Azteken - Eine anthropologische und religionsethnologische Untersuchung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
33 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Problemfindung

2 Herkunft der Azteken
2.1 Wissenschaftliche Recherche
2.2 Mythologie

3 Der Mensch im Aztekenreich
3.1 Soziale Ordnung
3.2 Religion
3.2.1 Mensch- Natur- Götter
3.2.2 Huitzilopochtli und der Krieg
3.2.3 Schicksalhaftigkeit und Jenseitsvorstellungen

4 Gesamteindruck und Schlusswort

5 Quellenverzeichnis

6 Zitatnachweis

1 Problemfindung

Der Mensch ist ein „zweibeiniges Tier ohne Federn“ und „ vernunftbegabt“. Er ist „Ebenbild Gottes“, auch ein „kleiner Gott“. Das menschliche Wesen ist ein „Tier, das sich selbst vervollkommnen kann“, denn es ist „das Wesen, welches will“.

(Quelle: www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/philo/anthro/anthrop3.htm)

Die oberen Aussagen aus verschiedenen Jahrhunderten stammen von Philosophen und Dichtern Europas: Platon, Aristoteles, Augustinus, Leibniz, Kant, Schiller. Auch wenn sie die unterschiedlichsten Epochen europäischer Kultur repräsentieren, haben sie eines gemeinsam: Sie zeigen, dass sich der Mensch seiner Sonderstellung in der Welt bewusst ist. Er beschäftigt sich mit den Fragen des Bewusstseins, denn nur ihm ist es gegeben. Warum? Hat der Mensch eine besondere Aufgabe und deshalb besondere Fähigkeiten? Ist es ihm vorbestimmt, andere Lebewesen zu regieren, wie es in der Bibel steht?

Warum ist der Mensch, wie er ist? Warum ist er überhaupt? Diese Fragen bewegen die Menschen unseres Erdteiles schon lange. Den klassischen Menschenbildern wurden moderne Auffassungen zur Seite gestellt.

Längst ist aus der einfachen Suche nach Antworten eine Wissenschaft geworden- die Anthropologie mit ihrer mehrfachen Unterteilung.

Es werden unterschieden:

- naturwissenschaftliche A. : Abstammungs,- Rassen,- Vererbungslehre, Psychologie und Medizin
- philosophische A. : Untersuchungen zur Existenz des Menschen und seine Beziehung zur Welt
- Kultur- und Sozialanthropologie : Ethnologie (vergleichende Völkerkunde) und Ethnografie (beschreibende Völkerkunde und Feldforschung)

In unseren Überlegungen und Studien beziehen wir uns oft auf die europäische Tradition und die Philosophen Deutschlands. Mein Interesse für die alten Kulturen Amerikas bewegte mich zu erforschen, wie z.B. mesoamerikanische Hochkulturen, wie die Azteken, ihre Welt und sich selbst sahen. Die Suche nach geeignetem Material führte mich zu der Erkenntnis, dass uns die Azteken selbst kaum verwertbares Material hinterlassen haben. Wenige Geistliche und Mexikopioniere haben versucht, bald nach der Eroberung Gebräuche, Kulthandlungen und Mythen von den überlebenden Mexica selbst aufzunehmen. Vor allem Bernardino de Sahagun, Bernal Diaz del Castillo und Fray Diego Duran hinterließen Aufzeichnungen, die ein reales Bild der indianischen Lebensweise und Weltsicht entstehen lassen. Meine Überlegungen stützen sich vor allem auf ihre Berichte und die von ihnen notierten Legenden.

Von den Azteken wird in der heutigen Zeit immer in Zusammenhang mit brutalen Opferzeremonien gesprochen. Auf der einen Seite registriert der Rezipient große Fertigkeiten in der Baukunst, Tempel so groß wie die Cheops- Pyramide, ein durchdachtes Kalenderwesen; andererseits wird von der Schlachtung vieler Opfer berichtet, die nur Unverständnis hervorruft.

Wie entsteht ein solch widersprüchliches Bild von den alten Mexica? Welchen Wert hatte ein Menschenleben für sie? Welches Weltbild/ Götterbild/ Menschenbild leitete sie?

Diese Fragen werde ich versuchen zu beantworten, indem ich auch naturwissenschaftliche sowie kultur- und sozialanthropologische Aspekte einbeziehe.

