Weisheit in Hans Urs von Balthasar


Lizentiatsarbeit, 2008

94 Seiten, Note: 8,5

Daniel M. Bühlmann (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Die Gestalt Hans Urs von Balthasar
1.1. Einführung
1.2. Zugang zu Hans Urs von Balthasar
1.3. Herkunft
1.4. Immatrikulation in Zürich
1.5. Dissertation
1.6. Balthasars Berufung
1.7. Philosophische und Theologische Studien
1.7.1. Eintritt in die Gesellschaft Jesu
1.7.2. Erich Pryzwara
1.7.3. Henri de Lubac
1.8. Priesterweihe und Arbeitsfeld
1.9. Wendepunkt Basel
1.9.1. Begegnung mit Adrienne von Speyr
1.9.2. Bruch mit der „geistigen Heimat“
1.10. Blick auf die Offenbarung
1.11. Ausschau

2. Die Gestalt Sergij N. Bulgakov
2.1. Einführung
2.2. Herkunft
2.3. Studienzeit in Moskau
2.4. Priesterweihe
2.5. Ausschau

Exkurs: Trinität in der russischen theologischen Philosophie

1. Einführung

2. Trinitätslehre

3. Einheit von Philosophie und Theologie
3. Sophia-Weisheit
3.1. Einführung
3.1.1. Zum Begriff Sophia-Weisheit
3.2. Grundlagen der Sophialehre
3.3. Relationsgeschehen
3.3.1. La lumière sans déclin
3.3.2. Du Verbe incarné
3.3.3. L’agneau de Dieu
3.3.4. La Sagesse de Dieu
3.4. Schöpfung als Konsequenz der kreativen Liebe Gottes
3.5. Personales Geschehen
3.6. Ausschau vom Gesehenen

4. Hans Urs von Balthasar und die Weisheit
4.1. Einführung
4.2. Die Liebe und das Streben nach Weisheit
4.3. Weisheit im Alten Testament
4.3.1. Hiob
4.3.2. Sprichwörter
4.3.3. Hellenistisches Judentum
4.4. Weisheit im Neuen Testament
4.4.1. Weisheit bei Paulus
4.5. Kirchenväter
4.6. Ausschau
4.7. Spuren der Weisheit in Herrlichkeit
4.7.1. Einführung
4.7.2. Aufbau der Trilogie
4.7.3. Ausschau
4.8. Weisheit in Mysterium Paschale
4.8.1. Kenosis des Gottmenschen
4.9. Bedeutung der Glaubenserfahrung in Hans Urs von Balthasar
4.9.1. Einführung
4.9.2. Gestalt in Theodramatik
4.9.3. Gehorsam bei von Balthasar
4.9.4. Rolle des Glaubens
4.10. Theologie und Heiligkeit
4.11. Johanneisches Prinzip
4.11.1. Logos aus Ausleger
4.11.2. Logos wird Fleisch (sarx)
4.11.3. Gott als sein eigener Exeget
4.12. Paulinische Theologie in Bezug zur Weisheit
4.13. Ignatianische Prägung
4.12. Ausschau

5. Schluss

6. Abkürzungen und zitierte Literatur

7. Literaturverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darstellung der Sofia – die göttliche Weisheit, ende XVI. Jahrhundert

(Gallerie Tret’jakov)

o. Einleitung

Wer liest und schreibt muss Geduld aufbringen. Vor allem wenn es um die Lektüre eines großen Denkers geht, mit seiner ozeanischen Tiefe. Der Gedanke begleitet mich, dass Studium, Forschen und Schreiben immer auch eine kosmologische Tat ist, eine Hervorbringung, eine Geburtswehe sondergleichen, eine Selbstverwünschung und Verzauberung ins Reich der Gedankenwelt. Gerade wenn es um einen „als den gebildetsten und universalen christlichen“[1] Denker wie Hans Urs von Balthasar (1905-1998) geht. Gerade dieser Vorgang des Schreibens, der Auseinandersetzung und Sinnierens beförderte mich auf eine eigentümliche Weise in die Einübung in die Welt des Wissens, in die Tiefe des Geheimnisses der theologischen Erkenntnis.

Alles beginnt wie immer mit einer Reise und dem damit verbundenen Aufbruch. Ich möchte bei dieser These versuchen aufzuzeigen, wo mögliche Grundlinien dessen sind, was Hans Urs von Balthasar unter Sophia-Weisheit versteht. Natürlich wird es mir nicht möglich sein das Ganze Werk von Balthasar studieren und analisieren zu können. Das würde hier den Rahmen sprengen. Deshalb beschränke ich mich auf einige wenige Texte um aufzuzeigen, wo Hans Urs von Balthasar implizit oder explizit von Sophia-Weisheit spricht, oder was er darunter versteht. Zum Abschluss möchte ich einen Zugang eröffnen, in dem sich ihre Relevanz auch für unsere Zeit und Welt erweist.

Theologie in ihrer Verwurzelung ist trinitarisch begründet, die aus der Urquelle schöpft, von der absoluten Wahrheit (vgl. 1 Petr. 1). Gott ist das Absolute, Vollkommenste, das jenseitige Eine und absolut Transzendente, wo sich Wahrheit, Gutheit und Schönheit treffen.[2] Die christliche Theologie geht in erster Linie nach dem Abstieg Gottes in die Welt nach.[3] Konkret ereignet es sich an der Menschwerdung des Wortes Gottes und im Kreuz Jesu Christi. Die Möglichkeitsbedingungen für die Inkarnation und Kreuz ist Gottes Trinität, als das Mysterium der drei, die eine Person sind, und des Einen, der drei ist: der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Gemäß Jeanne Hersch ist die Trinität kein Bild, das wir uns machen können. Sie kann uns nur helfen, durch unsere eigene Freiheit uns der transzendenten Geschichtlichkeit des einen ewigen Gottes verstehend zu nähern und den absoluten Abstand zu erleben.[4] Sein ist also Liebe, innere Mannigfaltigkeit, Leben. Dieses Sein will nicht nur Bei-sich-sein, sondern das Sein sucht das Gespräch und die Begegnung. In diesem Innern Gottes kann etwas geschehen. Damit etwas geschehen kann, muss Gott, da er der Einer ist, zugleich eine Mehrzahl sein.

Im Widerspruch zu Wittgenstein „wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“, bin ich eher der Meinung, wovon man nicht sprechen kann, eben zu sprechen, einzutauchen, in die Welt der Spekulation und Fragen zu stellen. Es fällt mir zu. Hans Urs von Balthasar fordert mich, auf seine Art und Weise, heraus. Er appelliert an meine intellektuelle Kreativität. „Das Forderndste ist auch das Schönste. Das Schwerste erweist sich, weil es die Liebe ist, als ‚leichte Bürde’, sanftes Joch.“[5]

Hans Urs von Balthasar hat versucht, das Bindende zu vereinen, um so wieder vom Zentrum aus, neu über die Frage der Theologie nachzudenken, und um eine Antwort zu geben, was denn der Mensch eigentlich ist und welche Aufgabe ihm im Heilsplan Gottes zu kommt. Theologie, als Letztes ist nicht Selbstverwirklichung oder die Behauptung nach einer naiven Identitätssuche, nicht: „Ich bin, der ich bin“, sondern: „Ich werde sein, der ich bin“. Dies ist der Grundsatz der frühkirchlichen Lehre, und worum es dabei geht, versuchte Hans Urs von Balthasar auf seine Art und Weise zu leben. Schon Goethe sagte, dass wir nichts zu sein müssen, sondern es werden sollen.

Zum Schluss bleibt mir nichts anders übrig als Dank meinem Direktor der Thesis Professor Azzolino Chiappini zu sagen. In diesen Dank mit eingeschlossen sind auch Professor Wolfgang Müller (Luzern), Dr. Iso Baumer (Fribourg) für die wertvollen Informationen, und Hugo Furrer (Bern) für das Lektorat. Die vorliegende Lizenzarbeit widme ich Hans Urs von Balthasar, der mir durch das Studium die Augen für die Herrlichkeit geöffnet hat, zu der wir alle berufen sind.

