Die byzantinisch-russischen Verträge aus dem 9. und 10. Jahrhundert


Hausarbeit (Hauptseminar), 1997

30 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Einleitung: Der Eintritt der Ostslawen in die Welt des europäischen Mittelalters

2. Der erste rus'isch-byzantinische Friedensvertrag von 860

3. Der Vertrag des rus'ischen Fürsten Oleg mit den Byzantinischen Reich von 907/911
3.1. Die erste Vereinbarung Olegs mit Byzanz von 907
3.1.1. Zur Vorgeschichte der Vereinbarung
3.1.2. Die Vereinbarung
3.2. Die zweite Vereinbarung Olegs mit Byzanz von 911 - der eigentliche Vertrag

4. Fürst Igors Vereinbarung mit Byzanz aus dem Jahre 944
4.1. Der Weg zum neuen Vertrag
4.2. Der Vertrag von 944

5. Das außenpolitische Abenteurertum des Fürsten Svjatoslav gegen Byzanz
5.1. Die russische Balkanexpansion und der erste Vertrag mit Konstantinopel
5.2. Der Vertrag Svjatoslavs mit Byzanz von 971

6. Der von Vladimir erneuerte Vertrag im Jahre 988

7. Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

Anmerkungen

Vorwort

Vorliegende Arbeit widmet sich dem Thema früher russisch-byzantinischer Kontakte, mit den im 10. Jahrhundert zwischen Byzanz und dem Herrschaftsgebilde der Kiewer Rus abgeschlossenen Verträgen. Der vorsichtige Begriff „Herrschaftsgebilde“ wird wegen der gering ausgeprägten Einherrschaft in der Rus gebraucht. Wir haben es hier mit einer sich nach und nach erweiternden Konföderation ostslawischer Stämme zu tun. Einige Zentren übten eine Tributherrschaft über benachbarte Stämme aus. Dass die Rus keine kompakte Monarchie, kein einheitlicher Staat darstellte, sollte man sich bei der Lektüre dieser Arbeit stets vor Augen halten, da es vom Autor nicht ständig wiederholt werden wird.

Es ist hier auch der Ort darauf hinzuweisen, dass im frühen 9. Jahrhundert noch nicht von „Russen“ die Rede sein kann. Es handelt sich hier um mit ostlawischen „Clanchefs“ verbündete warägische Wikinger, also Kriegern aus dem heutigen Schweden, die damit begonnen hatten, allmählich die verschiedenen ostslawischen Stämme längs der Handelsstraßen (Flüsse Dwina, Wolchow und Dnepr) zu unterwerfen. Deshalb wird der Begriff „Russen“ in dieser Arbeit nur in Anführungsstrichen verwendet oder durch die Bezeichnung Rus'en ersetzt, wenn nicht gerade vom mehr oder weniger offiziell von den Griechen gebrauchten Terminus Rhos die Rede ist.

Auch die umstrittenen Vereinbarungen aus dem 9. Jahrhundert fanden der Vollständigkeit halber Eingang. Trotz der Fülle chronikalischer Quellen, ist ihre tatsächliche Existenz bis heute nicht bewiesen, zumal die betreffenden Quellen selbst, wegen ihrer späten Entstehung, höchst zweifelhaft sind oder aus ebenfalls unsicheren Urquellen schöpfen. Ungeachtet dessen spielen sie in der wissenschaftlichen Diskussion nach wie vor eine große Rolle und können deshalb hier nicht einfach unbeachtet gelassen werden.

