Stereotype zwischen Deutschland und Norwegen

Ihr Einbezug in den Fremdsprachenunterricht mit dem Lernziel der interkulturellen Kompetenz


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Was sind Stereotype?
1.1 Die Klassifizierung von Stereotypen
1.1.1 Geografisch begründete Stereotype
1.1.2 Historisch begründete Stereotype
1.1.3 Kausal begründete Stereotype
1.2 Die Wechselwirkung von Fremd- und Selbstwahrnehmung

2. Beispiele norwegisch-deutscher Stereotype
2.1 Beispiele aus der Wirtschaft
2.1.1 Beispiel 1
2.1.2 Beispiel 2
2.2 Beispiel aus dem Unterricht

3. Stereotype im Fremdsprachenunterricht
3.1 Didaktische Möglichkeiten der Verwendung von Stereotypen

4. Schlussbemerkung

5. Literatur

Einleitung

Stereotype begegnen uns beinahe täglich in allen möglichen Situationen. Angefangen vom neutralen Bild, das wir über einen Angehörigen einer bestimmten Kultur im Kopf haben, bis hin zum negativ geprägten Vorurteil gegen etwas oder jemanden – nichts betrachten wir ohne den Einfluss von Stereotypen. Über den Ursprung des ein oder anderen Stereotyps machen sich die wenigstens Menschen Gedanken. Dabei kommt kein Urteil von irgendwoher, sondern hat stets einen Hintergrund, der es klassifiziert.

Was sagen Stereotype eigentlich über die eigene Wahrnehmung des Fremden und des Vertrauten aus? Und wo ist der Umgang mit Stereotypen sehr heikel und bedarf einer Sensibilisierung?

Diesen Fragen möchte ich in meiner Hausarbeit näher auf den Grund gehen. Betrachtet werden soll dabei der Bereich der Wirtschaft, in dem interkulturelle Kompetenz unabdingbar ist, sowie der landeskundliche Fremdsprachenunterricht, dessen Ziel es sein sollte, dem Lerner diese Kompetenz zu vermitteln.

1. Was sind Stereotype?

Obwohl der Begriff „Stereotyp“ von den meisten Menschen gleichgesetzt wird mit einem negativ behafteten Vorurteil, wurde der Begriff in der Fachliteratur im Jahr 1922 vom Soziologen Walter Lippmann eingeführt, um wertfrei und neutral zu betiteln, was Menschen über andere Menschen und deren soziale Zugehörigkeit denken. Stereotype beeinflussen dabei jeden einzelnen Menschen in seiner Wahrnehmung und seinem Denken. Dies ist schon rein biologisch erklärbar. Schon ein Kind teilt die Welt, die es erlebt, in Kategorien und Gruppen ein. Alle Gruppen, denen es angehört, sind nach Lippmann die sogenannten in-groups des Kindes, alle anderen die out-groups. Die Gruppeneinteilung kann nicht wertfrei verlaufen; schon von Kindesbein auf an bewertet der Mensch Gruppen als positiv oder negativ. Die eigenen Gruppen werden hierbei zumeist positiv bewertet, während die out-groups dem Nichtgruppenmitglied negativ erscheinen. Es gibt jedoch auch out-groups, die positiv und sogar als erstrebenswert gewertet werden.

Bedingt durch diesen biologisch-kognitiven Prozess haben sich Stereotype ausgebaut und wurden teils über Generationen weitergegeben. „Almost like a biological fact“[1] nennt Lippmann die Auffassung derer, die Stereotype behandeln, als seien sie erwiesene Tatsachen. Er folgert: „For the most part we do not first see and then define, we define first and then see.”[2] Somit sind für gewöhnlich erst Stereotype im Kopf eines Menschen, bevor er die Gruppe, über die er gerade denkt, selbst zu erkunden beginnt.

Die Ursprünge der jeweiligen Stereotype kennen die wenigsten Menschen. Im Nachfolgenden soll ein Einblick in die gängigen Klassifizierungen von Stereotypen gegeben werden.

