesisch besetzten Gebiete bleiben außen vor.

[6] Talbot 2000, 274

[7] Die historische Darstellung lehnt sich vor allem an Internetquellen an, insbesondere an http://www.encyclopedia.com/html/section/kashmir_history.asp und http://news.bbc.co.uk/hi/english/in_depth/south_asia/2002/kashmir_flashpoint/, http://fir.njnet.edu.cn/rrz/rrz/phil-fak/voelkerkunde/kashmir/1ahist.html, sowie die aktuelle Online-Ausgabe des Brockhaus. Für nähere Informationen zur Geschichte Kaschmirs siehe zum Beispiel Schofield 2000.

[8] Allerdings unter besonderer Berücksichtigung „anderer Gegebenheiten“. So muss zum Beispiel berücksichtigt werden, dass Kaschmir kein Bestandteil des britischen Herrschaftsgebietes war.

[9] Eine Unabhängigkeit von beiden Seiten war in den UNO-Resolutionen nicht vorgesehen und diese Möglichkeit auszuschließen ist zwischen Indien und Pakistan relativ unumstritten.

[10] Eine ausführliche Diskussion findet sich bei Singh 1999.

[11] Es wurden die Lashkar-e-Toiba und Jaish-e-Mohammed verboten.

[12] „The Kashmiri Muslim Uprising“, siehe Wirsing 1994, 113 ff. Der Begriff Aufstand ist normativ besetzt und deshalb problematisch, wird im folgenden dennoch verwendet, ausdrücklich ohne die Rechtfertigung dieses „Aufstandes” zu beurteilen.

[13] Quelle: http://www.satp.org/satporgtp/countries/india/states/jandk/data_sheets/annual_casualties.htm, Zahlen bis Ende 2001. Die eingangs erwähnte Zahl aus dem Economist (24.000 Tote bis 1999) war eine Schätzung der Sicherheitskräfte und damit tendentiell konservativ. Terroristen gehen von wesentlich höheren Zahlen aus.

[14] So auch Kartha 2001, 31f. Allerdings sollte man dieses Einzelereignis in seiner Bedeutung nicht überschätzen.

[15] So auch zum Beispiel http://www.kashmirstudygroup.net/. Hier findet sich auch eine Aufstellung des Bevölkerungswachstums in den einzelnen Regionen nach den Jahren nach 1981.

[16] Die Stabilität einer solchen Identität im Sinne eines Nation-building wird vor allem von pakistanischer Seite in Frage gestellt (z.B. bei www.kashmir-information.com/Miscellaneous/DNKaul1.html).

[17] Für das theoretische Modell siehe Iannaccone 1992, für die empirische Überprüfung ders. 1994. Im folgenden wird vorwiegend auf Iannaccone 1997 Bezug genommen.

[18] Die Konsequenzen dieser Umbenennung des Problemfeldes zu Sekten wird im folgenden ohne großen analytischen Verlust ignoriert. Aus diesem Grund aber werden auch andere Quellen zur Beschreibung von Fundamentalismen herangezogen, so zum Beispiel Riesebrodt 2001.

[19] Man denke in diesem Zusammenhang beispielsweise an die Burkha.

[20] Marktähnliche Überlegungen in Bezug auf Religionen finden sich bereits bei beispielsweise Hume und Smith, siehe Iannaccone 1997, 111f.

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Terrorismus und Fundamentalismus in Kashmir
Hochschule
Universität Potsdam  (Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Fundamentalismus: Ursachen, Charakteristika und Perspektiven am Beispiel des islamischen Fundamentalismus
Note
1,5
Autor
Jahr
2002
Seiten
34
Katalognummer
V14630
ISBN (eBook)
9783638199780
ISBN (Buch)
9783656834519
Dateigröße
875 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Terrorismus, Fundamentalismus, Kashmir, Ursachen, Charakteristika, Perspektiven, Beispiel
Arbeit zitieren
Markus Roick (Autor), 2002, Terrorismus und Fundamentalismus in Kashmir, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14630

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