2 Herkunft der Azteken

2.1 Wissenschaftliche Recherche

Nach einer mehrere hundert Jahre dauernden Wanderung gelangte der letzte von sieben indianischen Stämmen in das Hochtal von Mexiko. Aus Chicomoztoc („Ort der sieben Höhlen“) oder dem legendären Aztlan („Land der Reiher“) - im Nordwesten Mexikos- sollen die Xuchimilca, Chalca, Tepaneca, Culhua, Tlahuica,Tlaxcalteka und endlich um 1111 v.Ch. der Stamm der Mexica/ Chichimeken aufgebrochen sein, um eine neue Heimat zu suchen.

Diese Wanderung wurde durch längere Aufenthalte an verschiedenen Orten unterbrochen. Sie lernten die Hochkultur der bereits im Niedergang begriffenen Tolteken kennen, als sie ab 1163 in der Nähe von Tula siedelten und sich die Kunst des Tempelbaus und der künstlichen Bewässerung absahen oder auch Götter (Huitzilopochtli) übernahmen.

Als gesichert gilt ebenso, dass die Mexica auf ihrer Reise immer wieder in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt waren, die aber größtenteils durch eigenes anmaßendes Verhalten ausgelöst wurden. Als beispielsweise Achitometl, der Herrscher des mächtigen Stadtstaates Colhuacan den Bittstellern der Mexica- Azteken gestattete, in einem Randgebiet zu siedeln, dankten die Neuankömmlinge diese Geste schlecht. Um sich mit dem König zu verbinden, baten sie um seine Tochter, die Priesterin und später auch Königin des Nachbarreiches werden sollte.

Die Azteken führten die Braut in ihre Stadt Tizapan, opferten sie ihrem Gott Huitzilopochtli, häuteten sie, zogen die Haut ihrem Priester über und so bekam sie ihr Vater während eines Besuches zu sehen. Dieser Analogiezauber wurde zur Ursache neuerlicher Flucht, die erst 1325 auf einer Insel im Texcoco- See endete, wo sie ihre Hauptstadt gründeten.

In der Spät- Nachklassischen Periode (1350- 1521) bildeten diese Mexica zusammen mit den oben genannten Stämmen ( Ausnahme: Tlaxcalteca) den Staat der Azteken, der in seiner größten Ausdehnung 1519 vom Pazifischen Ozean bis zum Golf von Mexiko und von der heutigen guatemaltekischen Grenze bis zum Rio Panuco reichte. Er umfasste etwa 200 000 km² und war von 5- 6 Mio. Menschen besiedelt.

Staatszentrum war Tenochtitlan ( Tenoch- legendärer Stammeshäuptling, tetl- „Stein“, auf dem der nochtli- „Feigenkaktus“wuchs ) mit etwa 235 000 Einwohnern. Es war eine Weltstadt, die viele Kulturen in sich aufnahm. Sie war in 80 Einheiten/ Stadtteile gegliedert, in denen zwischen 1500- 2500 Leute eine soziale Einheit/ Wohngemeinschaft (calpulli) bildeten mit Tempel, Markt, Schule und Land. Die Leitung einer Einheit oblag einem gewählten und durch den absoluten Herrscher bestätigten Anführer. Diese calpultin waren die Grundeinheiten der aztekischen Gesellschaft.

Die gesamte Geschichtsschreibung der Azteken liegt heute nur noch bruchstückhaft bzw. als Legende formuliert vor. Um 1430 bereinigte Itzcoatl derart die eigene Historie, dass er alle Bücher, auch nichtaztekische, verbrennen und neue schreiben ließ. Die Geschichte der Herkunft, Wanderschaft und ihre kriegerische Vergangenheit erschienen in neuem Licht und archäologische und anthropologische Forschungen scheinen andere Tatsachen widerzuspiegeln als die stammeseigenen Legenden und ausgewerteten aztekischen Handschriften.

Die Geschichte wurde in den Dienst einer Ideologie gestellt, die dem Volk einen verzerrten Ablauf historischer Ereignisse vorgab. Die Regierenden bogen sich die Vergangenheit zu eigenem Ruhm und Daseinsberechtigung und die anderen Völker akzeptierten die Azteken als das auserwählte Volk, was zurecht zu so unverhoffter Größe gelangt war.