Daniel M. Bühlmann

Lugano, im Juni 2008

1. Die Gestalt Hans Urs von Balthasar

1.1. Einführung

Wer ist dieser geniale Denker, der aus einer alten Luzerner Patrizierfamilie stammt, von dem gesagt wird, er habe eine ozeanische Tiefe? Ist Hans Urs von Balthasar ein „Reaktionärer“, ein „Papsttheologe“ oder sogar ein „Häretiker“? Ist er Philosoph, Theologe oder ein Ästhet? Es ist schwierig diese Gestalt einzuordnen. Brauchen wir ihn einzuordnen, oder sollten wir uns nicht eher um sein Anliegen bemühen? Was für ein Leben führte er? Von was fühlte er sich so hingerissen? Anlässlich des 10. Todesjahres organisierte die von-Balthasar-Stiftung im Jahre 1998 an der Universität Fribourg ein internationales Symposion zum Thema: „Wer ist die Kirche“. Ich möchte dabei die zentrale Aussage von Yves Tourenne wiedergeben, welcher gesagt hatte, dass[6]

„die Mitte des Christentums weder die Kundgabe Gottes als solche, noch die Bejahung seiner Gnade und seiner Liebe, ja nicht einmal die Bejahung eines Heils durch einen Retter sei: all das gibt es auch außerhalb des Christentums. Sie ist Offenbarung und Bejahung, dass die Gnade wesentlich gestalthaft ist.“[7]

Mit dieser Aussage kommen zwei zentrale Ausdrücke zur Geltung. „Gnade“ und „Gestalt“. Gnade ist der Begriff von der immer freien Gabe von Gott her. Sie misst sich an nichts und wird auch durch nichts begrenzt. Gestalt ist eine Form, eine bestimmte Einheit, eine Vielfalt von Aspekten, Elementen oder Gliedern. Die Form lässt sich sehen, und so heisst auch der Titel des ersten Bandes der „Herrlichkeit“. Eine theologische Ästhetik „Schau der Gestalt“. Die Gestalt zeigt sich, liefert und „sagt“ sich aus, ja sie verstrahlt das Innerlichste ihrer selbst. In der „Herrlichkeit“ selbst spricht von Balthasar davon, dass das Christentum die Bestätigung dafür ist, dass die Gnade eine Gestalt hat, noch mehr, eine Gestalt ist.

1.2. Zugang zu Hans Urs von Balthasar

Zum 100. Jahrestag der Geburt von Hans Urs von Balthasar (=HUvB) fanden 2005 weltweit rund 20 Veranstaltungen statt[8]. Berichterstattungen, Themenhefte und weitere Publikationen[9] sollten die Aufmerksamkeit auf den großen Basler Theologen lenken[10]. Papst Benedikt XVI. erwähnt in seiner Botschaft an die Teilnehmer der Internationalen Tagung an der Lateran Universität in Rom nicht nur seine freundschaftliche Beziehung zu HUvB, sondern ist überzeugt, „dass sein theologisches Gedankengut bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüsst hat und nach wie vor in vielen Menschen den Wunsch weckt, an der Hand eines so kundigen Führers immer tiefer in das Geheimnis des Glaubens einzudringen.“[11]

Karl J. Wallner[12] definiert HUvB nicht nur als genialen Theologen, sondern als ein Phänomen, im Sinne Schelers, der die Sache zum Leuchten, zum Strahlen bringt. Bauer meint sogar, dass es nicht vermessen sei, „Balthasar als den gebildetsten Theologen und universalsten christlichen Denker unseres Jahrhunderts zu bezeichnen“.[13] Können wir HUvB also mit einem Thomas von Aquin gleichsetzen, welcher die Theologie der Nachwelt nach wie vor sehr stark beeinflusst? Wie findet der Leser Zugang zu einem solchen komplexen Werk? Im wahrsten Sinn können wir von einer Symphonie sprechen. Es ist nicht nur eine theologische, sondern auch eine philosophische und literarische Symphonie, die überwältigend, und bei weitem noch nicht ausgeschöpft ist. HUvB wollte sozusagen eine universale Theologie betreiben. Deshalb ist unsere Arbeit hier auch nur ein Versuch einer Annäherung an das Denken HUvB. Was bewegte ihn? Welche Begegnungen prägten sein Denken? Es ist ein Vortasten, ein Begreifen von dem, was unser Autor lebte, erfuhr und weitergab. HUvB selbst hat fünfmal in seinem Leben sich zu seinem Werk geäussert.[14] Wichtig ist auch die Schrift „Unser Auftrag“[15], das zugleich als sein Vermächtnis angesehen werden kann[16]. Der deutsche Theologe Herbert Vorgrimler sagt es treffend, wer ein Porträt von HUvB zu skizzieren versucht, kommt um diese gemachten Selbstaussagen nicht herum. Im Rechenschaftsbericht von 1965 spricht HUvB von Besinnung und Umkehr. Es ist ein Schlüsselwort, der „Auftrag“, der ins Zentrum des ganzen Denkens HUvB rückt. Darin erkennt er seinen ganz persönlichen Auftrag, beauftragt oder gesendet zu sein. Auftrag verlangt ein ‚Jemand’. Jemand der sendet.[17] Wir haben zu Beginn von der Gestalt gesprochen. Es ist genau diese Gestalt Christi, diese Schönheit, von der HUvB mehrmals spricht, in der das Wahre, das Gute und das Eine zusammenfliesst. Christus ist deshalb - nach HUvB - die Mitte aller Schönheit, wo wir den Glanz und der Herrlichkeit des Seins begegnen können. Was schön ist, erweckt in uns Anteilnahme, es reisst uns mit, erweckt uns und deshalb muss es auch liebenswürdig sein. Ein weiterer Schlüsselbegriff ist die Disponibilität, die Bereitschaft, so wie es bei Ignatius indiferencia und Gehorsam heisst. Hier kommt eine grundlegende Frage ins Spiel: Nämlich die der Haltung des Menschen gegenüber Gott. Beginnen wir unsere Reise.

1.3. Herkunft

Hans Urs von Balthasar wurde am 12. August 1905 in Luzern in einer alten katholischen Patrizierfamilie geboren. Sein Interesse zur Literatur und Musik war bei ihm schon sehr früh entwickelt. Er besuchte von 1916 bis 1923 die Gymnasien der Benediktiner in Engelberg und der Jesuiten in Feldkirch (A). Da er sich in Engelberg wie in Feldkirch gelangweilt fühlte, entschied er sich für die Fernmaturität, welche er in Zürich mit Erfolg abschloss.

1.4. Immatrikulation in Zürich

Im Sommersemester 1924[18] immatrikulierte sich HUvB an der Universität Zürich für das Fach Germanistik. Dabei folgten Aufenthalte in Berlin und Wien, wo er Persönlichkeiten wie den Religionsphilosophen Romano Guardini, Psychoanalytiker Rudolf Allers und den Musiker Hans Eibl kennen lernte. Lassen wir HUvB selbst sprechen:

„Seit meiner Geburt in einer selbstverständlich katholischen Familie – nur mein Grossvater mütterlicherseits war Protestant; er war Offizier gewesen und stand ganz am Rand des Familienlebens, wir machten zuweilen in seinem verrauchten Zimmer voller Waffen einen scheuen Besuch – wuchs ich in einem ebenso selbstverständlichen Glauben, den nie ein Zweifel anfocht, auf; ich erinnere mich an stille und ergriffene Frühmessen allein im Chor der Luzerner Franziskanerkirche oder an Zehnuhrmessen in der für mich überwältigend herrlichen Jesuitenkirche. Ich las früh und viel, aber nichts Religiöses. Meine Mutter ging täglich den steilen Weg von unserem Haus hinab zur Messe, ihrem Gebet und ihrem frühen und schmerzlichen Sterben verdanke ich ohne Zweifel meine späte und (während grossen Exerzitien für Laien) urplötzliche Berufung auf den Weg des hl. Ignatius. Der Hauptinhalt meiner Jahre vor dem Gymnasium war Musik; seit den ersten umwerfenden musikalischen Eindrücken: der Es-dur-Messe von Schubert (etwa fünfjährig) und der Pathétique von Tschaikowsky (etwa achtjährig) verbrachte ich endlose Stunden am Klavier; im Kolleg Engelberg kam das Mitwirken in Orchestermessen und Opern hinzu, aber als ich mit Freunden für die letzten zweieinhalb Gymnasialjahre nach Feldkirch hinüberwechselte, war die dortige „Musikabteilung“ so lärmig, dass einem die Lust am Spielen verging. (…) Meine Frömmigkeit bis zu diesem Zeitpunkt kann ich schwer beschreiben. Unangefochtener Glaube, Verehrung Marias, aber ein sicher ganz unzureichendes Gebet: Predigten und Religionsstunden langweilten mich fast durchgehend.“[19]

1.5. Dissertation zur Geschichte des eschatologischen Problems

1928 reichte HUvB (mit 23 Jahren!) seine Dissertation zum Thema „Die Geschichte des eschatologischen Problems in der modernen deutschen Literatur“ ein. Darin versuchte er, das, was er vor sich liegen sah, auf dessen letzte Konsequenz hin zu bedenken. Es ging ihm dabei um das Offenlegen der „Seele“ eines Hölderlin, Goethe oder Rilke. Er studiert die Vergangenheit und Gegenwart und kommt immer wieder auf denselben Punkt zu sprechen, der das Herzstück balthasarschen Denkens ist: nämlich das Geheimnis des menschgewordenen Gottes. Dabei stiess er Schranken und Grenzen auf, denn er gab sich nicht mit der damaligen sogenannten neoscholastischen Theologie zu frieden, die er als ein Schmachten wie in einer Wüste verstand.

