Explorative empirische Kurzstudie zum Zusammenhang von subjektiven Respektstheorien und Milieuzugehörigkeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

74 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die soziologischen Konzepte der Sozialisation, des Habitus und des Milieus

3. Respekt, subjektive Respektstheorie und Respektverhalten

4. Vorgehensweise bei der Datenerhebung

5. Vorstellung der Ergebnisse der Kurzstudie

6. Fazit

7. Anhang

8. Literaturverzeichnis

Verzeichnis der Anlagen
Anlage 1: Sinus-Milieus 2007 (Dannhardt et al. 2007, S. 5)
Anlage 2: Fragebogen zur Erfassung der subjektiven Respektstheorie
Anlage 3: Interviewergebnisse - Person A
Anlage 4: Respektschema - Person A
Anlage 5: Interviewergebnisse - Person B
Anlage 6: Respektschema - Person B
Anlage 7: Interviewergebnisse - Person C
Anlage 8: Respektschema - Person C

1. Einleitung

Respekt: Jeder will ihn, Jeder braucht ihn, aber nicht Jeder bekommt ihn. Doch was genau ist Respekt? Welche Wirkung hat er auf Menschen? Nach welchen Regeln wird er verteilt und welche Funktion hat die Respektverteilung im sozialen Zusammenleben? Das sind Fragen, mit denen sich Philosophen, Psychologen, Pädagogen und Soziologen bereits intensiv auseinander gesetzt haben. Weniger gut erforscht ist die Herkunft des Respektverhaltens. Dabei handelt es sich um eine sehr interessante soziologische Fragestellung. In dieser Arbeit wird die These vertreten, dass das Respektverhalten und die dem zugrunde liegende subjektive Respektstheorie ein Teil des Habitus einer Person ist, der wiederum im sozialen Milieu wurzelt. Demnach müsste man empirisch verschiedene milieuspezifische Arten der Respektvorstellungen und Stile des Respektverhaltens herausarbeiten können. Das Ziel dieser Arbeit ist es, das Potenzial dieser These mit einer explorativen und daher qualitativen Kurzstudie auszuloten.

Zu Beginn werden erst einmal die soziologischen Konzepte der Sozialisation, des Habitus und des Milieus vorgestellt. Dabei liegt der Schwerpunkt auf den Vorstellungen Pierre Bourdieus und den so genannten Sinus-Milieus (Kap. 2). Danach wird geklärt, was Respekt eigentlich ist, wie er wirkt, nach welchen Regeln er verteilt wird und welche Funktion er im sozialen Zusammenleben der Menschen hat. Zudem werden die Begriffe „subjektive Respektstheorie“ und „Respektverhalten“ erläutert (Kap. 3). Im Anschluss daran, wird das Vorgehen bei der empirischen Kurzstudie vorgestellt. Dabei wird der Leser mit den Vorschlägen von Scheele und Groebe zur Rekonstruktion subjektiver Theorien und dem halbstandardisierten Fragebogen bekannt gemacht (Kap. 4). Darauf folgt die Präsentation und Interpretation der Ergebnisse der Kurzstudie (Kap. 5). Ein Fazit rundet die Arbeit ab (Kap. 6).

2. Die soziologischen Konzepte der Sozialisation, des Habitus und des Milieus

Im Unterschied zum Tier kommt der Mensch nicht mit einem festgelegten Instinktprogramm auf die Welt. Wir sind instinktarm und „weltoffen“ (Gehlen 1940), d.h. wir können und müssen erst lernen, uns in unserer Umwelt zurechtzufinden. Das menschliche Großhirn sammelt, verknüpft und verallgemeinert über die Sinne vermittelte Erfahrungen und konstruiert so ein Verständnis von unserer (Um)welt. Unsere gesamte Persönlichkeit mit ihren Bewusstseinsstrukturen und den individuellen Besonderheiten kommt zu einem großen Teil im Prozess der Sozialisation zustande (vgl. Geulen 2005).

Sozialisation ist die „Bezeichnung für die Gesamtheit aller Vorgänge, in deren Verlauf der Einzelmensch zu einem aktiven Angehörigen einer Gesellschaft und Kultur wird. Durch Prozesse der Sozialisation gewinnt das Individuum seine Identität als eine in Gesellschaft handlungsfähige Persönlichkeit. “ (Hillmann 1994, S. 805). Der Mensch übernimmt und verinnerlicht bei diesem Prozess soziokulturelle Werte, Verhaltenserwartungen und soziale Rollen. Dadurch wird er in die Lage versetzt, sich in der Gesellschaft zu orientieren und zu handeln (vgl. Hillmann 1994).

Individuelle genetische Grundlagen, Erfahrungen, Wahrnehmung und Verarbeitung führen dazu, dass jeder Mensch einzigartig ist. Die Sozialisation ist ein lebenslanger Prozess. Das situative Ergebnis kommt durch komplexe Wechselwirkungen der früheren und späteren Erfahrungen zustande. Wie spätere Erfahrungen wahrgenommen und verarbeitet werden hängt zum Beispiel stark von früheren Erfahrungen ab. Die beabsichtigte zielgerichtete und geplante Erziehung ist dabei nur ein Teil der Sozialisation, also der Gesamtheit aller Lernprozesse, die aufgrund der Interaktion des Individuums mit der sozialen Umwelt stattfinden. Wichtige Instanzen dieses Vergesellschaftungsprozesses sind die Familie, die Gleichaltrigen, die (Massen)medien, die Schule und die Berufswelt. Vor dem Hintergrund des Themas dieser Arbeit ist besonders hervorzuheben, dass die Sozialisation stark von der konkreten sozialen Lebenswelt abhängt. Menschen machen in Abhängigkeit von Geschlecht, Ort, Zeit und sozialer (Klassen)lage, definiert durch Einkommen, Besitz, Bildung, und sozialem Prestige, äußerst unterschiedliche Erfahrungen. Es gibt eine Vielzahl verschiedener Lebenswelten mit unterschiedlichen Wertvorstellungen und Normen (vgl. Geulen 2007).

