„ ... quod praecipuum munus annalium reor, ne virtutes sileantur utque pravis dictis factisque ex posteritate
et infamia metus sit“ (Ann. III, 65,1).
Diese Worte aus den „Annalen“ des Tacitus sind mehr als nur die Einleitung zum Alterswerk des römischen
Historikers. Sie sind gleichzeitig das Leitmotiv, das Tacitus über sein Gesamtwerk stellt.
Dabei ist der Schriftsteller dem Gesetz der großen antiken Geschichtsschreibung folgend hinter seinem
Werk zurückgetreten. Dennoch ist sein Geschichtswerk aufs stärkste erfüllt von persönlicher Anteilnahme
und jeder Leser erkennt, mit welch verhaltener Leidenschaft Tacitus die Geschichte seines Volkes
erlebt hat.1
„Die Historiographie bedeutet für ihn nicht (...) eine Flucht in die Historie nach dem Scheitern in der
Politik (...), sondern Tacitus wird auf der Höhe seines politischen Lebens zum Geschichtsschreiber.“2
Tacitus wartete nicht ohne Grund bis ins reife Mannesalter hinein, bis er seine ersten Schriftwerke verfasste.
Während der Herrschaft des Domitian (81 bis 96 n. Chr.) war freie Meinungsäußerung nicht
möglich.3 Gleichzeitig liegt eventuell gerade in diesem „Domitian-Erlebnis“ der eigentliche Grund für
Tacitus, das Geschehene zu beschreiben, es festzuhalten, damit es der Nachwelt nicht verloren gehe und
der Gegenwart als Mahnung diene. Rudolf Till sieht im Erleben der domitianischen Herrschaft jedenfalls
den Auslöser dafür, dass sich Tacitus der Historiographie zuwendet.4
Richard Reitzenstein geht in der Bewertung der Auswirkungen von Domitians Herrschaft auf Tacitus
noch weiter:
„Er [Tacitus] kann den Blick nicht mehr auf die Gegenwart wenden, kann von dem Grauen der Vergangenheit
nicht mehr los, weil er die Angst empfindet, daß es wiederkehrt, wiederkehren muß! Denn
es liegt in dem Wesen dieses Staates begründet. Das glaubt er als Historiker erkannt zu haben.“5
Domitian nimmt also im Geschichtswerk Tacitus‘ eine zentrale Position ein. Tacitus, in seinem innersten
Herzen Anhänger der alten Republik6, will am Beispiel des Domitian die Dekadenz der gegenwärtigen
Kaiserzeit entblößen und ihr die hohen Werte der Vorfahren gegenüberstellen.
1 Vgl. Tacitus, Leben des Agricola, hg. v. R. Till, S. 2.
2 Tacitus, Leben des Agricola, hg. v. R. Till, S. 2.
3 Vgl. Tacitus, Gespräch über die Redner, hg. v. H. Volkmer, S. 121.
4 Vgl. Tacitus, Leben des Agricola, hg. v. R. Till, S. 3.
5 R. Reitzenstein, Aufsätze, S. 126.
6 Vgl. Tacitus, Historien, hg. v. Joseph Borst, S. 562.
Inhaltsverzeichnis
A: Einführung
B: Hauptteil
I. Grundlagen für Tacitus‘ Domitianbild
1. Das „Domitian-Erlebnis“
2. Grundlagen von Tacitus‘ Geschichtsverständnis
II. Die Darstellung Domitians in Tacitus‘ Frühwerk „Agricola“
1. Der Charakterentwurf Domitians
2. Zum Werk und seiner Wirkung
III. Die Darstellung Domitians in Tacitus‘ Spätwerken „Historien“ und „Annalen“
1. Die „Historien“
2. Die „Annalen“
C: Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit besteht in der kritischen Untersuchung des Domitianbildes, wie es der römische Historiker Tacitus in seinen Werken zeichnet. Dabei wird insbesondere der Frage nachgegangen, inwieweit Tacitus historische Ereignisse und die Persönlichkeit des Kaisers Domitian durch eine selektive und teils moralisierende Darstellung beeinflusst hat, um seine eigene Sicht auf den Verfall römischer Werte während des Prinzipats zu artikulieren.
- Analyse des sogenannten „Domitian-Erlebnisses“ als biographischer und politischer Ausgangspunkt für Tacitus' historiographische Arbeit.
- Untersuchung der antithetischen Charakterdarstellung zwischen Domitian und Agricola als Stilmittel im Frühwerk.
- Evaluierung der Darstellung Domitians in den Spätwerken „Historien“ und „Annalen“ unter Berücksichtigung der Wahrhaftigkeit.
- Diskussion über das Verhältnis von persönlicher Erfahrung des Historikers und seinem übergeordneten Geschichtsverständnis.