Überhaupt hat es früher gar an der Historizität der zuerst genannten Vertragswerke Zweifel gegeben, da sie gewöhnlich nicht in byzantinischen Quellen vorkommen. Allerdings sind sich die heutigen Historiker einig, dass die Verträge echt sind und die überlieferten Texte aus der Nestorchronik Übersetzungen griechischer Originale/Vorlagen darstellen. Eine der jüngsten Arbeiten zu diesem Thema verfasste Jana Malingoudi. Sie versuchte über den Vergleich dieser Verträge mit Verträgen zwischen Byzanz und italienischen Stadtrepubliken aus dem 12. Jahrhundert eine Rekonstruktion beziehungsweise Rückübersetzung der vorwiegend kirchenslawischen Texte ins Mittelgriechische. Dabei stellte sich heraus, dass die auf uns überkommenen Urkundenabschriften aus der Nestorchronik (die originalen Urkunden waren in Kopialbüchern in Byzanz registriert) ausnahmslos nach den Regeln der byzantinischen Diplomatik aufgebaut sind.[i] In den Texten wird darauf auch stets hingewiesen. Damit dürfte klar sein, dass es im damaligen Kiew tatsächlich noch kein entwickeltes Kanzleiwesen gegeben hat. Jedenfalls findet sich in den Dokumenten kein einziger Anhaltspunkt dafür. Von einer Schrift als eine Grundlage eigenen Kanzleiwesens bei den Ostslawen wissen auch arabische Quellen nichts. Es ist höchstens von den bekannten Birkenrindenhandschriften die Rede, auf denen zu jener Zeit lediglich einzelne germanische Runen zu sehen gewesen sein dürften.[ii]

Die Klarstellung, dass die Verträge heute anerkanntermaßen echt sind, sollte am Beginn der Arbeit stehen, um diese überhaupt erst zu motivieren und um ohne den Zeitverlust einer Diskussion darüber mit der Erörterung der Konventionen zu beginnen.

Harms Mentzel, 10. Januar 1997

1. Einleitung: Der Eintritt der Ostslawen in die Welt des europäischen Mittelalters

Seit dem beginnenden 8. Jahrhundert wurden insbesondere vier Völker in der Donaugegend und im Gebiet der heutigen Ukraine zu wichtigen Faktoren dortiger byzantinischer Politik: die Madjaren, die Petschenegen, die Chasaren und die Rhos. Zum Ende des 7. Jahrhunderts war das Gebiet nördlich des Schwarzen Meeres von einer gemischten Bevölkerung aus Ugriern und Protobulgaren, die dem Khan Asparuch untertan waren, beherrscht. Schon seit den dreißiger bis sechziger Jahren des 8. Jahrhunderts allerdings leerte sich das Gebiet von den genannten Siedlern: Sie wanderten in ihrer Mehrzahl nach Westen ab beziehungsweise wurden dorthin vertrieben. Damit war besagtes Gebiet für eine bestimmte Zeit von den Ostslawen feindlichen Nomadenvölkern frei. Das erleichterte ein Vordringen der „Russen“, nach Süden.

Aus zeitgenössischen Quellen wissen wir, dass im Jahre 833 die Chasaren den byzantinischen Kaiser Theophilos (829-842) für den Bau eines Festungswerkes um Unterstützung baten. Von griechischen Baumeistern wurde daraufhin tatsächlich eine Festung Sarkel (oder Belaja veža) am Unterlauf des Don errichtet.[iii] Die Mehrzahl der heutigen Historiker geht davon aus, dass die Festung als Bollwerk gegen die nun in die weitgehend leeren westlicheren Territorien einbrechenden Petschenegen dienen sollte, nicht aber gegen die gleichzeitig expandierenden Ostslawen und Waräger.[iv]

Im Gebiet von Chersonesos (auf der Krim) an der Schwarzmeerküste trafen die „Russen“ nun aber auch direkt auf byzantinische Interessen. Chersonesos war für die Byzantiner ein äußerst wichtiges Zentrum mit politischen, ökonomischen und kulturellen Einfluss auf das gesamte Schwarzmeergebiet bis hin zum Kaukasus. Und so waren die Byzantiner schon frühzeitig gezwungen slawische Einfälle abzuwehren: Immerhin war es im ersten Drittel des 9. Jahrhunderts angeblich mehrfach unter dem legendären Fürsten Bravlin zu „russischen“ Überfällen auf Chersonesos und Surosch (auch: Sugdaia) auf der Krim, aber auch auf Städte südlich des Schwarzen Meeres gekommen, zum Beispiel auf Amastrida.[v] Athanasios Markopoulos versuchte schon 1979 den Nachweis zu führen, dass die Angabe über eine rus'ische Invasion in Amastrida lediglich eine spätere Interpolation, ein Echo auf den Angriff der Rhos im Jahr 860 auf Konstantinopel ist, um die dadurch in Frage gestellte Fähigkeit der byzantinischen Diplomatie nachzuweisen.[vi] Desweiteren waren die byzantinischen Kaiser bestrebt, das Gleichgewicht der Kräfte durch ein Gegeneinanderausspielen der Völker zu sichern, indem sie eben anfangs die Chasaren protegierten. Letztlich versuchten sie, diese „Frührussen“ zu Verbündeten beziehungsweise zu einem Hilfsvolk zu machen. Pašuto geht gar so weit, zu behaupten:

... čto knjaz'ja otdel'nych zemel' konfederacii uže imeli kakie-to dogovory s Visantiej kasatel'no torgovli i vijny. [vii]

Die Rhos waren also nicht völlig unbekannt, als sie im Jahre 860 gegen Car'grad (Konstantinopel) zogen. Immerhin waren sie bereits 839 auch offiziell in Erscheinung getreten, als zwei ihrer Vertreter laut Aussagen der Annales Bertiniani aus Konstantinopel kommend in der Kaiserpfalz Ingelheim bei Ludwig dem Frommen eintrafen. Dieser entlarvte sie allerdings recht schnell ihre schwedische Herkunft. Sie hatten angegeben, von ihrem Herrn Chaganus zur Herstellung freundschaftlicher Kontakte nach Konstantinopel geschickt worden zu sein.[viii] - Der Feldzug gegen das Byzantinische Imperium wurde vom Kiewer Herrscher, anscheinend Askold, mit dem Ziel unternommen, Kriegsbeute im legendär reichen Byzantinischen Reich zu machen und vor allem den Kaiser in Konstantinopel zu einem Friedensvertrag zu zwingen, der das „verschwommene“ Staatsgebilde Rus als Beherrscherin des sogenannten „Weges von den Warägern zu den Griechen“ anerkannte. Es war eigentlich ein Seekriegszug, da er mit angeblich 200 Schiffen durchgeführt wurde. - Bei der üblichen durchschnittlichen Besatzungszahl von 40 Männern waren wohl insgesamt gegen 8000 bis 10000 Krieger unterwegs. Hier wird die wikingische Art der Kriegszüge deutlich.[ix] Auch die folgenden Kriegszüge der Rus'en zeigen, dass die ersten rus'ischen Fürsten eher mit dem Seekrieg vertraut waren als mit Feld zügen im buchstäblichen Sinne. Im übrigen musste ihnen eine Heerfahrt zu Lande wegen der zwischen ihnen und den byzantinischen Angriffszielen lebenden Nomadenvölkern und dem jungen, starken Reich der Bulgaren zu riskant erscheinen. - Der Dnepr hingegen war als breiter Grenzfluss zwischen Petschenegen und Chasaren von ihnen frei benutzbar.

Die Metropole Konstantinopel schien den Angreifern wegen des gelungenen Überraschungsmomentes hilflos ausgeliefert zu sein, zumal der Kaiser Michael III. (842-867) gerade die Araber in Sizilien bekriegte. Der damalige Patriarch Photius (858-867 und 877-886) beschrieb die „rus'ische Gefahr“ in düsteren Worten.[x] Im Resultat dieses ersten Krieges zwischen den aufstrebenden Ostslawen/Warägern und dem Rhomäischen Reich wurden die Vororte der Hauptstadt sowie die umgebenden ufernahen Inseln des Marmarameeres von den Rhos geplündert. Schließlich seien sie jedoch mit unzähligen Reichtümern, allerdings durch einen Sturm arg dezimiert, in die Heimat abgezogen. Darüber hinaus hatten sie mit Byzanz nun ihren ersten Friedensvertrag, vielleicht in Form eines Präliminarfriedens, geschlossen und sich somit in der internationalen politischen Arena des Frühmittelalters etabliert.[xi]