„Das ganze Studium im Orden hindurch ein verbissenes Ringen mit der Trostlosigkeit der Theologie, dem, was die Menschen aus der Herrlichkeit der Offenbarung gemacht haben: ich konnte diese Gestalt des Wortes Gottes nicht ertragen, hätte mit der Wut eines Samson um mich hauen können, mit seiner Kraft den ganzen Tempel einreissen wollen und mich selber darunter begraben; aber es war das Durchsetzenwollen meiner Pläne, das Leben aus meiner unendlichen Indignation heraus, dass es so war. Ich sagte das alles fast niemandem. Przywara verstand alles, auch ohne Worte, sonst war niemand da, der hätte verstehen können. Ich schrieb die ‚Apokalypse’ mit jener Verbissenheit, die gewaltsam, koste es, was es wolle, eine Welt in den Grundlagen umzubauen sich vornimmt. Es hat wirklich den Eingriff von Basel gebraucht, und vor allem die alles lösende Güte des Johannes, um auch in mir die Rabiatheit des Willens in wirkliche Indifferenz überzuführen.“[20]

Das dreibändige Werk Apokalypse der deutschen Seele – Studie zu einer Lehre von letzten Haltungen entstand in den Jahren 1937 bis 1939.

1.6. Balthasars Berufung

Von seinen Exerzitien, die er im Sommer 1927 machte, erzählt er dreißig Jahren später von seiner gemachten Erfahrung.

„Noch heute (...) könnte ich auf dem verlorenen Waldweg im Schwarzwald unweit

von Basel den Baum wiederfinden, unter dem ich wie vom Blitz getroffen wurde. Ich war damals Student der Germanistik und folgte einem Exerzitienkurs von Laienstudenten. In diesen Kreisen wurde es als ein Unglück betrachtet, wenn einer sich absetzte, um Theologie zu studieren. Doch es war weder die Theologie noch das Priestertum, was damals blitzartig vor meinen Geist trat; es war einzig und allein dies: Du hast nichts zu wählen, du bist gerufen; du wirst nicht dienen, man wird sich deiner bedienen; du hast keine Pläne zu machen, du bist nur ein kleines Steinchen in einem Mosaik, das längst bereitsteht. Ich brauche nur ‚alles zu verlassen und nachzufolgen’, ohne Pläne zu machen, ohne Wünsche und Einsichten: Ich brauche nur dazustehen und zu warten und zuzusehen, wozu man mich brauchen würde. Und so geschah es; und wenn mir der Gedanke aufstieg, dass der Liebe Gott mir einen sicheren Ort angewiesen und mich mit einer klar umrissenen Sendung begabt hatte, so stellte ich doch fest, das Er frei war, das Ganze in einem Augenblick, trotz der Ansicht und Angewöhnung des Werkzeugs, das ich war, über den Haufen zu werden. Bemerkenswert bleibt dabei allein, dass mir dieses Lebensgesetz, das uns zerbricht und im Zerbrechen heilt (wie das Bein des hl. Ignatius) schon ganz zu Beginn als eine Art unsichtbares Lebensthema erschien. Es wird wohl für den ungeduldigen Rabbiner Saul nicht anders gewesen sein.“[21]

1.7. Philosophische und Theologische Studien

1.7.1. Eintritt in die Gesellschaft Jesu

1929 trat HUvB in die Oberdeutsche Provinz der Gesellschaft Jesu ein. Es folgte das zweijährige Noviziat in Feldkirch (A).

1.7.2. Erich Przywara

Am Berchmanskolleg in Pullach absolvierte er das zweijährige Philosophiestudium und lernte dabei seinen Mentor Erich Przywara kennen. Przywara führte HUvB in seine Analogia entis ein, welche das Verhältnis von Gott und Welt, Schöpfer und Schöpfung anschaut. Diese Sichtweise wird für HUvB maßgebend. Im Lageplan zu seinen Büchern schreibt HUvB 1955, „dass das eigene Werk nur in der Verbundenheit mit andern das ist, was es ist. (...) das Werk dessen, dem ich in den Jahren meiner theologischen Ausbildung verpflichtet war und weit darüber blieb, so stark, dass eine große Anzahl Hauptthemen auf seine Hinweise zurückgehen: Erich Przywara“[22]. Nachdem sein Freund Karl Barth die Lehre Przywara ablehnte und sie zur Analogia fidei umwandelt, stellen wir auch bei HUvB eine denkerische Verschiebung fest. Nicht mehr nur das Verhältnis zwischen Gott und Welt stand im Mittelpunkt, sondern das Miteinander der unendlichen, göttlichen Freiheit mit der endlichen, geschöpflichen Freiheit. Somit ist der Weg gebannt, den Begriff der Geschichte in das Reden von Gott und Welt einzufügen.

1.7.3. Henri de Lubac (=HdL)

Von 1933 bis 1937 folgte das Theologiestudium in Lyon. In dieser Zeit lernte er seinen Mitbruder Henri de Lubac kennen, welcher ihn fortan begleitete und ihn nicht nur in die Kirchenväter, sondern auch in die „Nouvelle théologie“ (=NT)[23] einführte. Die Begegnung mit HdL wurde für HUvB zu einer unsagbaren, sprudelnden Quelle für Ideen[24], und zugleich Vorbild christlichen Lebens. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht ein Satz des Philosophen aus Aix-en-Provence: „La méthode d’immance considère le surnaturel … comme indispensable en même temps qu’inaccessible à l’homme“.[25] Gemäß HdL, selbst von Pierre Rousselot und Joseph Maréchal beeinflusst, welche die NT prägten, können wir deren Grundanliegen in folgende Punkte zusammenfassen. Das erste Anliegen galt der Überwindung des so genannten „Extrinsezismus“, d. h. von der alten scholastischen Lehre von Natur und Gnade, das zweite die Überwindung der Lehre von der doppelten Prädestination und das dritte die Rückkehr zu den Kirchenvätern. Zur Überwindung des „Extrinsezismus“ wollten die Vertreter der NT zur alten augustinischen und thomistischen Lehre von der tendentia naturalis in visionem beatificam zurückkehren. Hier geht es um eine erneute Sichtweise einer theologischen Anthropologie, worauf der Mensch nach dem Willen Gottes auf die Begegnung mit dem gnädigen Gott angelegt ist. Es geht um die ureigenste Sehnsucht des Menschen nach Vollendung. Aber auch um die Erfahrung der Grenzen, an die der Mensch stößt, wenn er dieser Erfahrung nachgeht. Die endgültige Erfüllung dieser Sehnsucht kann allein nur von Gott her kommen. HUvB entfaltet die Gnadentheologie in SC. Zweitens stellt sich die Frage nach der Rolle der Kirche im Heilsplan Gottes. HdL fasst seine Gedanken in Catholicisme (1938) zusammen. Dieses Buch wird nicht nur für HUvB, sondern für all seine Freunde zu einem „Grundbuch“. Dazu HUvB:

„Der Sinn der Kunst Jesu Christi ist es doch, die Welt zu erlösen, ihr gesamthaft den Weg zum Vater zu öffnen: Kirche ist nur Mittel, ein Strahlen, das vom Gottmenschen in alle Räume hinausdringt … Dies Pathos war es, das uns junge Theologen … in Lyon um den älteren Freund und Meister Henri de Lubac scharte.“[26]

Als letzter Punkt sind die Kirchenväter zu nennen. HdL führte den jungen HUvB in den Alexandriner Origenes ein, welcher er als eine hervorragende Gestalt innerhalb der griechischen Vätertheologie ansieht, und der wie kein anderer Denker in der Kirche „unsichtbar-allgegenwärtig“[27] geblieben ist.

„Und so kam’s, dass ich Origenes fand und staunend in ihm den überlegensten Geist der ersten Jahrhunderte erkannte, der die ganze christliche Theologie im Besten wie im Schlimmen gestempelt hat.“[28]

„Origenes und seine Bedeutung für die Geschichte des christlichen Denkens zu überschätzen, ist kaum möglich. Ihn an die Seite von Augustinus und Thomas stellen, heißt, ihm den Platz einräumen, der ihm in dieser Geschichte zukommt.“[29]

Baumer in seinem Artikel Die Relevanz der orthodoxen Theologie für die Theologie von Hans Urs von Balthasar erinnert dabei an die Tatsache, „dass Balthasar sie wohl alle (!), zuerst die griechischen, dann die lateinischen, ab Frühling 1935 während seines Theologie-Studiums in Lyon in der Originalsprache gelesen hat“.[30] Es ist also HdL zu verdanken, dass HUvB sein ganzes Leben lang patristisch gearbeitet hat, und sich von deren Sichtweise inspirieren ließ, um so die Erneuerung der katholischen Theologie voranzutreiben. Es waren aber auch die Kirchenväter, welche HUvB zur orthodoxen Welt führten. Für seine ganze Arbeit rund um die Kirchenväter, speziell für Origenes, Gregor von Nyssa und Maximus Confessor wurde ihm am 28. März 1965 vom Archimandriten Dr. Stylianos Charkianakis im Namen des Ökumenischen Patriarchen das „Goldene Kreuz vom heiligen Berg Athos“ verliehen. Sein ganzes kompetentes Werk über die Kirchenväter hat bis heute einen seinen bleibenden Wert innerhalb der patristischen Forschung.[31] Iso Baumer bemängelt grundsätzlich, dass es noch keine Aufarbeitung des Engagements von HUvB für die orthodoxe Theologie gibt. Zusammengefasst können wir jedoch festhalten, dass HUvB versucht, einzelne Denker in ihrer ganzen Gestalt zu erfassen, zu verstehen und zu deuten, und so begreift er auch geschichtliche Epochen als Zeitgestalten, deren Gehalt sich in ihrer exponiertesten Vertretern ausdrückt und wo er versucht sie in ihrer Eigenart zu erfassen:[32] Ein Origenes in seiner Sorge um das universale Heil, die in die Liebe zum Wort-Logos eingebetete betrachten werden muss[33] ; Augustinus, der in seinen abwehrenden Schriften oft als dramatisch-religiöse Existenz gesehen wird, dabei aber immer als „Mensch der Kirche“ gesehen werden muss[34] ; in Irenäus erscheint die Methode katholischer Theologie, die sich vor allem darum bemüht, die Geheimnisse des Glaubens zu vermitteln. Darüber hinaus entdeckt er in Irenäus, dass in dessen Höllentheologie der Descensus ad inferos das Zentrum des Mysteriums Paschale bildet[35] ; Maximus – mit dem er sich sehr ausführlich beschäftigt hat, um aus einem scheinbar locker verbundenen Schriftmaterial eine Gestalt entstehen zu lassen – und dessen Christologie sowie seiner positiven Wertung der natürlichen Welt, die neben der Heiligen Schrift als ebenbürtige Quelle der Weisheit erscheint und der für HUvB die Bilanz der griechischen Patristik darstellt[36].