1.1 Die Klassifizierung von Stereotypen

1.1.1 Geografisch begründete Stereotype

Bei geografisch begründeten Stereotypen liegt das Verhalten vor, dass durch „von der Natur vorgezeichneten Bedingungen Rückschlüsse auf die Eigentümlichkeiten der Bewohner“[3] gezogen werden. Messbare Fakten wie Klima, Wirtschaftlichkeit des Bodens, Industriedichte oder die weltgeografische Lage des Landes oder der Region werden folglich auf die Menschen, die in der jeweiligen Gegend ansässig sind, und deren Kultur projiziert. So wird beispielsweise die isolierte Lage eines Inselstaates dazu genutzt, auch die Menschen als isoliert und somit als konservativ, gern unter sich bleibend bis hin zu fremdenfeindlich zu klassifizieren. Ist jemandem von der anderen Kultur nur ein Teil der Industrie bekannt, der vielleicht eine große Fläche des Landes einnimmt und optisch nicht sehr ansehnlich ist, so mag er darauf schließen, dass es im ganzen Land dreckig und grau ist, die Menschen dementsprechend alle schlecht gelaunt, nur für die Arbeit lebend und unfreundlich sind. Andersherum werden aber auch die Menschen positiv bewertet, die aus einem Land stammen, das vielfältige und unberührte Natur beherbergt, diese wahrt und für den Tourismus anbietet. Hier spricht man schnell von freundlichen, immer fröhlichen und aufgeschlossenen Einwohnern.

Oft ist nur ein geografischer Faktor ausreichend, um ein ganzes Land oder eine ganze Kultur darüber zu bewerten. Geografische Stereotype tauchen auch besonders häufig innerhalb eines Landes auf, wenn dieses über verschiedene Naturerscheinungen verfügt.

1.1.2 Historisch begründete Stereotype

Bei historisch begründeten Stereotypen werden Erlebnisse aus der Vergangenheit, weltpolitische Ereignisse und historische Eigenheiten eines Landes oder einer Kultur als Maßstab gesetzt, um die Mitglieder der jeweiligen Kultur darüber zu definieren. Eine Kultur, die oft Opfer eines feindlichen Besetzung war, wird somit als schwach oder dumm bewertet, während die Individuen aus Kulturen, in denen Kriege stattgefunden haben, als aggressiv und dominant bewertet werden. Auch die wechselnde Gemütslaune eines Monarchen oder Diktators kann auf die Gemütslaune der heutigen Bevölkerung übertragen werden, oder ein wirtschaftlicher Fauxpas einer Kultur als Unfähigkeit der Menschen gewertet werden, zu rechnen und logisch zu planen. „Oft werden wichtig erscheinende Vorkommnisse der Vergangenheit sogar als Beweis für Völkereigenschaften von heute angesehen.“[4] Auch individuelle, persönliche Erinnerungen fügen sich in diesem Stereotyp zusammen.

Historisch begründete Stereotype sind zumeist negativ konnotiert, da sie häufig über Kriege oder politische Missstände definiert werden. Bei ihnen besteht am meisten die Gefahr des Ethnozentrismus, des Abwertens einer anderen Kultur bei gleichzeitigem Glorifizieren der eigenen.

1.1.3 Kausal begründete Stereotype

Bei kausal begründeten Stereotypen wird „die fremde Nation als eine personale Ganzheit“[5] betrachtet. Informationen, die aus den unterschiedlichsten sozialen Bereichen einer Kultur aufgeschnappt werden, z.B. aus Wirtschaft, Sport, Politik oder Alltagskultur, werden als „Beweis“ angesehen, dass eine Kultur dem jeweiligen Stereotyp entspricht. Hat man folglich beispielsweise von einem guten Schwimmer aus einem bestimmten Land gehört, während man weiß, dass das Land eine Insel ist, wird pauschalisiert, dass jeder Einwohner ein hervorragender Schwimmer sei. Sieht man nun einen Film aus dem entsprechenden Land, in dem eine wichtige Szene der Filmhandlung im Wasser bzw. beim Schwimmen spielt, bestätigt dies das Stereotyp, ungeachtet dessen, dass drei vollkommen unterschiedliche Partikel aus drei verschiedenen sozialen Bereichen zusammengefügt wurden.