2. Der erste rus'isch-byzantinische Friedensvertrag von 860

Der erste Vertrag zwischen den beiden Kontrahenten wurde am 25. Juli 860 in Konstantinopel von Kaiser Michael III. und seinem Mitkaiser Konstantinos auf der einen Seite und einer Gesandtschaft der Rus'en auf der anderen Seite geschlossen. Als eine Vertragsbedingung wurde ausgehandelt, dass zunächst einmal zwischennationale Beziehungen zwischen zwei souveränen Mächten hergestellt werden sollten. Damit erschien erstmals der Begriff Rus in der Literatur. Andere Punkte legten fest, dass gutnachbarschaftliche Beziehungen („Friede und Liebe“) herzustellen seien und sich die Rus zur militärischen Hilfe für Byzanz verpflichtete, falls dieses es wünsche. Der Dienst in der byzantinischen Armee wird von den rus'ischen Kriegsleuten als eine einträglichere Beschäftigung als in der Rus begrüßt worden sein. Als wichtigste Übereinkunft gilt diejenige, wonach sich Byzanz zu einer jährlichen Tributzahlung an die Rus verpflichtete. Nicht minder bedeutsam war der vertraglich fixierte Entschluss, christliche Missionare in die ostlawischen Siedlungsgebiete zu entsenden.[xii]

Schon kurze Zeit später wusste Photius seinen geistlichen Kollegen in einem Hirtenbrief überschwänglich mitzuteilen, dass die ehedem so brutalen Rus'en mittlerweile zu Christen, Freunden, ja zu Untertanen geworden seien.[xiii] Tatsächlich ist wohl sofort ein erster Bischof Michael nach „Russland“ entsandt worden, der dann später von dem „interimen“ Amtsnachfolger des Photius, Patriarch Ignatius (866-877), zum Erzbischof erhoben wurde. Dieser hatte seinen Sitz wahrscheinlich in der Nähe von Chersonesos auf der Krim.[xiv]

Folge des im Jahre 860 erfolgten Angriffes der Rhos waren verstärkte freundschaftliche Aktivitäten der byzantinischen Führung gegenüber den Chasaren. Zu ihnen schickte sie Gesandtschaften, denen unter anderem auch der berühmte Kyrill-Konstantin angehörte.[xv]

Im Jahre 866 kam es angeblich aufgrund der byzantinischen Weigerung, weiterhin die Tributzahlungen zu leisten, zum zweiten Krieg der Rhos gegen die „Kaiserstadt“ am Bosporus. Auch diese Aktion soll für die Angreifer erfolgreich verlaufen sein. Sie kehrten mit großer Beute beladen und mit dem erneuerten Vertrag des Jahres 860 wieder heim. Diesmal hatten die rus'ischen Gesandten mit dem Kaiser Basileios I. (867-886) den Vertrag zu erneuern. Neben der Bekräftigung bestehender Abmachungen soll er als einzige Neuerung den Dienst der Rus'en in der kaiserlichen Armee genauer geregelt haben.[xvi] Diese Erneuerung des Vertrages von 860 ist nicht unumstritten. Einige russische Historiker halten bis zum heutigen Tage an ihr fest. Es ist allerdings nicht zu erkennen, worauf sich die Annahme eines Vertrages im Jahre 867 gründet. Hat doch Stökl darauf hingewiesen, dass in sämtlichen russischen Chroniken der erste rus'ische Angriff möglicherweise falsch, nämlich auf das Jahr 866 datiert wurde.[xvii] Auch in der Nestorchronik wird für das Jahr 860 kein Ereignis erwähnt.[xviii] Einige moderne Historiker scheinen also aus dem Irrtum altrussischer Chronisten kurzerhand einen zweiten Vertrag gemacht zu haben. Die Historizität einer Vereinbarung im Jahre 867 ist jedenfalls höchst fragwürdig.

