Darstellung der Figuren in Arthur Schnitzlers Reigen vor dem gesellschaftlichen Hintergrund des Fin de Siècle


Seminararbeit, 2009
19 Seiten

Leseprobe

Inhaltsangabe:

1. Einleitung

2. Zeithistorischer Hintergrund
2.1. Literaturhistorische Einordnung
2.2. Das “Junge Wien”
2.3. Die Sexualmoral

3. Aufbau
3.1. Aufbau des Reigen
3.2. Aufbau der Dialoge
3.3. Verknüpfung der Dialoge

4. Zeitaspekt

5. Raumaspekt

6. Charaktere

7. Sprache als Spiegel des Gesellschaftsstandes

8. Zusammenfassung

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Arthur Schnitzlers Reigen entstand 1896/97 zu Zeiten der Décadence und setzt sich mit der herrschenden Ungleichheit zwischen den Geschlechtern auseinander und beschreibt die verschiedenen Gesellschaftsschichten.

Anhand der Figuren und ihren Verhaltensweisen, wie auch Moraleinstellungen, wird die Doppelmoral in der Wiener Moderne porträtiert. Der Unterschied zwischen Schein und Sein wird eindringlich aufgezeigt und durch die Selbstinszenierung der Figuren und der Darstellung des weiblichen und männlichen Geschlechts liest sich der Reigen wie ein Querschnitt durch die damalige Gesellschaft und ihre Widersprüche. Im Folgenden möchte ich gerne die Doppelmoral der Wiener Gesellschaft anhand des Reigens darlegen und untersuchen, wie Arthur Schnitzler dieses Vorhaben in Schrift und Wort realisiert hat.

2. Zeithistorischer Hintergrund

Im Jahre 1848 beginnt in Wien mit dem Amtsantritt des Kaisers Joseph I eine Ära der Liberalisierung und Modernisierung. Vor allem die Industrialisierung, welche ohne Zweifel als die radikalste Veränderung bezeichnet werden kann, bringt Neuerungen. Die Hauptstadt des Österreichisch- Ungarischen Reiches, Wien, erlebt einen immensen Zuwandererstrom aus allen Teilen des Landes und entwickelt sich in kurzer Zeit zu einer modernen Stadt mit mehr als zwei Millionen Bewohnern. Der Zuwachs hat sowohl positive, als auch negative Auswirkungen. Einerseits entsteht durch den Bevölkerungsanstieg ein Reichtum an ethnischen, religiösen und sprachlichen Aspekten, aber andererseits sorgt jener Zuwachs an Stadtbewohnern für ein neues Problem, denn die Wohnsituation wird immer fataler.

Auch die Juden gliedern sich in die neue Wiener Gesellschaft ein, unter ihnen auch Arthur Schnitzlers Familie.

Es entwickelt sich eine Liberalisierung, die jedoch nur bis kurz vor Ende des Jahrhunderts andauert und durch die Konflikte verschiedener, unter anderem antisemitischer politischen Bewegungen, beendet wird.

Eine wichtige Bewegung ist die Frauenbewegung. Frauen dürfen nun in Fabriken arbeiten, wenn auch zu einem weitaus geringeren Lohn als Männer, doch trotzdessen ist es eine Befreiung und der erste Schritt zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit des weiblichen Geschlechts.

Von dieser Entwicklung profitieren jedoch nur die Frauen der Unterschicht, die Frauen des Bürgertums sind vom Fortschritt ausgeschlossen. Sie dürfen nicht arbeiten, und die einzige legitime Aufgabe und Bestimmung der bürgerlichen Frau liegt nach wie vor in der ehelichen Institution.

Denn gerade diese Emanzipation der Frauen aus der Unterschicht, führt zur Verunsicherung der Männer im Bürgertum und verstärkt ihr Beharren auf die klassische Rolle der Frau.