Menschen entwickeln daher sehr unterschiedliche Formen der Lebensführung und des alltäglichen Handelns. Pierre Bourdieu konstatierte, dass zwischen diesem Lebensstil und der Klassenlage eine enge Beziehung besteht. Vermittlungsinstanz ist dabei der Habitus. Dieser von Bourdieu geprägte Begriff bezeichnet eine größtenteils unbewusste und unreflektierte, tiefe und allgemeine Grundorientierung gegenüber der sozialen Welt. Der Habitus beinhaltet Wahrnehmungs- und Bewertungsschemata, körperliche und emotionale Haltungen, Geschmack, Handlungs- und Beziehungsmuster sowie Mentalitäten und ideologische Weltdeutungen. Letztlich ist der Habitus also eine durch die konkrete Lebenswelt geprägte spezifische Weltsicht, die sich im Lebensstil äußert. Er ist das situative Ergebnis des Sozialisationsprozesses, der bereits in der vordiskursiven frühen Kindheit beginnt. Die entscheidende Sozialisationsinstanz für die Herausbildung des Habitus ist das soziale Milieu, in das der Mensch hineingeboren wird (vgl. Bourdieu 1982; Vester et al. 2001, S. 167 ff.).

„Soziales Milieu“ bezeichnet die „spezifische Gesamtheit der äußeren, natürlichen, geographischen und der soziokulturellen, wirtschaftlichen Lebensverhältnisse, die die jeweilige Sozialisation, die praktische Erfahrungen und Eindrücke und damit die Art und Weise des Denkens, Wertens, Entscheidens und Verhaltens selektiv beeinflussen. “ (Hillmann 1994, S. 554). Nach Stefan Hradil (1987, S. 165) ist unter Milieu eine Gruppe von Menschen zu verstehen, die die Umwelt ähnlich wahrnehmen und gemeinsame Lebensstile herausgebildet haben. Gerhard Schulze (1992, S. 174) weist darauf hin, dass sich soziale Milieus „durch gruppenspezifische Existenzformen und erhöhte Binnenkommunikation voneinander abheben“. Innerhalb dieser Lebenswelten gleichen sich die Einstellungen und Bewusstseinsformen der Menschen in Prozessen gegenseitiger Auseinandersetzung und Anpassung an (Hradil 1987, S. 163). Personen aus ähnlichen Milieus haben also mit hoher Wahrscheinlichkeit einen ähnlichen Habitus herausgebildet. Auch wenn Menschen erwachsen und selbstständig werden und rein theoretisch das Milieu, in welches sie hineingeboren wurden, verlassen könnten, tun sie das selten. Stattdessen finden sie sich später wieder bevorzugt mit Menschen zusammen, die einen ähnlichen Habitus ausgebildet haben. „Gleich und gleich gesellt sich gern“ ist empirisch besser bestätigt, als „Verschiedenartigkeit zieht sich an“. Diese „Wahlverwandtschaften“ (Bourdieu 1982, S. 373 ff.) und der Fakt, dass der Habitus größtenteils unbewusst und unreflektiert ist, führen dazu, dass sich dieser, wenn er einmal ausgebildet ist, nur selten grundlegend verändert.

Seit den 1980er Jahren werden die so genannten Sinus-Milieus der Sinus Sociovision GmbH (siehe Anlage 1) intensiv in der Markt- und Meinungsforschung verwendet. Da sich das Sinus-Modell tausendfach bewährt hat und ständig aktualisiert wird, ist es auch in dieser empirischen Kurzstudie zum Einsatz gekommen. „Das Milieumodell entspricht einem länderübergreifend gültigen System, das die Schichtachse (Soziale Lage) und die Werteachse (Grundorientierung) in jeweils drei Abschnitte unterteilt. Je höher die Positionierung im Milieumodell, desto gehobener sind Bildung, Berufsgruppe und Einkommen; je weiter rechts, desto moderner ist die Grundorientierung des Milieus. Die Grenzen zwischen den Milieus sind fließend, es existieren Berührungspunkte und Überlappungen zwischen einzelnen Milieus. “ (Dannhardt et al. 2007, S. 5). Das Modell unterscheidet zehn Milieus (vgl. Dannhardt et al. 2007):