Auszug aus dem Buch
Die Darstellung Domitians in Tacitus‘ Frühwerk „Agricola“
Der „Agricola“ ist das erhaltene Werk Tacitus‘, in dem dem Leser die Darstellung des Domitian am unmittelbarsten gegenübertritt. Besonderes Charakteristikum der Darstellungsweise ist das Auftreten Domitians als negativer Gegenpart zur Person Agricolas (siehe hierzu Kap. II,2). Tacitus gibt sich zu Beginn des Buches ganz bescheiden, was die Ansprüche anbelangt, die er an das Werk stellt:
„Non tamen pigebit vel incondita ac rudi voce memoriam prioris servitutis ac testimonium praesentium bonorum composuisse.“ (Agr. 3,2)
Und doch legt er hier schon die grundlegende Spannung fest, die den „Agricola“ durchzieht: Der abgeworfenen Knechtschaft Domitians soll mahnende Erinnerung gezollt und gleichzeitig gegenwärtiges Glück gehuldigt werden. Dabei legt Tacitus wenig Wert auf historische Audendität, besonders was die Darstellung des Kaisers anbelangt:
„ ... sive verum istud, sive ex ingenio principis fictum ac compositum est.“ (Agr. 40,2)
Allein der Verweis auf den der Charakteristik vorausgesetzten schlechten Charakter Domitians dient Tacitus also als Rechtfertigung, das Wesen des Kaisers nach eigenem Gutdünken (negativ) zu entwerfen, wenn historische Quellen fehlen. So sind die Angaben zur Person Domitians stets sehr kritisch zu betrachten.
Zusammenfassung der Kapitel
A: Einführung: Diese Einleitung beleuchtet das Leitmotiv von Tacitus’ Schaffen und die fundamentale Bedeutung des „Domitian-Erlebnisses“ für seine Hinwendung zur Geschichtsschreibung.
B: Hauptteil: Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Grundlegung zum Geschichtsverständnis, eine Analyse der Darstellung Domitians im „Agricola“ sowie eine Untersuchung in den Spätwerken „Historien“ und „Annalen“.
I. Grundlagen für Tacitus‘ Domitianbild: Dieses Kapitel erörtert das „Domitian-Erlebnis“ als prägendes Element für Tacitus und führt in die moralische Komponente seines Geschichtsverständnisses ein.
1. Das „Domitian-Erlebnis“: Es wird analysiert, wie Tacitus die Alleinherrschaft Domitians als Ausgangspunkt für seine literarische Verarbeitung und seine Abrechnung mit dem Regime nutzt.
2. Grundlagen von Tacitus‘ Geschichtsverständnis: Hier wird der kausale Zusammenhang zwischen der moralischen Persönlichkeit eines Kaisers und den Sitten der römischen Gesellschaft beleuchtet.
II. Die Darstellung Domitians in Tacitus‘ Frühwerk „Agricola“: Im Zentrum steht die antithetische Kontrastierung von Domitian und Agricola als literarische Strategie.
1. Der Charakterentwurf Domitians: Dieses Kapitel zeigt, wie Tacitus durch die Nutzung von Gerüchten und Unterstellungen ein spezifisches, negatives Bild des Tyrannen konstruiert.
2. Zum Werk und seiner Wirkung: Es wird die Gattungsfrage des „Agricola“ sowie die Intention hinter der „Revision“ des flavischen Geschichtsbildes diskutiert.
III. Die Darstellung Domitians in Tacitus‘ Spätwerken „Historien“ und „Annalen“: Der Vergleich zeigt die Intensivierung und Schärfung der Kritik in den späteren Schriften des Autors.
1. Die „Historien“: Untersuchung der spezifischen Darstellungen Domitians, etwa während des Sturms auf das Capitol, in Hinblick auf die antike Heldenauffassung.
2. Die „Annalen“: Betrachtung der programmatischen Aussage „sine ira et studio“ und der tatsächlichen parteiischen Grundstimmung des Werkes.
C: Schlussbemerkungen: Zusammenfassende Reflexion darüber, warum Tacitus die positiven Aspekte der domitianischen Ära ausklammert und die Herausforderungen für die moderne historische Kritik.
Schlüsselwörter
Tacitus, Domitian, Prinzipat, Geschichtsschreibung, Agricola, Historiographie, Tyrannenbild, Flavische Dynastie, Moral, Virtus, Macht, Kontrastierung, historische Wahrheit, Römisches Reich, Staatsgesinnung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Bild des Kaisers Domitian, das der Historiker Tacitus in seinem Gesamtwerk entwirft, und hinterfragt dabei die historische Objektivität des Autors.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der politischen Psychologie des Kaisers, der literarischen Kontrastierung von Charakteren und der kritischen Analyse römischer Geschichtsschreibung nach der flavischen Zeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den Einfluss von Tacitus’ persönlicher Erfahrung während der Herrschaft Domitians auf die historiographische Qualität und die beabsichtigte moralische Belehrung seiner Leser aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Verfasser?
Der Autor nutzt eine textanalytische Methode, indem er primäre Textpassagen aus Tacitus’ Werken mit wissenschaftlichen Sekundärquellen und historischen Interpretationen in Beziehung setzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Grundlagen von Tacitus' Geschichtsverständnis und vergleicht die Darstellung Domitians im „Agricola“ mit dessen Rolle in den „Historien“ und „Annalen“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem das Domitian-Erlebnis, die antithetische Darstellung, der Prinzipat und die kritische Distanz zum flavischen Regime.
Wie unterscheidet sich die Darstellung in den „Historien“ vom „Agricola“?
Während im „Agricola“ die direkte antithetische Gegenüberstellung mit dem positiven Vorbild Agricola dominiert, greift Tacitus in den „Historien“ vermehrt auf Gerüchte und eine allgemeinere staatspolitische Verurteilung zurück.
Warum wird Tacitus’ Anspruch „sine ira et studio“ in der Arbeit hinterfragt?
Die Arbeit zeigt, dass zwischen dem programmatischen Anspruch einer vorurteilsfreien Geschichtsschreibung und der tatsächlichen, von Verbitterung geprägten Darstellung des Autors ein deutlicher Widerspruch besteht.
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- Michael Mößlein (Author), 2000, Das Domitianbild bei Tacitus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14675