In dieser Arbeit werden die Figuren des Zauberers Cipolla von Thomas Mann und dem Psychiater Leopold Jordan von Ingeborg Bachmann anhand eines Textvergleichs charakterisiert. Das Ziel dieser Arbeit ist es, die autoritären und faschistischen Charakterzüge beider Figuren herauszuarbeiten und Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede ihres Verhaltens festzustellen. Die These ist also, dass man bei beiden Figuren von einem autoritären Charakter ausgehen kann. Als Leitfaden und theoretischer Hintergrund dient die Studie von Theodor W. Adorno The Authoritarian Personality. Dabei ist es nicht Zweck dieser Arbeit, eine strenge, psychologisch korrekte Anwendung dieser Merkmale oder der F-Skala anzustellen. Sie dienen lediglich als Hilfestellung, um die autoritären Charakteristika der Figuren herauszuarbeiten. Dabei kommt es der Arbeit zugute, dass sowohl Adornos Studie als auch die beiden Erzählungen die Zeit des Faschismus in Europa als Hintergrund haben.
Die Charakterisierung und Interpretation der Figuren erfolgt eigenständig anhand der im zweiten Abschnitt erläuterten Merkmale von Adorno. Dazu werden mithilfe von Sekundärliteratur kurz erzähltheoretische Grundlagen dargestellt. Ebenfalls diente die Sekundärliteratur als Lektürehilfe und zur Ergänzung der eigenen Interpretationen.
Thomas Mann und Ingeborg Bachmann haben beide die Zeit des Faschismus bewusst miterlebt und setzen sich in ihren Werken mit den Schrecken des Totalitarismus auseinander. Die Erzählung Mario und der Zauberer liefert uns viele Aspekte über das Leben in einer faschistischen Gesellschaft und den Phänomenen der Massenpsychologie im Kontext des italienischen Faschismus und in der Zeit vor dem NS-Staates. Das Werk von Ingeborg Bachmann stellt dagegen die zwischenmenschlichen Beziehungen, insbesondere zwischen Mann und Frau, als der nachfolgende, private Wirkungsort des Faschismus in der Nachkriegszeit.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Adornos Studien zum autoritären Charakter
3. Thomas Mann: Mario und der Zauberer
3.1 Erzählstruktur und Inhalt
3.2 Charakterisierung des Zauberers Cipolla
4. Ingeborg Bachmann: Das Buch Franza
4.1 Erzählstruktur und Inhalt
4.2 Charakterisierung des Psychiaters Leopold Jordan
5. Schlussfolgerung: Vergleich der Figuren unter dem Aspekt autoritärer und faschistischer Charakterzüge
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, die autoritären und faschistischen Charakterzüge der Protagonisten Cipolla aus Thomas Manns Erzählung Mario und der Zauberer sowie Leopold Jordan aus Ingeborg Bachmanns Roman Das Buch Franza zu analysieren und Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede in ihrem Verhalten aufzuzeigen.
- Analyse autoritärer Persönlichkeitsstrukturen basierend auf Theodor W. Adornos "F-Skala".
- Untersuchung der psychologischen Mechanismen von Machtdenken und Unterwerfung in literarischen Werken.
- Vergleichende Interpretation der Figuren Cipolla und Leopold Jordan im Kontext totalitärer Tendenzen.
- Untersuchung der Auswirkungen von Machtausübung auf die soziale Umwelt der Charaktere.
- Erforschung der Verschränkung von privatem Leben und faschistoiden Verhaltensweisen.