- Etablierte (12%): hohes Bildungsniveau, exklusiver Lebensstil, selbstbewusst, Erfolgsorientierung, Streben nach finanzieller Unabhängigkeit und hohem Lebensstandard, Interesse an Kunst und Kultur
- Konservative (5%): hohes Bildungsniveau, etikette- und pflichtbewusst, Elitebewusstsein, Bewusstsein für kulturelles und nationales Erbe, Skepsis gegenüber Fortschritt, Interesse für klassische Kunst
- Traditionsverwurzelte (13%): mittleres Bildungsniveau, häuslich, bescheiden, Streben nach Sicherheit und Ordnung, Konformismus
- Bürgerliche Mitte (17%): mittleres Bildungsniveau, Mainstream,
familienfreundlich, statusorientiert, auf Sicherheit bedacht, Leistungsbereitschaft, Anpassung
- DDR-Nostalgische (5%): Verklärung der Vergangenheit, massive Unzufriedenheit, Frustration, Betonung von altsozialistischen Werten (Gerechtigkeit, Gleichheit, Solidarität), Verzicht auf Qualitätsprodukte
- Konsum-Materialisten (11%): niedriges Bildungsniveau, spaßorientiert, spontaner prestigeträchtiger Konsum, Träume vom großen Geld, fühlen sich häufig benachteiligt, wachsende Wut
- Hedonisten (10%): eher niedriges Bildungsniveau, Jobber, unbekümmert, geringe Lebensplanung, Suche nach Fun & Action, Krisenbewältigung durch Verdrängung, keine Zukunftsangst, geringe Leistungsbereitschaft
- Experimentalisten (9%): locker, offen, nonkonformistisch, optimistisch, vital, kreativ, spontane Lebensführung, Suche nach Grenzerfahrungen, ichbezogene Lebensführung
- Moderne Performer (10%): hohes Bildungsniveau, leistungsfixiert, unkonventionell, flexibel, mobil, optimistisch
- Postmaterielle (10%): hohes Bildungsniveau, alternativ, umweltbewusste Lebensführung, Konsumaskese, Weltoffenheit, Toleranz, Streben nach Gesundheit

3. Respekt, subjektive Respektstheorie und Respektverhalten

Was ist Respekt? Das Wort stammt vom lateinischen respectus („Rücksicht, Zurückblicken“) ab (Kluge 2002, S. 760). Jemanden zu respektieren hieß also einmal, auf jemanden und seine Bedürfnisse, Gefühle und Wünsche Rücksicht zu nehmen. Heute wird das Wort Respekt aber auch in ganz anderen Zusammenhängen gebraucht. Die kanadische Philosophin Robin Dillon hat die verschiedenen Bedeutungen in einem Artikel zusammengetragen (Dillon 2007). Zuerst ist festzustellen, dass der Respekt von einem Subjekt ausgeht und sich auf ein Objekt bezieht. Respekt ist eine Einstellung bzw. Haltung mit kognitiven, affektiven, motivationalen und evaluierenden Dimensionen. „Respect is, most generally a form of regard: a mode of attention to and perception and acknowledgement of an object as having a certain importance, worth, authority, status, or power. ” (Dillon 2007, S. 202) Wir können gefährliche (obstacle respect) oder besonders wertvolle und zerbrechliche Dinge (care respect), Regeln und Gesetze (dirctive respect) und soziale Institutionen (institutional respect) respektieren. Hier interessiert aber vor allem der Respekt gegenüber Menschen. Diesen gibt es in einer von bestimmten Faktoren abhängigen (appraisal respect) und einer bedingungslosen Variante (recognition respect). Im alltäglichen Diskurs wird meist der bewertende Typ des Respekts gebraucht. Bewertet, anerkannt und bewundert werden können Fähigkeiten, Leistungen und davon weitestgehend unabhängige Kriterien, wie Schönheit. Haben Personen in dieser Hinsicht wenig zu bieten, bekommen sie auch keinen appraisal respect. Dagegen ist der bedingungslose recognition respect eine moralische Haltung: das Objekt wird aus einer moralischen Perspektive betrachtet. Aus dieser Sichtweise heraus hat jeder Mensch einen nicht aufwiegbaren gleichen moralischen Wert: die Würde. Diese Perspektive ist ein Vermächtnis Immanuel Kants und der Aufklärung. In früheren Zeiten und in rassistischen, nationalistischen, sexistischen und einigen religiösen Ideologien ist auch dieser moralische Respekt hierarchisch verteilt. Der recognition respect, den sich niemand verdienen muss, begrenzt unseren Handlungsspielraum. Er verbietet es, andere Menschen als bloße Mittel zum Zweck zu betrachten. Das wäre der Inbegriff der Respektlosigkeit. Darüber hinaus sollten wir es vermeiden, Menschen zu verachten, d.h. ihnen jedweden Wert abzuerkennen. Auch arrogantes Auftreten, Verleumden, Erniedrigen und ähnliche Handlungsformen sind aus dieser Perspektive unmoralisch, da sie die Würde des Menschen nicht respektieren. Zentral ist es weiterhin, jeder Person Autonomie und Selbstbestimmung zuzugestehen.

Der appraisal respect ist also die das Selbstwertgefühl steigernde bzw. verringernde Bewertung eines Individuums durch seine soziale Umwelt und hat damit Sanktionsfunktion. Der Mensch wird dadurch dazu motiviert, in irgendeiner Form Leistung zu erbringen. Doch auch wenn es ein Individuum verfehlt, sich diesen Respekt zu erarbeiten, darf ihm der recognition respect nicht genommen werden. Darauf haben sich die Vereinten Nationen in der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ geeinigt (United Nations 1948), um jedem Menschen ein würdiges Leben zu ermöglichen.

Die Psychologen Niels van Quaquebeke et al. (2007) unterscheiden Toleranz, Akzeptanz und (appraisal) Respekt voneinander. Bei der Toleranz geht es um die Frage, ob man jemanden in seiner direkten Umgebung sehen will. Ob man jemanden in seiner Gruppe haben will oder nicht ist eine Frage der Akzeptanz. Respektiert wird dagegen nur derjenige, dem man erlaubt, auf sich Einfluss auszuüben.