2.1. Literaturhistorische Einordnung

Im Winter 1896/97 entsteht der „Reigen“ und Arthur Schnitzler, der sonst teilweise Jahre braucht, um mit einem Werk fertig zu werden oder sich zur Publikation durchzuringen, scheint das Werk geradezu „nebenher“ geschrieben zu haben und verspricht sich auch dementsprechend keinen durchschlagenden Erfolg vom „Reigen“. Dies äußert er auch in einem Brief an seine Freundin Olga Waissnix am 26. Februar 1897:

Geschrieben habe ich den ganzen Winter über nichts, als eine Scenenreihe, die vollkommen undruckbar ist, literarisch nicht viel heißt, aber, nach ein paar hundert Jahren ausgegraben, einen Theil unsrer Cultur eigentümlich beleuchten würde.[1]

Arthur Schnitzler traut seinem so dahin geschriebenen Werk wohl doch etwas zu, auch wenn er sich mit dem Zeitpunkt, in ein paar hundert Jahren, vertat. Denn kurz nach der ersten Veröffentlichung, in Form eines Buches, erregen sich die Gemüter und seine Szenenfolge wird als pornografisches Machwerk betitelt und verteufelt. Die konstante Wiederholung des Geschlechtsaktes, wenn auch nur angedeutet, sei der offensichtliche Offenbarungseid einer jüdisch inspirierten Dekadenzliteratur deren sexuelle Überreizung eine Gefahr für das Volksempfinden darstelle.[2]

Doch mittlerweile spricht der literaturwissenschaftliche Kanon von einem wichtigen Werk der Moderne und von einem wichtigen Thema, der Geschlechtlichkeit als Basis von Existenz.

Ich erleb jetzt eine sonderbare Zeit: mein inneres Leben macht aus Menschen, Empfindungen, Gedanken und Büchern eine wirre Einheit, die Wurzeln all dieser Dinge wachsen durcheinander wie bei Moos und Pilzen und man spürt auf einmal, dass die Scheidung von Geist und Sinnen, Geist und Herz, Denken und Tuen eine äußerliche und willkürliche ist. panta rhei [griech. Für „alles fließt“].[3]

Diese Zeilen von Hugo von Hofmannsthal an Leopold von Andrian im Februar 1894 beschreiben treffend das Empfinden, beziehungsweise die Zerissenheit, der literarischen und künstlerischen Gesellschaft zu jener Zeit.

Diese Unsicherheit spiegelt sich nicht nur in der Literatur wider, sondern auch die Philosophie, Kunst und Psychologie sind betroffen und gehen kritisch mit der Modernisierung um.

Die Bewegung der „Moderne“ beginnt in Deutschland, um genau zu sein, in Berlin und München in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Erst am Ende der achtziger Jahre erreicht der Zeitgeist der „Moderne“ auch Österreich und nimmt einen anderen Verlauf als im Nachbarland.

Wo in Deutschland der Naturalismus die Literatur bestimmt, sind die Literaten in Österreich schon einen Schritt weiter und verstehen sich als die „Generation nach dem Naturalismus“.[4]

Hermann Bahr ist der Literaturkritiker und Richtungsweiser dieser Zeit und fordert die Abkehr von der sozialen Außenwelt hin zur Innenwelt. Was nicht heißt, dass die Außenwelt zu vernachlässigen ist, sie wird anhand der inneren psychischen Welt erklärt und problematisiert und fand so ihren Platz.

Die Menschen sind zu dieser revolutionären Zeit begeistert von den Errungenschaften und Aussichten, die ihnen die Technik und die Industrialisierung bietet. Jedoch werden ebendiese Grenzen, der vorher genannten Urbanisierung und Mechanisierung mit allen damit verknüpften Schwierigkeiten, intensiv empfunden und je weiter die Modernisierung des Weltbildes vorangeht, umso mehr äußern sich die Bedürfnisse nach Irrationalem. Themen, wie zum Beispiel Heilsideologien, haben Hochkonjunktur. Die gewohnte Denkwelt der Literaten bricht zusammen und es scheint einleuchtend, gerade aus dieser Präsenz der Gegensätze von fortschrittlich und reaktionär, von freiheitlich und bewahrend, die besondere geistige und kreative Atmosphäre abzuleiten, die das Besondere dieser Epoche erschafft.

Es gibt Stimmen, die meinen, die Moderne bestehe in, beziehungsweise

aus der Konzentration, von grundlegenden Gegensätzen. Friedensordnung für eine Welt von morgen steht neben nutzlosem Zerstörungswahn, Emanzipation (von Frauen, Randgruppen, Minderheiten) wurde durch maßlose Unterdrückungsmechanismen bekämpft.

All dies wird begleitet von einer allgemeinen Sehnsucht nach Harmonie,

nach Aufhebung der Gegensätze, nach dem Lösungsweg aller Fragen.

Die Moderne an sich will nicht nur als Kehrseite zu den bisherigen Trends

und Stilrichtungen angesehen, sondern sie wollte als zukunftorientiertes

Prinzip akzeptiert werden.