3. Der Vertrag des rus'ischen Fürsten Oleg mit dem Byzantinischen Reich von 907/911

3.1. Die erste Vereinbarung Olegs mit Byzanz von 907

3.1.1. Zur Vorgeschichte der Vereinbarung

Der Nestorchronik kann man entnehmen, dass der Nowgoroder Fürst Oleg (879-912) bereits im dritten Jahre seiner Herrschaft Kiew unterworfen haben soll, indem er dessen bisherige Herren Askold (Höskuldr; skandinavisch: iskold = eiskalt) und Dir (Dyri; skandinavisch: Tyr = der Himmlische, nach dem germanischen Kriegsgott) durch Mord beseitigte.[xix] Die Ursache für Zwistigkeiten unter den skandinavischen Warägern könnten in der Fortsetzung der Rivalitäten zwischen den schwedischen Stämmen der Sveer und der Göten auf ostslawischem Boden begründet sein, wie Hartmut Rüss erinnert.[xx] Aufgrund mangelnder Zeugnisse aus jener Zeit hat der heutige Forscher die Datierung der Kiewer Eroberung durch die Nestorchronik „bis auf Widerruf“ hinzunehmen. Das vorangegangene Kapitel über den Vertrag vom Jahre 860 hat ja gezeigt, dass Daten in dieser Chronik misstraut werden sollte. Im Jahre 898 zogen an Kiew vorbei die Ungarn (Madjaren) nach Westen. Es gibt Meinungen, die entgegen den Mitteilungen in der Nestorchronik besagen, Kiew sei nun doch von den Ungarn unter deren Feldherrn Almosch belagert worden und hätte sich nur durch einen sehr harten Freikauf aus dieser gefährlichen Lage befreien können.[xxi] Ein derart geschwächtes Kiew hätte für risikofreudige Eroberer, etwa für den Nowgoroder Oleg, eine willkommene, möglicherweise leichte Beute abgegeben. Doch scheint eine Unterwerfung Kiews durch Oleg für diese Zeit wirklich zu spät zu sein. Wie immer, wenn auf die heutige Generation derart wenig Originalquellen überkommen sind, öffnen sich der Spekulation Tür und Tor. Daran ändert auch die Fülle späterer, mehr oder weniger fantasievoll ausschmückender Kopisten nichts.

Jedenfalls betrachtete sich Oleg frei von allen Vereinbarungen der alten Kiewer Regierung mit Byzanz. Allmählich, auf jeden Fall erst nach der Einnahme Kiews, erwachte in Oleg der Wunsch, auch im sagenhaft reichen Konstantinopel Beute zu machen. Offiziell hieß es allerdings stets, dass Byzanz den Tribut nicht zahle. Eine Vertragsklausel aus dem Jahre 911 über die Verfolgung von Verbrechen kriegerischer Kaufleute, die auf byzantinischem Boden begangen wurden, lässt jedoch vermuten, dass auch die Rus'en der Vorwurf über die Störung der Handelsbeziehungen trifft und vielleicht eben deshalb Konstantinopel bei einer Überhandnahme rus'ischer Handelsstörungen nicht weiter zahlen wollte.[xxii]