Der Soziologe Richard Sennett (2004) kennt sechs Typen von Respekt. Self­respect ist die einzige Form des Respekts, den man unabhängig von der Bewertung durch das soziale Umfeld erwerben kann. Diese Selbstachtung baut man im Wesentlichen auf, indem man mit sich selbst, seinen Fähigkeiten und Tätigkeiten zufrieden ist und sich treu bleibt. Umso niedriger die eigene Selbstachtung ist, desto stärker sieht man sich selbst so, wie die Anderen einen sehen. Mit status bezeichnet Sennett den Respekt, der von der Position in der sozialen Hierarchie abhängig ist und mit prestige das von dieser Position unabhängige Ansehen. Diese Respektstypen kann man sich durch die Ausschöpfung des eigenen Potentials, die Selbstversorgung und die Unterstützung Anderer verdienen. Mit sinkendem sozialem Status wird der Respekt knapper und steigt die Sensibilität in Bezug auf Respektlosigkeiten. Mit social honor bezeichnet Sennett die Gruppenehre. Besonders Gruppen betrachten die

Respektverteilung als Nullsummenspiel und versuchen daher häufig, anderen Gruppen den Respekt zu nehmen, um die eigene Gruppe aufzuwerten. Die Menschenrechte fasst Sennett unter dem Begriff dignity. Recognition, die Anerkennung von Bedürfnissen Anderer, geht über diesen Basisrespekt aber noch hinaus.

Sennett weist darauf hin, dass die Chancen, sich Respekt zu erarbeiten, nicht bei jedem Menschen gleich sind. Tatsächlich haben zum Beispiel Intelligenz, Motivation, familiärer Hintergrund, Klasse, Rasse und Glück auf den möglichen Erfolg im Leben Einfluss. Weil diese Ungleichheiten nicht beseitigbar sind, es eine Knappheit an Respekt gibt, obwohl dieser nichts kostet, und ein Mangel an Respekt verletzt und schmerzt, plädiert Sennett für das gegenseitige Bekunden von Respekt. Respektlosigkeit resultiert häufig aus Unkenntnis der Bedürfnisse und Erfahrungen von Anderen. In einer anonymisierten Gesellschaft kann Respekt aber nicht nur auf Freundschaft fußen. Sennett schlägt daher ein institutionalisiertes Respektbekunden und das Anerkennen und Ertragen von Unbekanntheit, Uneinheitlichkeit und Ungleichheit vor.

Die subjektive Respektstheorie, die jeder Mensch hat, beinhaltet eine spezifische Weltsicht, ein Menschenbild und ein daraus resultierendes Set an Regeln des Umgangs mit anderen Personen. Diese Regeln bestimmen, wie man sich welche Typen von Respekt verdienen kann und wem aus welchen Gründen Respekt verwehrt werden kann. Subjektive Respektstheorien sind persönliche Alltagstheorien, die sich durch praktische Erfahrungen in der sozialen Welt bilden. Die These dieser Arbeit lautet, dass diese Theorien ein Teil des Habitus sind und demnach milieuspezifische Varianten derselben existieren müssen. Genau wie der gesamte Habitus sind auch die subjektiven Respektstheorien nicht vollständig bewusst und reflektiert. Sie unterscheiden sich also von wissenschaftlichen Theorien durch einen niedrigeren Grad an Bewusstheit, vage Formulierung, kleineren Umfang und der ausbleibenden systematischen Überprüfung. Subjektive Respektstheorien äußern sich im konkreten beobachtbaren Respektverhalten, das wiederum ein Teil des Lebensstils ist.

4. Vorgehensweise bei der Datenerhebung

Das Ziel der empirischen Kurzstudie ist es, die subjektiven Respektstheorien von drei Personen zu rekonstruieren, zu verstehen, zu erklären und zu vergleichen. Vor allem soll deutlich werden, wo die Theorien herkommen und ob sie sich in wesentlichen Punkten unterscheiden. Dazu wurde ein zweiteiliger Fragebogen entwickelt (siehe Anlage 2).

Der erste etwa 16 Minuten in Anspruch nehmende standardisierte Teil beinhaltet im Wesentlichen geschlossene Fragen aus dem Informationssystem des Zentrums für Umfragen, Methoden und Analysen (ZUMA). Da alle drei Probanden Bekannte des Autors sind, lag es nahe, zu prüfen, in welchem Ausmaß sozial erwünscht geantwortet wird. Dazu diente die von Lück und Timaeus (2007) ins Deutsche übersetzte social desirability scale. Mit der Itembatterie von Hermann (2007) sollten die allgemeinen Wertvorstellungen und Lebensziele erfasst werden. Vermutet wurde, dass diese von der Milieuzugehörigkeit geprägt sind und Einfluss auf die subjektive Respektstheorie haben. Die Abfrage der Einstellung zur Aufstiegsmobilität in Deutschland nach Sandberger (2007) diente der Erfassung der Vorstellung darüber, wie man sich appraisal respect erarbeiten kann und ob jeder die gleichen Chancen dazu hat. Die Frage zur Steuersenkung vs. soziale Leistungen (ZA & ZUMA 2007) diente dagegen dazu, in Erfahrung zu bringen, ob die Probanden die Bedürfnisse von Bedürftigen anerkennen und berücksichtigen. Mit der letzten Itembatterie aus dem ZUMA-Informationssystem von Mayer et al. (2007) zur sozialen Ungleichheit wurde die Meinung zur sozialen Gerechtigkeit in Deutschland erhoben, die ein Teil der subjektiven Respektstheorie ist und das Respektverhalten stark beeinflussen müsste.