1.8. Priesterweihe und Arbeitsfeld

Kardinal Faulhaber weihte HUvB 1936 in München zum Priester. Dort arbeitete er zuvor als Mitarbeiter bei der Redaktion „Stimmen der Zeit“. Den Lehrstuhl für Dogmatik an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom schlug er aus, sondern entschied sich die Studentenseelsorge in Basel anzutreten, wo bis anhin sein Verwandter Rudolf Walter von Moos SJ tätig war[37].

1.9. Wendepunkt Basel

Die Studentenseelsorge Basel anzutreten bedeutete für HUvB eine Weichenstellung. Er erhält einen viel größeren Spielraum, seine Schwerpunkte festsetzen zu können, im Gegensatz zu einem Lehrstuhl, welcher durch wöchentliche Vorlesungen und Traktatsystem definiert gewesen wäre. Wichtig für ihn war eine lebendige und geistliche Theologie (davon stammt der Begriff einer knienden Theologie!). Die nun kommenden Jahre in Basel bestanden für HUvB vor allem aus akademisch und studentisch geprägte Aktivitäten. Durch die Begleitung junger Menschen gründete er u. a. die Studentische Schulungsgemeinschaft (SG) und die Akademische Arbeits­gemeinschaft (AAG) welche zu einem tragenden Netz seiner Zeit wurde. Auch sein langjähriges Engagement bei der Renaissance[38], wo er zeitlebens Altherr war, soll noch erwähnt werden. Hier lernt der junge Jesuit Karl Barth und Adrienne von Speyr kennen. Wir wollen uns hier jedoch nur auf Adrienne von Speyr konzentrieren.

1.9.1. Begegnung mit Adrienne von Speyr (=AvS)

1940 lernt HUvB die reformierte Ärztin Adrienne von Speyr kennen, denn er sollte sie bei ihrer Konversion begleiten. Am 1. November 1940 wurde von Speyr in die Katholische Kirche aufgenommen. Durch die ersten Kontakte entwickelte sich dann mit dem Laufe der Zeit eine tiefe freundschaftliche Beziehung, die bis zum Tode Adrienne von Speyrs am 17. September 1967 andauerte.[39] Doch was machte diese spannende Beziehung aus? Es sind vor allem die mystischen Erfahrungen AvS. So hat HUvB hinsichtlich der Erfahrungen AvS einen Begriff von Mystik geprägt, der bei der Beschäftigung mit diesen Zeugnissen nicht außer Acht gelassen werden darf. Die gemachten Erfahrungen AvS betrachtet HUvB als ein Ja gegenüber Gott.[40] Dieses Ja ist umgriffen von der Antwort auf das „primäre Wort Gottes“[41]. Somit sind die Erfahrungen AvS nicht nur Privatoffenbarungen, sondern mitgeteilte „Charismatik“, einen Dienst an und in der Kirche verstanden werden kann. In diesem Sinne ist also „Mystik“ Geschenk und Auftrag. Die Bereitschaft zu diesem Dienst ist für HUvB Abbild des christologischen Gehorsams, womit die Selbstreflexion als damit unvereinbar und die völlige Verfügung als Bedingung dieser Mystik erst in der rechten Weise gesehen werden kann.[42] So unterstreicht HUvB das Echtheitskriterium dieser Mystik[43], welches in der Qualität des Vermittelten liegt. Wir können uns hier nicht bis ins Detail begeben. Es würde schlicht weg den Platz sprängen. Wie wir bereits in der Fußnote 39 auf die gegenseitige Befruchtung HUvB und AvS hingewiesen haben, lassen wir nun HUvB selbst sprechen:

„In unserem Fall war eine intensive, ein gemeinsames äußeres Werk bezweckende Zusammenarbeit beabsichtigt, deren lange Vorbereitungszeit (für Adrienne von 1902 bis 1940) innerlich schon auf Ergänzung ausgerichtet war, was beides einschloss: eine starke Verschiedenheit der Wege – bei ihr gab es eine endlos scheinende Suche nach der katholischen Wahrheit, den Arztberuf, auch die Eheerfahrung -; bei mir die zuerst philologische, dann philosophisch-theologische Ausbildung mit ihrer Ausrichtung auf eine Kenntnis der kirchlichen spirituellen Tradition, innerhalb derer ich das Besondere und Neue der Einsichtigen Adrienne zu situieren vermochte – […][44]

1.9.2. Bruch mit seiner „geistigen Heimat“

Im Jahre 1950 musste sich HUvB schweren Herzens von seiner „geistigen Heimat“, dem Jesuitenorden, trennen[45]. Die „Johannesgemeinschaft“, welche er mit Adrienne von Speyr gründete, konnte nicht in die Jesuitengemeinschaft integriert werden. Obwohl HUvB die Gemeinschaft verlassen hatte, legte er am Aschermittwoch desselben Jahres in Maria Laach bei Pater Emanuel die letzten Gelübde in privater Form ab. Er fühlte sich nicht nur zeitlebens mit der Gesellschaft Jesu, sondern mit dessen Gründer, Ignatius von Loyola, verbunden. Er war „un fervent disciple“ des heiligen Ignatius.[46] Immer wieder versuchte er seine Wiedereingliederung in den Orden zu erreichen. Doch dazu kam es nicht. Bevor nämlich einige Sachfragen hätten befriedigend geregelt werden können, verstarb er 1988.

1.10. Blick auf die Offenbarung

In der 1952 erschienenen Schrift Schleifung der Bastionen[47] erkennen wir das Grundanliegen: „bei den Jungen […] das Überlieferte nicht erst durch seinen Inhalt, sondern schon durch seine Form, durch die Tatsache, dass es Gewesenes vertritt, als verdächtig“[48]. Es geht um die Begegnung des Menschen mit dem Eigentlichen des christlichen Glaubens und nicht nur um eine tradierte Tradition. Das bleibende Gute kann so nicht einfach übernommen werden. Jede Generation ist immer wieder von neuem herausgefordert, die christliche Botschaft zu verzeitlichen. Jede Zeit stellt neue Fragen und befindet sich in ihren Nöten. Es geht um den Blick auf die Offenbarung Gottes: „Jahrhunderte kannten das Bedürfnis nicht, gerade jene Fragen zu denken, die uns heute am brennendsten beunruhigen; sie durften sich weitgehend mit einem ‚Bild’ einer ‚Vorstellung’ begnügen, wo wir um jeden Preis zur Reflexion des Bildes in einen echten Begriff durchdringen müssen.“[49] HUvB unterscheidet zwischen einer lebendigen und einer lähmenden Tradition, welche sich nur als ein Weitergeben von fertigen Ergebnissen versteht. Diese Art von Tradition wirkt nach außen unglaubwürdig und lässt den Protagonisten, der diese Tradition repräsentiert, „immer esoterischer, weltfremder und unverstandener werden.“[50] Die Selbstverständlichkeit des Glaubens, das Verhältnis der Gläubigen zur Kirche, welches HUvB damals noch als Selbstverständlichkeit ansah, prophezeite er, werde mehr und mehr schwinden.[51] Hören wir HUvB:

„Dass wir Tradition kritisch auf ihre Ursprünge hin durchleuchten und unter Umständen neu zu formulieren haben, bestreitet heute niemand, aber dazu müssen wir zuerst ihr ganzes Schwergewicht, gerade auch, was ihr Nachdenken über Jesus Christus angeht, ernst genommen und nicht voreilig durch eigene Theoreme ersetzt haben.“[52]

Wir können sagen, dass das Prüfen des Überlieferten und das neue Durchdringen dessen, was in der Tradition auf uns gekommen ist, wichtig für das ganze Werk HUvB sind.