Oleg bereitete sich auf den Krieg gut vor und verschaffte sich zunächst einmal eine feste Basis im südrus'ischen Raum. Er unterwarf die benachbarten ostslawischen Stämme und zwang sie damit zu Tributen und darüber hinaus in ein Gefolgschaftsverhältnis. Oleg erfuhr von der schwierigen Lage des Kaisers Leon VI. (886-912), von dessen Niederlagen gegen Bulgarien im so genannten Wirtschaftskrieg gegen Zar Simeon und von der bulgarischen Südausdehnung. Hinzu kam die Abwesenheit der oströmischen Truppen im Frühjahr 907. Sie waren zu jener Zeit gerade gegen den Aufstand des Andronikos Duka und gegen arabische Invasoren (Sarazenen) in Kleinasien im Einsatz. Schließlich gab es durch den Bannspruch gegen den Kaiser wegen dessen erneuter Heirat auch innere Instabilitäten im Rhomäischen Reich. Die prekäre Situation des Reiches suchte Oleg für sich auszunutzen.[xxiii] Unmittelbar vor oder während des Angriffes auf Konstantinopel kam es zu rus'ischen Feldzügen gegen den Kaukasus, da insbesondere die Armenier mit den Byzantinern im Bunde standen.[xxiv] Sicherlich wollten sich die Rus'en gegen die typische byzantinische Taktik versichern, im Falle eines Abwehrkampfes Völker im Rücken des Feindes gegen diesen zu Hilfe zu rufen. Der spätere Fürst Svjatoslav hat vor seiner Aktion gegen Bulgarien/Byzanz das Hinterland seines Herrschaftsgebietes ebenso abgesichert und „gesäubert“. Nachdem die Gefahr eines „Zweifrontenkrieges“ gebannt schien, zog Oleg mit etwa 80000 Kriegern auf 2000 Drachenbooten gegen Car'grad. In den Berichten ist davon die Rede, wie die Angreifer Schiffe mit Rädern ausrüsteten und diese vom Winde vorangetrieben zu Lande verwendeten.[xxv] Dies ist wohl eine Übertreibung der Tatsache, dass vor allem die wikingischen Seefahrer ihre nicht allzu schweren Schiffe beispielsweise um Stromschnellen oder von einem Fluss zum nahen anderen auf Rollen transportierten. So umgingen sie auch hier die byzantinische Kettensperre am Goldenen Horn beziehungsweise des Hafens und setzten die Schiffe wieder in einen Seitenarm des Bosporus.

Bulgarien unterstützte indirekt den Krieg der Rhos. Es befand sich nach langen Kämpfen von 904 bis 913 in einem kurzem Frieden mit Byzanz, ehe im Jahr 927 ein endgültiger Friedensvertrag zwischen beiden Reichen zustande kam. Überhaupt wird den Bulgaren an einer weiteren Schwächung des byzantinischen Rivalen gelegen haben, um ihre eigenen neuen territorialen Eroberungen zu festigen. So könnten sie dem Landheer Olegs den Durchmarsch durch bulgarisches Gebiet erlaubt haben. Der rus'ische Angriff geschah in einer Pause zwischen den bulgarisch-byzantinischen Kriegen und traf ein geschwächtes, kriegsmüdes Kaiserreich, das vorläufig zu jedem beliebigen Preis zum Frieden bereit war. So kam es rasch zu einem Waffenstillstand zu selbst für die „Griechen“ schweren Bedingungen, nur damit Oleg um so schneller fortzöge. Dass Oleg tatsächlich sofort abzog, zeigt übrigens seinen Wunsch nach einem geregelten, normalen Handelsverkehr und nicht ausschließlich nach Raub oder gar Eroberungsabsichten. Das Aufhängen des fürstlichen Schildes an den Toren der Stadt muss nämlich nicht unbedingt in dieser Weise interpretiert werden, denn Kacva und Jurganov sehen darin eher ein weit verbreitetes Symbol gegenseitiger Aussöhnung.[xxvi] Die Verwüstungen in der Umgebung Konstantinopels dienten als Abschreckung.

3.1.2. Die Vereinbarung

Es wurde im Sommer 907 also eine für das rus'ische Staatswesen günstige Vereinbarung getroffen. Vertragschließende Seiten waren einerseits Kaiser Leon VI. der Weise, dessen Mitkaiser Konstantinos VII. Porphyrogennetos und Alexander, andererseits der „Groß“fürst Oleg, der allerdings von fünf Gesandten, Karl, Farlof (Olof), Welmud (Wemund), Rulaw (Ulaw) und Stemid (Stenchid) vertreten wurde.[xxvii] Wie man an den Namen unschwer erkennen kann, waren sie allesamt Waräger. Es ist ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass der Titel „Großfürst“ in den Griechenverträgen einen prägnant panegyrischen Inhalt und keinerlei offiziellen Amtscharakter aufweist.[xxviii] Immerhin werden auch die anderen rus'ischen Stammesführer, Fürsten, Bojaren als „Großfürsten“ bezeichnet. Für die spätere Olga jedenfalls, die ja nun als Kiewer Herrscherin schon eher als eine „Großfürstin“ zu bezeichnen wäre, fanden die Byzantiner den (etwas diskriminierenden) Titel archontissa. Oleg gab eine persönliche mündliche eidesstattliche Zusicherung zur Erfüllung der Vertragsbedingungen.