Zudem sollten sich die Probanden in einer subjektiven Selbseinstufung im sozialen Raum einordnen. Dazu wurde zum einen eine Liste mit stichwortartigen Beschreibungen der Sinus-Milieus vorgelegt. Um die Konsistenz zu überprüfen wurde zum anderen nach der empfundenen Schichtzugehörigkeit gefragt. Die objektiven Faktoren Beruf, Arbeitssituation und Bildung waren dem Autor ohnehin bekannt. Abgeschlossen wurde der erste Teil des Fragebogens mit einer Frage zur Parteienpräferenz, da man das Wahlverhalten als Teil des Respektverhaltens betrachten kann.

Der zweite Teil des Fragebogens, der etwa 60 Minuten in Anspruch nimmt, beinhaltet den Leitfaden für ein halbstandardisiertes Interview zur Erfassung der subjektiven Respektstheorie. Für die Entwicklung der Erhebungsmethodik wurden besonders die Vorschläge zur Rekonstruktion von subjektiven Theorien von Scheele und Groeben (1988) berücksichtigt. Sie gehen davon aus, dass Alltagstheorien und wissenschaftliche Theorien Strukturparallelitäten aufweisen. Zum Beispiel haben beide Theorietypen die Funktionen Erklärung, Prognose und Veränderung der Welt. Der komplexe Wissensbestand des Interviewpartners teilt sich in explizit verfügbare Annahmen und implizite, die nur durch eine Kombination von offenen, theoriegeleiteten und Konfrontationsfragen hervorgelockt werden können. In einem maximal ein bis zwei Wochen später stattfindenden zweiten Interview soll der Proband seine transkribierten Aussagen kommunikativ validieren, d.h. er muss sich erinnern und prüfen, ob seine Statements korrekt wiedergegeben werden. Darüber hinaus kommt bei diesem zweiten Termin die „Struktur-Lege-Technik“ (SLT) zum Einsatz. Dabei werden die Aussagen und Konzepte des Interviewpartners mit ihm zusammen nach einem Regelkatalog strukturiert. Das Ziel dabei ist, die subjektiven Theorien grafisch darzustellen und damit besser vergleichbar zu machen.

In der hier vorgestellten empirischen Kurzstudie kam aber, wie im großen Teil der Forschung (Flick 2007, S. 209), nur eine verkürzte Version der Methode zum Einsatz, indem nicht alle der anspruchsvollen Vorgaben (Fragetypen, SLT-Regeln) von Scheele und Groeben berücksichtigt wurden. Zu Beginn des halbstandardisierten Interviews wurde versucht, eine entspannte Atmosphäre herzustellen. Dazu wurde darauf hingewiesen, dass es weder richtige noch falsche Antworten gibt. Außerdem ist der Interviewpartner gebeten worden, ernsthaft und ehrlich zu antworten und laut zu denken, damit alle Gedanken erfasst werden konnten. Die Fragen sind in thematische Blöcke aufgeteilt, die alle Aspekte und Dimensionen von Respekt abdecken sollen. Auf die detaillierte Vorstellung des zweiten Teils des Fragebogens muss hier verzichtet werden, um den Rahmen dieser Seminararbeit nicht zu sprengen. Die transkribierten Interviews findet der Leser im Anhang (siehe Anlagen 3, 5 & 7). Ebenso die Respektschemata, die an einem zweiten Termin durch die SLT zustande gekommen sind (siehe Anlagen 4, 6 & 8).

Wie schon erwähnt, sind alle drei Probanden Bekannte des Autors. Dies wird als notwendig erachtet, weil Fremden der beträchtliche Zeit- und Arbeitsaufwand nicht zuzumuten wäre. Alle drei Interviewpartner sind männlich und stehen zwischen Anfang und Mitte ihres dritten Lebensjahrzehnts. Dadurch werden die Faktoren Alter und Geschlecht kontrolliert und die Vergleichbarkeit erhöht. Ausgewählt wurden die Probanden so, dass sie sich möglichst stark in ihrer Milieuzugehörigkeit unterscheiden.

5. Vorstellung der Ergebnisse der Kurzstudie

Zuerst ist zu bemerken, dass der Wert für die soziale Erwünschtheit bei allen drei Probanden (knapp) unter 0,5 geblieben ist. Man kann ihre Aussagen demnach ernst nehmen, auch wenn diese wohl ein wenig an die Situation angepasst wurden. Im Folgenden wird jede Person mit ihrer subjektiven Respektstheorie einzeln vorgestellt. Dabei wird nur darstellend und nicht bewertend vorgegangen. Im Anschluss werden die Theorien dann kurz verglichen.