1.11. Ausschau

Wir können uns fragen ob HUvB die schwere Last einer zweitausendjährigen Tradition abgetragen und die Kirche und Menschen zum Eigentlichen zurückführen konnte. Wir können die Fragen nicht einfach so klar beantworten. Es kommt auf den Blickwinkel an. Auch wenn sein Vetter, der ehemalige Weihbischof des Bistums Chur, Peter Henrici, es auf den Punkt bringt, dass Balthasar für alles „ein wenig zu groß“[53] sei, kommen wir nicht darum herum zu sagen, dass sein schöpferisches Werk nichts anderes war als ein Versuch, möglichst viel von dem zu bergen, was die Menschen bei der Betrachtung des Geheimnisses Gottes an Einsicht gewonnen haben. HUvB verstand sich als ein Weg-Weisender, ein Führender, ein Weisungs-Gebender, ohne dabei seine Denkkonstrukte zu verabsolutieren. Sein Denken ist eine Zwiesprache, ein ständiges Prüfen um dabei das Gute zu behalten und von dort weiter aufzubauen. Balthasar hatte eine intellektuelle Begabung welche zu originellen Schlüsse führten, die nicht von jedermann sofort verstanden wurden. Seine Welt war die der Musik (vor allem Mozart), der Dichtung, des Theaters[54] und der Philosophie. Er war nicht nur mit der Heiligen Schrift verankert, er liebte vor allem die Gestalt des Evangelisten Johannes, sondern auch mit der Geschichte der christlichen Theologie von Ost und West. Sein Blick war stets auf das Ganze gerichtet.[55] Ohne zu übertreiben: HUvB war ein universal gebildeter Mensch, im wahrsten Sinn des Wortes ein katholikos, der Umfassend dachte. Kurz: „wie ein erratischer Block inkommensurabel und unkoordinierbar, im Feld der Gegenwartstheologie.“[56] Der Grazer Bischof Dr. Egon Kapellari sagte an der Laudatio im Rahmen der Verleihung des Posthum Augustin-Bea-Preises an Hans Urs von Balthasar vom 26. Juni 2005 folgendes:

„Dieser Stille Mann in Basel (…) arbeitete in vollkommener Einsamkeit, aber für die Kirche, wie alles sozial Fruchtbare zuletzt aus der Einsamkeit der Person in Gott mit dem Weltanliegen Gottes hervorgeht. (…) Das Werk Balthasars ist in seiner katholischen Weite, Tiefe und Fülle ein Schatz, um dessen Hebung sich heute gerade junge Theologen zukunftsweisend bemühen. Es weist einen Weg, der aus einer weit verbreiteten Verflachung von Leben und Glauben herausführen kann.“

Balthasar verstand es, In-der-Welt zu stehen, ein Stehen vor Gott, das immer wieder die Forderung des biblischen Primats, des Hörens, mit all seinen Konsequenzen verlangt. Denn es ist nicht der Aufstieg des religiösen Menschen zum absoluten Einen, sondern der Abstieg des trinitarischen Gottes der Liebe zum Menschen, um mit Maréchal zu antworten, der „point de départ“, der Ausgangspunkt der Theologie von Balthasars. Konkret die Menschwerdung des Wortes Gottes, im Kreuz und Höllenabstieg Jesu Christi. Es „wird alles vom Einen Logos, von der Gestalt Christi her und auf sie hin ge- und verlesen, zusammengerafft und beurteilt“[57]. Dabei gilt es die aktive Bereitschaft, Gottes Wort und Willen Raum zu geben, und diese Liebe sich als Liebe erweisen zu lassen. So geschieht Begegnung, denn dabei lässt der Mensch sich von Gott ansprechen. Die Inkarnation ist demnach die erfüllende Gestalt. Durch diese Begegnung erfährt der Mensch worum es Gott schlussendlich geht, um die Hoffnung auf ein gutes Ende der Welt. Wenn Gott der Schöpfer dieser seiner Welt ist (vgl. Gen 1,2), dann kann er das, was er erschaffen hat und liebt, nicht den zerstörerischen Mächten überlassen. Um dieses gute Ende zu erreichen, davor hat der dreieinige Gott keine Mühe gescheut. Wir können deshalb die Theologie Balthasars als eine Theologie der Hoffnung bezeichnen.

2. Die Gestalt Sergij N. Bulgakov

2.1. Einführung

In diesem Kapitel möchten wir am Beispiel des Erzpriesters Sergij N. Bulgakov (=SB) aufzeigen, wie sehr die russisch orthodoxen Theologen und Religionsphilosophen[58] die Erneuerung der katholischen Theologie mitgeprägt haben. Es waren vor allem die russischen Emigranten, welche diese Erneuerung im Vorfeld des Zweiten Vatikanischen Konzils inspirierten. Auf der einen Seite finden wir die Vertreter der NT Es sind dies Figuren wie: Henri de Lubac[59], Yves Congar[60] oder Jean Danielou. Im deutschsprachigen Raum sind es nebst Hans Urs von Balthasar[61] Josef Ratzinger oder Alois Grillmeier. Kehren wir wieder zu Sergij N. Bulgakov zurück, von dem der russische Religionsphilosoph Nikolaj Berdjaev sagte, dass er die „zentrale Figur der orthodoxen Widergeburt am Anfang des 20. Jahrhunderts“ sei[62]. Piero Coda in L’altro di Dio[63] bekennt, dass es nicht einfach sei, die Rolle und Einordnung von S. Bulgakov in der russischen Theologie vorzunehmen. Sein Schüler P. Evdokimov kommt zum Schluss, Bulgakov sei einer der größten Theologen des 20. Jahrhunderts, der eine grandiose systematische Theologie entworfen habe.[64]

2.2. Herkunft

Sergij Nikolaevic Bulgakov wurde 1871 in Livny, in einer religiösen Familie (sein Vater war Priester) geboren. In seiner Autobiographie[65] schreibt er folgende Erinnerung dieser Zeit:

„Cette église, ma véritable patrie (...). Je ne savais pas que toutes mes inspirations qui devaient plus tard former mon système théologique ont été semées en mon âme par la Providence divine dans cette petite église qui me ravissait (…). C’est là que j’ai reçu dans mon cœur la révélation de la Sophia, cette perle que tout au long de ma vie troublée et aveugle j’ai cherchée avec mon intelligence et mon cœur, hélas bien plus avec l’intelligence qu’avec le cœur″[66].

In seinem zwölften/dreizehnten Lebensjahr geriet SB in eine persönliche Krise, so dass er als 17jähriger das Priesterseminar verlas und dabei als überzeugter Atheist einem weltlichen Gymnasium übertrat, um sich mit Marx und Engel zu befassen.

2.3. Studienzeit in Moskau

In Moskau erfolgte das Studium der Jurisprudenz, und ab 1894 unterrichtete er politische Ökonomie. Es folgten Studienaufenthalte in Deutschland, Frankreich und England. Während dieser Zeit setzte sich SB intensiv mit dem Studium der Klassiker der Philosophen auseinander. Im Jahre 1900 erscheint seine Dissertation über Kapitalismus und Landteilung, wo er versuchte, die Geschichte der russischen Landwirtschaft mit der marxistischen Lehre zu beschreiben. Der Erfolg war bescheiden und es führte dazu, dass er sich von seiner marxistischen Position mehr und mehr distanzierte. Interessant dabei ist, dass in der Schrift Vom Marxismus zum Idealismus, welche 1903 veröffentlich wurde, ein Gesinnungswandel festzustellen ist[67]. In den folgenden Jahren richtet sich seine Kritik immer mehr gegen die Ideologie Marx, als würde es sich hierbei um die einzige gültige theoretische Erklärung des Problems der sozialen Gerechtigkeit handeln. Für SB ist Marx ein Feuerbach Anhänger: Beiden ging es um die Abschaffung der Religion. Für Feuerbach im Namen des „Gattungswesens“, für Marx im Namen des „Kommunismus“. SB erkennt darin einen menschenverachtenden Anti-Individualismus, der den Einzelnen auf dem Altar der Allgemeinheit opfert. SB’s Kritik richtet sich ausschliesslich an die Radikalität der deutschen Philosophie[68], die von einem Extrem ins andere falle. Als einzige Vermittlungsinstanz anerkennt SB sodann die christliche Kirche.

2.4. Priesterweihe

Kurz nach der Oktoberrevolution empfing SB an Pfingsten 1918 in Moskau die Priesterweihe.[69] Von 1918 bis 1920 wirkte SB als Theologe an der Simferopoler Universität auf der Krim. Als die Krim 1920 unter bolschewistische Herrschaft fiel, verlor SB seine Professur. Es folgten Verhaftung und Landesverweis. Zuerst unterrichtete er von 1923 bis 1925 Kirchenrecht und Theologie am russischen wissenschaftlichen Institut in Prag, danach siedelte er definitiv nach Paris um, wo er bis zu seinem Tode am 12. Juli 1944 als erster Dekan des von ihm gegründeten Institut St. Serge wirkte[70]. Ein wesentliches Merkmal bulgakovschen Denken ist seine Sophialehre. Grundlagen dazu bilden nebst Solov’ev[71] (1853-1900) und Losskij (1882-1937) auch die persönlich gemachten Erfahrungen, von der wir in der Fussnote 53 erwähnt habe. Diese tiefe mystische Erfahrung, die Entdeckung der Weisheit, wird für SB der Schlüssel für die Gegenwart Gottes in seiner Schöpfung, welches in der Wissenschaft, der Kunst, der Technik, der Ökonomie, kurz, in sämtlichen Bereichen der Schöpfung und der menschlichen Tätigkeit sich manifestiere[72]. Von da aus – so Schmemann – beginnt SB sein theologisches System aufzubauen.[73] Es geht im eigentlichen um eine Frage: nämlich nach der Sicht der Dinge (Weltanschauung[74]). Es geht um die Trinität, welche für die orthodoxe Theologie Fundament nicht nur des Denkens, sondern der Frömmigkeit, der Spiritualität und geistlichen Erfahrung ist.[75] Die orthodoxen Theologen betrachten die Menschwerdung Gottes nicht als ein „historischen Unfall“ wegen der Übertretung Adams, sondern um die Realisierung des Projektes Gottes, der Vergöttlichung des Menschen. In Christus wird die Absicht Gottes erkennbar. Er wird zum Vor- und Abbild, gemäß dem Konzil von Chalzedon (451), ist Christus wahrer Mensch und wahrer Gott. Durch ihn erhalten alle Menschen Anteil an der trinitarischen Gemeinschaft.