Zu den Vertragsbedingungen gehörten an die Rus'en gezahlte Kontributionen in beachtlicher Höhe. Zwölf Grivnen hatten die Byzantiner je Schiff zu zahlen. Das sind insgesamt 24000 Grivnen. Darüber hinaus sollte Byzanz die Entrichtung des alljährlichen Tributs an die Rus wieder aufnehmen. Es verplichtete sich auch, der Rus Mittel zur Befestigung russischer Städte in nächster Zeit zur Verfügung zu stellen, so genannte Einlagen (uklady). Die Städte Kiew, Tschernigow, Perejaslawl, Polozk, Rostow und Ljubetsch sollten in den Genuss dieser Leistungen kommen. Schließlich mussten die Byzantiner die rus'ischen Schiffe bei deren Abzug obendrein noch mit Takelage und Marschverpflegung ausrüsten. Im weiteren wurde der Status der rus'ischen Waren und auch der rus'ischen Gesandtschaftsmissionen in Byzanz fixiert. Für den Verlauf von jeweils sechs Monaten konnten die Rus'en von den Griechen Lebensmittel nutzen, zollfrei handeln, sich aber auch in die dortigen Thermen so oft wie gewünscht begeben. Mit der Nutzung der griechischen Lebensmittel war wohl das Monatliche für die Kaufleute gemeint: Brot, Wein, Fleisch und Gemüse. Damit waren sie eindeutig besser gestellt als die Syrer, die immerhin mit der begehrten Seide handelten. Auch die Rus'en hatten sich von nun ab an gewisse Regeln zu halten. Von ihnen durften sich nicht mehr als 50 Personen gleichzeitig in Konstantinopel aufhalten, selbstverständlich ohne Waffen. Überhaupt wurden ihnen von den byzantinischen Behörden nur bestimmte Aufenthaltsorte zugewiesen. Die Stadt durften sie nur durch bestimmte Stadttore im Beisein byzantinischer Beamter betreten.[xxix] Mit alldem wollten sich die Rhomäer wohl vor einem unkontrollierten Überschwemmen durch ausländische Waren schützen. Außerdem werden hierin Bemühungen sichtbar, Aktivitäten von Ausländern in der Hauptstadt generell zu kontrollieren und Zusammenstöße mit der einheimischen Bevölkerung zu vermeiden. Deshalb wohnten die rus'ischen Kaufleute auch im Hafenviertel des heiligen Mamas, außerhalb der Stadtmauern. Besonders durch ungeregelten Waren- und Menschenverkehr konnten Konflikte entstehen, welche auch die Gefahr einer neuerlichen militärischen Aktion seitens der Rus' in sich bargen. Dem Vertrag fügte man ein Protokoll über die mündliche Verpflichtung des Fürsten Oleg zu, dem Byzantinischen Reich militärische Hilfe zu erweisen. Auch diese Erklärung des Fürsten wurde mit dessen Eid bekräftigt.

[...]


[i] Klaus Steinke, Rezension zu: Jana Malingoudi, Die russisch-byzantinischen Verträge des 10. Jahrhunderts aus diplomatischer Sicht, Thessaloniki 1994, in: Südostforschungen, Bd. 54, hrsg.v. Edgar Hösch u. Karl Nehring, München 1995, S. 525.

[ii] Valentin Gitermann, Geschichte Russlands, Bd.1, Frankfurt a.M. 1987, S. 332.

[iii] Vladimir Pašuto, Vnešnjaja politika Rusi, Moskva 1968, S. 58 u. 92.

[iv] Denis A. Zakythinos, Byzantinische Geschichte 324-1071, Wien, Köln u. Graz 1979, S. 122.

[v] Erich Donnert, Das Kiewer Russland. Kultur und Geistesleben vom 9. bis zum beginnenden 13. Jahrhundert, Leipzig, Jena u. Berlin 1983, S. 32.; Erich Donnert, Das russische Zarenreich. Aufstieg und Untergang einer Weltmacht, München u. Leipzig 1992, S. 27 f.