Auszug aus dem Buch
3.2 Charakterisierung des Zauberers Cipolla
In diesem Abschnitt werden die autoritären und faschistischen Charakteristika von Cipolla anhand der Merkmale von Adorno herausgearbeitet. Schon die erste Aussage über Cipolla, »[e]r ließ auf sich warten« (S. 810), zeigt schon eine »Kraftmeierei« in seinem Verhalten. Er lässt das Publikum auf sich warten und tritt dann mit »Geschwindschritt« (S. 811) in das Rampenlicht. Ebenso vermittelt er den Eindruck »schon eine Strecke zurückgelegt« (S. 811) zu haben und täuscht damit falsche Tatsachen vor, denn er stand schon in der Kulisse. Cipolla wird als »keineswegs mehr jung« (S. 816) und mit »scharfem, zerrüttetem Gesicht« (S. 811) beschrieben. Damit kann man davon ausgehen, dass Cipolla eher weniger gute physische Verfassung hat. Seine Kleidung wird als »sonderbar« (S. 812) und er als »Typus der Scharlatans« (S. 811) bezeichnet. Die Gestik und Mimik war von »strenge[r] Ernsthaftigkeit, Ablehnung alles Humoristischen, ein gelegentlich übellauniger Stolz« (S. 812) und strahlt damit schon eine übertriebene Darstellung der eigenen Stärke und Bedeutung aus. Die »Selbstgefälligkeit des Krüppels« (S. 812) besteht damit wohl in der Überzeugung einer nicht vorhandenen Robustheit, wie auch die »Raschheit seiner Schritte« (S. 812) reine »Kraftmeierei« zeigen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der autoritären Persönlichkeitsstrukturen bei Thomas Mann und Ingeborg Bachmann ein und definiert das Ziel des Textvergleichs auf Basis von Adornos Studien.
2. Adornos Studien zum autoritären Charakter: Dieses Kapitel erläutert die von Theodor W. Adorno entwickelten Merkmale des autoritären Charakters, insbesondere in Bezug auf die sogenannte F-Skala.
3. Thomas Mann: Mario und der Zauberer: Hier wird der inhaltliche Rahmen sowie die psychologische Beschaffenheit der Figur des Cipolla detailliert untersucht.
4. Ingeborg Bachmann: Das Buch Franza: Dieses Kapitel analysiert die Dynamik zwischen Franza und Leopold Jordan und beleuchtet Jordans verdeckte autoritäre Züge.
5. Schlussfolgerung: Vergleich der Figuren unter dem Aspekt autoritärer und faschistischer Charakterzüge: Das Fazit stellt die Protagonisten gegenüber und arbeitet die methodischen Übereinstimmungen sowie die je nach Wirkungsort unterschiedlichen Ausprägungen ihres Verhaltens heraus.
Schlüsselwörter
Autoritärer Charakter, Faschismus, Machtdenken, Unterwerfung, Kraftmeierei, Massenpsychologie, F-Skala, Thomas Mann, Ingeborg Bachmann, Cipolla, Leopold Jordan, psychologische Manipulation, Konventionalismus, Totalitarismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Darstellung und psychologische Strukturierung von autoritären bzw. faschistischen Persönlichkeiten in den Werken von Thomas Mann und Ingeborg Bachmann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Machtverhältnisse, das Konzept des autoritären Charakters nach Adorno und die psychologische Durchleuchtung der Romanfiguren Cipolla und Jordan.
Welches Ziel verfolgt die Analyse?
Das Ziel ist es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede im autoritären Gebaren der genannten Figuren herauszuarbeiten und ihre psychologischen Profile zu klassifizieren.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin/der Autor wendet einen komparativen Textvergleich an, wobei die Kriterien der F-Skala nach Adorno als theoretische Folie dienen.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Charakterisierung der beiden Protagonisten, unterteilt in deren Erzählstruktur, psychische Merkmale und soziales Auftreten.
Durch welche Schlüsselbegriffe ist die Arbeit definiert?
Die Arbeit lässt sich primär über die Schlagworte Autoritarismus, Faschismus, Machtpsychologie und literarische Figurencharakterisierung definieren.
Wie unterscheidet sich Cipollas Machtausübung nach außen von der Jordans?
Cipolla agiert offen autoritär und aggressiv als Unterhaltungskünstler vor einem Publikum, während Jordan seine autoritären Züge subtiler innerhalb seiner privaten Ehebeziehung und durch sozialen Status auslebt.
Welche Rolle spielt die "Kraftmeierei" bei beiden Charakteren?
Beide Figuren nutzen eine Form von "Kraftmeierei", um ihre eigene physische oder psychische Schwäche durch ein übersteigertes Machtgebaren oder die Abwertung anderer Personen zu kompensieren.
- Citation du texte
- Anonym (Auteur), 2021, Die Darstellung des autoritären Charakters bei Thomas Mann und Ingeborg Bachmann in den Werken "Mario und der Zauberer" und "Das Buch Franza", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1465994