2.5. Ausschau

Bulgakov, wie von Balthasar, war ein Suchender nach der Weisheit. Wir sehen zuerst ein Bulgakov vor der Priesterweihe, der sich von Gott abwendet. Wir können diese Zeit als Sturm und Drang Zeit bezeichnen. Seine Begeisterung galt zuerst einmal Marx und Engel. Durch die nicht vorgesehene mystische Erfahrung, von der SB nicht mehr loskommt, beginnt sich seine Sichtweise zur Welt, zur Schöpfung, zu Gott zu wandeln. Daraus entsteht sein philosophisch theologisches System, seine Lehre über die Weisheit. Wir fragen uns, ob sein Lebensweg nicht mit dem eines Augustinus verglichen werden kann, der von sich sagte: „Du selber treibst ihn dazu an, so dass Dich zu loben ihn freut, denn Du hast uns zu Dir hin geschaffen, und ruhelos ist unser Herz solange, bis es ausruhen kann in Dir“[76] ?

[...]


[1] E. Bauer, Hans Urs von Balthasar. Sein philosophisches Werk, in: Christliche Philosophie im katholischen Denken des 19. und 20. Jahrhunderts, 285.

[2] Gregor von Nyssa lehrt die Unsichtbarkeit der göttlichen Natur. D. h. wir sind nicht im Stande Gott zu erkennen und das Nicht Begreifen seines Wesens. Es geht Gregor nicht darum, dass wir Nicht-Sehen, sondern vielmehr um „das Sehen im Nichtsehen“.

[3] Schöpfungs- und Erlösungslehre werden von der Erwählungslehre umgriffen. Hans Urs von Balthasar schreibt dazu: „Barths Erwählungslehre, diese geniale Überwindung Calvins, zog mich mächtig und bleibend an, sie konvergierte mit Sichten Origenes und deshalb auch mit der Karsamstagstheologie Adriennes“, in: UA, 85.

[4] Vgl. Jeanne Herrsch, Das philosophische Staunen, 74-75.

[5] Hans Urs von Balthasar, WChr.

[6] Vgl. Hans Urs von Balthasar, Bibliographie 1925-2005, neu bearbeitet und ergänzt von Cornelia Capol und Claudia Müller, 2005. Eine regelmäßig aktualisierte Gesamtübersicht über die Sekundärliteratur und weiteren wissenschaftlichen Arbeiten bietet das Balthasar-Archiv unter http://mypage.bluewin.ch/HUvB.S.Lit/.

[7] vgl. Im Einsatz Gottes Leben für die Welt, in: Wer ist die Kirche?, 158. (original fr. „Le centre du christianisme, ce n’est ni la manifestation de Dieu comme telle, ni même l’affirmation de sa grâce ou de son amour, ni même ancore l’affirmation d’un salut par un sauveur; tout cela existe en dehors du christianisme. C’est la Révélation et l’affirmation que la grâce a essentiellement une figure”, 70).

[8] Die genaue Dokumentation ist zusehen unter der Hans Urs von Balthasar-Stiftung: www.balthasar-stiftung.org.

[9] Erwähnt seien: Dokumentation des internationalen Symposiums in Lugano (La missione teologica di Hans Urs von Balthasar: Atti del Simposio internazionale di Teologia in occasione del centesimo anniversario della nascita di Hans Urs von Balthasar, Lugano 2-4 marzo 2005 [Collana Balthasariana; 1], 2005. Den Sammelband von Magnus Striet - Jan-Heiner Tück „Die Kunst Gottes verstehen. Hans Urs von Balthasars theologische Provokation“, 2005. Die Festschrift für Karl Kardinal Lehmann zum 70. Geburtstag „Logik der Liebe und Herrlichkeit Gottes“, Herausgeber Walter Kardinal Kasper, 2006. Die Schriftreihe der Theologischen Hochschule Chur „Hans Urs von Balthasar – ein grosser Churer Diözesan“, 2006, welche von seinem Neffen Peter Henrici herausgegeben wurde. Und zum Schluss: die Publikation „Letzte Haltungen. Hans Urs von Balthasars „Apokalypse der deutschen Seele“ – neu gelesen“, 2006, Herausgeber Barbara Hallensleben - Guido Vergauwen. Die Communio-Ausgaben welche die Person Hans Urs von Balthasar im Mittelpunkt haben, sei vor allem die französische XXX, 2 März/April 2005 und deutsche Ausgabe vom März/April 2005 erwähnt. In der Zeitschrift Gregorianum der Päpstlichen Universität Gregoriana (2005) widmen sich folgende Autoren der Person von Balthasar: Bernard Sesboué: Comment sortir de la néo-scolastique?: la genèse de deux pensées, 257-275: Vinzent Holzer: Les implications métaphysico-religieuses d’une dramatique trinitaire chez Hans Urs von Balthasar, 308-329: Karl H. Neufeld: Ausdrückliche Auseinandersetzung: zu offenen Fragen zwischen Karl Rahner und Hans Urs von Balthasar, 368-377: John R. Sachs: The Holy Spirit and Christian form, 378-396.

[10] Am 26. Juni 2005 wurde in Luzern posthum der Augustin-Bea-Preis an Hans Urs von Balthasar durch den Vizepräsidenten der Österreichischen Bischofskonferenz Bischof Dr. Egon Kapellari übergeben.

[11] Botschaft an die Teilnehmer der Internationalen Konferenz anlässlich des 100. Geburtstag des Schweizer Theologen Hans Urs von Balthasar, 6. Oktober 2005, www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/messages/pont-messages/2005/document. vgl. Peter Henrici (Hrsg.) Hans Urs von Balthasar – ein großer Churer Diözesan, 131.

[12] Vortrag gehalten an der Wiener Katholischen Akademie am 24.10.1995 aus Anlass des 90. Geburtstags von Hans Urs von Balthasar, in: Schriften der Wiener Katholischen Akademie, Nr. 25, 1998.

[13] Emmanuel Bauer, Hans Urs von Balthasar (1905-1988). Sein philosophisches Werk, in: Christliche Philosophie im katholischen Denken des 19. und 20. Jahrhunderts, 285.

[14] Vgl. Hans Urs von Balthasar, Mein Werk – Durchblicke. Neue ergänzte Auflage: Zu seinem Werk, Freiburg 2000.

[15] Unser Auftrag. Bericht und Entwurf, Einsiedeln 1984.

[16] In diesem Buch beschreibt Hans Urs von Balthasar u. a. seine Motivation: „zu verhindern, dass nach meinem Tod der Versuch unternommen wird, mein Werk von dem Adriennes von Speyr zu trennen.“ In ZW schreibt HUvB: „Adrienne von Speyr war es, die … den Grund zum meisten legte, was seit 1940 von mir veröffentlicht wurde. Ihr Werk und das meine sind weder psychologisch noch philologisch zu trennen.“, 76.

[17] Vgl. ZW, 20. „Christus erwählt und beruft uns; dass wir ihn wählen, ist nur antwortender Gehorsam.“

[18] E. Guerriero, Hans Urs von Balthasar. Eine Monographie, 32.

[19] UA, 30f.

[20] Zitiert aus Peter. Henrici, Erster Blick auf Hans Urs von Balthasar, 25 in: Lehmann, K./Kasper W. (Hg.), Gestalt und Werk.

[21] Warum ich Priester bin, in: E. Guerriero, Hans Urs von Balthasar. Eine Monographie, 400f.

[22] ZW, 19.

[23] Die «Nouvelle théologie» wird für die Bezeichnung der Erneuerung der katholischen Theologie gebraucht, welche von den Vertretern immer wieder abgewiesen wurde. Das Neue der NT ist die Rückkehr zur Theologie der Kirchenväter. Die Kirchenväter von Ost und West, welche zu deren spirituellen Lehrern wurden, hatten die Begabung in einen klaren Dialog mit den Religionen und den damaligen philosophischen Strömungen zu stellen. Ausgehend von der Auslegung der Bibel und den ganz persönlichen Glaubenserfahrungen, versuchten sie auf die verschiedenen Auseinandersetzungen und Disputen Lösungsansätze zu vermitteln. Die Patristik war die Zeit der grossen und wichtigen dogmatischen Entscheidungen, Gottes trinitarisches Wesen zu definieren.