[vi] Athanasios Markopoulos, La vie de Saint Georges d'Amastris et Photius, in: Jahrbücher der österreichischen Byzantinistik, Bd. 28, hrsg.v. Herbert Hunger, Wien 1979, S. 82.

[vii] Pašuto, S. 57.

[viii] Annales Bertiniani, in: Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe, Bd. VI, hrsg.v. Rudolf Buchner, Berlin o.J., S. 44.

[ix] Die Altrussische Nestorchronik. Povest' vremennych let, hrsg.v. Reinhold Trautmann, Leipzig 1931, S. 12.; Die Nestor-Chronik, eingef. u. komm. v. Dmitrij Tschiževskij, Wiesbaden 1969, S. 20.

Der nordische Einfluss wird auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen für etwa hundert Jahre bedeutend bleiben. Wie oben angedeutet, stellten die Waräger bei der Staatswerdung der Rus einen wichtigen Faktor dar.

[x] Zakythinos, S. 123.

[xi] Vil'jam V. Pochlëbkin, Vnešnjaja politika Drevnej Rusi, Rossii i SSSR za 1000 let v imenach, datach i faktach IX-XX vv., vyp. 2: vojny i mirnye dogovory, Moskva 1995, S. 27 f.

[xii] Ebenda, 28.

[xiii] Zakythinos, S. 123.

[xiv] Donnert, Zarenreich, S. 29.

[xv] Pašuto, S. 59 u. 92.

[xvi] Pochlëbkin, S. 28 f.

[xvii] Günther Stökl, Russische Geschichte. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, 5. Aufl., Stuttgart 1990, S. 37.

[xviii] Altrussische Nestorchronik, S. 12.; Nestor-Chronik, S. 20.

[xix] Altrussische Nestorchronik, S. 13.; Nestor-Chronik, S. 22.; Pochlëbkin, S. 27 u. 29.; Gitermann, S. 39.

[xx] Hartmut Rüss, Das Reich von Kiev, in: Handbuch der Geschichte Russlands, Bd. 1: Von der Kiever Reichsteilung bis zum Moskauer Zartum, 1. HBd., Stuttgart 1981, S. 284.; Altrussische Nestorchronik, S. 14.; Nestor-Chronik, S. 25.

[xxi] Pochlëbkin, S. 39.; Altrussische Nestorchronik, S. 14.; Nestor-Chronik, S. 25.

[xxii] Altrussische Nestorchronik, S. 20 ff.; Nestor-Chronik, S. 33 ff.

[xxiii] Burkhard Malich, Der russisch-byzantinische Vertrag von 911, in: Gesellschaft und Kultur Russlands im frühen Mittelalter, hrsg.v. Erich Donnert, Halle 1981, S. 121 f.

[xxiv] Pašuto, S. 60 u. 92.

[xxv] Altrussische Nestorchronik, S. 17.; Nestor-Chronik, S. 29.

[xxvi] Leonid A. Kacva, Andrej L. Jurganov, Istorija Rossii VII - XV vv. Ėksperimental'ny učebnik, Moskva 1993, S. 30.

[xxvii] Altrussische Nestorchronik, S. 17 f.; Nestor-Chronik, S. 30.

[xxviii] Rüss, S. 288.

[xxix] Altrussische Nestorchronik, S. 17 f.; Nestor-Chronik, S. 29 f.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Die byzantinisch-russischen Verträge aus dem 9. und 10. Jahrhundert
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Die Herausbildung selbstständiger Staaten auf dem Balkan im 10. Jahrhundert
Note
sehr gut
Autor
Jahr
1997
Seiten
30
Katalognummer
V14632
ISBN (eBook)
9783638199803
ISBN (Buch)
9783640160945
Dateigröße
618 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verträge, Jahrhundert, Herausbildung, Staaten, Balkan, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Harms Mentzel (Autor), 1997, Die byzantinisch-russischen Verträge aus dem 9. und 10. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14632

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