Person A (siehe Anlagen 3 & 4) ist Jurastudent. Beide Elternteile haben einen Hochschulabschluss. Bei der subjektiven Selbsteinstufung konnte er sich nicht so recht zwischen den präsentierten Attributen der Milieus der Etablierten und der Postmateriellen entscheiden. Vor die Entscheidung gestellt, machte er das Kreuz bei den Etablierten, stufte sich aber wegen seiner finanziellen Situation als Student in die untere Mittelschicht ein. Durch die Messung der individuellen reflexiven Werte konnte festgestellt werden, dass er eine sehr starke modern-idealistische Orientierung hat. Die auf die Unterkategorie sozialintegrative Orientierung hinweisenden Items Freundschaft, Kontaktfreude und Partnerschaft bekamen Höchstwerte. Materialistische und traditionelle Werte sind ihm deutlich unwichtiger. Das outet ihn doch eher als Postmateriellen. Aus der Sicht von Person A sind vor allem Leistung und Initiative, aber auch Beziehungen, Rücksichtslosigkeit und Geld von Nöten, um in Deutschland auf der sozialen Leiter höhere Sprossen zu erreichen. An anderer Stelle stimmt er der Aussage zu, dass vor allem die Schichtzugehörigkeit dafür entscheidend ist. Obwohl er die sozialen Ungleichheiten im Großen und Ganzen nicht für sonderlich ungerecht hält, wählt er die SPD wegen ihrer „sozialen und gerechten Politik“ und ist dafür, dass mehr Steuergelder für soziale Leistungen eingesetzt werden.

Das Menschenbild der Person A beinhaltet, dass man „gut“ oder wenigstens „neutral“ auf die Welt kommt und dann von der Gesellschaft verdorben wird. Respekt bedeutet für ihn in erster Linie, Toleranz und Verständnis für Andere aufzubringen. Er ist der Meinung, dass er sich diese Vorstellung durch (humanistische) Bildung erworben hat. Er ist auch der Einzige der drei Probanden, der einer alten Dame den Sitzplatz nicht nur aus reiner anerzogener Höflichkeit anbietet, sondern weil er sich in ihre Lage hineinversetzt und ihre Bedürfnisse ernst nimmt. Großen Wert legt Person A auf das Prinzip der Gegenseitigkeit. Er behauptet, er würde jedem unabhängig von seiner Einstellung, Weltanschauung usw. offen ehrlich und fair gegenübertreten und erwartet das gleiche Verhalten im Gegenzug. Als einziger erwähnte er die Menschenrechte und bezeichnete sie als Minimum an Respekt. Damit und mit seinem Konzept der respektvollen Wechselbeziehung hat er den recognition respect beschrieben. Vorurteile erkennt er als hinderlich für den gegenseitigen Respekt. Nebenbei bemerkt, ist er der Einzige, der Gesetze grundsätzlich und nicht aus Angst vor Strafe respektiert (directive respect). Sicher ist er sich der Funktion von Gesetzen bewusster als Andere. Jeder Respekt, der über den recognition respect hinausgeht, muss man sich seiner Meinung erarbeiten. Er sieht auch, aber nicht besonders deutlich, dass die Chancen, sich Anerkennung durch Leistung (appraisal respect) zu verschaffen, ungleich verteilt sind. Ihm zufolge sollte man grundsätzlich Überlegenen keinen Neid entgegen bringen und Unterlegenen nicht abfällig gegenübertreten. Vielmehr sollte man dafür sorgen, dass alle Menschen mehr zusammenrücken. Als Beispiele für Menschen, die Respekt verdienen, nannte er Personen, die sich für Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit einsetzen. Person A ist der Ansicht, dass sowohl die Chance, sich Respekt zu verdienen, als auch die subjektive Respektstheorie zu 40% aus dem Innern eines Menschen kommen (Charakter, Weltvorstellung, Selbstachtung, Leistung(sbereitschaft) usw.) und nur zu 60% auf äußere Einflüsse (Erziehung, Bildung, nahes soziales Umfeld, Gesellschaft usw.) zurückgehen.

Person B (siehe Anlagen 5 & 6) ist ein erfolgreicher Jungunternehmer, der sein BWL-Studium abgebrochen hat und dessen Vater studierter Wirtschaftswissenschaftler und ebenfalls Unternehmer ist. Er fühlt sich den Modernen Performern und der oberen Mittelschicht zugehörig. Moderne materialistische Werte stehen bei ihm im Vordergrund. Dabei ist die Unterkategorie hedonistische Orientierung am stärksten ausgeprägt (sieht man vom schlecht in die Kategorie passenden Item „Komfort“ ab). Er möchte sich selbst und seine Visionen verwirklichen und ein vergnügliches und aufregendes Leben führen. Die Items soziale Hilfsbereitschaft, Umweltbewusstsein, Gesetzesakzeptanz und christliche Normen bekamen bei ihm Tiefstwerte. Für den sozialen Aufstieg sind für Person B Leistung, Initiative, Fleiß und Intelligenz bzw. Begabung am wichtigsten. Er hält die deutsche Gesellschaft für offen und findet die Rangunterschiede zwischen den Menschen gerecht. Darüber hinaus ist er überzeugter FDP-Wähler, da er sich einen „kleineren Staat“ wünscht. Vor die Alternativen Steuersenkung oder soziale Leistungen gestellt, entscheidet er sich für die erstere.