[24] Vgl. Jacques Servas SJ, Balthasar et l’Orient chrétien in: RTLu VIII (3/2003) 541-557.

[25] M. Blondel, Lettres sur les exigences de la pensée contemporaine en matière d’apologétique, in: Les premiers écrits de Maurice Blondel, vol. 2, 1956, 42. «Die Immanenzmethode betrachtet das Übernatürliche... als für den Menschen unerlässlich wie zugleich unerreichbar.»

[26] ZW, 42.

[27] HUvB, Origenes, 12. Löser stellt übrigens die These auf, dass für HUvB Orgenes die Schlüsselfigur der gesamten griechischen Vätertheologie sei und er selbst in dessen Geist seine theologische Arbeit vollziehen wollte, vgl. Im Geiste des Origenes, 83.

[28] MW, 10. Die erste Auflage von Origenes. Geist und Feuer erschien bereits 1938 im Otto Müller Verlag Salzburg. Origenes selbst war überzeugt, dass der Logos, der „im Anfang bei Gott war“, auch „die lebendige Weisheit und der Sohn Gottes“ ist (vgl. Contra Celsum 3,81 (GCS 1, 271-272) Dr. Übersetzung: Origenes, Gegen Celsus, 1. Teil, 296. Vgl. Jeremiahomilien 20,1 (GCS 3, 16) (Dt. Übersetzung: Origenes, Die griechisch erhaltenen Jeremiahomilien, 217).

[29] HUvB, Origenes, 12.

[30] in: Logik der Liebe und Herrlichkeit Gottes. Hans Urs von Balthasar im Gespräch mit Walter Kardinal Kasper, 2006, 230. Anm. 6.

[31] Vgl. W. Löser, Im Geiste des Orgenes, der auf den bleibenden wissenschaftlichen Ertrag der patristischen Forschungen Balthasars bezüglich Origenes, Athenagoras von Athen, Irenäus, Gregor von Nyssa, Evagrius Ponticus u.a. hinweist, 56.

[32] Vgl. Gedanke in Löser, Im Geiste des Origenes, 11.

[33] Vgl. E. Guerriero, Hans Urs von Balthasar, 80.

[34] Vgl. Hans Urs von Balthasar, Aurelius Augustinus, besonders die Einführung von Balthasar 26f. Ebenso Löser, Im Geiste Origenes, 134.

[35] Vgl. Löser, Im Geiste Origenes, 73, sowie Guerriero, 50. Die Übersetzung Irenäus, Geduld des Reifens, erschien erstmals 1943 in der Reihe Sammlung Klosterberg. Diese Reihe war von der Intention getragen, die Klassiker des abendländischen Denkens im Hinblick auf einen geistigen Wiederaufbau Europas nach der Krise des Nationalsozialismus einem interessierten Publikum zugänglich zu machen.

[36] Vgl. HUvB, Kosmische Liturgie, 10.

[37] Vgl. Dr. Iso Baumer, Hans Urs von Balthasar und die kirchliche Bücherzensur, in: ZKth 129 (2007) 207-235, 212.

[38] Vgl. Christoph Baumer, Die „Renaissance“, 1998. Vor allem die Seiten 189-191.

[39] Vom 12. – 13. September 2002 fand an der Katholischen Akademie in Freiburg i. B. ein Symposion über „Adrienne von Speyr und ihre Spirituelle Theologie“ statt. Untersucht wurde der Einfluss Adrienne von Speyrs auf Hans Urs von Balthasar. Wir kommen nicht darum herum zu sagen, dass die Person Adrienne von Speyr den Lebensweg von Balthasars massgebend mit-beeinflusst hat. So weist Balthasars Neffe Peter Henrici auf die Verbundenheit Balthasars mit den von ihm herausgegebenen Schriften von Speyr hin: „Auch sie stammen, materiell gesehen, aus der Feder Balthasars. Er hat die französischen Diktate Adriennes auf Deutsch mitstenographiert und sie zur Veröffentlichung bereitgemacht.“ Zitat von M. Karger in der Tagespost (12. Juli 2005) anlässlich einer Tagung der Katholischen Akademie in München zum hundertsten Geburtstag Balthasars. Vgl. Literatur zur Gemeinsamkeit und Zusammenarbeit Balthasars und Adriennes die „Selbstrechenschaft“: H. U. von Balthasar, Unser Auftrag. Bericht und Weisung, Freiburg 2004; B. Albrecht, Eine Theologische des Katholischen. Einführung in das Werk Adrienne von Speyrs. Bd. 1: Durchblick in Texten, Einsiedeln 1972; Bd. 2: Darstellung, Einsiedeln 1973; J. Servais, Per una valutazione dell’influsso di Adrienne von Speyr su Hans Urs von Balthasar, in: RTLu 6 (2001), 67-89.

[40] HUvB spricht vom „theologischen Ort“ dieser Erfahrung, vgl. Erster Blick, 50.

[41] HUvB, Erster Blick, 50.

[42] „Dort, wo Wort Gottes nicht nur mit dem exegetischen und theologischen Verstand, sondern mit dem Herzen, der ganzen Existenz gehört, wo der Selbsterschliessung des Herzens Gottes in Feuer und Nacht standgehalten wird: dort ereignet sich was – nicht im vagen religionsgeschichtlichen und –philosophischen, sondern im katholisch-kirchlichen Sinn – Mystik genannt zu werden“, HUvB, Erster Blick, 78.

[43] Diese Erfahrungen sind in den Nachlassbänden Kreuz und Hölle wiedergegeben. Bei den dreibändigen Schriften von Erde und Himmel werden über den Alltag, die Rede, ihrer Begabung und über ihre Einsichten in bestimmte Festgeheimnisse des liturgischen Jahres berichtet.

[44] UA, 14f.

[45] Dr. Iso Baumer erwähnt in seinem Beitrag Hans Urs von Balthasar und die kirchliche Bücherzensur, dass das Ausscheiden Balthasars aus dem Jesuitenorden nach all den Jahren aufgearbeitet werden sollten. Der Balthasar Forscher Manfred Lochbrunner spricht sogar von einer persönlichen „Theodramatik“ welche von Balthasar widerfahren sei. Vgl. den Abschiedsbrief Balthasars an die Gesellschaft Jesu, in: Guerriero, Hans Urs von Balthasar – eine Monographie, Freiburg 1993, 402-408.

[46] Un témoin du Christ dans l’Eglise: Hans Urs von Balthasar, in: Paradoxe et mystère de l’Eglise, Paris 1967, 180-212, hier: 185. Auch das Büchlein «Texte zum ignatianischen Exerzitienbuch» von Jacques Servais ist sehr hilfreich. (Christliche Meister 46), Johannesverlag 1993. Im Punkt 4.13. kommen wir näher daraufhin zu sprechen.

[47] Hans Urs von Balthasar, SB.

[48] SB, 8.

[49] SB, 17

[50] SB, 23.

[51] vgl. das Büchlein PA, 8

[52] Hans Urs von Balthasar, Gekreuzigt für uns, in: Ders., u. a. (Hg.), Diskussion über Hans Küngs „Christ sein“, 94.

[53] Peter Henrici, Erster Blick auf Hans Urs von Balthasar, 18.

[54] Vgl. die Schriftreihe zur Literaturwissenschaft, Bd. 14, Theodramatik und Theatralität, Berlin 2000. Darunter sind Beiträge von Grätzel: Der philosophische Hintergrund von Balthasars Theodramatik; Kapp: Der Konflikt zwischen Kirche und Theater und die Bedeutung von Balthasars Konzept einer Theodramatik; Tietz: Der Gedanke des Welttheaters im spanischen Barock und Hans Urs von Balthasars Theodramatik; Briesemeister: Hans Urs von Balthasar und Reinhold Schneider. Dazu meint Grätzel: „Es dürfte kein zweites Werk in der gegenwärtigen Literatur zum Theater geben, das diese Bedeutung so eindringlich und wiederholt hervorhebt wie Balthasars Theodramatik. Die menschliche Existenz nicht von einer künstlich gedachten oder sogar konstruierten Abgeschlossenheit der Handlung zu denken, ist das Anliegen Balthasars.“, 34.

[55] Dies bestätigte mir Dr. Iso Baumer bei einer persönlichen Begegnung vom 12.9.2007 in Fribourg. Dr. Baumer hatte Hans Urs von Balthasar in den 50er Jahren, anlässlich einer GV der Renaissance kennen gelernt. Dabei entstand nicht nur eine langjährige Freundschaft, sondern auch intensive Zusammenarbeit.

[56] Eugen Biser, Das göttliche Spiel. Zum Aufbau von Hans Urs von Balthasar „Theodramatik“, in: Theologische Revue 76 (1981), 265-276, hier: 267.

[57] Elmar Salmann OSB, Ein einsamer Denker der Communio, in: Theologen unserer Zeit, 39.

[58] Unter russischer Religionsphilosophie ist mehr als das Untersuchen der Phänomene menschlicher Religion und ihrer Geschichte zu verstehen. Die genaue russische Übersetzung lautet: „russisches Denken“. Es geht für die russische Religionsphilosophie um eine Philosophie mit all ihren Disziplinen: Erkenntnistheorie, Logik, Systematik, Metaphysik, Ethik und Ästhetik.