Ein wesentliches Kriterium der Wiener Moderne ist wohl ihr Hang zur Subjektivität.

Prägende Einflüsse kommen aus Deutschland. Friedrich Nietzsche und

Richard Wagner spielen eine wichtige Rolle, aber auch die kulturelle Szene in

Paris oder Rom hat ihre Auswirkungen

auf Wien. Der Literat und Essayist Hermann Bahr funktioniert fast wie eine Schaltstelle. Er schildert in Wien, was anderswo

gedacht und geschrieben wurde. Für den Philosophen Wittgenstein ist es die Denkschule von Cambridge, die seine Arbeit entscheidend beeinflusst. Ergo sollte man die Epoche Wiener Moderne im Hinblick auf die externen Einflüsse und präsenten politischen und sozialen Probleme betrachten. Auch die Wirkungen der Wiener Moderne nach außen ist durchaus bedeutsam. Abgesehen von dem Palais Stoclet in Brüssel, ein Gesamtkunstwerk des großen Josef Hoffmann (1870–1956) dirigiert Gustav Mahler in vielen großen Städten Europas und Amerikas.

Wien wiederum wird zum Zentrum der literarischen Décadence. Als Merkmale dieser Epoche sind vor allem Verfalls- und Untergangsmotive, eine ansteigende Sensibilsierung auf Kosten der vitalen, aktiven und willensmäßigen Kräfte und ein Hang zum Künstlichen zu nennen.

Sowohl der Psychologe und Arzt Sigmund Freud, der an der Wiener Universität arbeitet, als auch der Physiker und Philosoph Ernst Mach beeinflussen die Literaten, unter anderem durch die Veröffentlichung des Werkes „Die Analyse der Empfindungen“ Machs, die den Menschen zum willenlosen Opfer seiner Triebe einerseits und zum Spielball seiner stetig wechselnden Emotionen und Eindrücke andererseits macht, als auch durch sein Werk des „Unrettbaren Ichs“, in welchem er die Grenze zwischen Sein und Schein aufhebt.

In Machs These steht das „unrettbare Ich“ im Vordergrund, und die daraus resultierende Subjektivität aller Erkenntnisse und die Erfahrung der Unbeständigkeit und Vergänglichkeit.

Diese Problemstellung war bei fast allen Literaten der Jung Wiener ein Thema, es heißt in einem Tagebucheintrag von Hugo von Hofmannsthal:

Wir haben kein Bewusstsein über den Augenblick hinaus, weil jede unsre Seelen nur einen Augenblick lebt. Das Gedächtnis gehört nur dem Körper: er reproduziert scheinbar das Vergangene, d.h. er erzeugt ein ähnlich Neues in der Stimmung: Mein Ich von gestern geht mich genauso wenig an wie das Ich Napoleons oder Goethes.[5]

Die psychologische Forschung hält Einzug in die literarischen Themen, dies führt dazu, dass das „Ich“ im Mittelpunkt des „Jungen Wien“ steht und der Fokus auf die eigene innere Sinneswelt gerichtet ist. Man entscheidet sich gegen die unsichere Politik und Gesellschaft, aber für die Seele und konzentriert sich so auf das Menschliche und Individuelle.

[...]


[1] Lindgren, Iréne: „Seh´n Sie, das Berühmtwerden ist doch nicht so leicht!“ Arthur Schnitzler über sein literarisches Schaffen. S. 184.

[2] Sprengel, Peter: Reigen. Zehn Dialoge. Die ungeschriebenen Regeln der Liebe. S. 102.

[3] Hugo von Hofmannsthal und Leopold von Andrian. Briefwechsel. Walter H. Perl. S.21.

[4] Rieckmann, Jens. Aufbruch in die Moderne, S.9.

[5] Rieckmann, Jens: Aufbruch in die Moderne. S. 104.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Darstellung der Figuren in Arthur Schnitzlers Reigen vor dem gesellschaftlichen Hintergrund des Fin de Siècle
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Neuere Deutsche Literatur)
Veranstaltung
SE Frauenfiguren in der Literatur der Wiener Moderne
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V146599
ISBN (eBook)
9783640575541
ISBN (Buch)
9783640575725
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Darstellung, Figuren, Arthur, Schnitzlers, Reigen, Hintergrund, Siècle
Arbeit zitieren
Inga Wellach (Autor), 2009, Darstellung der Figuren in Arthur Schnitzlers Reigen vor dem gesellschaftlichen Hintergrund des Fin de Siècle, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146599

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