Kausal begründete Stereotype können auch historisch und geografisch begründete Stereotype beinhalten, die zusätzliche Bestätigung durch andere Begegnungen mit der jeweiligen Kultur erhalten. Benutzer eines kausal begründeten Stereotyps sind „vielmehr froh, und geradezu begierig, Vorkommnisse, die nur annähernd in irgendeinen Zusammenhang mit der allgemeinen Vorstellung stehen, zu akzeptieren und in das Gesamtgefüge des Urteilsfeldes einzubauen.“[6] Es droht hierbei die Gefahr, jedes noch so kleine Detail aufzubauschen, um es in die Begründung mit einfließen zu lassen, warum ein Mitglied einer Kultur so ist wie er laut Stereotyp zu sein hat.

1.2 Die Wechselwirkung von Fremd- und Selbstwahrnehmung

Stereotype sind nicht allgemeingültig, sondern kulturspezifisch. Was jemand über eine bestimmte Kultur denkt, ist davon abhängig, in welcher Beziehung dessen eigene Kultur zu ihr steht. Die Sichtweise ist in jeder Gruppe anders und wird beeinflusst durch viele verschiedene Faktoren wie zum Beispiel Erfahrungen, Begegnungen mit der Zielkultur oder auch die geografische Lage der in-group im Vergleich zur out-group. Demzufolge ist es nicht überraschend, dass jedes Stereotyp auch Rückschluss auf die eigene Kultur geben kann.

Analysiert man Stereotype, dann geben sie interessante Auskünfte über die eigene Wahrnehmung. Ein Stereotyp entsteht immer aus der Sichtweise der jeweiligen in-group, der man zugehört. Neutral kann ein Stereotyp im Sinne von unbefangen also im Grunde eigentlich gar nicht sein. Seine Neutralität besteht viel eher aus der Wertfreiheit, die es mitbringt oder mitbringen sollte.

Zur Verdeutlichung der Wechselwirkung von Fremd- und Selbstwahrnehmung sollen zwei Stereotype über Deutschland dienen. Die Aussage, in Deutschland seien die Menschen steif und humorlos, aber dafür regelorientiert und zielstrebig, lässt darauf schließen, dass die Kultur, die derjenige entstammt, der die Aussage getätigt hat, sich eher gegenteilig verhält. Sie scheint aus einem Land zu stammen, in dem wenig durch entsprechende Regeln geordnet wird, sondern mehr Wert auf persönliche Freiheit und Humor gelegt wird. Andersrum würde die Aussage, in Deutschland seien die Menschen viel lustiger als in der eigenen Kultur, darauf schließen, dass das Mitglied der entsprechenden in-gruop seine eigene Kultur als steif betrachtet, die deutsche Kultur hingegen nicht.

[...]


[1] Zitiert nach: Husemann, Harald: Stereotypen in der Landeskunde – Mit ihnen leben, wenn wir sie nicht widerlegen können, in: Neusprachliche Mitteilungen aus Wissenschaft und Praxis, Band 2 (1990), S. 89-98, hier Seite 90

[2] Zitiert nach: ebd, Seite 89

[3] Keller, Gottfried: Die Funktion von Stereotypen beim Erkenntnisprozess im kulturkundlichen Unterricht – dargestellt an einer Strukturanalyse von Schülerurteilen, in: Die neueren Sprachen, Band 5 (1969), S. 6

[4] Keller, Gottfried: Die Funktion von Stereotypen beim Erkenntnisprozess im kulturkundlichen Unterricht – dargestellt an einer Strukturanalyse von Schülerurteilen, in: Die neueren Sprachen,

Band 5 (1969), S. 5

[5] Ebd. S. 4

[6] Keller, Gottfried: Die Funktion von Stereotypen beim Erkenntnisprozess im kulturkundlichen Unterricht – dargestellt an einer Strukturanalyse von Schülerurteilen, in: Die neueren Sprachen,

Band 5 (1969), S. 6

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Stereotype zwischen Deutschland und Norwegen
Untertitel
Ihr Einbezug in den Fremdsprachenunterricht mit dem Lernziel der interkulturellen Kompetenz
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Seminar für Sprachlehrforschung)
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V146317
ISBN (eBook)
9783640579204
ISBN (Buch)
9783640578900
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Norwegen, Stereotype, Stereotypenforschung, Landeskunde, landeskundlicher Fremdsprachenunterricht
Arbeit zitieren
BA Jenny Schulz (Autor), 2010, Stereotype zwischen Deutschland und Norwegen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146317

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