Respekt: Jeder will ihn, Jeder braucht ihn, aber nicht Jeder bekommt ihn. Doch was genau ist Respekt? Welche Wirkung hat er auf Menschen? Nach welchen Regeln wird er verteilt und welche Funktion hat die Respektverteilung im sozialen Zusammenleben? Das sind Fragen, mit denen sich Philosophen, Psychologen, Pädagogen und Soziologen bereits intensiv auseinander gesetzt haben. Weniger gut erforscht ist die Herkunft des Respektverhaltens. Dabei handelt es sich um eine sehr interessante soziologische Fragestellung. In dieser Arbeit wird die These vertreten, dass das Respektverhalten und die dem zugrunde liegende subjektive Respektstheorie ein Teil des Habitus einer Person ist, der wiederum im sozialen Milieu wurzelt. Demnach müsste man empirisch verschiedene milieuspezifische Arten der Respektvorstellungen und Stile des Respektverhaltens herausarbeiten können. Das Ziel dieser Arbeit ist es, das Potenzial dieser These mit einer explorativen und daher qualitativen Kurzstudie auszuloten.
Zu Beginn werden erst einmal die soziologischen Konzepte der Sozialisation, des Habitus und des Milieus vorgestellt. Dabei liegt der Schwerpunkt auf den Vorstellungen Pierre Bourdieus und den so genannten Sinus-Milieus (Kap. 2). Danach wird geklärt, was Respekt eigentlich ist, wie er wirkt, nach welchen Regeln er verteilt wird und welche Funktion er im sozialen Zusammenleben der Menschen hat. Zudem werden die Begriffe „subjektive Respektstheorie“ und „Respektverhalten“ erläutert (Kap. 3). Im Anschluss daran, wird das Vorgehen bei der empirischen Kurzstudie vorgestellt. Dabei wird der Leser mit den Vorschlägen von Scheele und Groebe zur Rekonstruktion subjektiver Theorien und dem halbstandardisierten Fragebogen bekannt gemacht (Kap. 4). Darauf folgt die Präsentation und Interpretation der Ergebnisse der Kurzstudie (Kap. 5). Ein Fazit rundet die Arbeit ab (Kap. 6).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die soziologischen Konzepte der Sozialisation, des Habitus und des Milieus
3. Respekt, subjektive Respektstheorie und Respektverhalten
4. Vorgehensweise bei der Datenerhebung
5. Vorstellung der Ergebnisse der Kurzstudie
6. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Seminararbeit untersucht den Zusammenhang zwischen subjektiven Respektstheorien und der Milieuzugehörigkeit von Individuen. Ziel ist es, anhand einer explorativen qualitativen Kurzstudie zu prüfen, ob das Respektverhalten und die zugrunde liegenden Respektstheorien als Teil des milieuspezifischen Habitus betrachtet werden können.
- Soziologische Grundlagen zu Sozialisation, Habitus und Milieus (insb. Bourdieu und Sinus-Milieus)
- Theoretische Differenzierung von Respektsbegriffen (z.B. Appraisal vs. Recognition Respect)
- Methodik der Rekonstruktion subjektiver Theorien mittels halbstandardisierter Interviews
- Empirische Analyse und Vergleich von Respektstheorien bei drei Probanden unterschiedlicher Milieus
Auszug aus dem Buch
3. Respekt, subjektive Respektstheorie und Respektverhalten
Was ist Respekt? Das Wort stammt vom lateinischen respectus („Rücksicht, Zurückblicken“) ab (Kluge 2002, S. 760). Jemanden zu respektieren hieß also einmal, auf jemanden und seine Bedürfnisse, Gefühle und Wünsche Rücksicht zu nehmen. Heute wird das Wort Respekt aber auch in ganz anderen Zusammenhängen gebraucht. Die kanadische Philosophin Robin Dillon hat die verschiedenen Bedeutungen in einem Artikel zusammengetragen (Dillon 2007). Zuerst ist festzustellen, dass der Respekt von einem Subjekt ausgeht und sich auf ein Objekt bezieht. Respekt ist eine Einstellung bzw. Haltung mit kognitiven, affektiven, motivationalen und evaluierenden Dimensionen.