2.2 Mythologie

Ein aztekischer Priester schlief im Schatten eines Baumes. Da erschien ihm im Traum ein Kolibri, und der Kolibri sang:

Tihir, tihir, tihir,

ziehen wir jetzt fort von hier!

Der Priester erwachte und sprach zu den Angehörigen seines Stammes:

„Im Traum ist mir ein Kolibri erschienen. Er sagte mir, daß wir eine weite Reise antreten müssen."

Die Indianer gehorchten dem Priester, denn er war ihr Oberhaupt. Sie löschten die Feuer und machten sich auf die Wanderung. Sie nahmen das Bildnis ihres Gottes mit, sie trugen ihre Kinder und die Alten, und sie hatten auch die Gebeine ihrer Vorfahren bei sich. Sie zogen durch viele Dörfer, doch überall begegnete man ihnen feindlich.

Viele Jahre vergingen. Der Priester war gestorben.(...) Noch viele starben, aber die Indianer wanderten weiter, nach Süden ohne ihr Ziel zu kennen.

Die jungen Indianer fragten: „Wo lassen wir uns nieder?“- Die alten Indianer aber sagten immer nur: „Wo können wir rasten?“

Die sie führten antworteten stets: „Es ist noch weit, weit, ehe wir einem Adler begegnen werden, der in seinem Schnabel eine Schlange trägt. Die Schlange - das sind die Völker, die uns verfolgen, der Adler aber ist unser König.“ (...)

Eines schönen Morgens erreichten sie das Ufer eines großen Sees. Mitten im See lag eine kleine Insel, und mitten auf der Insel wuchs ein großer Feigenkaktus, auf dem sich ein Adler mit der Schlange in seinem Schnabel niedergelassen hatte.

„Das ist der Adler, von dem unsere Priester und der Traumvogel sprachen und den uns Huitzilopochtli prophezeit hat.“[1]

Eduardo Matos Moctezuma, einer der Ausgräber des Großen Tempels im heutigen Mexiko- City, charakterisiert die Bedeutung von Mythen wie folgt:

1. „Mythen sind Teil des magisch- religiösen Erscheinungsbildes, reflektieren außerdem (...) Phänomene wie Kunst und Gesetz.
2. Mythen versuchen Fragen zu beantworten, die der Mensch immer hatte. (...) und sie erschaffen übernatürliche Wesen, die dem Menschen bei der Suche helfen. So werden Mythen zu Antworten.
3. Wenn Mythen erst einmal von Menschen erschaffen worden sind, müssen sie kontinuierlich praktiziert werden, so daß das soziale Verhalten und die Rituale zu einer Inszenierung des Geschehens in mythischen Zeiten werden.“[2]

Moctezuma trifft diese Aussagen mit Bezug auf den Templo Mayor; da der Tempel aber gleichzeitig der Ort war, an dem sich die gesamte Macht der Mexica- Azteken konzentrierte, kann von der Allgemeingültigkeit der Charakterisierung eines Mythos ausgegangen werden. Rituale wiederholen also immer den ursprünglichen Mythos, wodurch dieser nie in Vergessenheit gerät und so wiederum die Rituale etabliert.

Durch die Mythen erfahren wir heute etwas über das Weltbild der Azteken, ihren Ursprung, ihre Beziehung zu anderen Völkern, die Rechtfertigung für verschiedene Handlungen. Durch die Spiegelung der Vergangenheit zeigt sich, weshalb die Azteken derart kriegerisch vorgingen, wie sie die zahlreichen Opferungen rechtfertigten oder wo sie ihren Ursprung sahen.

In ihren Erzählungen leiteten immer die Götter die Menschen im Handeln an. So vermittelt auch die oben abgedruckte Legende den Eindruck einer von einem bestimmten Gott ausgelösten und geleiteten Reise zu einem Ziel, das durch Entbehrung und Krieg erkämpft werden musste. Eine eingehende Betrachtung zeigt aber, dass es viele Berührungspunkte zwischen mythischem Erzählen und historischer Wahrheit gibt (siehe Punkt 1.1). Die Untersuchung des aztekischen Welt- und Menschenbildes muss zwangsläufig die Beziehung Gott- Mensch zum Inhalt wählen. Oft erschließen sich die Handlungsweisen und Ansichten der Menschen nur über die Handlungen der Götter, deren Auswirkungen die Menschen unmittelbar zu tragen haben. Nur in diesem Kontext werden z.B. die zahlreichen Opferhandlungen nachvollziehbar.

