Im Internet lassen sich derweil zu jedem erdenklichen Thema Foren finden, welche Menschen aus aller Welt Diskussions-Plattformen bieten. Vor dem Hintergrund der Wissensgesellschaft sind solche Internetforen insofern besonders interessant, da hier Dienstleistungen in Form von Hilfestellungen und Lösungsstrategien angeboten werden, also Wissen verteilt wird, und zwar ohne dass konkrete Gegenleistungen eingefordert werden.
Auf Basis der Theorie der Virtuellen Gruppen und unter Rückgriff auf Luhmanns Kommunikationsbegriff werden nun in dieser Arbeit Internetforen als eine spezielle Form der Vergemeinschaftungsprozesse im Internet betrachtet. Dabei sollen diese als spezifisches Medium im Kommunikationsraum Internet begriffen werden, denn sie stellen aufgrund der Gebundenheit an technische Gegebenheiten einen spezifischen konstitutionellen Rahmen für Kommunikationen dar. Ein Internetforum hat demnach eine bestimmte Form und wird erst durch die dort stattfindenden Kommunikationen selbst konstituiert. Art und Form der Vergemeinschaftung werden also durch spezifische Kommunikationsformen geprägt. Daraus ergibt sich nun die Frage: Warum finden dort solche Kommunikationen statt?
Dieser Frage soll hier nachgegangen werden. Ziel ist es mithilfe offener problemzentrierter Interviews mit Nutzern von Internetforen Motivationen, in einem solchen Forum kommunikativ aktiv zu werden, zu eruieren. Diese Motivationen und die Art und Weise des Umgangs mit dem Medium selbst dient anschließend dazu Typen der Nutzung von Internetforen zu bilden und darzustellen. Damit soll die Untersuchung einen Beitrag leisten das Internetforum und die damit verbundenen Vergesellschaftungsprozesse an sich soziologisch erfassen zu können.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Problemstellung
2.1 Forschungsstand
2.2 Begriffsbestimmung
2.2.1 Internet-Forum
2.2.2 Kommunikation
2.2.3 Dienstleistung
3 Vorgehen der Arbeit
4 Das Internet: Dimensionen eines Kommunikationsraumes
4.1 Das Internet als Kommunikationsraum
4.2 Das Internet als Handlungsraum
4.3 Das Internet als virtueller Raum
4.4 Zusammenfassung: Die Problemdimensionen des Internets
5 Identität im Internet
5.1 Anerkennung als motivationale Grundlage der Vergemeinschaftung
5.2 Prosoziales Verhalten
6 Vergemeinschaftung im Internet: Virtuelle Gruppen
6.1 Die Bedingungen virtueller Gruppenbildung
6.1.1 Identität im anonymisierten Raum
6.1.2 Der emotionale Charakter der Kommunikationen
6.1.3 Vertrauen als Basis der Stabilisierung von virtuellen Gruppen
6.1.4 Zusammenfassung der Bedingungen virtueller Gruppenbildung
6.2 Kritik der Theorien Virtueller Vergemeinschaftung
6.3 Zusammenfassung der Forschungshypothesen
7 Methode
7.1 Forschungsdesign des problemzentrierten Interviews
7.2 Der Leitfaden
7.3 Stichprobe
7.4 Durchführung der Interviews
7.5 Auswertung
8 Ergebnisse
8.1 Fall 1
8.2 Fall 2
8.3 Fall 3
8.4 Fall 4
8.5 Kernkategorien
8.6 Typenbildung
8.7 Charakterisierung der Idealtypen
9 Diskussion der Ergebnisse
9.1 Beschreibungen des Untersuchungsgegenstandes
9.2 Schlussfolgerungen hinsichtlich der Ausgangsfrage
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die motivationalen Grundlagen, die Internet-Nutzer dazu veranlassen, in Internet-Foren aktiv Wissen bereitzustellen und anderen bei Problemen zu helfen. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf die Bedingungen, unter denen solche freiwilligen Dienstleistungen in einem technisch vermittelten Kommunikationsraum entstehen.
- Strukturelle Bedingungen der Kommunikation in Internet-Foren (CMC)
- Identitätskonstruktion und Authentizität im virtuellen Raum
- Theorien der Vergemeinschaftung und soziale Anerkennung
- Motivationale Faktoren für prosoziales Verhalten und Wissensaustausch
- Typenbildung der Nutzeraktivität anhand qualitativer Interviews
Auszug aus dem Buch
1 Einleitung
Durch die in den letzten Jahren exponentiell ansteigende Entwicklung neuer Kommunikationstechnologien, beispielsweise der drahtlosen Vernetzung mobiler Telefone, Digitalisierung der Fernsprechnetze, die Entwicklung neuer Medien im Internet und der digitalen Verbraucherelektronik, ist es möglich geworden jederzeit mit anderen Menschen zu kommunizieren, wobei irrelevant ist wo sich die Gesprächspartner befinden. Das Internet stellt heute aufgrund der weiten Verbreitung von Personalcomputern und anderen technischen Zugangsmöglichkeiten ein globales, dezentrales, technisch gebundenes Kommunikationsnetzwerk dar. Es ist eine Plattform für verschiedenste mediale Kommunikationsmöglichkeiten, also der kommunikativen Verbindung von Menschen über Orts-, Zeit-, Sprach- und Kulturgrenzen hinweg. Dabei ist hervorzuheben, dass das Internet nicht mehr wie das Telefon nur eine direkte Verbindung zweier Menschen zulässt, sondern die Verbindungsgrenzen offen sind, das heißt als mögliche Adressaten von mittelbaren Kommunikationen kann jeder Nutzer dieser Kommunikationstechnologien potentiell gelten.