Person B ist der Meinung, dass alle Menschen grundsätzlich egoistisch sind, aber nicht „böse“ in dem Sinne, dass sie anderen Schaden wollen. Respekt ist für ihn auf jeden Fall an Bedingungen gebunden. Appraisal respect bekommen von ihm intelligente, schöne, humorvolle, freundliche, „taffe“ und kreative Menschen mit Visionen, die Leistung bringen. Menschen, die dumm, unästhetisch, langweilig, humorlos und „lame“ sind, haben seiner Meinung nach keinen Respekt verdient. Zentral ist dabei für ihn die Unterscheidung in intelligente und dumme Menschen. Auch die Voraussetzungen, unter denen etwas erreicht wird, gehen mit in seine Respektrechnung ein. Eine Leistung, die unter ungünstigen Bedingungen erbracht wurde, ist mehr Respekt wert, als eine, die man unter perfekten Bedingungen erarbeitet. Da der Person B die genannten Faktoren bei Menschen bekannt sein müssen, damit er sie bewerten kann, fallen Unbekannte aus seiner Rechnung heraus. Das Paradebeispiel für jemanden, der Respekt verdient hat, ist für ihn der Facebook- Erfinder Mark Zuckerberg. Dass seine Art der Respektzuteilung unfair ist, weil die Chancen, sich seinen Respekt zu verdienen, sehr ungleich verteilt sind, ist ihm bewusst und egal. Dass die Chancen ungleich sind, wäre ja schließlich nicht seine Schuld. Recognition respect kommt bei ihm nur insofern vor, als dass er jedem Menschen unabhängig davon, ob er dumm oder intelligent ist, Autonomie zugesteht. Denn nur eine Person, die über sich selbst bestimmen darf, kann Selbstachtung haben. Abgesehen davon betrachtet er Menschen zum Teil als Mittel zum Zweck. Auf die Bedürfnisse Anderer geht er häufig nur ein, wenn er so der Verwirklichung seiner eigenen Interessen näher kommt. Person B meint, dass man eigentlich mit Jedem, also auch mit Überlegenen und Unterlegenen, gleich umgehen sollte. Gleichzeitig ist ihm bewusst, dass er das nicht tut. Seine subjektive Respektstheorie, so glaubt er, hat sich aus dem Zusammenspiel von vier Faktoren gebildet. Er schlüsselt wie folgt prozentual auf: Erziehung 13%, Herkunft 14%, Gene 33% und Umfeld 40%. Seinem Vater schreibt er Vorbildfunktion zu.

Person C (siehe Anlagen 7 & 8) hat die Mittelschule und eine Schreinerlehre abgeschlossen. Inzwischen arbeitet er als professioneller Türsteher. Seine Eltern sind einfache Angestellte. Er ordnet sich in die untere Mittelschicht ein und fühlt sich dem Milieu der Konsum-Materialisten zugehörig. Die übergeordnete Wertedimension der modernen materialistischen Werte erreicht bei ihm die höchste Punktzahl unter den drei Interviewten. Auch die subkulturell-materialistische Orientierung bringt es bei ihm fast zur Maximalpunktzahl. Für ihn ist es das Wichtigste, materiellen Wohlstand und finanzielle Unabhängigkeit zu erreichen. Auch bei Person C bekommen die Items soziale Hilfsbereitschaft und christliche Norm die niedrigste mögliche Bewertung. Leistung, Beziehungen, Fachkompetenz, Intelligenz bzw. Begabung, Rücksichtslosigkeit und Geld sind seiner Auffassung nach am hilfreichsten für den sozialen Aufstieg. Er stimmt zwar der Aussage zu, dass Unterschiede im Einkommen und im sozialen Ansehen als Leistungsanreiz notwendig sind, findet die soziale Ungleichheit in Deutschland aber eher ungerecht. Da er meint, dass Arbeitslose zuviel Geld bekommen, würde er eher die Steuern senken, als mehr Geld für soziale Leistungen zur Verfügung zu stellen. Wählen geht er nicht, weil ihm das seiner Meinung nach nichts bringen würde. Laut einem Wahl- O-Mat-Ergebnis steht er aber der FDP nahe.

Person C glaubt, dass alle Menschen Egoisten sind. „Jeder will ein Alphatier sein.“ Die „Ellebogengesellschaft“ in der wir leben, würde deshalb der Natur des Menschen am besten entsprechen. Alle, die das nicht so sehen, sind aus seiner Sicht „Naivis“. An anderer Stelle weist er aber darauf hin, dass der Mensch als leerer Sack auf die Welt kommt, der erst nach und nach mit Erfahrungen gefüllt wird. Er hat die Erfahrung gemacht, dass sich die Meisten nach dem „Radfahrerprinzip“ verhalten: nach unten treten und nach oben buckeln. In den Augen von Person C muss man sich Respekt auf jeden Fall erst verdienen (appraisal respect). Daran würde kein Weg vorbeiführen. Er zitiert dazu den Umkleidekabinenspruch der Footballmannschaft „Dresden Monarchs“: „Respect is not given. You must earn. “. Der durch Erziehung hervorgerufene Anstand und Toleranz haben für ihn daher mit Respekt nichts zu tun. Auch wenn „Menschenfreunde“ die Bedürfnisse anderer anerkennen ist das für

Person C keine Form von Respekt. Respekt sei schließlich nicht die Anerkennung von Bedürfnissen, sondern die Anerkennung von Leistung. Auch Schönheit ist für ihn nicht prinzipiell respektabel, sondern nur wenn man sich diese zum Beispiel durch hartes Training erarbeitet hat. Als Paradebeispiele für Menschen, die Respekt verdient haben, nennt er Personen, die es von der „Straße“ aus eigenem Antrieb und durch eigene Leistung zu finanzieller Unabhängigkeit geschafft haben. Person C macht wie Person B einen Unterschied zwischen bekannten und unbekannten Menschen. Natürlich kann er nur Menschen respektieren, deren Leistungen ihm bekannt sind. Unbekannte sind für ihn nichts weiter als „Statisten“ in seinem Leben. Er braucht nur die Anerkennung von Menschen, die er selber anerkennt. Von Überlegenen möchte er lernen, Unterlegene ignoriert er. Eine Art recognition respect erwähnt Person C nicht. Für ihn gibt es auch Menschen, die so schwach, unselbstständig und ohne Eigeninitiative sind, dass sie ohne fremde Führung hilflos wären. Diesen Menschen kann er keine Autonomie zugestehen. Allerdings kennt er noch eine andere Form von Respekt, nämlich den durch Angst (obstacle respect). Aus eigener Erfahrung weiß er: wenn du größer und stärker als Andere bist, gehen die anders mit dir um. Dieser Respekt ist in seinen Augen aber nicht so befriedigend, wie jener durch Leistung. Person C glaubt, dass sich seine subjektive Respektstheorie aus dem Zusammenspiel der Genetik (10%), der Erziehung (20%) und vor allem dem sozialen Umfeld (70%) herausgebildet hat.