„Respect is, most generally a form of regard: a mode of attention to and perception and acknowledgement of an object as having a certain importance, worth, authority, status, or power.” (Dillon 2007, S. 202) Wir können gefährliche (obstacle respect) oder besonders wertvolle und zerbrechliche Dinge (care respect), Regeln und Gesetze (dirctive respect) und soziale Institutionen (institutional respect) respektieren. Hier interessiert aber vor allem der Respekt gegenüber Menschen. Diesen gibt es in einer von bestimmten Faktoren abhängigen (appraisal respect) und einer bedingungslosen Variante (recognition respect). Im alltäglichen Diskurs wird meist der bewertende Typ des Respekts gebraucht.
Bewertet, anerkannt und bewundert werden können Fähigkeiten, Leistungen und davon weitestgehend unabhängige Kriterien, wie Schönheit. Haben Personen in dieser Hinsicht wenig zu bieten, bekommen sie auch keinen appraisal respect. Dagegen ist der bedingungslose recognition respect eine moralische Haltung: das Objekt wird aus einer moralischen Perspektive betrachtet. Aus dieser Sichtweise heraus hat jeder Mensch einen nicht aufwiegbaren gleichen moralischen Wert: die Würde. Diese Perspektive ist ein Vermächtnis Immanuel Kants und der Aufklärung. In früheren Zeiten und in rassistischen, nationalistischen, sexistischen und einigen religiösen Ideologien ist auch dieser moralische Respekt hierarchisch verteilt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hinführung zum Thema und Formulierung der These, dass das Respektverhalten als milieuspezifischer Teil des Habitus angesehen werden kann.
2. Die soziologischen Konzepte der Sozialisation, des Habitus und des Milieus: Theoretische Herleitung der Konzepte nach Bourdieu und Erläuterung der Sinus-Milieus zur Klassifizierung von Lebenswelten.
3. Respekt, subjektive Respektstheorie und Respektverhalten: Philosophische und soziologische Definition von Respekt, insbesondere die Abgrenzung zwischen appraisal und recognition respect.
4. Vorgehensweise bei der Datenerhebung: Erläuterung der methodischen Vorgehensweise, basierend auf der Rekonstruktion subjektiver Theorien durch halbstandardisierte Interviews und Fragebögen.
5. Vorstellung der Ergebnisse der Kurzstudie: Einzeldarstellung und Vergleich der subjektiven Respektstheorien der drei Probanden unter Berücksichtigung ihrer Milieuzugehörigkeit.
6. Fazit: Zusammenfassung der Kernergebnisse und Ausblick auf den Forschungsbedarf zur Erstellung einer Typologie milieuspezifischer Respektstheorien.
Schlüsselwörter
Respekt, Habitus, soziales Milieu, Sozialisation, Appraisal Respect, Recognition Respect, Leistungsgesellschaft, subjektive Theorien, soziale Ungleichheit, Milieuzugehörigkeit, qualitative Sozialforschung, Werte, Selbstachtung, Sennett, Bourdieu.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Menschen unterschiedlicher sozialer Milieus Respekt definieren und in ihrem Alltag praktizieren, und ob dieser Respekt Ausdruck ihres Habitus ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind soziologische Milieutheorien, Konzepte der Sozialisation sowie verschiedene philosophische und psychologische Definitionen von Respekt.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, mit einer explorativen Kurzstudie das Potenzial der These auszuloten, dass subjektive Respektstheorien milieuspezifisch geprägt sind.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Studie nutzt die Rekonstruktion subjektiver Theorien nach Scheele und Groeben mittels halbstandardisierter Interviews und Fragebögen zur Werteerfassung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen, die methodische Vorgehensweise und die detaillierte Vorstellung der drei Probanden sowie deren individuelle Respektschemata.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Habitus, soziales Milieu, Appraisal Respect und Recognition Respect.
Was unterscheidet die drei Probanden wesentlich in ihrer Sicht auf Respekt?
Während Person A einen moralischen Ansatz verfolgt, betonen die Personen B und C stark die Leistungsdimension ("Respect is earned") und unterscheiden deutlicher zwischen Bekannten und Fremden.
Welche Rolle spielt die Leistung bei der Respektzuteilung?
Insbesondere bei den Probanden aus den materialistischen Milieus ist Respekt fast ausschließlich an erbrachte Leistungen, Erfolg und finanziellen Status geknüpft, statt an eine inhärente Menschenwürde.
- Arbeit zitieren
- Paul Thierbach (Autor:in), 2008, Explorative empirische Kurzstudie zum Zusammenhang von subjektiven Respektstheorien und Milieuzugehörigkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146748