Es ist also möglich im Internet bereitgestellte Inhalte Internet-Nutzern der ganzen Welt zu präsentieren und sich mit ihnen mittelbar kommunikativ zu verbinden. Daher lässt sich zusammenfassen: „Ein rasant expandierendes System von Netzen, die in ihrer Gesamtheit als Internet bezeichnet werden, verbindet Millionen von Menschen in neuen Räumen, die unsere Denkweise, den Charakter unserer Sexualität, die Form der Gemeinschaftsbildung, ja unsere Identität selbst verändern“ (Turkle 1998: 9).
Mit der explosionsartigen Verbreitung des Internets in der 90er Jahren stiegen die Möglichkeiten der weltweiten Vernetzung stark an. Damit war es immer mehr Menschen möglich eigenes Wissen im Internet anzubieten beziehungsweise zu verbreiten und dafür auch quasi im Tausch das bereitgestellte Wissen der anderen Nutzer zu erreichen. Dass diese Möglichkeiten tatsächlich genutzt werden, ist an der sprunghaften Entwicklung des sogenannten ‚web 2.0’ zu erkennen (vgl. Alby 2007). Der Begriff ‚web 2.0’ steht dabei vor allem für ‚user generated content’, also der Bereitstellung von Inhalten durch die Nutzer selbst. Diese Selbstorganisation der Form und Inhalte des aus dessen Selbstverständnis heraus sogenannten ‚neuen’ Internets soll der Internet-Gemeinschaft selbst dienen und damit der Vereinnahmung des Internets in das Wirtschaftssystem unter kommerzieller Nutzung, etwa als virtueller Marktplatz von Waren und Dienstleistungen, entgegenwirken.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die technologische Entwicklung des Internets und die wachsende Bedeutung von User-Generated-Content als Basis für neue Formen der Vergesellschaftung.
2 Problemstellung: Definition des Internet-Forums als spezifischer Kommunikationsraum und Formulierung der Forschungsfrage zur Motivation der Wissensweitergabe.
3 Vorgehen der Arbeit: Erläuterung des qualitativen Forschungsansatzes zur Untersuchung von Handlungsintentionen in Internet-Foren.
4 Das Internet: Dimensionen eines Kommunikationsraumes: Theoretische Auseinandersetzung mit den strukturellen Bedingungen (CMC) sowie dem Internet als Kommunikations-, Handlungs- und virtueller Raum.
5 Identität im Internet: Analyse der identitätstheoretischen Grundlagen, einschließlich Anerkennungstheorie und Altruismusforschung, im Kontext virtueller Umgebungen.
6 Vergemeinschaftung im Internet: Virtuelle Gruppen: Diskussion soziologischer Ansätze zur virtuellen Gruppenbildung, deren Bedingungen sowie eine kritische Auseinandersetzung mit bestehenden Theorien.
7 Methode: Detaillierte Darstellung des Forschungsdesigns des problemzentrierten Interviews, des Leitfadens und der Stichprobenauswahl.
8 Ergebnisse: Präsentation und Auswertung der empirischen Daten sowie Identifikation von Kernkategorien und Bildung von Idealtypen.
9 Diskussion der Ergebnisse: Zusammenführung der empirischen Befunde mit den theoretischen Überlegungen und Schlussfolgerungen bezüglich der Ausgangsfrage.
Schlüsselwörter
Internet-Forum, Vergemeinschaftung, Computer mediatisierte Kommunikation, CMC, Identität, Anerkennung, Altruismus, Virtuelle Gruppen, Qualitative Sozialforschung, Problemzentriertes Interview, Typenbildung, Wissensaustausch, Soziale Netzwerke, User Generated Content, Community.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Magisterarbeit untersucht die soziologischen und motivationalen Grundlagen für das freiwillige Erbringen von Dienstleistungen – wie Hilfestellungen und Wissensweitergabe – in Internet-Foren.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit verknüpft Theorien der computervermittelten Kommunikation (CMC), Identitätstheorien (nach Mead und Turkle), Anerkennungstheorien (nach Honneth) und Ansätze zur Vergemeinschaftung im Internet.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die zentrale Frage lautet: „Aus welchen Motivationen heraus schreiben Mitglieder eines Internet-Forums eigene Beiträge in dasselbe?“
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt das problemzentrierte Interview nach Andreas Witzel, um durch qualitative Erhebung und Auswertung Idealtypen der Nutzeraktivität zu konstruieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung des Kommunikationsraums Internet und virtuelle Gruppen sowie einen empirischen Teil, der durch die Auswertung von Experteninterviews Typen wie „Persönlichkeitsgestaltung“ oder „Informelles Netzwerk“ entwickelt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den Kernbegriffen gehören neben dem Internet-Forum vor allem Begriffe wie Identität, Anerkennung, Altruismus und die soziologische Beschreibung virtueller Gruppen.
Was unterscheidet das „Schwarze Jena“ Forum von anderen Internet-Foren?
Im Unterschied zu rein anonymen Foren pflegen die Mitglieder hier teilweise persönliche Kontakte außerhalb des Internets, was die soziale Struktur des Forums und die Verbindlichkeit der Interaktionen beeinflusst.
Wie gehen die Nutzer mit dem Authentizitätsproblem um?
Die Nutzer verwenden häufig ihre echten Namen oder langjährig geführte Nutzernamen als identitätsstiftendes Element, um die Glaubwürdigkeit ihrer Beiträge zu erhöhen und sich als verlässliche Akteure im Kommunikationsprozess zu etablieren.
- Quote paper
- Mirco Hähnel (Author), 2008, Motivationale Grundlagen für die Erbringung von Dienstleistungen in Internetforen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146508