[59] 1985 fragt de Lubac nach den Chancen einer „Renaissance“ für die katholische Theologie und verweist dabei auf die Synthese von Serge Bulgakov. Vgl. Henri Kardinal de Lubac, Zwanzig Jahre danach. Ein Gespräch über Buchstabe und Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils, München/Zürich/Wien 1985.

[60] Congar selbst nahm regelmäßig im Cercle franco-russe teil, übernahm wertvolle Anregungen der orthodoxen Ekklesiologie und brachte diese in das Zweite Vatikanische Konzil ein, um so eine Verlebendigung des katholischen Kirchenverständnisses zu bewirken. Vgl. Y. Congar, La pensée de Möhler et l’Ecclésiologie orthodoxe: Irénikon 12 (1935) 321-329 oder F. Fouilloux, Les catholique et l’unite chrétienne du XIXe siècle, Paris 1982.

[61] Hans Urs von Balthasar übernahm vor allem von SB die Kenosis-Lehre. Diese Inspirationen von SB finden sich in Myterium salutis III/2, Einsiedeln 1969, 133-326 und Theodramatik III, Einsiedeln 1980, 291f.

[62] Nikolaj Berdjaev, Samopoznanie. Opyt filosofskoj avtobigrafii, 1991, 162.

[63] Rivelazione e kenosi in Sergej Bulgakov, Roma, 1998.

[64] P. Evdokimov, L’Ordodossia, 1981, 48. „Quelli che hanno conosciuto il Padre Sergio [Sergej Bulgakov] sapevano che dietro un’apparenza austera, si celava la gioia continua dell’annunciazione. La liturgia della notte di Pasqua dal Padre Sergio era per tutti un avvenimento sconvolgente e che ricordava la gioia luminosa di San Serafini di Sarov. La sua morte, caratterizzata da segni eccezionali, fu circondata dal silenzio dei discepoli, che mantennero il segreto assluto, obbedendo così al maestro». Ein gutes einführendes Werk über S. Bulgakov: P. Coda, L’altro di Dio. Rivelazione e kenosi, Roma 1998. Zu erwähnen ist auch der Beitrag von Yannis Spiteris «La teologia ortodossa ‘Riscorpre’ il suo passato» in «Prospettive Teologiche per il XXI secolo», Brescia 2003, 275-307. In unserem Fall sind die Seiten 286-289 von Bedeutung.

[65] Père Serge Bulgakov, Autobiographie, 1946 (russisch). Eine französische Übersetzung unter dem Titel La terre natale erschien in Le Messager orthodoxe, I (1994) 95, 3-9.

[66] Boris Bobrinskoy, Le père Serge Bulgakov, 33.

[67] Diesen Wandel beschreibt er unter anderem in der französischen Ausgabe La Lumière sans déclin, 1990, 22-24. „J’allais sur mes 24 ans. Depuis près de dix ans déjà, la foi était brisée dans mon âme. Après des crises et des doutes tumultueux, le vide religieux y régnait. (…) Dieu avait doucement frappé à mon cœur, qui avait entendu, frémi, ne s’était pas ouvert… Et Dieu s’écarta. J’oubliai vite l’humeur capricieuse de ce soir dans la steppe. Après quoi, je redevins cela se fit à nouveau entendre, mais cette fois haut et fort, impérieusement. Et à nouveau devant vous, monts du Caucase! Je contemplais vos glaces qui scintillaient d’une mer à l’autre, vos neiges que l’aurore rougissait vos sommets qui pointaient vers le ciel; et mon âme s’exaltait. Ce qui n’avait naguère été qu’un éclat aussitôt disparu, s’élevait maintenant et chantait un admirable choral. Tout était clair, apaisé, plein d’une joie résonnante. Mon cœur allait se déchirer de béatitude (…). Mon âme garda cet instant de la rencontre, apocalypse, banquet nuptial, première vision de la Sophie (…). Et soudain, une rencontre imprévue, la tête me tournait, je versais des larmes à la fois joyeuses et amères; et la glace fondait dans mon cœur, un nœud vital y était tranché. Ce n’était pas du tout une émotion esthétique, c’était une rencontre, un savoir nouveau, un miracle ….»

[68] Papst Johannes Paul II. beklagt diese Tendenz ebenfalls in seiner Enzyklika Fides et ratio, vor allem bei den Nr. 45-46. „Vom späten Mittelalter an verwandelte sich … die legitime Unterscheidung zwischen den beiden Wissensformen [Theologie und Philosophie] nach und nach in eine unselige Trennung. Infolge des Vorherrschens eines übertriebenen rationalistischen Geistes bei einigen Denkern wurden die Denkpositionen radikaler, bis man tatsächlich bei einer getrennten und gegenüber den Glaubensinhalten absolut autonomen Philosophie anlangte. Zu den Folgen dieser Trennung gehörte unter anderen auch ein wachsender Argwohn gegenüber der Vernunft. Einige begannen, sich zu einem allgemeinen, skeptischen und agnostischen Misstrauen zu bekennen, entweder um dem Glauben mehr Raum vorzubehalten oder aber um jede nur mögliche seiner Beziehungen zur Vernunft in Misskredit zu bringen. Was das patristische und mittelalterliche Denken als tiefe Einheit, die eine zu den höchsten Formen spekulativen Denkens befähigende Erkenntnis hervorbrachte, ersonnen und verwirklicht hatte, wurde letztendlich von jenen Systemen zerstört, die für eine vom Glauben getrennte und zu ihm alternative Vernunfterkenntnis eintraten. Die auffälligsten Radikalisierungen sind bekannt und vor allem in der Geschichte des Abendlandes deutlich sichtbar. Das moderne philosophische Denken hat sich, so kann man ohne Übertreibung sagen, zu einem gehörigen Teil in seiner allmählichen Abwendung von der christlichen Offenbarung entwickelt, bis es schließlich zu klaren Gegenpositionen gelangte. Im vorigen Jahrhundert hat diese Bewegung ihren Höhepunkt erreicht. Einige Vertreter des Idealismus haben auf verschiedenste Weise versucht, den Glauben und seine Inhalte, ja sogar das Geheimnis von Tod und Auferstehung Jesu Christi, in rational fassbare dialektische Strukturen umzuwandeln.“

[69] Für Nikolaj Berdjaev hat dieses Ereignis symbolischen Wert: Ein ehemaliger Marxist wird Priester. Vgl. Berdjaevs Brief an SB vom 2. Juni 1933.

[70] Vgl. Boris Bobrinskoy, Le père Serge Bulgakov, visionnaire de la Sagesse, in: Contacts-Revue orthodoxe de théologie et de spiritualité, Tome LVI Nr. 205 (2004) 29-51.

[71] Bulgakov definiert Solov’ëv als seinen philosophischen Begleiter der ihn zu Christus hin führte. „Personnellement, je considère Soloviev comme mon guide philosophique vers le Christ, durant la crise de ma conception du monde, quand j’ai accompli mon chemin „du marxisme à l’idéalisme“, puis à l’Orthodoxie“, in: La Sagesse de Dieu, 11.

[72] Vgl. Boris Bobrinskoy, Le père Serge Bulgakov, «…La Sagesse devient la clé secrète permettant de déchiffrer le monde dans ses manifestations les plus variées, la science, l’art, la technique, l’économie, bref, tous les domaines de la création et de l’activité humaines». Bulgakov selbst schreibt in La philosophie de l’économie auf Seite 139: „L’activité créatrice de l’homme – dans la connaissance, l’économie, la culture, l’art – est sophianique“.

[73] vgl. Père Alexandre Schmemann, Trois Images, in: Le Messager orthodoxe, Nr. 57 (1972) 14.

[74] „La sophiologie est une Weltanschauung, une vision chrétienne du monde, une conception théologique ou, si l’on veut, dogmatique, qui caractérise une tendance (nullement prévalent) de l’Orthodoxie, comme le font, par exemple, le thomisme ou le modernisme à l’égard du catholicisme, le „jésuanisme“ libéral ou le barthianisme à l’égard du protestantisme. Le point de vue sophiologique définit une interprétation particulière de l’ensemble des dogmes et des doctrines, depuis ceux qui concernent la Saint Trinité et l’Incarnation jusqu’aux questions du christianisme pratique aujourd’hui..“ in: La Sagesse de Dieu, 13. SB definiert die Sophiologie als eine besondere, synthetische, theologische Wissenschaft, die sich über die Philosophie erhebt und als neue Etappe der orthodoxen Theologie gelten kann.

[75] Vgl. V. Lossky, La teologia mistica, 60.

[76] Die Bekenntnisse, I, 1.

Ende der Leseprobe aus 94 Seiten

Details

Titel
Weisheit in Hans Urs von Balthasar
Note
8,5
Autor
Jahr
2008
Seiten
94
Katalognummer
V146305
ISBN (eBook)
9783640571352
ISBN (Buch)
9783640571000
Dateigröße
1944 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
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Schlagworte
Weisheit, Hans, Balthasar
Arbeit zitieren
Daniel M. Bühlmann (Autor), 2008, Weisheit in Hans Urs von Balthasar, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146305

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