Wie ist nun der obige Text zu deuten und einzuordnen?

Huitzilopochtli („Kolibri der Linken“) war der Kriegs- und Sonnengott der Azteken. Sein kriegerisches Wesen wurde ihm bereits im Mutterleib abgefordert, als seine Brüder und die Schwester beschlossen hatten, die Mutter samt Ungeborenem zu töten. Im Augenblick der größten Bedrohung wurde er in voller Kriegsausrüstung geboren. In einem unerbittlichen Kampf besiegte er seine Feinde und tötete sie ohne Mitleid. Die Geschichte spiegelt das Wesen der Azteken selbst wieder: sie empfanden sich als ungerecht behandelt, als die, die unschuldig verfolgt und herumgestoßen wurden und sich nur durch kriegerische Handlungen verteidigen konnten. Ihre eigene Geschichte als Chichimeken, verachtete Jäger und Sammler, oder die leidvolle Wanderung können dafür Beispiele sein, obwohl diese Legenden erst nach 1430 derart erzählt wurden. Huitzilopochtli wurde zum Stammesgott und er verkündete seinen Leidensgefährten, dass sie sich auf die Suche nach ihrer zukünftigen Heimat begeben sollten. Diese befände sich an der Stelle, „an der sie einen Adler mit einer Schlange im Schnabel auf einem Feigenkaktus, welcher aus einem Stein wächst, sitzen sehen würden“[3].

Im Codex Botturini ist erkennbar, wie drei männliche und ein weiblicher Priester dem Stamm vorangehen und dabei ein „heiliges Bündel“- „eine Umhüllung, in der sich magische Gegenstände befanden“[4] oder ein „Götterbild“[5] - tragen. Aus dem Bündel empfangen die Priester heimlich die Gebote und Ratschläge des Gottes. Diego Duran, Ordensgeistlicher und Historiker der Geschichte Neuspaniens, vergleicht die Wanderung mit dem biblischen Auszug aus Ägypten: „ Dieses Heiligtum ließen die Priester als Gott verehren, und in seinem Namen verkündeten sie die Gesetze, nach denen sie leben sollten, und schrieben ihnen vor, mit welchen Zeremonien und Opfern sie ihn ehren sollten. Überall, wo sie sich niederließen, sorgten sie zuerst für ihren Gott, in der gleichen Weise, wie es die Kinder Israels taten, als sie durch die Wüste zogen.“[6]

[...]


[1] Kaminskaja, T. B.: Die Löffelchen des Moctezuma. Berlin 1972.S.7.

[2] Eggebrecht, A. (Hg.): Geheimnisvolles altes Mexiko. Augsburg 1994.S.117.

[3] ebenda.S.58

[4] ebenda

[5] Westphal, W.: Die Azteken. Ihre Geschichte von den Anfängen bis heute. 2. Aufl. Bergisch Gladbach 1990.S.32.

[6] ebenda

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Azteken - Eine anthropologische und religionsethnologische Untersuchung
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Philosophie)
Veranstaltung
Seminar Philosophische Anthropologie für das Lehramt an Gymnasien/ Berufsschulen
Note
2
Autor
Jahr
2002
Seiten
33
Katalognummer
V146617
ISBN (eBook)
9783640578740
ISBN (Buch)
9783640578672
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Azteken, Anthropologie, Mexica, Mexiko, Moctezuma, Ethnologie, Mesoamerika, Maya, Mittelamerika, Geschichte
Arbeit zitieren
Karin Fritzsche (Autor), 2002, Azteken - Eine anthropologische und religionsethnologische Untersuchung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146617

Kommentare

  • Karin Fritzsche am 24.10.2012

    Erklärung zur Note:
    Es sind keine inhaltlichen Mängel oder Fehler festgestellt worden.Kritisiert wurde lediglich, dass mehr religionsethnologische als anthropologische Fakten zu finden seien.

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Titel: Azteken - Eine anthropologische und religionsethnologische Untersuchung


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