Ob die vorgestellten subjektiven Respektstheorien konsistent oder inkonsistent, moralisch oder unmoralisch sind oder ob sie die Welt richtig abbilden oder nicht, spielt hier keine Rolle. Es geht ausschließlich um den Zusammenhang der Theorie mit der Milieuzugehörigkeit. Auffällig ist aber, dass alle drei Probanden mehr oder weniger der Ideologie der Leistungsgesellschaft aufsitzen, nach der eine erreichte soziale Position ein „erworbener Status“ sei. Tatsächlich ist aber der „zugeschriebene Status“, also der sozioökonomische Status der Eltern, der beste Prädiktor für die soziale Position, die die Kinder einmal einnehmen werden (Berger & Neu 2007). Außerdem finden sich bei jeder der drei Theorien der Leistungsaspekt von Respekt sowie die Unterscheidung von Unbekannten und Bekannten, wenn auch in unterschiedlich starken Ausprägungen.

Abgesehen davon gibt es aber sehr große Unterschiede bei den vorgestellten Respektstheorien. So zum Beispiel beim Menschenbild, bei der Vorstellung von der Herkunft der Theorie und vor allem in Bezug zum recognition respect. Betrachtet man die subjektiven Respektstheorien im Zusammenhang mit der Milieuzugehörigkeit, den Wertvorstellungen und der Parteienpräferenz ergeben sich runde und schlüssige Bilder. Außerdem erkennen alle drei Probanden den großen Einfluss der sozialen Herkunft, der Erziehung und des sozialen Umfelds auf ihre Vorstellungen. Natürlich sind die Ergebnisse der Kurzstudie in keiner Weise verallgemeinerbar oder dazu geeignet, die These dieser Arbeit hinreichend zu stützen. Es spricht aber einiges dafür, weiter zum Thema des Zusammenhangs von subjektiven Respektstheorien und der Milieuzugehörigkeit zu forschen. Sollte sich die These des Zusammenhangs bestätigen, müsste sich so eine Typologie der milieuspezifischen Respektstheorien erarbeiten lassen.

6. Fazit

Ausgangspunkt dieser explorativen empirischen Kurzstudie war die These, dass die subjektive Respektstheorie ein Teil des milieuspezifischen Habitus ist und demnach von der Milieuzugehörigkeit geprägt wird. Für die Datenerhebung wurden drei Probanden an jeweils zwei Terminen befragt. Mithilfe eines zweiteiligen Fragebogens und der SLT wurden die (subjektiven) Milieuzugehörigkeiten erfasst und die Respektstheorien rekonstruiert und strukturiert. Die angewandte Methode, die im Wesentlichen auf den Vorschlägen von Scheele und Groeben (1988) fußt, hat sich dabei bewährt. Die Ergebnisse zeigen, dass die Milieuzugehörigkeit, die Wertvorstellungen und die Respektstheorien jeweils gut zueinander passen. Wie der Habitus entsteht auch die subjektive Respektstheorie durch sehr individuelle Erfahrungen, aber diese Erfahrungen ähneln sich innerhalb der Milieus eher als zwischen denselben. Die Bewertung der einzelnen subjektiven Theorien wurde hier nicht angestrebt. Auch die Frage, ob das Respektverhalten tatsächlich der jeweiligen Theorie entspricht, wurde hier nicht untersucht. Dazu wäre eine zusätzliche Beobachtung der Probanden im Alltag nötig gewesen. Der Autor ist zuversichtlich, dass sich seine These durch weitere Forschung bestätigen lässt. Sehr viel größer angelegte Studien könnten dann eine Typologie milieuspezifischer Respektstheorien herausarbeiten. Dazu wäre es notwendig, ein standardisiertes Erhebungsinstrument zu entwickeln, sowie Männer und Frauen verschiedener Altersgruppen zu befragen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 74 Seiten

Details

Titel
Explorative empirische Kurzstudie zum Zusammenhang von subjektiven Respektstheorien und Milieuzugehörigkeit
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Distinktion und Respektabilität. Statuskampf und Statusverteidigung in sozialen Milieus.
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
74
Katalognummer
V146748
ISBN (eBook)
9783640571970
Dateigröße
828 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Respekt, Milieu, Respektstheorie, Habitus, Sozialisation, Pierre Bourdieu, Richard Sennett, Sinus-Milieus, Rekonstruktion subjektiver Theorien, Ideologie, Weltdeutung, Robin Dillon, Struktur-Lege-Technik, SLT
Arbeit zitieren
Paul Thierbach (Autor), 2008, Explorative empirische Kurzstudie zum Zusammenhang von subjektiven Respektstheorien und Milieuzugehörigkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146748

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